Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen 2020

Gewalt

Seit nunmehr 20 Jahren begehen die Vereinten Nationen am 25. November den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (auch Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen). Laut UNICEF stellt Gewalt gegen Frauen die häufigste Menschenrechtsverletzung weltweit dar. Die Weltgesundheitsorganisation benennt Gewalt als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Es ist diesem Aktionstag, vor allem jedoch jüngeren Social-Media-Bewegungen wie #MeToo zu verdanken, dass die Sensibilisierung für dieses drängende Thema steigt.

Während ich vergangenes Jahr anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen sowohl Sachbücher als auch Romane aus allen Teilen der Welt zu dem Thema vorgestellt habe, habe ich mich dazu entschieden, dieses Jahr den Fokus auf Sachbücher deutschsprachiger Autorinnen zu legen – weil Gewalt gegen Frauen nicht irgendwo anders ein gesellschaftliches Problem ist, wie oft angenommen wird, sondern ebenso hier bei uns in Deutschland.

GEWALT GEGEN FRAUEN IN DEUTSCHLAND

Drei Viertel aller Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen und Mädchen


Jede 3. Frau ist von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen


24 % aller Frauen werden Opfer von Stalking


2 von 3 Frauen erleben sexuelle Belästigung


25 % aller Frauen erleben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft


Jeden 3. Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres (Ex-)Partners


Nur 20 % der Frauen, die Gewalt erfahren, suchen sich Hilfe

(Quellen: Hilfetelefon, BKA)

Triggerwarnung│Eigentlich ist es offensichtlich, ich fühle mich aber wohler damit, noch einmal explizit darauf hinzuweisen: Wer sich dazu entschließen sollte, eines (oder alle) der nachfolgenden Sachbücher zu lesen, muss sich bitte darüber im Klaren sein, dass sie (teilweise reale) Fälle von Gewalt gegen Frauen behandeln.

AktenEinsicht

Christina Clemm hat sich als Rechtsanwältin unter anderem der Unterstützung von Frauen verschrieben, die Opfer von Gewalt wurden. In ihrem Buch AktenEinsicht erzählt sie von mehreren realitätsbasierten (nicht realen) Fällen von Vergewaltigung, häuslicher Gewalt, Femizid, Polizeigewalt… Wie die Autorin in ihrem Vorwort selbst erläutert, geht es ihr jedoch weniger um die konkreten Fälle als um die wiederkehrenden strukturellen Probleme in der Gesellschaft, die zu den beschriebenen Verbrechen geführt haben, sowie darum, die juristischen Schwierigkeiten ihrer Aufarbeitung aufzuzeigen.

Die Schilderungen der Einzelfälle sind daher mit erklärenden Einschüben versehen, in denen Clemm juristische Aspekte beleuchtet: Wie Verteidiger:innen vorgehen, welche gerichtliche Instanz zuständig ist, was die Prozessordnung vorsieht, welches Prozedere bei einem Verfahren üblich ist usw. Vor allem aber schildert sie, wie Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, vor Gericht oftmals gedemütigt werden und eine Teilschuld zugesprochen bekommen (Reviktimisierung). So gilt an deutschen Gerichten beispielsweise eine Vergewaltigung, die innerhalb einer Partnerschaft begangen wird, für gewöhnlich als weniger gravierend als eine durch einen Fremdtäter, während die Istanbul-Konvention hingegen fordert, diesen Umstand gerade als strafverschärfend zu bewerten. Auch die Tatsache, dass eine Frau zuvor einvernehmlichen Sex mit einem Mann hatte, wird bei einer späteren Vergewaltigung durch diesen in Deutschland durchaus als schuldmildernd berücksichtigt.

Oft erlebe ich, wie schlecht Betroffene in den Verfahren behandelt werden, wie wenig man ihre Situation, ihr Leid anerkennt, wie systematisch Gewalt gegen Frauen angewandt und wie sie in den Verfahren fortgesetzt wird.

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AktenEinsicht zeigt ungeschönt auf, wie mutmaßliche Täter durch die Unschuldsvermutung bestmöglich geschützt werden (was allgemein auch richtig ist), während jedoch keine äquivalente Opfervermutung existiert, die die Betroffenen unter Schutz stellen würde. Stattdessen werden Frauen wahlweise dazu gezwungen, ihr gesamtes Leben auf links zu drehen, um zu beweisen, dass sie Opfer einer Gewalttat wurden, oder man hört sie gar nicht erst an. AktenEinsicht macht fassungslos und wütend – deshalb erfolgt hiermit die dringende Aufforderung, es zu lesen!

Christina Clemm: AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. Verlag Antje Kunstmann (2020).
300 Seiten, 20,00 EUR.
Tipp│Bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist AktenEinsicht für 4,50 EUR als Lizenzausgabe im Taschenbuchformat erhältlich.


Weiterlesen│„Der Staat tut zu wenig, um Frauen zu schützen“ – ein Interview des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ mit Christina Clemm

Weiterhören│„Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen“ – SWR2 im Gespräch mit Christina Clemm

Vergewaltigung

Die Kulturwissenschaftlerin und Referentin für Genderfragen Mithu Melanie Sanyal zeichnet in ihrer Kultur- und Begriffsgeschichte der Vergewaltigung nach, wie sich das Thema Vergewaltigung im Denken und Handeln unserer Gesellschaft spiegelt: anhand verschiedener Diskurse – von der Antike bis ins Heute – zeigt sie auf, wie Vergewaltigung verstanden wird und welche (oftmals widersprüchlichen) Überzeugungen daraus folgen. Überzeugungen, die zum Teil bereits Jahrhunderte alt sind und doch bis heute nachwirken.

Die Überzeugung von der Frigidität der Frau und der heißen Begierde des Mannes durchdrang noch bis ins 20. Jahrhundert alle Bereiche: allgemeine Rollenvorstellungen, Kommunikation, gelebte und imaginierte Sexualität, so dass eine Frau, die einen Mann nicht wollte, weil sie ihn halt nicht wollte, massiv körperlich gegen ihn ankämpfen musste, da er sonst davon ausgehen konnte, dass sie einfach nur eine „echte Frau“ war.

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Und weil es leicht ist, Veraltetes zu belächeln oder sich darüber zu empören, stellt Sanyal immer wieder auch aktuelle Ansichten infrage, zum Beispiel wie mit den Grauzonen umzugehen sei, in denen einvernehmlicher Sex endet und Vergewaltigung beginnt? Denn Vergewaltigung sei mittlerweile zwar als Verbrechen anerkannt und nicht als „Spielart von Sexualität“, von Sexualität aber eben nicht loszulösen. Oder sie prangert an, dass echter Konsens nicht gelingen kann, solange man Mädchen nur erklärt, dass sie ein Recht auf ein Nein haben, sie aber nicht gleichzeitig dazu auffordert herauszufinden, was ihre Bedürfnisse sind und wie sie diese ausdrücken.

Nachvollziehbar stellt Sanyal in ihrem Buch dar, dass Vergewaltigung stets das unmittelbare Resultat einer vorherrschenden Sexualkultur ist – und dass der Bereich der sexualisierten Gewalt derjenige ist, der uns am meisten über unser Geschlechterverständnis und unsere Sexualität offenbart. Die Gedankengänge der Autorin vollziehen sich dabei manchmal vielleicht ein wenig zu schnell oder zu sprunghaft, insgesamt kann man ihren Überlegungen und Ausführungen aber hervorragend folgen. Der differenzierte und schlüssige Blick auf ein hochkomplexes Thema macht Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens zu einem äußerst lesenswerten, weil erhellendem Buch.

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens. Edition Nautilus (2016).
240 Seiten, 16,00 EUR.


Weitersehen„Kultur(historische) Aspekte von Vergewaltigung, Männlichkeitsbilder und Strategien gegen sexualisierte Gewalt“ – die Heinrich-Böll-Stiftung im Gespräch mit Mithu Sanyal

Weiterhören „Das Zeigen der Vulva rettet die Welt“ – Deutschlandfunk Kultur im Gespräch mit Mithu Sanyal

Frauen*rechte und Frauen*hass

Das Autor:innenkolletiv Feministische Intervention wendet sich in seiner Publikation Frauen*rechte und Frauen*hass einem gesellschaftlichen Problem zu, das bislang kaum Beachtung findet, obwohl es hochbrisant ist: Antifeminismus als politische Gegenbewegung zum Feminismus durch die extreme Rechte. Dass Antifeminismus ein ebenso markantes Merkmal von Rechtsextremismus ist wie Rassismus, Antisemitismus oder Nationalismus, wird oft vernachlässigt. Je nach Nutzen für die eigene Ideologie, erfolgt dabei durch die Rechte wahlweise eine Demontage oder Umdeutung feministischer Errungenschaften und Anliegen.

Ein wichtiges Buch also – das ich nicht gelesen habe, zumindest nicht komplett. Nachdem mir die Einleitung bereits einen gewissen Schreck verpasst hatte (Überforderung durch Unkenntnis?), bemühte ich mich noch um das erste Kapitel, habe daraus auch einige Erkenntnisse mitgenommen, musste im Ganzen aber einsehen, dass dieses Buch und ich nicht zueinanderfinden.

Es ist sicherlich förderlich, den eigenen Unmut als Motor zu benutzen, um Missstände aufzuzeigen und Veränderungen herbeizuführen. Er sollte jedoch nicht buchstäblich den Ton angeben: Um ihr Anliegen vorzubringen, fahren die Autorinnen teilweise unschöne Verbalgeschütze (Fäkalsprache) auf. Auch sonst lässt die Wortwahl zusammenschrecken, „Kampffeld“ oder „Kampfbegriff“ tauchen häufig auf. Allein auf den ersten fünf Seiten des ersten Kapitels bedienen sich die Autorinnen 20 Mal aus dem Begrifffeld „Kampf“. Bei einem solchen Thema keinen Kuschelkurs zu fahren ist schon berechtigt, aber diese Töne sind zu martialisch gewählt. Möglicherweise soll damit die Geisteshaltung der Rechten widergespiegelt werden, wenn dann aber von „queerfeministischen Kämpfen“, also der eigenen Seite, die Rede ist, fällt dieser Erklärungsversuch in sich zusammen. Auch sonst schwingt eine unterschwellige Aggression mit, die sich beim Lesen unangenehm überträgt.

Wäre es nur das, hätte ich sicherlich dennoch Zugang zu dem Buch finden können. Doch die sprachlichen Probleme gehen weiter. Zwar wird eingangs erläutert, nach welchem Prinzip mit Gendersternchen gearbeitet wird, und auch extra angeführt, dass es dabei zu Inkonsistenzen kommen kann, beim Lesen stolpert man jedoch leider so häufig, dass die Sätze ihren Sinn kaum noch auf Anhieb entfalten können. Um alles mehrfach zu lesen, fehlt die Geduld – und kann überdies nicht Zweck der Übung sein. Darüber hinaus erschließt sich nicht immer, weshalb die Zuschreibung Schwarz zwar groß, weiß hingegen nicht kursiv geschrieben wird.

Und es geht noch weiter. Aussagen wie „Und weiße Cis-Frauen sind oft Anhängerinnen eines rassistischen Antifeminismus oder eines Rassismus, der unter den Vorzeichen eines vermeintlichen Kampfes für ‚Frauenrechte‘ verschleiert wird“ sind dringend zu kritisieren, deutet das Wörtchen „oft“ doch an, dass es sich dabei um eine überproportionale Häufung handelt. Die Formulierung klingt, als wäre ein großer Teil weißer Cis-Frauen rassistisch motivierte Antifeministinnen – eine solche Annahme zu evozieren ist bedenklich, zumal in diesem speziellen Fall allgemein gesprochen wird, also nicht in Bezug auf die extreme Rechte!

Auf der Basis dessen, was ich davon gelesen habe, ist Frauen*rechte und Frauen*hass als äußerst heikles Buch einzustufen. Trotz der Brisanz des Themas, das unbedingt angesprochen gehört, halte ich mich aufgrund der Umsetzung mit einer Empfehlung an dieser Stelle zurück.

Autor*innenkollektiv Fe.in: Frauen*rechte und Frauen*hass: Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Verbrecher Verlag (2019). 220 Seiten, 15,00 EUR.


Weiterhören „Wie Frauen in rechten Ideologien zum Hassobjekt werden“ – ein Beitrag im Deutschlandfunk

Weiterhören Buchvorstellung Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt – Die Heinrich-Böll-Stiftung im Gespräch mit den Autor:innen

Prügel

Fünf Jahre hat die Journalistin Antje Joel gebraucht, um einen Verlag zu finden, der ihr Buch Prügel verlegt, in dem sie von der häuslichen Gewalt berichtet, die sie jahrelang durchlitten hat. Abgelehnt wurde es stets mit der Begründung, aufgrund des gesellschaftlichen Randthemas für die breite Leserschaft nicht relevant zu sein; man riet ihr, sich an einen „kleinen Frauenverlag“ zu wenden… Joel zeigt allein anhand dieser kurzen Anekdote auf, was das Phänomen der häuslichen Gewalt zusätzlich verstärkt: das systematische Wegsehen, das Kleinreden des Ausmaßes, das Abtun als Frauenproblem.

Deutschland ist, so lese ich, im internationalen Ländervergleich noch immer ein Hort der traditionellen Rollenverteilung. […] Wir haben seit ewigen Zeiten eine Kanzlerin, die das Volk „Mutti“ nennt. Wohl weil Mutterschaft noch immer eines der Hauptkriterien ist, an denen wir das Können und Nichtkönnen und folglich den Wert einer Frau bemessen.

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Zwar mögen ihre eigenen Erfahrungen den Grund bilden, auf dem Joels Buch steht, so nimmt die Autorin – genau wie Christina Clemm – jedoch vorrangig die gesamte Gesellschaft in den Blick und geht der Frage nach, wieso es überhaupt erst zu häuslicher Gewalt kommt. Welche Faktoren tragen dazu bei? Und damit ist nicht nur die Überlegung gemeint, was einen Täter zu einem Täter werden lässt, sondern auch und insbesondere, wieso er selten Konsequenzen zu fürchten hat: Schätzungsweise 80–90 Prozent aller Männer, die häuslicher Gewalt angeklagt werden, kommen straffrei davon. Anhand prominenter Beispiele wie Ike Turner oder Pablo Picasso veranschaulicht Joel, dass selbst offen gelebtes frauenverachtendes Verhalten keine Auswirkungen auf das Ansehen hat. Stattdessen werden die Betroffenen gefragt, was sie getan hätten, um den Mann zu provozieren, wieso sie nicht einfach gehen würden, weshalb sie sich auf diesen Partner überhaupt erst eingelassen hätten usw. Die Schuld der Partnerschaftsgewalt wird gemeinhin bei der Frau abgeladen.

Antje Joel erzählt in Prügel sehr gefasst und reflektiert von der erlebten Gewalt und wie diese durch die gesellschaftlichen Strukturen begünstigt wurde. Abgesehen von einigen Äußerungen unfairer, vorschneller Natur, ein wirklich eindrückliches, hervorragend geschriebenes Buch.

Antje Joel: Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt. Rowohlt Taschenbuch (2020). 336 Seiten, 12,00 EUR
Tipp │ Bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist Prügel für 4,50 EUR als Lizenzausgabe im Taschenbuchformat erhältlich.


Weiterhören „Tatort Ehe – Wie bekämpft man häusliche Gewalt?“ – SWR2 im Gespräch mit u. a. Antje Joel

Weitersehen „Ist häusliche Gewalt ein Tabuthema?“ – Antje Joel & Christina Clemm zu Gast in der ZDF-Sendung aspekte

Ein Denkanstoß für nächstes Jahr?

Gewalt gegen Frauen – aus der Sicht einer Rechtsanwältin, einer Kulturwissenschaftlerin, einer Betroffenen und einer Forscherinnengruppe zum Thema Antifeminismus. Vier (eigentlich drei) Bücher, die mich zu dem Schluss kommen lassen, dass Gewalt gegen Frauen summa summarum zu sehr von der Opferseite her gedacht wird. Selbstverständlich ist es wichtig, den Betroffenen alle erdenkliche Unterstützung zukommen zu lassen, doch was ist mit der Täterprävention? Immer bessere Hilfsangebote führen zwar dazu, dass das Dunkelfeld schrumpft, weil das Problem der Gewalt gegen Frauen an Aufmerksamkeit gewinnt, die Gewalttaten selbst nehmen indes jedoch nicht ab. Wieso Männer zu Tätern werden, wird freilich diskutiert und erkannt, das Wissen darum sich aber noch zu selten für Präventionsmaßnahmen zu Nutze gemacht. Ein Denkanstoß für den Aktionstag 2021?


Meine Beiträge zum Internationalen Tag Gegen Gewalt an Frauen 2019: