Senfonie: Die Superspreader

Stealthing

Foto: Pexels, Marshall Jones

In der Kategorie Senfonie erscheinen kleine, persönliche Beiträge zu Themen, die mir im Alltag begegnen, zu denen ich meinen Senf dazugebe. Senfonie ist ein Blick über den literarischen Tellerrand hinaus.


Das heimliche Abstreifen eines Kondoms während des Geschlechtsverkehrs, sogenanntes Stealthing, gilt fortan als sexueller Übergriff und ist als solcher strafbar. Nicht alle finden den Beschluss fair.

Das Kammergericht Berlin hat vor wenigen Tagen entschieden, dass das heimliche Abstreifen des Kondoms beim Sex mit anschließender Ejakulation in der Partnerin oder im Partner (Stealthing) einen sexuellen Übergriff darstellt. Der Entscheidung lag ein Fall aus dem Jahr 2017 zugrunde, wo ein Mann während des Geschlechtsverkehrs beim Stellungswechsel das Kondom unbemerkt abstreifte und in seiner Sexpartnerin ejakulierte, obwohl diese zuvor eindeutig erklärt hatte, keinen ungeschützten Verkehr haben zu wollen. Ein Schöffengericht verurteilte den Mann zu einer Freiheitsstrafe (Bewährung) und Schmerzensgeldzahlung. Dieser ging daraufhin wiederholt in Revision, so dass sich zuletzt das Oberlandesgericht mit dem Fall befasste und zu obigem Urteil kam.

Während ein Großteil der Bevölkerung diesen Beschluss begrüßt, echauffiert sich der Rest – ein männlicher Rest, um genau zu sein. Mann fragt sich nämlich empört, wieso das heimliche Abstreifen des Kondoms strafbar ist, nicht aber das heimliche Absetzen der Pille?

Traurig, aber wahr

Man muss überhaupt nicht lange suchen, eigentlich gar nicht, um die Gegenstimmen zu diesem Beschluss zu finden. Sie stammen, wie könnte es auch anders sein, ausschließlich von Männern. Hier ein paar Beispiele (Originalwortlaut) aus der FAZ:

Finde ich gut. Ist quasi eine Körperverletzung. Aber…. umgekehrt ebenso: Wenn Frau sagt , dass sie verhütet, dann muss sie das auch!

Heimlich Pille absetzen oder Kondom manipulieren nicht oder was?

Na Dan Hoff Ich mal das dass heimliche absetzen der Pille genauso geahndet wird

Ganz toll! Sooo genau so anders rum gelten, wenn Frauen Männern ungewünschte Kinder eindrehen!

Nein, ist es nicht 😂 Denn dann wäre das heimliche Absetzen der Pille auch eine Mehrfachvergewaltigung.

Wenn die Frau die Pille heimlich absetzt, schwanger wird und das Kind bekommt ist das Leben des Mannes ebenso zerstört wie bei einer schweren Krankheit.

Bedenkliches Unvermögen

Es ist geradezu schauerlich, wieviel es hier zu diskutieren gäbe. Für den Moment möchte ich allerdings auf einen einzigen Aspekt hinaus. Lassen wir den widerwärtigen Vergleich eines ungeplanten Kindes mit einer schweren Krankheit deshalb außen vor. Oder dass das heimliche Absetzen der Pille mit einer Mehrfachvergewaltigung gleichgesetzt wird, was brechreizerregend verächtlich ist.

Kondome schützen nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften (die der Mann im Falle von Stealthing sich selbst zuzuschreiben hätte, gleichwohl die Frau die Gearschte ist), sondern auch vor diversen Infektionen, die keineswegs immer harmlos sind. Und genau darum geht es hier! Wer sich heimlich das Kondom abstreift, nimmt vorsätzlich in Kauf, die Partnerin oder den Partner mit Krankheiten zu infizieren. Andersrum besteht aber auch die Gefahr, sich selbst mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken. Kondome dienen nicht nur dem Schutz der bzw. des anderen, sondern vor allem dem eigenen.

Es ist hochbrisant, wie sehr das Unvermögen verbreitet zu sein scheint, eine solch potentielle Körperverletzung als ausreichend legitimen Grund anzuerkennen, dass Stealthing strafbar sein muss. Schlimmer noch: In diese Richtung wird gar nicht erst gedacht! Zumindest von nichthomosexuellen Männern nicht. Für bedenklich viele von ihnen scheint das einzige unerwünschte Resultat aus ungeschütztem Geschlechtsverkehr nämlich ungeplanter Nachwuchs zu sein. Doch selbst dann wird die eigene Verantwortung dafür, dass es nicht dazu kommt ignoriert, und der Sachverhalt stattdessen so gewendet, dass der Mann als womögliches Opfer der Frau dasteht: weil das hinterfotzige Miststück nämlich heimlich die Pille abgesetzt hat.

Superspreader der Fortpflanzung

Keine Frage, jemandem ein Kind unterzujubeln ist eine miese Aktion. Mir geht es jetzt aber um etwas anderes: Ist es nicht ganz und gar erstaunlich, wie sehr Männer ihr Sperma überbewerten?! Diese irre Angst, Frauen hätten kein anderes Ansinnen, als sich unentwegt (hinterrücks) befruchten zu lassen – das Ausmaß der Kommentare legt zumindest nahe, dass Männer sich in einer permanenten Gefahr der reproduktiven Ausnutzung befinden. Als wäre das allein nicht absurd genug, ist das Bedrohungsgefühl, das von Spermaklau ausgeht, zugleich aber nicht groß genug, um die Kontrolle über die Verhütung zu übernehmen. Dabei wäre das überaus naheliegend, denn Männer sind die Superspreader der Fortpflanzung, nicht die Frau.

Männer sind 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr zeugungsfähig, und das auch noch bis zum letzten Atemzug ihres Lebens. Frauen hingegen nur ca. 24 Stunden pro Zyklus, also an etwa 13 Tagen im Jahr.* Nochmal anders gesagt: Auf ein Jahr gesehen, können Frauen nur an 3,6 Prozent aller Tage empfangen, während Männer in derselben Zeit zu 100 Prozent zeugungsfähig sind. Und trotzdem schieben sie die Verantwortung von sich weg und hin zu den Frauen und besitzen dann obendrein die Schamlosigkeit, sich über ungewollte Schwangerschaften zu empören! Wobei sie sich zumeist ja nicht um die ungebetene Verantwortung sorgen, sondern um ihren Geldbeutel…

Wer nicht wider Willen Vater werden möchte, hat selbst dafür Sorge zu tragen, dass das nicht passiert. Punkt. Ist man dazu nicht in der Lage, sollte man den Lümmel lieber in der Hose lassen.

*Eine Eizelle kann nur bis zu 24 Stunden nach dem Eisprung befruchtet werden. Das Fruchtbarkeitsfenster insgesamt ist allerdings größer, da Spermien mehrere Tage in der Vagina überleben können. Findet der Sex bis zu fünf Tage vor dem Eisprung statt, kann es dennoch zu einer Schwangerschaft kommen.


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