Rückblick: Deutscher Buchpreis 2019

Deutscher Buchpreis

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In drei Tagen wird die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 verkündet. Bevor sich alle Augen auf die diesjährigen Nominierten heften, möchte ich einen Blick zurück ins Vorjahr werfen.

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit nunmehr fünfzehn Jahren den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Ehe jedoch meine Aufmerksamkeit ab kommenden Dienstag den diesjährigen AnwärterInnen auf den Literaturpreis gehören wird, möchte ich noch einmal in Kürze auf die Longlist des letzten Jahres zurückblicken.

Gut bis herausragend

Von den nominierten Titeln auf der Longlist 2019 waren mir nur sehr wenige Romane, die ich zu dem Zeitpunkt allerdings alle noch nicht gelesen hatte, bekannt. Von der großen Mehrheit hatte ich hingegen noch gar nichts gehört. Trotzdem entfachte direkt weit über die Hälfte eine brennende Neugier und meine Würde-ich-gerne-lesen-Liste wuchs auf einen Schlag beträchtlich. Nicht alle Romane konnten mein anfängliches Interesse allerdings aufrechterhalten, andere wiederum rückten unerwartet nach.

Eine kleine Auswahl stand hingegen von Anfang an unumstößlich fest und, es überrascht mich selbst, alle davon habe ich im Laufe des Jahres tatsächlich gelesen, wobei ich mit Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer (Klett-Cotta, August 2019) aktuell erst beschäftigt bin. Der Roman hat es unerwartet in sich und ich komme mit ihm nur langsam voran. Er ist in vielerlei Hinsicht genial, zugleich aber auch derart merkwürdig, dass ich permanent schwanke zwischen Begeisterung und der Überlegung, ob ich ihn abbrechen soll… Ein in jedem Fall interessantes Leseerlebnis, das ich so widersprüchlich noch nie erfahren habe.

Karen Köhler: MIROLOI ● ● ● ● ●
Saša Stanišić: HERKUNFT ● ● ● ● ●
Norbert Scheuer: WINTERBIENEN ● ● ● ● ○
Ulrich Woelk: DER SOMMER MEINER MUTTER ● ● ● ● ○
Angela Lehner: VATER UNSER ● ● ● ○ ○
Katerina Poladjan: HIER SIND LÖWEN ● ● ● ○ ○

Ohne Zweifel herausragend fand ich Karen Köhlers Miroloi (Carl Hanser, August 2019), das nach meinem Dafürhalten unbedingt auf die Shortlist gehört hätte, und Saša Stanišićs Herkunft (Luchterhand, März 2019), an dem mich wiederum nichts überraschte: weder die Nominierung als solche, noch die Platzierung auf der Shortlist, noch die finale Auszeichnung als Siegertitel. Ich hatte Stanišić wenige Wochen vor Bekanntgabe der Longlist bei einer Lesung erlebt und spürte sofort, dass in seinem Roman Buchpreis-Potential steckt. Sein Buch sollte man von allen hier genannten Titeln definitiv gelesen haben.

Ebenfalls mühelos überzeugen konnten mich Norbert Scheuer mit Winterbienen (C.H.Beck, Juli 2019) und Der Sommer meiner Mutter von Ulrich Woelk (C.H.Beck, Januar 2019). Beides auf ihre Weise sehr gute Romane, wobei ich vor allem letzteren schon allein deshalb weiterempfehlen muss, weil ich damit im Januar ins neue Jahr startete und er mir sogleich ein Lesehighlight verschaffte.

Persönliche Must-Reads waren für mich außerdem Angela Lehner mit ihrem Debüt Vater Unser (Hanser Berlin, Februar 2019) und Katerina Poladjan mit Hier sind Löwen (S. Fischer, Juni 2019). Zwei definitiv gute, lesenswerte Romane, die aber mit den obigen unleugbar nicht Schritt halten können.

Drei Desiderate

Ein Titel, der sich von Anfang an meiner Aufmerksamkeit sicher sein durfte, war Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang (S. Fischer, August 2019). Ich meine mich zu erinnern, dass ich ihn schon kurz vor Bekanntgabe der Longlist ins Auge gefasst hatte, nachdem ich in die Leseprobe geschaut und sofort überzeugt gewesen war. Nicht unmittelbar interessiert war ich hingegen an Jackie Thomaes Brüder (Hanser Berlin, August 2019) und Tom Zürchers Mobbing Dick (Salis, März 2019). Auf ersteren bekam ich erst durch eine herrliche Lesung der Autorin Lust, zweiterer verdankt meine Beachtung einem begeisterten Beitrag im Deutschlandfunk. Alle drei Romane stehen nach wie vor ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste und werden definitiv noch gelesen.

Vielleicht doch nicht

Ziemlich unentschlossen stehe ich hingegen Gelenke des Lichts von Emanuel Maeß (Wallstein, Februar 2019) und Lola Randls Der große Garten (Matthes & Seitz, März 2019) gegenüber. Beide Romane habe ich begonnen, beide nach wenigen Seiten wieder weggelegt. Das war keinem Nichtgefallen geschuldet, sondern eher dem Eindruck, gerade nicht in der rechten Verfassung dafür zu sein. Zugleich aber legte ich sie nicht mit dem Gefühl weg, es zu einem späteren Zeitpunkt unbedingt noch einmal versuchen zu müssen. Sehr gut möglich also, dass wir nicht mehr zueinanderfinden werden.

Unter ferner liefen

Von zwanzig nominierten Romanen können selbstredend nicht alle neugierig machen. Die folgenden acht lockten mich aus unterschiedlichen Gründen nicht, wobei sie mich für gewöhnlich schlichtweg inhaltlich nicht ansprachen:

Nora Bossong wurde mit Schutzzone (Suhrkamp, September 2019) von vielen als heiße Anwärterin auf den Deutschen Buchpreis gehandelt, schaffte es dann aber nicht einmal auf die Shortlist. Mich reizte der Roman hingegen von Anfang an nicht. Zwischenzeitlich zog ich ihn der politischen Relevanz wegen trotzdem in Betracht, einige mäßig begeisterte Meinungen aus meinem Umfeld ließen mich von dem Vorhaben aber wieder abkommen. Ebenso wenig Aussicht darauf, dass ich es doch lesen werde, besteht für Andrea Grills Cherubino (Paul Zsolnay, Juli 2019). Die spärlichen Meinungen zum Roman auf Instagram waren zumeist verhalten, selbst die Buchpaten Juliane Noßack und Stefan Diezman wusste er nicht zu überzeugen, was mich in meinem Zögern nur bestätigte. Der Roman mit der geringsten Beachtung bei Instagram, mit gerade einmal 19 traurigen Treffern, dürfte allerdings Die untalentierte Lügnerin (Jung und Jung, März 2019) von Eva Schmidt sein, wobei die Auffassungen auch noch ziemlich weit auseinandergehen. Mich lockt er nach wie vor überhaupt nicht, was vielleicht auch dem nichtssagenden Cover geschuldet ist.

Miku Sophie Kühmel rief mit Kintsugi (S. Fischer, August 2019) hingegen nicht nur allseits deutlich mehr Interesse, sondern auch viel Begeisterung hervor. Tatsächlich schaffte es der Roman sogar auf die Shortlist, meine Aufmerksamkeit konnte aber auch das nicht erregen, was mir irgendwie leidtut… Gleichwohl Tonio Schachinger mit Nicht wie ihr (Kremayr & Scheriau, September 2019) ebenfalls die Shortlist erreichte und überraschend viel Anklang fand, es geht immerhin um Profifußball, blieb mein Interesse bei Null und wird dort auch bleiben. Anders verhält es sich mit Norbert Zähringers Roman Wo wir waren (Rowohlt, März 2019), mit dem ich zumindest zu Beginn kurz liebäugelte, dann aber ziemlich schnell wieder aus den Augen verlor, weil andere Titel einfach entschieden reizvoller waren bzw. immer noch sind.

Marlene Streeruwitzs Roman Flammenwand (S. Fischer, Mai 2019) muss möglicherweise als Sonderfall gewertet werden: Ich hege für die Autorin eine tiefsitzende Antipathie und kann mich zu ihrem Buch daher nicht überwinden…

Desinteressiert begegnete ich außerdem Jan Peter Bremers Der junge Doktorand (Berlin Verlag, September 2019). Auch hier sprang schlichtweg kein Funke über, der mein Interesse entzündet hätte. Schaut man sich die Zahlen bei Instagram an, scheint er auch auf andere wenig Reiz ausgeübt zu haben. Wahrscheinlich jedoch ist das ein riesiges Versäumnis! Die Kritiken in ZEIT & Co sind voll des Lobes und Deutschlandfunk Kultur meint, stellenweise lese es sich, „als habe man Thomas Bernhard mit Loriot gekreuzt“. Das klingt eigentlich reichlich verheißungsvoll und so werde ich den Roman vielleicht doch noch in Erwägung ziehen.


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