Das Seelenhaus

Das Seelenhaus

Warum dieses Buch?

Im großen Bücherorbit kann man selbstredend unmöglich alles wahrnehmen, was veröffentlicht wird und selbst Romane, die viel Aufsehen erregen, geraten schnell zur Randnotiz. So erging es mir auch mit Das Seelenhaus, einem gefeierten Debüt aus dem Jahr 2015 (Original 2013). Wahrscheinlich hätte ich den Roman auch weiterhin nicht wirklich zur Kenntnis genommen, wenn ich ihn nicht von einer begeisterten Freundin direkt unter die Nase gehalten bekommen hätte.

Worum geht’s?

Das Seelenhaus der australischen Autorin Hannah Kent beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte der Magd Agnes Magnúsdóttir, die des doppelten Mordes beschuldigt, im Winter 1830 hingerichtet wurde. Ihres war das letzte vollstreckte Todesurteil auf Island und ihre Lebensgeschichte inspiriert bis heute immer wieder zu Romanen und Filmen. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre Schuld nie bewiesen werden konnte.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Im Frühjahr 1829 wird die Magd Agnes Magnúsdóttir zusammen mit einer weiteren Hausangestellten und einem Nachbarn zum Tode durch das Beil verurteilt. Gemeinsam sollen sie aus Habgier und Eifersucht Agnes’ Dienstherren sowie einen Gast im Schlaf erdolcht und anschließend das Haus angezündet haben, um die Tat zu vertuschen. Bis zur Vollstreckung wird Agnes bei einer Bauernfamilie untergebracht, da es in dem Teil Islands, in dem sie lebt, keine Gefängnisse gibt.

Sie haben mich auf den Sattel gebunden wie eine Leiche auf dem Weg zum Bestattungsort. In ihren Augen bin ich bereits tot, das Grab mein Schicksal. Man hat mir die Arme vor meinem Körper gefesselt. Während wir diese grauenhafte Parade reiten, scheuern die Handschellen an meiner Haut, bis sie wund und blutig ist. Ich schaue dabei zu.

Mit der zwangsweisen Einquartierung der vermeintlichen Doppelmörderin bei den entsetzten Torfbauern setzt Hannah Kents Erzählung ein, die vom zähen Fließen der Zeit bis zur Hinrichtung berichtet, die für alle Beteiligten doch nichts anderes ist, als ein schreckensstarres Warten auf den Henker.

Über die gesamte Zeit hinweg hat Agnes Anrecht auf priesterlichen Beistand, der von Jungpfarrer Tóti geleistet werden soll. Doch statt der Mörderin erbauliche Vorträge zu halten, um sie auf den Pfad Gottes zurückzuführen, bevor sie sterben muss, geht er, einer peinigenden Überforderung mit der Situation geschuldet, bald dazu über, Agnes erzählen zu lassen und selbst zuzuhören. Langsam setzt sich so das Bild eines Lebens zusammen, in dem es niemals Aussicht darauf gab, der Ausbeutung und Armut zu entkommen – als uneheliches Kind geboren und sehr jung von der Mutter bei einem Bauernpaar abgegeben, hatte Agnes immer nur bescheidenste Möglichkeiten voranzukommen. Erst als sie Natan begegnet, dem Mann, den sie später ermordet haben soll, schimmert Hoffnung auf etwas Besseres auf.

Wie kann ich den Moment unserer ersten Begegnung als das schildern, was es war: als die Hand, die die meine hielt, noch eine beliebige Hand war. Mir ist es unmöglich, an Natan als den Fremden zu denken, der er einmal war. Ich weiß noch, wie er aussah, wie das Wetter war und wie das Licht auf seinem stoppeligen Gesicht spielte, aber dieser unschuldige Moment lässt sich nicht mehr einfangen. Ich weiß nicht mehr, wie es war, Natan nicht zu kennen.

Aufgrund der beengten Wohnverhältnisse, erfahren neben dem Pfarrer zwangsläufig nach und nach auch alle übrigen Bewohner des Hofs von Agnes bedauerlichem Leben und welche Ereignisse zu der vermeintlichen Mordnacht geführt haben. Wider Willen wandelt sich die Ablehnung gegenüber der Verurteilten zusehends in Mitleid, denn die Umstehenden müssen erkennen, dass die Frage der Schuld eine vielschichtige ist.

Margrét legte ihren Kopf neben den ihres Mannes auf das Kissen zurück und lauschte. Ja, die Verbrecherin weinte; ein leises, angespanntes Wimmern, das Margrét die Kehle zuschnürte. Sollte sie zu ihr gehen? Vielleicht war es eine Finte. Margrét wünschte, sie könnte in der Finsternis mehr erkennen. Das Weinen verstummte, begann dann aber erneut. Es klang wie das eines Kindes.

Hannah Kent vollbringt dabei das kleine Meisterstück, die Protagonistin weder als Opfer noch als Heldin, sondern einfach nur als Menschen darzustellen – ein Mensch indes, dessen Glück stets vom Wohlwollen anderer abhing. Eine Tatsache, die auch Agnes bewusst ist und die sich gerade deswegen stets im Hintergrund hielt und nicht aufzufallen versuchte. Dieser Versuch, möglichst unsichtbar zu sein, zeigt sich auch in den Gesprächen mit Tóti, in denen sie bloß mit gesenkter Stimme spricht. Allmählich aber richtet Agnes ihren Lebensbericht auch an die anderen Anwesenden, in dem wachsenden Bewusstsein, zum ersten und vor allem letzten Mal die Gelegenheit geboten zu bekommen, die Geschehnisse aus ihrer Sicht zu schildern, war sie doch vor Gericht nie angehört worden.

Dass es sich dabei nicht um Fiktion, sondern einen bitteren Fakt handelt, geht aus den noch existierenden Gerichtsprotokollen hervor, die Kent zur Grundlage ihres Romans machte. Daneben fanden zahlreiche weitere Dokumente – und zwar im Originalwortlaut – Eingang in Das Seelenhaus, wodurch der Roman eine immense historische Energie gewinnt.

Die Geschichte der Agnes Magnúsdóttir könnte allzu leicht dazu verleiten, sich eines pathosbeladenen Erzählstils zu bedienen, insbesondere wenn sie, wie hier, aus Sicht der möglicherweise zu Unrecht Beschuldigten erzählt wird. Angenehmerweise umschifft Hannah Kent diese Klippe und bleibt gleichwohl aufrichtig empathisch. Dem Buch ist von der ersten Seite an die Sympathie anzumerken, die die Autorin der Protagonistin und historischen Figur entgegenbringt, ohne sich darüber jedoch eindeutig auf ihre Seite zu schlagen. Ein Restzweifel an Agnes bleibt, und genau das macht den Roman so ungeheuer gelungen.

Was gibt’s sonst noch zu sagen?

Das Interesse an Agnes Magnúsdóttir ist bis heute ungebrochen, schon mehrfach wurde sie Gegenstand von Romanen und Filmen. Besonders faszinierend ist aber, dass nicht zuletzt Das Seelenhaus dazu beigetragen hat, dass das bald zweihundert Jahre alte Todesurteil vor einigen Jahren erneut zur Verhandlung gebracht wurde: Ein isländischer Juristenverein nahm sich des Falls noch einmal unter heutiger Rechtsprechung an.

Im Übrigen existiert eine Doku über Hannah Kent und die Entstehungsgeschichte des Romans, die der australische Sender ABC in seiner Sendung Australian Story ausstrahlte. Der Beitrag No More Than a Ghost ist in der Mediathek leider nicht mehr abrufbar, allerdings bei YouTube zu finden, wenn auch in leidlicher Qualität – sehenswert ist er dennoch.

Lohnt es sich?

Wirklich froh, diesen hervorragend erzählten Roman selbst empfohlen bekommen zu haben, gebe ich die Empfehlung hiermit nachdrücklich weiter. Und: Das Seelenhaus ist nebenbei bemerkt eines jener Bücher, das vollkommen unabhängig vom Lesegeschmack so ziemlich jedem und jeder gefallen dürfte und gibt damit auch ein prima Geschenk ab – vielleicht ja zu Weihnachten?

Hannah Kent: Das Seelenhaus. Aus dem australischen Englisch von Leonie Reppert-Bismarck und Thomas Rütten. Droemer (2015).


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