Der blinde Fleck

Lebensrealität

Gestern habe ich auf Instagram meine Meinung zu einem Roman kundgetan, der zuletzt ziemlich hoch gehandelt wurde, bei mir jedoch auf wenig Wohlwollen stieß. Es geht um das jüngst im Aufbau Verlag erschienene Romandebüt Queenie der britischen Autorin Candice Carty-Williams. Erzählt wird darin die Geschichte der Mittzwanzigerin Queenie, deren Freund Tom eine Beziehungspause vorschlägt während derer sie sich kopflos, weil verzweifelt in eine Sexgeschichte nach der nächsten stürzt. Zentrales Thema des Romans sind jedoch Queenies Erfahrungen als Schwarze Frau, die sie in sämtlichen Bereichen des Lebens machen muss: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, Fetischisierung durch weiße Männer, Respektlosigkeiten im Alltag…

Darf ich das überhaupt?

Mein Beitrag löste eine interessante kleine Diskussion darüber aus, ob man als jemand, der nicht von Rassismus betroffen ist, Romane wie Queenie überhaupt kritisieren darf? Spricht einem die Tatsache, dass die darin dargestellte Lebensrealität nicht die eigene ist, nicht jedwede Berechtigung auf ein Urteil ab? Tatsächlich waren meine Gedanken während des Lesens bereits in eine ähnliche Richtung gegangen: Immer wieder fragte ich mich, ob mein Weißsein nicht einen blinden Fleck mit sich bringt, der verhindert, dass ich den Roman vollständig erfasse und ob das dann nicht bedeuten würde, dass ich ihn gar nicht final bewerten kann. Bevor diese Vorstellung jetzt brüsk abgewiesen wird, kurz mal innehalten und drüber nachdenken – da tun sich nämlich spannende Gedankengänge auf.

Die These lautet also, dass ich ausschließlich dann eine geltende Meinung zu Romanen haben darf, wenn diese mich selbst betreffen. Wäre dem so, wäre ich als von Rassismus Nichtbetroffene nicht berechtigt, mich wie im Fall von Queenie zu dem Buch zu äußern, schon gar nicht kritisch. Das hieße weitergedacht allerdings auch, dass ich persönlich mir zu Romanen, die das Leben eines Menschen mit Behinderung behandeln, Geschichten über Suchtprobleme oder Ehekrisen erzählen, Erfahrungen mit Homophobie, Vernachlässigung oder einer Herz-OP thematisieren, oder allein zu Büchern, die in Russland spielen oder aus der Perspektive eines Mannes oder Kindes geschrieben sind, keine valide Meinung bilden dürfte.

Schwierig ist das schon deshalb, weil sich kein Thema, kein Aspekt, keine Erfahrung oder Perspektive isoliert betrachten lässt. Bei Queenie zum Beispiel kann ich selbstredend nicht nachempfinden und daher nur schwer ein Urteil darüber fällen, welche erniedrigenden Erfahrungen sie als Schwarze Frau mit Männern macht, sehr wohl aber, welche sie als Frau macht – und das lässt sich nicht scharf gegeneinander abgrenzen.

Nur so als Beispiel

Wie unglaublich komplex das werden kann, lässt sich hervorragend an Queenies sexueller Aktivität aufzeigen. Namentlich daran, dass sie sich von jedem Mann vögeln lässt (die Passivkonstruktion ist gewollt), der ihr über den Weg läuft, Dinge mit sich machen lässt, die sie nicht möchte, auch davon abgesehen nie Spaß am Sex zu haben scheint und es zudem nicht auf die Reihe bekommt, auf Kondome zu bestehen. Dort, wo es in diesem Kontext um die Fetischisierung Schwarzer Frauen geht, begebe ich mich urteilstechnisch auf dünnes Eis, weil ich den Schmerz und die psychischen Folgen nicht kenne, die das verursacht. Obgleich ich als empathiefähiger Mensch beides auf einer abstrakten Ebene nachzeichnen kann. Als Frau wiederum kann ich absolut nachempfinden, wie schwer es fallen kann, Männer in ihre Schranken zu weisen, wenn diese glauben, sich an einem Frauenkörper einfach bedienen zu können. Als Erwachsene oder Feministin hingegen steht es mir zu, über Queenies Verantwortungslosigkeit heftig den Kopf zu schütteln.

Doch erst jetzt wird es wirklich kompliziert: Gleichwohl sich Queenies Sexverhalten in diese Einzelsapekte, die ich als Leserin aus verschiedenen eigenen Lebenserfahrungen heraus sehr wohl oder eben gar nicht beurteilen kann, aufdröseln lässt, korrelieren sie am Ende. Die Tatsache beispielsweise, dass Queenie es nicht schafft, sich gegen sexuelle Ausbeutung zu wehren oder auf Kondome zu bestehen, hat sehr viel mit der Fetischisierungsefahrung ihres Schwarzseins, also Rassismus, zu tun.

Darf ich zu ihrem Sexverhalten nun also eine Meinung haben oder nicht? Das ist letztlich eine Frage der Perspektive: Als Weiße kann ich mir kein Urteil anmaßen, als Frau, Erwachsene oder Feministin hingegen schon.

Mal konsequent zu Ende gedacht

Nehmen wir zwecks Gedankenspiel dennoch einmal an, man dürfte sich ausschließlich aus eigener Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen heraus zu Romanen verhalten. Müsste man diese Zugehörigkeiten dann nicht aufaddieren? Das wäre doch nur folgerichtig. Gemäß dessen stünde es mir persönlich nur zu, eine Meinung zu folgender Lebensrealität zu haben: alleinstehende und kinderlose, weiße, heterosexuelle Akademikerfrau von Ende Dreißig, Nichtraucherin, keine Erbkrankheiten dafür aber sehr begrenzte finanzielle Mittel, liest gerne und ist künstlerisch veranlagt, im Zeichen des Skorpion geboren wurden usw. Konsequent zu Ende gedacht hieße das, dass man sich außer über die eigene keine Meinung über andere Lebensrealitäten bilden dürfte, weil diese ganz zwangsläufig mehr oder weniger weit weg sind.

Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einen weiteren wichtigen Denkanstoß anbringen, den mir eine andere Buchbloggerin geliefert hat: Um an einer Diskussion über einen Roman teilnehmen zu dürfen, müsste man erst einmal offenlegen, wo man selbst zu verorten ist. Kann das verlangt werden? Wohl kaum.

Überlegung in die Gegenenrichtung

Interessant wird die Debatte übrigens auch, wenn man in die Gegenrichtung denkt: Zu sagen, ich darf mir als Nichtbetroffene einer bestimmten Lebensrealität keine kritische Meinung über einen Roman anmaßen, bedeutet im Umkehrschluss, dass ich als Nichtbetroffene eigentlich auch keine beifällige Haltung einnehmen darf. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Es stünde mir mangels eigener Rassismuserfahrung nicht zu, Queenie als hervorragendes Buch oder die Protagonistin als authentisch zu bewerten. Ziemlich bigott, aber wahr – eine solche Auffassung existiert nicht, egal um welches Anliegen es geht.

Wir alle haben blinde Flecken

Das Fazit aus all diesen Überlegungen? Wir alle haben blinde Flecken – sei es, weil wir keine Frau sind, nicht auf Tasmanien leben, noch nie ein Flugzeug bestiegen haben… Zwar sollte man sich bei heiklen Themen unter Umständen keine Meinung zu spezifischen Lebensbereichen, die ein Roman aufgreift, gestatten, zu anderen Lebensbereichen und vor allem in der Gesamtschau kann man jedoch sehr wohl eine valide Position vertreten. Auf rein literarischer Ebene sowieso. Wie sollte man auch sonst Romane besprechen, die keine Berührungspunkt mit unser aller Lebensrealität haben, wie solche, die im Ersten Weltkrieg oder der Zukunft angesiedelt sind, aus der Sicht eines Roboters erzählt werden etc.? Wie sollte man überhaupt einen Roman diskutieren?

So oder so, Kritik ist nicht zu verwechseln mit Ignoranz. Man kann auch kritisch und dabei dennoch respektvoll sein! Es ist absolut möglich zu sagen, dass man den Roman für nicht gelungen hält, die Probleme Queenies trotz allem anerkennt. Obwohl ich zum Beispiel kritisiere, dass der Roman eine Menge Klischees bedient, ohne dass erkenntlich wäre, ob es sich dabei um ein bewusst eingesetztes Stilmittel der Übertreibung handelt, obwohl ich finde, dass Queenie einige bedenkliche Ansichten preisgibt, von denen ich nicht sagen kann, ob sie gezielt provozieren sollen und einige Kritikpunkte mehr, spreche ich den behandelten Themen wie Rassismus, Sexismus etc. damit keineswegs ihre Dringlichkeit oder gar Existenz ab! Finde ich im Vergleich zum Beispiel eine Übersetzung schlecht, meine ich damit ja auch nicht gleich das Buch per se.

Own Voices

Im Übrigen bin ich nicht der Auffassung, dass die Stimmen von Betroffenen (Own Voices) dadurch an Raum verlieren, dass man sich als einer spezifischen Gruppe nicht zugehöriger Mensch zu einem Roman (oder auch sonst) verhält oder ihn gar kritisiert. Das Recht auf Meinung befreit nämlich nicht von der Pflicht zuzuhören!


Und wo wir gerade dabei sind, diese Bücher über Rassismus sollte man gelesen haben: