Sag mir quando, sag mir wann…

…ich die Quarantäne verlassen kann.

Die Käthe reist nach Spanien – in dem Wissen, dass sie gegebenenfalls in Quarantäne muss, wenn sie zurückkommt. Und weil die Käthe dann alles richtig machen möchte, ruft sie vor Abreise beim Gesundheitsamt Leipzig an. Also würde es gerne, erreicht aber auch nach einem Dutzend Versuchen niemanden. Daher probiert sie ihr Glück einfach bei einem anderen Gesundheitsamt, Hauptsache es liegt in Sachsen. Bingo! Dort bekommt die Käthe einen höflichen (keine Ironie!) Mitarbeiter an den Apparat, der ihr unverblümt sagt, was Sache ist: Hör’n Sie, ich kann Sie jetzt groß aufklären über das Prozedere, aber wenn Sie in zwei Wochen zurückkommen, gilt das alles unter Garantie nicht mehr. Konsultieren Sie besser die offiziellen Bescheide, bevor Sie fliegen. Würde Ihnen ja gerne weiterhelfen, kann es aber nicht. Also setzt sich die Käthe am Tag vor dem Rückflug an den Laptop und liest – die Verordnung der Bundesregierung, die Verordnung des Landes Sachsen, die Hinweise der Stadt Leipzig, die Infos auf der Seite der Flughäfen Berlin. Die Käthe weiß jetzt alles, was sie wissen muss und fliegt frohgemut zurück: Bei Ankunft testen lassen, auf’s Ergebnis warten, und hoffentlich gar nicht erst zwei Wochen in Quarantäne müssen. Aber da hat die Käthe die Rechnung ohne den Wirt gemacht…

In Berlin angekommen, begibt sie sich brav auf direktem Weg zur Teststation. Nachdem sie dort eine halbe Stunde in der Schlange gewartet hat, teilt man ihr mit: Sie reisen weiter nach Leipzig? Nee, dann könn’Se sich hier aber nicht testen lassen. Geht nur am Zielort. Käthe verweist den Mitarbeiter auf die tags zuvor studierten Infos, aus denen nichts dergleichen hervorgeht und besteht auf den Test. Aber: Nix zu machen. Die Käthe muss unverrichteter Dinge gehen.

In Leipzig angekommen, begibt sich die Käthe wie vorgeschrieben stracks in die eigenen vier Wände und bleibt dort brav bis Montag (es ist Samstag). Dann versucht sie unter der eigens eingerichteten Hotline für Rückkehrer aus Risikogebieten, das Gesundheitsamt zu erreichen, um sich registrieren zu lassen, wie’s verlangt wird. Eine Bandansage teilt der Käthe mit, dass sie sich doch bitte per Mail ans Amt wenden solle. Die Käthe durchforstet ein paar Seiten und findet schließlich die Infos, die das Gesundheitsamt von ihr benötigt und schickt die Mail ab. Danach versucht die Käthe noch ein paar Mal telefonisch jemanden zu erreichen, weil sie Fragen zum Test hat. Erfolglos.

Am nächsten Tag bekommt die Käthe eine Mail mit ellenlangen Hinweisen, was sie die nächsten 14 Tage zu tun bzw. vielmehr zu unterlassen hat – einschließlich der Aufforderung, ein Gesundheitstagebuch zu führen (tägliches Temperaturmessen usw.) sowie des dreifachen, in Rot gehaltenen und unterstrichenen Hinweises, dass für einen Coronatest eine zweck- und termingebundene Genehmigung des Gesundheitsamtes erforderlich ist, um die Wohnung verlassen zu dürfen. Verweise auf ein Bußgeld von mindestens 500 EUR bei Zuwiderhandlung inbegriffen. Ja, denkt die Käthe sich, wie gut, dass eine so wichtige (und kostspielige) Info nur per Mail kommt und nicht vorab schon irgendwo einsehbar ist… (Ironie!) Also organisiert die Käthe einen Termin bei der Hausärztin und übermittelt diesen zurück ans Gesundheitsamt. Einen Tag später ruft die Käthe dann lieber zusätzlich beim Amt an, um auf die Mail zu verweisen, weil die Genehmigung ja termingebunden ist und der Termin am Folgetag. Better safe than sorry! Tatsächlich erreicht die Käthe nach sage und schreibe 26 Versuchen jemanden und bekommt prompt besagte Genehmigung zugeschickt. Immerhin!

Die Käthe wird aufgefordert, den Weg zur Hausärztin und zurück zu protokollieren: Uhrzeit, Wegstrecke, Verkehrsmittel bzw. eben nicht, da die Nutzung des ÖPNV explizit untersagt wird. Auch hat sie keine Begleitperson mitzunehmen, muss Abstand halten, MNS tragen, ein Bad in Sagrotan nehmen… Die Käthe läuft die 160 Meter Fußweg zur Praxis und notiert die 2 Gehminuten. Einfache Strecke. Sie lässt sich von einer Schwester in Vollmontur wie im Apokalypsefilm testen, fragt nach, ob das Gesundheitsamt wohl einen Screenshot vom Testergebnis in der Warn-App akzeptiert. Weiß man nicht. Aber sie, also die Käthe, könnte das Ergebnis ja abholen, wenn es da sei – ach nee, Wohnung darf ja nicht verlassen werden… Nein, per Mail darf’s nicht verschickt werden, weil Datenschutz. Wie jetzt? Aber ich übermittle es doch auch per Mail ans Amt?! Achselzucken. Dann halt per Post, dauert aber natürlich einen zusätzlichen Tag. Natürlich. Sind  ja erst fünf Tage vergangen, seit die Käthe aus Spanien zurück ist. Allein drei dafür, eine Genehmigung für einen vorgeschriebenen Test zu bekommen, der fünf Sekunden dauert. Morgen (es ist Donnerstag) ist die Praxis übrigens zu, dann Wochenende. Die Käthe bekommt das Ergebnis von der Praxis in Schriftform der Postwegverzögerung wegen also erst am Dienstag. Die Käthe macht sich wieder auf den Heimweg. Natürlich direktemang und ohne unterwegs jemandem über das Gesicht zu lecken.

Der Käthe bleibt nun nichts anderes übrig, als zu warten. Sie bittet die Nachbarin, ein paar Lebensmittel einzukaufen (Kaffee!) und versucht derweil jemanden vom Gesundheitsamt zu erreichen. Etwa einen halben Tag später: Wie ist das mit der Übermittlung der Ergebnisses? Nein, Screenshot reicht nicht. Und wie lange dauert es, bis ich die Quarantäne offiziell verlassen darf, sofern negativ? Oder darf ich sofort? Um Gottes Willen, nein! Das muss erst geprüft und bestätigt werden. Die Bearbeitungszeit dürfte bei ein bis zwei Tagen liegen. Aha, also dann darf ich voraussichtlich Mittwoch, eher Donnerstag die Quarantäne verlassen, die Sonntag ohnehin geendet hätte? Genau. Sagen Sie mal, in Berlin wurde mir gesagt, dass ich mich dort nicht testen lassen kann. Stimmt das, denn soweit ist das sehe, hätte ich mich ja sogar bereits in Spanien testen lassen und das Ergebnis mitbringen können? Also da hat man sie in Berlin falsch informiert. Sie können sich überall testen lassen…


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