Weihnachten in Amsterdam

Yvette van Boven

Warum dieses Buch?

Das hier ist eine Prämiere – meine erste Kochbuchrezension! Obwohl ich es mir bereits mehrfach vorgenommen habe, dann und wann auch mal ein Koch- oder Backbuch auf dem Blog vorzustellen, ist es bislang immer nur bei der bloßen Idee geblieben. Jetzt aber möchte ich endlich Taten folgen lassen und den Anfang macht ein absolut fantastisches Kochbuch, um das ich letztes Jahr seit Erscheinen herumgeschlichen war und das bald darauf als wundervolle Weihnachtsüberraschung im Briefkasten lag.

Was hat’s mit dem fantastischen Kochbuch auf sich?

Über hundert Rezepte mit Wohlfühlfaktor, atmosphärische Fotos aus dem winterlichen Amsterdam, perfekt aufeinander abgestimmte Menüvorschläge und ein paar Tipps für stressfreies Kochen – Weihnachten in Amsterdam stimmt wunderbar auf die Festtage ein und macht rundum Lust auf eine kleine, schamlose Weihnachtsvöllerei, nach der alle mit heimlich gelöstem Hosenknopf essensselig auf dem Sofa lümmeln und an ihrem Digestif nippen.

Das Kochbuch der niederländischen Köchin, Food Stylistin und Rezeptautorin Yvette van Boven verströmt weihnachtliche Behaglichkeit in Form reichhaltiger Köstlichkeiten und sorgt dafür, dass man sich vor lauter Inspiration am liebsten sofort an den Herd stellen und mit dem Kochen loslegen möchte. Und damit steht es für eine große Sehnsucht unserer Zeit: Selbermachen, entschleunigen, bewusst genießen. Das gilt jedoch nicht nur für die enthaltenen Rezepte, sondern das gesamte Buch, für das sich die Autorin von den Texten, über die Illustrationen bis hin zur Gestaltung selbst verantwortlich zeichnet. Auch die Fotos stammen aus dem van-Bov’schen Haushalt, nämlich von Ehemann und Fotograf Oof Verschuren.

Yvette van Boven
Yvette van Boven

Victors Flusskrebscocktail, Seite 121

Der charmanten, kreativen Aufmachung stehen in gewisser Weise die unkapriziösen Namen der Gerichte gegenüber, die, wie beispielsweise die „Briocheschnecken mit roten Früchten und Ricottaglasur“ alles verraten, was man dazu wissen muss. Und so verhält es sich in Weihnachten in Amsterdam mit allen Gerichten: sie sind zumeist simpel, immer bodenständig und doch mit einem Touch Extravaganz versehen. Die Hauptgerichte, wie der „Hirschschmortopf mit Blätterteighaube“ oder das „Perlhuhn mit Proseccosauce und grünen Trauben“ verlangen wenig überraschend etwas mehr Küchen-Knowhow als der Rest, anderswo geht es dafür jedoch (im besten Sinne) nachgerade profan zu, zum Beispiel mit dem „Windbeutelbäumchen mit weißer Schokolade“ – dann erfindet van Boven das Rad nicht neu und steht dazu:

Gut, eigentlich bin ich eine große Verfechterin des Selbermachens. Aber an Weihnachten ist alles erlaubt. Sie haben vielleicht sehr viel zu tun, daher gebe ich Ihnen zum ersten Mal in meinem Leben ein lächerlich einfaches Rezept für einen Fertig-Nachtisch, für das Sie dennoch „Ohs“ und „Ahs“ ernten werden.

Genau diese Zusammenstellung aus besonderen Gerichten, die ein wenig Engagement, aber keine Hexenkunst erfordern und solchen, die unkompliziert und ruckzuck zubereitet werden können, macht Weihnachten in Amsterdam für mich zu einem gelungenen Kochbuch. Aber auch sonst erfüllt es alle Ansprüche, die ich in aller Regel an Kochbücher stelle:

  • Trotz der schmuckvollen Aufmachung stehen die Rezepte im Vordergrund und nicht die Fotos.
  • Seltenst werden ungewöhnliche Zutaten benötigt, von denen man sich wundert, woher man sie so ohne weiteres beziehen soll, wie zum Beispiel junge Tannentriebe oder Eichenholzspäne. Ansonsten aber sind alle benötigten Zutaten ohne besonderen Bohei im gut sortierten Supermarkt, an der Frischetheke oder beim Metzger erhältlich.
  • Auch der Aufwand für die Zubereitung hält sich in vernünftigen Grenzen, wobei ein Fasanenbraten selbstredend zeitintensiver ist als eine Kartoffelcremesuppe und eine gewisse Versiertheit in der Küche voraussetzt. Da allerdings alle Rezepte schlüssig und verständlich erklärt sind, dürften auch wenig erfahrene Hobbyköch:innen ohne Schwierigkeiten mit ihnen zurechtkommen.
  • Die angegebenen Mengen sind realistisch eingeschätzt, so dass man sich nicht fragt, wie man davon ansatzweise satt werden soll. Es empfiehlt sich verständlicherweise, sich gegebenenfalls dennoch vorab zu überlegen, ob die Menge anzupassen ist, wenn beispielsweise aus einem Beilagengericht eine Hauptmahlzeit werden soll.
  • Auch die Würzigkeit der einzelnen Gerichte ist gut bemessen, nur gelegentlich waren kleinere Abänderungen notwendig.
Yvette van Boven
Yvette van Boven

Pastinaken-Apfel-Suppe mit Curry, Sellerieöl und Rauchmandeln, Seite 94

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass alle Gerichte im Buch deftiger und geschmacksintensiver Natur sind. Wer eine leichte, feinaromatische Küche bevorzugt, wird an den Rezepten in Weihnachten in Amsterdam sicherlich weniger Freude haben. Und: Auf traditionelle niederländische Festtagsküche darf man hier nicht hoffen. Die Gerichte haben ungeachtet diverser Nuancen aus aller Welt einen unzweifelhaft angelsächsischen Einschlag, dahingehend ist der (deutsche) Titel unseligerweise etwas irreführend, in meinen Augen jedoch kein Wermutstropfen.

Probe aufs Exempel

Folgende Rezepte habe ich bereits ausprobiert und wirklich alle für gut befunden:

  • Kürbiscremesuppe mit Sternanis und Flusskrebsschwänzen, Seite 92 – Der bisher unangefochtene Favorit aus diesem Kochbuch, kam schon mehrfach auf den Tisch
  • Pastinaken-Apfel-Suppe mit Curry, Sellerieöl und Rauchmandeln, Seite 93
  • Mini-Brie aus dem Ofen mit Whisky, Rosinen und Vanille, Seite 117
  • Victors Flusskrebscocktail, Seite 121
  • Rosenkohl à la Carbonara, Seite 191
  • Kohlrabigratin mit Kümmel und Feta, Seite 199
  • Eton Mess mit Minzzucker, Seite 227
  • Eingelegte Rote Bete, Seite 259
  • Cranberrykompott, Seite 266

Was gibt’s sonst noch zu sagen?

Yvette van Boven
Cranberrykompott, Seite 266

In nicht wenigen Rezensionen wird kritisiert, dass man zu viele ungewöhnliche Zutaten bräuchte und die Rezepte mehrheitlich aufwendig wären. Das empfindet natürlich ein jeder anders, ich persönlich möchte dem jedoch an dieser Stelle explizit widersprechen. Wie oben bereits erwähnt, sind beinahe alle Zutaten in gut sortierten Supermärkten zu bekommen, gegebenenfalls wir der Gang zum Metzger oder in den Wald nötig und wenn es ganz „beschwerlich“ wird, muss man rechtzeitig daran denken, eine Bestellung aufzugeben. Für mich ist das nun wirklich kein valider Kritikpunkt.

Außerdem beklagen sich einige Kritiker:innen, dass die Auswahl der Gerichte einerseits nicht ausgefallen genug sei, andererseits aber die vorliegenden Rezepte zu aufwendig. Ich wage mal zu behaupten, dass jemand, der bereits an den Briocheschnecken scheitert, vielleicht nicht nach originelleren Koch- und Backideen fragen sollte…

Lohnt es sich?

Weihnachten in Amsterdam von Yvette van Boven ist optisch wie inhaltlich ein rundum gelungenes Festtagskochbuch, das von der ersten bis zur letzten Seite voller Seelenfutter steckt. Es ist ein Buch, das große Lust auf gemütliche, köstliche Tage zu Hause macht und genau das Richtige für alle Liebhaber:innen aromatischer, reichhaltiger Küche mit gleichermaßen Pfiff wie Bodenhaftung.

Yvette van Boven: Weihnachten in Amsterdam. Aus dem Niederländischen von Linda Marie Schulhof. Dumont (2019).


Und ein bisschen Winterlichkeit:

Letterbericht