Es grünt so grün

Grünes Magazin

Grundsätzlich bin ich ja eher nicht so die Zeitschriftenleserin. Seit längerem schon habe ich allerdings den Instagramkanal des Werde Magazins abonniert und war nun doch sehr neugierig auf die Printversion geworden. Also habe ich sie mir kurzerhand geordert und dabei ploppte die Frage auf, was der Markt eigentlich generell an sogenannten grünen Magazinen zu bieten hat. Magazine also, die sich einem nachhaltigen Lebensstil widmen. Ich habe drei verschiedene testgelesen.

Magazine müssen Impulsgeber sein

Wie bereits gesagt, ich bin keine leidenschaftliche Magazinleserin, gleichwohl es ein paar Zeitschriften gibt, zu denen ich überzeugt und immer wieder gerne greife. Dann und wann beziehe ich sogar ein Abo. Wennschon ich von Magazinen natürlich einen gewissen unbeschwerten Unterhaltungswert erwarte, sind Informationsvergabe und Erkenntnisgewinn am Ende doch essentiell. Für mich müssen Magazine Impulsgeber sein, die mich zum Nachdenken und Handeln anregen. Von Magazinen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben haben, erwarte ich das ganz besonders. Ob meine Erwartungen erfüllt werden?

green LIFESTYLE

Aufmachung

Bekanntlich ist es der erste Eindruck, der zählt, daher blättere ich die green LIFESTYLE vor dem Lesen einmal durch und lasse sie einfach auf mich wirken. Was ich sehe? Viel Farbe, verspielte Typos, ansprechende Fotos und zahlreiche grafische Elemente. Alles in allem überaus fantasievoll und charmant, für meinen Geschmack tendenziell sogar zu gefällig. Was mir auch auffällt: Überschriften kommen in der Regel in übergroßer Typo daher und werden durch großformatige Bilder ergänzt; nicht selten geht allein dafür eine gesamte Seite drauf. Die jeweils zugehörigen Texte ließen sich hingegen fast durchweg auf eine einzige Seite verdichten. Ob hier Inhalte von Relevanz zu erwarten sind? Ich bin skeptisch…

Inhalte

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät mir, dass die großen Themenblöcke des Magazins Mode, Gesundheit, Ernährung, Umwelt und Freizeit lauten. Ein bunter Mix also, das finde ich grundsätzlich gut. Auf ans Lesen!

Ein paar Stunden und zwei Tassen Kaffee später: Zwar werden in der green LIFESTYLE viele interessante Themen aufgegriffen, in die Tiefe geht es aber nirgends. Die green LIFESTYLE, ich muss es leider sagen, gehört zu den Magazinformaten, die zwar hübsch anzusehen sind, aber bedauerlich wenig Mehrwert liefern. Wirklich überzeugt bin ich nicht von den Inhalten und es gesellen sich noch weitere Kritikpunkt hinzu.

Die green LIFESTYLE wartet mit ganzen vier Gewinnspiele auf, ob das die Regel ist, kann ich anhand dieser einen Ausgabe natürlich nicht beurteilen. Gewinnspielfans kommen in diesem Fall aber voll auf ihre Kosten. Sehr, sehr kritisch sehe ich dabei allerdings die Verlosung eines Mantels aus Recyclingmaterial von Jack Wolfskin. Ich stehe der Marke seit jeher reserviert gegenüber (das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden), dieses konkrete Gewinnspiel ist für mich daher ein bedeutender Schwachpunkt, weil man auf bessere, sprich grünere Hersteller hätte zurückgreifen können.

Ein kurzes Zucken versursacht auch das Rezept für Avocado-Toasties. Dass Avocados eine himmelschreiend schlechte Umweltbilanz haben, sollte sich in der Redaktion eines grünen Magazins eigentlich bereits herumgesprochen haben… Noch lange kein Drama, aber doch ein peinlicher Fauxpas, wie ich finde.

Abzug gibt es außerdem für die massenhaften Anglizismen: so werden beispielsweise die Gewinnspiele mit „You win“ gekennzeichnet, es gibt die Rubrik „Food-Test“ und das Problem des Übertourismus wird als „Overtourism“ vorgestellt, es gibt „Green Facts“ und Zwischenüberschriften wie „Back to the 80’s“ oder „Good to know“, bereits auf dem Cover prangt ein „Made with love“… Diesen Trend aufgreifend: Sorry, not my cup of tea.

Positiv hervorzuheben ist der geringe Anteil an Werbung, der absolut überschaubar und annehmbar ist.

Beispiele für Inhalte in der testgelesenen Ausgabe:

Pflanzliche Milchalternativen im Geschmackstest, ein Kurzinterview mit Gudrun Sjöden, Bezugstipps für ökologisch produzierte Jeans, Materialienkunde im Bereich eco-faire Mode, Wandern in der Sächsischen Schweiz, Deutschlands erstes nahezu energieautarkes Mehrfamilienhaus, Waldsterben.

Impulse

Was ich aus der green LIFESTYLE mitgenommen habe? Das Magazin hat mich dazu animiert, als pflanzliche Milchalternative mal Erbsendrinks zu probieren. Einen Versuch war’s allemal wert, überzeugt bin ich aber nicht. Mein Favorit ist und bleibt Hafer. Außerdem habe ich mir die App Codecheck heruntergeladen, um künftig genauer überprüfen zu können, ob Produkte beispielsweise Palmöl oder Mikroplastik enthalten.

Kostenpunkt

Das Magazin erscheint quartalsweise und kostet 4,90 €, im Jahresabo ist es für 19 € zu haben. Außerdem ist es als E-Paper für 4,99 € bzw. 14,99 € verfügbar. Tipp: Man kann das green LIFESTYLE Magazin in einem Probeabo bestehend aus zwei Ausgaben kostenlos testen.

Fazit

Die green LIFESTYLE ist optisch wie haptisch wirklich ansprechend, inhaltlich kann sie allerdings nicht so recht überzeugen. Zwar ist das Magazin thematisch breit aufgestellt, bleibt aber überall nur an der Oberfläche. Mit einem Preis von 4,90 € für das Einzelheft ist es das günstigste Magazin im Test, aber auch ganz klar das mit dem geringsten Mehrwert. Ziemlich sicher gehöre ich hier aber auch nicht zur Zielgruppe, die wohl irgendwo in ihren Zwanzigern sein dürfte und sich mit dem Thema Nachhaltigkeit eher in der Softversion befassen möchte. Die Nase vorn hat green LIFESTYLE beim kostenlosen Probeabo und der (abfallfreien) E-Paper-Ausgabe.


emotion slow

Vorab: Die emotion slow ist keine explizit grüne Zeitschrift. Der Fokus liegt, der Name verrät es bereits, auf Entschleunigung – „Mehr Zeit fürs Wesentliche“, so das Motto. Allerdings spielen Aspekte wie Nachhaltigkeit da natürlich hinein und werden somit angesprochen. Das Thema grünes Leben steht allerdings nur in der von mir gelesenen Ausgabe so klar im Mittelpunkt.

Aufmachung

Auch bei der emotion slow lasse ich mich zunächst von der Aufmachung und meinen spontanen Eindrücken leiten und ich stelle fest, dass das Magazin visuell immer noch reichhaltig, insgesamt aber unaufgeregter, weniger verspielt daherkommt, was meinen persönlichen Geschmack entschieden besser bedient. Auch die Textanteile sind deutlich größer und meine Erwartung an die Inhalte erhöhen sich gegenüber der green LIFESTYLE prompt. Außerdem scheinen weniger Stockfotos zum Einsatz zu kommen, was ich ebenfalls begrüße – nichts langweilt so sehr, wie das ewig gleiche, weichgespülte Bildmaterial, das einem in den meisten Zeitschriften begegnet.

Inhalte

In der emotion slow erwarten einen Beiträge aus den Bereichen Entschleunigung, Ernährung, Gefühle, Mode und Beauty, Wohnen sowie Reisen. Außerdem gibt es in jeder Ausgabe ein Sonderthema, das SLOW-Special, hier „Going Green“. Dass verschiedene Lebensbereiche angesprochen werden, macht die Lektüre abwechslungsreich und kurzweilig. Ich habe auf jeden Fall Spaß beim Lesen.

Das Phänomen der übergroßen Titelüberschriften plus ganzseitiger Fotos findet sich zwar auch hier, es schmerzt aber weniger, da die zugehörigen Beiträge das wieder wettmachen. Es wird nämlich nicht bloß an der Oberfläche gekratzt, sondern ausreichend fundiert berichtet, um am Ende eines Artikels das Gefühl zu haben, schlauer zu sein als vorher.

Insgesamt habe ich wenig zu kritteln. Zwar bleibt man erneut nicht von überflüssigen Anglizismen verschont, aber alles noch in Maßen und somit hinnehmbar. Selbiges gilt für die Werbeanzeigen, die auch in der emotion slow nicht unangemessen häufig platziert sind. Das Konzept des Magazins, zumindest diese Ausgabe, kann mich mühelos überzeugen.

Beispiele für Inhalte in der testgelesenen Ausgabe:

Der Gnadenhof Butenland in Niedersachsen, die Kraft des Lächelns, innovative und nachhaltige Modelabels, nach Australien ohne Flugzeug, ein wahrgewordener Traum vom Ökohaus.

Impulse

Eines meiner nächsten Vorhaben, die Dokumentation Butenland von Marc Pierschel ansehen. Dringend! Außerdem bin ich unter anderem auf die tolle Initiative #notjustdown aufmerksam geworden. Und der Online-Shop Mit Ecken und Kanten, der B-Ware von nachhaltigen Marken vertreibt, ist mir noch einmal neu ins Gedächtnis gerutscht.

Kostenpunkt

Das Magazin erscheint quartalsweise und kostet 6,90 €, im Jahresabo zu einem Preis von 23,90 € kann man ein paar Euronen sparen.

Fazit

Das Gesamtkonzept der emotion slow ist angenehm. Visuell geht es ruhiger zu als in der green LIFESTYLE, was mir sehr zusagt, und auch inhaltlich kann die Zeitschrift deutlich mehr Punkte holen. Mit 6,90 € für das Einzelheft ist sie vielleicht nicht wirklich günstig, aber den Preis durchaus wert. Ob ich gleich ein Abo abschließen würde, halte ich für fraglich, für den nächsten Last-Minute-Kauf in der Bahnhofsbuchhandlung werde ich emotion slow jedoch bestimmt auf dem Radar haben.


Werde

Zum Werde Magazin sollte im Vorfeld wohl angemerkt werden, dass es sich um eine Zeitschrift des Naturkosmetikherstellers Weleda handelt. Auf der Website wird das nicht direkt kommuniziert, was ich kritisierungswürdig finde. Man stößt erst darauf, wenn man das Impressum anklickt. Im Magazin kann man das hingegen direkt auf der ersten Seite unter „Herausgeber“ erkennen. Bedenken, mit Werde ein Werbeprospekt in den Händen zu halten, kann ich an dieser Stelle aber bereits ausräumen.

Aufmachung

Ästhetisch, hochwertig, uneitel – das sind die ersten Worte, die mir beim Durchblättern des Werde Magazins in den Sinn kommen. Ich bin direkt sehr angetan und spüre, hach, das wird was mit uns beiden.

Inhalte

Der Herausgeber Weleda beruht auf einer anthroposophischen Unternehmensphilosophie. Das ist selbstredend auch im Magazin spürbar, allerdings weniger in der Themenauswahl (Ökologie, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Wandel), die man anderswo sicherlich in ähnlicher Weise finden könnte, sondern eher unterschwellig. So werden die AutorInnen und FotografInnen am Ende eines Beitrags beispielsweise stets mit einem persönlichen Satz bedacht. Wertschätzung im Kleinen, genau mein Stil.

Sowieso hat Werde mich sofort – das Magazin beginnt mit einer Buchempfehlung! Doch nicht nur das, dieser einzelnen Empfehlung werden ganze zwei Seiten gewidmet; damit wird unmittelbar klargestellt, was von dieser Zeitschrift zu erwarten ist: Fokussiertheit. Das bestätigt auch ein Blick ins Inhaltsverzeichnis: Werde bietet auf 127 Seiten nur sieben Artikel, allein der erste Beitrag geht über 11 Seiten – Qualität statt Quantität lautet hier der Leitspruch. Das gilt auch für das Bildmaterial.

Zwar ist der Bildanteil hoch, doch kommt nie der Verdacht auf, damit einfach Seiten füllen zu wollen. Denn Werde greift nicht auf Stockfotos zurück, sämtliche Fotos entstehen eigens für das Magazin. Entsprechend haben die Bilder wirklich etwas zu erzählen und sind nicht nur schmuckes Beiwerk.

Dicke Pluspunkte gibt es auch für das Glossar am Ende des Magazins, das Tipps und Anregungen vermittelt, was man nach der Lektüre der einzelnen Beiträge machen, lesen, hören oder ansehen könnte. Genau das sind die erhofften Impulse, von denen ich eingangs gesprochen habe!

Werde kommt zudem fast ohne Werbung aus.

Beispiele für Inhalte in der testgelesenen Ausgabe:

Das Aufforstungsprojekt von Ernst Götsch in Brasilien, Interview mit Permakulturgründer David Holmgren, Porträt der Künstlerin und Anthroposophin Hilma af Klint (Yay!), Mähen mit der Sense.

Kostenpunkt

Das Magazin erscheint quartalsweise und kostet 7,50 € als Einzelheft oder 25 € im Jahresabo. Für das Abo spricht, dass man damit die BioBoden Genossenschaft und das proBiene Institut unterstützt. Tipp: Es gibt ein Probabo mit zwei Ausgaben für 13 €, man kann die Zeitschrift aber auch einmalig kostenlos testen.

Fazit

Werde ist zwar das teuerste der drei Magazine, für mich aber der glasklare Gewinner. Es hat mich sogar derart überzeugt, dass ich mich für ein Abo entschieden habe. Die Zeitschrift ist sehr hochwertig gemacht und bietet relevante Informationen, die intensiv aufbereitet werden. Alle Artikel gehen in die Tiefe und liefern damit genau den oft erwähnten Mehrwert, den ich von einer Zeitschrift erwarte. Es lohnt sich außerdem, den Instagramkanal zu abonnieren.

Zum Schluss

… noch zwei Aspekte:

1. Ein grünes Magazin verlangt eine grüne Produktion

Nachhaltige Magazine müssen konsequenterweise nachhaltig produziert sein, also bei Papierwahl, Druckverfahren und verwendeten Farben ihrer eigenen grünen Ambition gerecht werden.

In der green LIFESTYLE findet sich lediglich ein Hinweis darauf, dass PEFC-zertifiziertes Papier verwendet wird. Zu Druck und Farbe sind keine Informationen verfügbar, auch nicht auf der Website. Die emotion slow ist auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt und wird explizit als klimaneutrales Druckprodukt ausgewiesen, das heißt beim Druck freigesetzte Treibhausgase werden durch Investitionen in Klimaschutzprojekte kompensiert. Zu den verwendeten Farben ist aber auch hier nichts bekannt. Das Werde Magazin ist laut eigener Angabe auf 100 % Recyclingpapier gedruckt, weitere Angaben fehlen. Alles zwar löblich so weit, aber meiner Meinung nach ginge da hinsichtlich Transparenz noch mehr…

2. Wie okay ist es, ein Printmagazin zu kaufen?

Als potentielle Käuferin muss ich vorab eine Frage für mich beantworten: Wie okay ist es überhaupt, ein Printmagazin zu kaufen, dessen Herstellung Ressourcen verbraucht und das am Ende im Altpapier landet? Meine Überlegungen dazu:

  • Ein grün produziertes Magazin weist immerhin eine bessere Klimabilanz auf, als die sogenannten Hochglanzmagazine.
  • Habe ich es gelesen, muss es nicht postwendet im Müll landen. Stattdessen kann ich es weitergeben oder für andere Zwecke (Upcycling) verwenden.
  • Umgekehrt gilt natürlich auch, dass ich es nicht selbst kaufen muss, sondern von Dritten leihen kann.
  • Oder man teilt sich ein Abo mit Freunden und lässt die Hefte zirkulieren.
  • Sofern verfügbar, kann man sich für die E-Paper-Version entscheiden und so die Papierausgabe komplett vermeiden.

Tipps für einen Herbstnachmittag: