Malé

Malé

Warum dieses Buch?

Roman Ehrlichs Malé, im September bei S. Fischer erschienen, hatte mein Interesse bereits geweckt, noch bevor der Roman für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert wurde – mit der Nominierung stieg meine Neugier dann ins Unermessliche und ich wollte das Buch unbedingt zeitnah lesen. Jetzt, da ich’s getan habe, bin ich leider ziemlich enttäuscht…

Worum geht’s?

Malé, Hauptstadt der Malediven, in einer sehr nahen Zukunft: Der Klimawandel hat den Meeresspiegel so stark ansteigen lassen, dass die Atolle dieser Erde im Meer versinken, so auch das einstige Flitterwochenparadies. Einzig Malé selbst ragt gerade noch so hervor, dass die Stadt „bewohnbar“ bleibt. Doch mehr als ein Sammelbecken von Abenteurern, Einzelgängern und Aussteigern ist sie schon lange nicht mehr und auch die Machtverhältnisse innerhalb dieser abgesonderten Gesellschaft sind von eher zweifelhafter Art.

An diesen Ort hat sich die berühmte Schauspielerin Mona Bauch zurückgezogen, die jüngst unter ungeklärten Umstände zu Tode gekommen ist. Ihr vermeintlicher Geliebter, der Lyriker Judy Frank, ist seither spurlos verschwunden. Frances Ford, eine Bewunderin des Lyrikers, und Elmar Bauch, Vater der Schauspielerin, begeben sich unabhängig voneinander in die ehemalige Hauptstadt, um die Schicksale dieser beiden Menschen zu klären. Ihre Wege kreuzen sich zwangsläufig und sowohl gemeinsam als auch im Alleingang tauchen sie in die befremdlichen Strukturen Malés ein.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Was nach eindeutigem Plot klingt, ist indes keiner, hat Malé doch weder einen richtigen Anfang, noch ein wirkliches Ende. Der Roman ist vielmehr eine Momentaufnahme der Geschehnisse im einstigen Zentrum der Malediven; ist eine keineswegs willkürliche, dennoch zufällig wirkende Aneinanderreihung verschiedener Sequenzen, die durch die oben beschriebenen Begebenheiten lose zusammengehalten werden. Aus dieser Momentaufnahme blitzen einzelne Gesichter hervor, die der Erzähler heranzoomt, um sie genauer zu betrachten. Doch vollständige Personenporträts entstehen dabei nicht; Figuren wie Ereignisse sind in Malé fragmentarisch angelegt. Das führt dazu, dass man kaum etwas versteht von dem, was erzählt wird – und das ist absolut gewollt.

Dazu trägt wesentlich bei, dass Fakt und Fiktion in Malé graduell verschwimmen. Der Roman enthält surreale Momente, die beim Lesen eine großartig schaurige Unruhe verursachen. So wird die Stadt nach Meinung einiger Bewohner nachts von Meereswesen heimgesucht, die dem brutalen Gründungsmythos der Inselgruppe zu entstammen scheinen. Immer wieder ist außerdem in verschiedenen Zusammenhängen von Händen die Rede, die aussehen, als hätten sie Schwimmhäuten zwischen den Fingern – mal handelt es sich dabei um Ausgeburten der Fantasie, dann um eine gemachte Beobachtung, ein andermal um einen Vergleich. Wiederkehrende Motive wie dieses verleihen dem Roman etwas Albtraumhaftes.

Wenn er seine Hand gegen einen hellen Schein erhebt, sieht es fast so aus, als hätte er zwischen den Mittelhandknochen nur noch dünne Schwimmhäute.

Zugleich spielt der Autor mit der Glaubwürdigkeit der Bewohner, indem er eine Droge namens Luna eine zentrale Rolle spielen lässt, von der unklar bleibt, was sie mit den Menschen macht, die sie immer häufiger konsumieren. Ehrlich gelingt es ganz hervorragend, das ohnehin schon dystopische Setting mit solch spekulativen Elementen weiter aufzuladen, und seiner Leserschaft somit äußerstes Unbehagen zu bereiten.

Was Malé überdies durchaus stark macht, ist das Figurenspiel, welches davon lebt, dass das Romanpersonal niemals beim Vornamen genannt wird. Stattdessen wird es stets mit vollem Namen aufgeführt, erhält vor allem aber oftmals Zuschreibungen, die die einzelnen Charaktere je nach Situation einordnen. So ist Elmar Bauch wahlweise „der Vater der verstorbenen Schauspielerin Mona Bauch“, „der Vater der toten Schauspielerin Mona Bauch“, „der verzweifelte Vater“…

Wiederholung ist ein prägnantes Stilmittel auf allen Ebenen des Romans. Diese gibt einerseits einen erzählerischen Rhythmus vor, sorgt andererseits aber für zunehmende Monotonie, da das Spiel irgendwann zu langweilen beginnt. Dann wiederum möchte das Buch auch gar nicht unbedingt gefallen, in dem Sinne, dass es keine unterhaltsame Schmökerei sein möchte, sondern sich bewusst sperrig und unzugänglich zeigen. Und an diesem Punkt offenbart sich die maßgebliche Schwäche des Romans: In der Komposition liegt eine gewisse Genialität, die man dem Autor unmöglich absprechen kann, insgesamt aber ist Malé entschieden zu verkopft.

Malé ist wie ein Puzzle, dessen Teile am Ende weiterhin verstreut daliegen und sich nicht zusammenfügen lassen wollen. Und sicherlich geht es in diesem Fall eher um das Konzept als um das fertige Motiv. Ungeachtet dessen ist der Roman trotz allem ein unbefriedigendes Leseerlebnis, da die Themen, an denen er sich aufhängt – Klimawandel, Massentourismus, der Traum vom ewigen Wirtschaftswachstum usw. – eben nur das sind: Aufhänger. Schlägt man das Buch am Ende zu, ist der Verbleib des Lyrikers weiterhin unklar, der Tod der Schauspielerin nicht aufgeklärt, stattdessen haben sich zahlreiche neue Fragen aufgetan. Eine davon lautet: Was sollte das alles?

Lohnt es sich?

Kompositorisch ist Malé durchaus beachtenswert, gleichwohl sich Roman Ehrlich nach meinem Empfinden zu viel vorgenommen und die Ambitionen zu hoch gehängt hat. Mich hat der Roman ratlos zurückgelassen, aber leider nicht in dem Gefühl, ihm im Nachgang unbedingt noch auf den Grund kommen zu wollen. Ich habe das Buch zugeschlagen, eine große Unzufriedenheit verspürt und es dann beiseite gelegt, im Kopf bereits anderswo. Geht man jedoch in dem Wissen an der Roman heran, dass er keinen Genussmoment bereitet, sondern herausfordert, dass er keine Auflösung liefert, sondern nur schlaglichtartig Sequenzen beleuchtet, dann kann man an Malé sicherlich Gefallen finden.

Roman Ehrlich: Malé. S. Fischer (2020).

Zur Leseprobe hier entlang.

[Werbung, da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an S. Fischer Verlage für die Zusendung.]


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