In dulci Buchilo

Buch

Vergangenes Jahr habe ich mehrere Buchhändler:innen gebeten, ihre ganz persönliche Buchempfehlung für Weihnachten mit uns zu teilen. Diesmal habe ich bei fünf meiner Buchpreisbloggerkolleg:innen nachgefragt: Welches Buch sollte dieses Jahr unbedingt unter dem Weihnachtsbaum liegen?

Ein europäisches Dritte-Welt-Szenario

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne. Klett-Cotta (2018). 592 Seiten, 25,00 EUR.

Dieser Buchtipp kommt von:

Uwe Kalkowski arbeitet seit einem Vierteljahrhundert in der Buchbranche und bloggt als Kaffeehaussitzer über Bücher, Literatur und Leseerlebnisse. Der Name des Blogs kommt nicht von ungefähr: Mit einem Buch und einer Schale Milchkaffee in einem Café zu sitzen kommt seiner Vorstellung vom Paradies schon sehr nahe.

Im Roman Der Platz an der Sonne von Christian Torkler geht es um Flucht und Migration, aber auf eine vollkommen andere Weise als gewohnt. Die erste Hälfte des Romans führt uns in ein Berlin, das in einem anderen Land liegt, nachdem die Weltgeschichte anders verlaufen ist. 1948 entzündete sich ein weiterer Krieg in Europa; ein Schlagabtausch zwischen den USA und der Sowjetunion gab Mitteleuropa den Rest. Deutschland zerfiel in sechs totalitäre Staaten. Wie nebenbei erfahren wir, was geschehen ist; manchmal sind es nur eingestreute Details, manchmal ist es ein halber Satz. Und vor unseren Augen entsteht ein europäisches Dritte-Welt-Szenario.

Josua Brenner möchte sich irgendwie durchschlagen, ohne in die Kriminalität abzurutschen wie so viele andere. Doch stets prallt er an unsichtbare Mauern aus Korruption, Willkür, Mangelwirtschaft und Perspektivlosigkeit. Und die Gerüchte vom guten Leben in den afrikanischen Staaten, vom Wohlstand dort und der Arbeit für alle beginnen sich immer stärker in seinem Gedächtnis festzusetzen. Immer öfter denkt er an Geschichten von Bekannten, die es dorthin geschafft haben. Es ist ein langer und gefährlicher Weg, doch irgendwann kann Josua Brenner einfach nicht mehr. Er verlangt nicht viel vom Leben, aber auch das wenige wird er in seiner Heimat nicht bekommen. So begibt er sich auf eine Reise in die Ungewissheit, getrieben von Verzweiflung und einer vagen Hoffnung.

Obwohl die Idee des Buches – uns durch die Umkehrung der Welt einen Spiegel vorzuhalten – schnell durchschaubar ist, beeindruckt diese Technik sehr. Es ist eine lehrreiche Erfahrung, wenn diejenigen, die wir als illegale Einwanderer bezeichnen, die Menschen, die vor Armut fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, plötzlich keine Fremden aus fernen Ländern sind. Sondern wir Europäer, wir Deutsche.

Christian Torkler ist ein ganz besonderes Werk gelungen, schlüssig durchdacht, und glaubwürdig umgesetzt; ein Roman, der den eigenen Blick verändert und lange im Gedächtnis bleibt.

Ein Rundtrip um die Nordsee

Tom Blass: Die Nordsee. Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher. Mare (2019). 352 Seiten, 28,00 EUR.

Dieser Buchtipp kommt von:

Dr. Jasmin Humburg ist Amerikanistin, Literaturvermittlerin und Übersetzerin. Außerdem arbeitet sie in der Buchhandlung Lueders in Hamburg und ist auf Instagram unter @leaf.and.literature zu finden.

Jasmins Empfehlung schließe ich mich unbedingt an. Das Buch ist fantastisch! Hier geht’s bei Interesse zu meiner Rezension.

In seinem Buch über die Nordsee springt der Brite Tom Blass von Ort zu Ort – Themsemündung, Ostende, Helgoland, Skagen – und reiht verschiedene Portraits aneinander, in denen er die Landschaften so beschreibt, wie er sie auf seinen Reisen erlebt hat. Mal weht ein beißender Wind über bleigraue Wellen, mal empfängt ihn das Rauschen von Seegras zwischen samtweichen Dünen. Doch Die Nordsee ist kein romantischer Reisebericht. Blass geht vielmehr mit kritischem Blick auf die Suche nach dem wahren Gesicht eines jeden Küstenabschnitts. Zu diesem Zweck steigt er immer wieder tief in die Geschichte, die Kultur, die regionalen Eigenarten und auch in geopolitische und wirtschaftliche Entwicklungen ein.

Um Material für sein „Schreibabenteuer“ zu sammeln, war der Autor auf Fähren und Fischerbooten unterwegs, hat die belgische Küste mit der Bahn bereist, ist an der nördlichsten Spitze Dänemarks spazieren gegangen und hat die Superreichen auf Sylt aus sicherer Entfernung beobachtet. Was die einzelnen Portraits zu etwas Besonderem macht, sind die Menschen, die er trifft und die ihm Einblicke in das Leben an, auf und mit der Nordsee geben. Er isst mit dänischen Fischern zu Mittag, lässt sich alte Geschichten von Seenotrettern auf der englischen Gezeiteninsel Spur Point erzählen und sinniert mit dem Lehrer der winzigen Schule auf Hallig Hooge über Theodor Storm.

So entsteht ein einzigartiger Streifzug durch ein Stückchen dieser Welt, das von Wind und Wasser abhängig ist. Ein Meer, das Künstler inspiriert, Schiffe versenkt, Häuser weggespült und archäologische Funde zu Tage gebracht hat. Eine Region, die komplexe Geschichten schreibt und in vielerlei Hinsicht in eine unsichere Zukunft blickt. Die Nordsee ist ein unterhaltsames und lehrreiches Buch mit zwischenmenschlichen Anekdoten, alten Mythen und bildhafter Sprache. Ein tolles Geschenk für alle mit Meerweh!

Eine Reise in die Arktis

Michael Palin: Erebus. Aus dem britischen Englisch von Rudolf Mast. mare (2019). 400 Seiten, 28,00 EUR.

Dieser Buchtipp kommt von:

Britta Fietzke ist seit zwei Jahren freiberufliche Lektorin und Übersetzerin von Sach- und Fachbüchern in Frankfurt am Main. Auf Instagram findet man sie unter brittasbookstagram.

Und vielleicht werde ich ja, so Gott will, eines Tages erneut in die Nordwestpassage reisen, dann aber mit einem Taucheranzug im Gepäck, und das Schiff, an dessen Spuren ich mich geheftet habe, mit eigenen Augen sehen.

Einen offenen Seeweg durch wildes Land erkunden,
von Ozean zu Ozean die Welt umrunden.

Seit Jahren schon bin ich großer Fan von Monty Python (so sehr, dass ich mir die Abschiedstour in London anschauen musste) und auch vom Mare-Verlag, zu groß ist doch meine Sehnsucht nach dem Meer. Man kann sich also vielleicht ausmalen, wie es mich letztes Jahr freute, als ich las, dass Michael Palins neuestes Buch Erebus bei eben jenem Verlag erscheinen würde.

Der Untertitel „Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See“ fasst es bereits passend zusammen: Wir folgen Michael Palin auf seiner Entdeckungsreise im Windschatten der Erebus. Ein Schiff, das 1848 in der Arktis während ihrer Expedition verschwand – um dann vor sechs Jahren am Meeresboden wiederentdeckt zu werden. Palin bringt uns die Crew nahe, erklärt das Schiff und die Bauweise (so schön untrocken zudem!), zeichnet die Strecken nach, zeigt uns die Entdeckungen der Flora und Fauna auf dem Weg zur Arktis, lässt die Spannungen mit den anderen konkurrierenden Crews erkennen, weil alle mit ihrem Schiff die Ersten sein wollen und es ein Wettlauf mit der Zeit ist ‒ hält aber auch nicht hinter’m (Eis-)Berg, wie beschwerlich diese Reise nun einmal war.

Und was dieses Buch nicht zuletzt besonders gut macht, ist die Übersetzung Rudolf Masts. Hier war es eine Freude, das Buch nicht im Original zu lesen, weil man eben nicht merkt, dass es eine Übersetzung ist – und das ist mir in letzter Zeit leider allzu selten begegnet. Das tat gut. Somit wirklich auf allen Ebenen eine Verschenk- und Selbst-lesen-Empfehlung für Leser*innen spannender Bücher und Sachbücher. Vor allem eingemümmelt in eine Decke mit einer Tasse Tee ist es das perfekte Buch, um zu frösteln, ohne zu frösteln.

Eine Hommage an die Natur

Peter und Beverly Pickford: Wildes Land. Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt. Prestel (2018). 336 Seiten, 59,00 EUR.

Dieser Buchtipp kommt von:

Frank Zabel ist Lübecker, Vieldenker, Art Direktor und hat mal was mit Medien 
gemacht. Seit 3 Jahren bloggt er auf Books and Notes über Bücher.

Gerade in der letzten Zeit wird einem mehr und mehr bewusst, wie zerbrechlich dieses hochkomplexe und artenreiche Gefüge der Welt eigentlich ist. Und auch, wenn wir nun allmählich anfangen für das Klima und die Erhaltung unseres Planeten und den Lebensraum von Milliarden Lebewesen und Pflanzen zu kämpfen, so verlieren wir seinen aktuellen Ist-Zustand und die Schönheit der Natur doch häufig aus den Augen.

Die Naturfotografen und Umweltschützer Peter und Beverly Pickford haben sich vor einiger Zeit einen großen Traum erfüllt. Sie verkauften ihre Farm in Afrika und bereisten vier Jahre lang die sieben Kontinente, um die letzten unberührten Orte der Erde aufzuspüren und bildlich festzuhalten.
Daraus entstanden ist ein gewaltiges, wunderschönes und für mich auch sehr einzigartiges Buch. Ihr Bildband Wildes Land vereint unglaublich beeindruckende Naturfotografien, persönliche Eindrücke und Begegnungen miteinander. Natürliche Landschaftsformationen reihen sich hier an tierische Begegnungen und Wetterphänomene, kulturelle Einblicke an Gedanken und Informationen aus allen Teilen der Welt. Eine Sammlung großflächiger, gestochen scharfer Bilder, die die letzten Stückchen Erde ohne menschliche Einwirkungen dokumentieren und bewahren. Daneben befinden sich auf etwas kleineren Trennerseiten sehr persönliche und informative Zeilen. Es ist quasi Peters und Beverlys eigene Geschichte hinter den Bildern, ihre Gedanken und Eindrücke, ihre Faszination und Leidenschaft. Und genau das macht dieses Buch und ihre Reise so wunderschön.

Mit 59 Euro ist dieses Buch wahrlich kein Pappenstiel, aber es ist ein Buch, das man nicht einfach so im Regal verstauben lässt. Man greift immer wieder dazu, blättert hindurch, entdeckt fasziniert die Welt und das jedes Mal aufs Neue. Peter und Beverly Pickfords Fotografien entfachen den Entdeckergeist und machen einem wieder und wieder bewusst auf welchem Schatz wir eigentlich leben und eben auch wie traurig es wäre, wenn das alles nach und nach verloren ginge.

Ein Plädoyer zur Selbstbestimmtheit

Mely Kiyak: Frausein. Hanser (2020). 128 Seiten, 18,00 EUR.

Dieser Buchtipp kommt von:

Yasemin Altınay lebt und liest in Berlin, hat Angewandte Literaturwissenschaft studiert, ist Verlagskauffrau und Herausgeberin des anti-rassistischen Magazins Literarische Diverse. Im selbstgegründeten Verlag fördert sie Gleichberechtigung in Literatur und steht für die Tradition der Selbstermächtigung ein.

Eines meiner Highlights dieses Jahr war unter anderem Mely Kiyak mit Frausein. Es ist ein Buch, das nachhaltig im Kopf verweilt und dessen Sätze man gerne im Notizbuch verewigt. Mely Kiyak hat eine Leidenschaft: das Schreiben. Und zwar nicht neben eines anderen Jobs, einer Ehe oder eigenen Kindern, nein! Sie möchte nichts Anderes. Frausein ist eine persönliche Erzählung über das Erwachsenwerden, das Entdecken des eigenen Seins, über Familie, Träume und Wünsche, welche erstmal nicht die Eigenen sind, sondern die der Eltern und Gesellschaft. Um sich dieser Erwartungshaltung zu stellen und sie zu brechen, entfernt sie sich von ihren Eltern und fängt in einer anderen Stadt ein Studium zum Kreativen Schreiben an. Sie entscheidet sich für ein Leben, in dem Schreiben und Lesen an erster Stelle kommen, denn erst so kommt sie zu Erkenntnissen, frei von den Gedanken anderer. Ihr Schreiben selbst ist klar und strukturiert, sie wählt ihre Worte ganz bewusst und schreibt keines zu viel, was an einigen Stellen natürlich schade ist – am liebsten würde man nämlich viel mehr lesen. Mely Kiyak beschäftigt sich innerhalb des Buches also mit sich selbst und der Beziehung zur Sprache: es gibt ein Tochter-Ich, ein Freundinnen-Ich, ein Liebes-Ich, ein Erzähler-Ich. Ihre klugen, zarten Worte und anschaulichen Bilder hallen lange nach und es wird ganz bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass man das Buch liest. Absolute Leseempfehlung!

Wo die politischen Verhältnisse instabil sind, lieben sich die Menschen anders. Sie flüchten sich in Leidenschaft, suchen Schutz und Wärme in der Umarmung eines anderen.

Ich hoffe dieser bunte Mix an Empfehlungen hat eure Merkliste um einige Buchtitel wachsen lassen. Und falls das Richtige doch noch nicht dabei gewesen sein sollte, dann durchstöbert doch mal meinen Blog oder klickt unten auf die weihnachtlichen Buchtipps aus dem Vorjahr.

Eines noch: Egal, ob ihr andere beschenkt oder euch selbst, bitte kauft eure Bücher nicht beim großen A, sondern in Buchhandlungen vor Ort. Auch diese bieten übrigens häufig einen Lieferservice an.


Zum Weiterlesen:

Alle Buchpreisblogger:innen 2020 und ihre Patenbücher

Die weihnachtlichen Buchtipps aus dem Vorjahr