Hotel du Lac

Anita Brookner

Warum dieses Buch?

Die Neuauflage von vergessenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern erfährt gerade einen kleinen Boom, und obwohl ich Trends meist skeptisch gegenüberstehe, lasse ich mich in diesem Fall allzu gerne mitreißen. So auch hier, als ich gefragt wurde, ob ich nicht vielleicht Interesse an einem Rezensionsexemplar von Hotel du Lac der Autorin Anita Brookner hätte. Bevor ich eine Zu- oder Absage erteilen konnte, wollte ich erst einmal wissen, mit wem ich es zu tun bekommen würde, doch schon die groben Eckdaten reichten aus, um mich rundum Neugierig zu machen: britische Kunsthistorikerin und Romanautorin mit polnischen Wurzeln, fing erst mit zweiundfünfzig an zu schreiben, ausgezeichnet mit dem Booker Prize, danach in Vergessenheit geraten. Ich darf vorwegnehmen, es hat sich gelohnt!

Worum geht’s?

Edith Hope, Autorin gut verkäuflicher, seichter Liebesromane, in denen einfache Mädchen stets das große Glück finden, hat sich einen Fauxpas erster Güte geleistet, weshalb sich ihre Londoner Freunde genötigt sehen, sie in eine Art Zwangsurlaub zu schicken. Ziel der Reise ist ein kleines, gediegenes Hotel am Genfer See, das titelgebende Hotel du Lac. Dort soll sie mehrere Wochen bleiben, damit nach besagtem hochnotpeinlichen Vorfall, der erst nach und nach enthüllt wird, Gras über alles wachsen kann, aber auch damit Edith zur Raison kommt und ergo ihre Verfehlung einsieht, was sie bislang nicht tut. Nun findet sich die Enddreißigerin also in diesem traditionsverbundenen und auf Diskretion bedachten Hotel wieder, das von einem ergrauten Hotelier alter Schule geführt wird, und in dem sie sich nicht wirklich wohlfühlt. So bemüht sie sich, diesen unfreiwilligen Aufenthalt schlichtweg als Gelegenheit zu sehen, ihren neusten Roman Unter dem aufgehenden Mond zu beenden.

Bald schon gilt ihre gesamte Aufmerksamkeit stattdessen den übrigen Hotelgästen. Edith versucht diese zu lesen, versucht Alter, Herkunft und Gründe für den Aufenthalt im Hotel du Lac zu erraten – und liegt ein ums andere Mal vollkommen daneben. Denn Menschenkenntnis hat Edith trotz ihres Berufes keine. Allmählich kommt sie mit den anderen ins Gespräch, wird ihrer eigenen Unscheinbarkeit wegen aber in erster Linie als Zuhörerin missbraucht. Erst Philip Neville, ein Geschäftsmann auf Durchreise, schenkt ihr Aufmerksamkeit.

Wie liest’s sich?

Spöttisch – das ist das erste Wort, das mir zu Hotel du Lac einfällt. Das kann ich allerdings erst aus der Retrospektive behaupten, denn während der Lektüre war ich oftmals nur irritiert: vom Setting bis zum Romanpersonal wirkte alles altbacken und stockkonservativ, selbst für die Achtzigerjahre angestaubt. Dass das die Absicht war, habe ich im ersten Moment nicht erkannt. Dabei gibt bereits der Tonfall unmissverständlich preis, wie der Roman zu lesen ist, nämlich mit einem Augenzwinkern. Jedoch war ich dermaßen von der Handlung und insbesondere der Protagonistin gebannt, dass mir das zunächst entging. Wobei das nicht ganz richtig ist, ich habe das Humorige sehr wohl wahrgenommen, wusste es aber erst später zu interpretieren.

So wird beispielsweise zum Zeitpunkt von Edith’ Aufenthalt, dem Saisonende, seitens des Hotels „kein Versuch gemacht, sie [Anm.: die Hotelgäste] zu unterhalten. Es wurde für ihre Bedürfnisse gesorgt, und mit gleicher Sorgfalt wurde ihr Charakter einer Prüfung unterzogen.“ Ediths Hotelzimmer wird als „in der Farbe von zu lange gekochtem Kalbfleisch“ beschrieben. Brookner lässt also keine Zweifel an der Lesart des Romans, spielt dabei zugleich geschickt mit der Rezeption der Leserschaft. Denn Edith Hope schreibt in einem Brief an ihren Liebhaber, dass er sicherlich angenommen habe, sie schreibe ihre Bücher „mit der Mischung aus Spott und zynischem Gleichmut, die man dem modernen Schriftsteller […] meint unterstellen zu müssen.“ Der Roman nimmt sich damit selbst aufs Korn. Und naheliegenderweise drängt sich auch die Frage auf, ob aus Edith nicht vielleicht Brookner spricht?

Indem Edith hinterherschiebt in Wahrheit an jedes Wort, das sie schrieb, geglaubt zu haben, offenbart sich im selben Zuge das alterprobte Spiel mit Personennamen mit Verweischarakter. Es bedarf wohl kaum einer Erläuterung, dass „Hope“ das englische Wort für „Hoffnung“ ist. Hingegen dürfte kaum bekannt sein, dass der Vorname Edith so viel bedeutet wie „die für ihr Glück Kämpfende“. Edith muss am Ende jedoch erkennen, dass sie in einer falschen Hoffnung gelebt hat, dass nichts von dem erträumten Liebesglück für sie selbst je wahr werden wird. Das lässt zwei Bedeutungsebenen ihres Namens zu, auf der einen davon haben wir es mit einer Art Personifikation, vielleicht Symbolismus, zu tun, auf der anderen reinweg mit Zynismus.

Darin wiederum zeigt sich ein wichtiger Wesenszug des Romans: Zwar spöttelt es gewaltig, über allem liegt aber immer etwas Düsteres, Deprimierendes. Nicht nur über Edith, über dem gesamten Romanpersonal schwebt eine Aura der Tristesse. Da sind die achtzigjährige Madame Pussey und deren Tochter Jennifer, die im exzessiven Shopping die Erfüllung suchen, eine betagte Aristokratin, die alljährlich von ihrem Sohn über die Sommermonate ins Hotel du Lac abgeschoben wird, und eine verhärmte Frau mit neurotischem Hündchen, die sich tagtäglich aus Prostest mit Kuchen vollstopft. Die vorherrschende Betrübnis verwundert indes nicht, ist das Hotel doch „als ein Ort bekannt, der einem vom Leben Misshandelten oder auch nur Erschöpften einen erholsamen Aufenthalt garantierte. Sein Name und seine Adresse standen in den Karteien von Leuten, zu deren Beruf es gehörte, von solchen Orten zu wissen.“

Bald stößt zu der kleinen Gruppe noch Philip Neville, ein Geschäftsmann, dessen unglaubliche Gesittetheit fast schon anstößig wirkt, und doch sind sämtliche Frauen überaus entzückt von ihm. Auch Edith lässt sich gerne von dem Gentleman umgarnen und sieht sich eines Tages mit einem Heiratsantrag konfrontiert: „Sie brauchen nicht mehr Liebe. Sie brauchen weniger. […] Was Sie brauchen ist eine gesellschaftliche Position. Die Ehe.“ Philip schlägt Edith eine Vernunftehe, eine Zweckehe vor, und dass sie diese als selbstbestimmte Frau des 20. Jahrhunderts anfangs ernstlich in Betracht zieht, ließ mir vor Konsterniertheit die Gesichtszüge entgleiten.

Der Weg zur Erkenntnis ist ja manchmal lang… Faktisch habe ich da erst den Roman in seiner feinen Ironie verstanden und mich dann aber sofort an eine Schwester im Geiste von Anita Brookner erinnert gefühlt – Jane Austen. Auch bei Brookner geht es im Speziellen um die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau, die ihr Glück in Ehe und Mutterschaft zu suchen, darüber hinaus aber anspruchslos zu sein hat. Es geht darum, wie schwer es ist, als alleinstehende Frau in einer Paargesellschaft zu existieren. Ihn als feministischen Roman zu bezeichnen, ginge zu weit, in die heutige Zeit passt er dennoch, denn an Aktualität hat er kaum verloren.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Wer in den vollen Genuss dieses wunderbaren Romans kommen möchte, sollte unbedingt darauf verzichten, den Klappentext und insbesondere das Vorwort von Elke Heidenreich zu lesen. Letzteres erfasst die Quintessenz des Romans wirklich ausgezeichnet, nimmt aber leider alles Wesentliche vorweg. Das Lesevergnügen wird dadurch beträchtlich geschmälert, da man nicht nur um die Überraschungsmomente gebracht wird, sondern auch um den eigenen Erkenntnisprozess. Das Vorwort also bitte im eigenen Interesse zum Nachwort erklären.

Was gibt’s sonst noch zu sagen?

Anita Brookner (1928–2016) war Kunsthistorikerin und als solche neben einer Lehrtätigkeit auch als Verfasserin von mehreren Künstlerbiografien tätig. Erst Anfang der Achtzigerjahre, also mit über fünfzig, begann Brookner Romane zu schreiben – ihren letzten und vierundzwanzigsten veröffentlichte sie im Jahr 2009. Ihr vierter Roman, Hotel du Lac (1984), wurde mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Zwei Jahre später folgte die Filmadaptation. Obwohl die Autorin damals populär war, geriet sie doch bald in Vergessenheit. In Deutschland brachte sie es trotz Bemühungen mehrerer Verlage gar nicht erst zu Bekanntheit und so ist der Versuch des Eisele Verlags, sie heute im deutschsprachigen Roman etablieren zu wollen, ein vielleicht couragiertes Unterfangen, nach meinem Dafürhalten aber ein aussichtsreiches: zum einen erleben wir gerade eine Phase der Anerkennung schreibender Frauen, zum zweiten liegen literarische Wiederentdeckungen im Trend. Wichtigste Voraussetzung ist indes selbstredend das Niveau des Werkes und da braucht Brookner den Vergleich nicht zu scheuen.

Außer Hotel du Lac ist auch Brookners Debüt Ein Start ins Leben (1981), in der Übersetzung von Wibke Kuhn, bei Eisele erhältlich. Weitere Romane der Autorin sollen folgen.

Lohnt es sich?

Hotel du Lac ist ein amüsanter und cleverer Roman, der mich persönlich an die feinironischen Gesellschaftskritiken Jane Austens erinnert. Mit einem scharfen Blick seziert Anita Brookner vorherrschende Wertvorstellungen und die Erwartungen an eine alleinstehende Frau von Ende dreißig, der von außen kommuniziert wird, wie ihr Leben eigentlich auszusehen habe. Obwohl der Roman fast vier Jahrzehnte alt ist, hat er kaum an Gültigkeit eingebüßt. Absolut lesenswert!

Anita Brookner: Hotel du Lac. Aus dem Englischen von Dora Winkler. Eisele (2020).

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Eisele Verlag für die Zusendung.]


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