Gastbeitrag: Die Entbehrlichen

Ninni Holmqvist

Hintergrundfoto: Pexels, David Yu

Sie sind eine Frau von 50 Jahren/ein Mann von 60 Jahren und kinderlos? Dann gehören Sie zu den Entbehrlichen. Dazu zu gratulieren, wäre nicht angemessen. Sie erwartet Schreckliches. Sie werden bald ins Sanatorium ziehen. Sie werden Ihren Körper für Medikamententests und Organspenden zur Verfügung stellen müssen. Von einer Niere über die Hornhaut bis zur Endspende (Herz, Lungen, Leber) wird alles dabei sein.

Es ist ein Horrorszenario, das Ninni Holmqvist in ihrem Roman Die Entbehrlichen entwirft. In Schweden ist auf demokratischem Weg eine Partei an die Macht gekommen, die alles auf Produktivität ausrichtet. Menschen, die nicht für eine Familie zu sorgen haben und daher nicht zu den Benötigten zählen, werden ab einem bestimmten Alter in Sanatorien gebracht, um ihre Organe zu spenden, wenn Benötigte darauf angewiesen sind. Nur die Pflege kranker Elternteile kann unter Umständen die Zeit verlängern, bis man ins Lager kommt.

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Welche gesellschaftlichen Folgen daraus resultieren, schildert die Autorin nur am Rande, da der Roman in dem Lager angesiedelt ist. Wir begleiten Dorrit, eine fünfzigjährige Schriftstellerin, deren Anträge auf Adoption nicht bewilligt wurden. Zu Beginn des Romans zieht sie in das Lager ein und hadert mit der Überwachung. Alle Räume sind mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet, selbst in den Schlafzimmern werden die BewohnerInnen beobachtet. Privatsphäre gibt es nicht mehr. Vor dem Lager hätte Dorrit nur der Suizid bewahren können:

Eine Weile tat ich es. Ich dachte darüber nach, mich aufzuhängen oder vor einen heranrasenden Zug zu treten oder auf der Autobahn zu wenden und mit voller Fahrt gegen den Verkehr zu fahren. Oder ganz einfach von der Straße abzukommen. Aber ich hatte nicht den Mut. Ich ließ mich lieber zur festgesetzten Zeit vor meinem Haus abholen.

Es gibt keinen Weg zurück. Dorrit muss im Sanatorium bleiben, aus ihrer Perspektive erleben wir dieses grauenvolle System mit seinen Widersprüchen. Je länger sie dort untergebracht ist, desto stärker reift eine Frage in ihr: Wird sie nicht gebraucht? Warum gilt das Prädikat „benötigt“ nur für Eltern? Sie hat doch eine Schwester, die sie braucht, dir ihr wichtig ist. Gleiches gilt für die Menschen im Sanatorium. Sie geben sich Halt, Freundschaften entstehen, sie sind füreinander da. Doch zu „Benötigten“ macht sie das nicht…

Ninni Holmqvist hat einen packenden Roman geschrieben, dessen Szenario erschreckenderweise plausibel erscheint. In Schweden erschien der Roman 2006, zwei Jahre später folgte die deutsche Übersetzung von Angelika Gundlach, die im Fischer Verlag erhältlich ist. An Aktualität hat der Text nicht verloren. Organhandel, Überwachung, Internierungen und die Einteilung von Menschen nach Kriterien der Produktivität finden in unserer Gegenwart statt. Holmqvist verbindet diese Elemente geschickt und stößt Denkprozesse an. Ich hatte Beklemmungen während der Lektüre.

Die Entbehrlichen ist dennoch ein kurzweiliger Roman. Ich glaubte, den Fortlauf der Handlung zu kennen, doch der Schluss bietet Überraschungen. Eine Dystopie, die sich bestens für eine Serienadaption eignet. Ein großartiger Stoff.

Falls sich jemand für thematisch ähnliche Romane interessiert, habe ich noch drei weitere Tipps:

  • Jodi Picoult: Beim Leben meiner Schwester
  • Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten
  • Marie Darieussecq: Unser Leben in den Wäldern

Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen. Aus dem Schwedischen von Angelika Grundlach. Fischer (2011).


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