Berlin Alexanderplatz

Burhan Qurbani

Wieso dieser Film?

Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin ist eines dieser großmeisterlichen Werke, das zum Kanon eines jeden Buchmenschen gehört, der etwas auf sich hält. Oder so ähnlich… Ich nämlich hatte mich ehrlich gesagt bisher davor gedrückt, diesen stolzen Roman zu lesen, weil mir immer noch das Ächzen des Deutsch-LKs in den Ohren klingt, der ihn (auszugsweise?) lesen musste. Anfang des Jahres aber wurde ich auf die Neuverfilmung mit Welket Bungué und Jella Haase (Kinostart 16. Juli) aufmerksam und kam zu dem Schluss: Jetzt oder nie! Als dann auch noch die Agentur Jetzt & Morgen auf mich zukam mit der Frage, ob ich Lust auf eine Kooperation hätte, war klar, dass der Tag für mich und Berlin Alexanderplatz ganz offensichtlich gekommen ist.

So habe ich mich die vergangenen Wochen endlich mit einem Roman befasst, um den ich anderenfalls noch Jahre oder gar Jahrzehnte einen Bogen gemacht hätte. Fazit: Hat zwar Ausdauer gefordert, war aber eine tolle Leseerfahrung. Den Film von Regisseur Burhan Qurbani habe ich mittlerweile auch gesehen…

Worum geht’s? Und wie gefällt’s?

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod

Der Film beginnt auf dem Meer, bei tiefschwarzer Nacht. Nur eine Seenotfackel taucht den Überlebenskampf zweier Menschen im Wasser, ein Mann und eine Frau, in unheilvoll blutrotes Licht. Schreie sind zu hören. Die Frau ertrinkt. Das Besondere an diesem ersten Bild: Es steht auf dem Kopf. Mit dieser bedrückenden Szene wirft Regisseur Burhan Qurbani die Zuschauer hinein in seine Adaptation von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und macht unmissverständlich klar, was man zu erwarten hat: Ein Spaziergang wird dieser Film nicht.

Erzählt wird die Geschichte von Francis (Welket Bungué), der auf der Flucht von Afrika nach Europa kentert und sich mit letzter Kraft an einen Strand retten kann. Sein Frau Ida ist ertrunken. Er leistet einen Schwur, von nun an ein guter Mensch zu sein. Francis kommt nach Berlin, wo ihn die Lebensumstände als staatenloser Flüchtling auf eine harte Probe stellen. Zunächst schafft er es, auf dem rechten Weg zu bleiben, doch schon bald trifft er auf den zwielichtigen Reinhold (Albrecht Schuch), dem es gelingt, Francis für seine Drogendeals in der Hasenheide einzuspannen.

Als Francis von Reinhold verraten wird und bei einem Unfall seinen linken Arm verliert, greift Nachtclubbesitzerin Eva (Annabelle Mandeng) ein, die Francis schon länger aus den Fängen seines vermeintlichen Freundes befreien will und bringt ihn bei Mieze (Jella Haase) unter. Endlich scheint Francis Reinholds Zugriff entzogen, doch führen die Wege die beiden wieder zusammen und das Streben, ein anständiger Mensch sein zu wollen, wird immer morscher.

Der Mensch ist ein hässliches Tier, der Feind aller Feinde…

Reinhold ist ein kraftloses, psychotisches Ungeheuer der Berliner Unterwelt. Sobald er auftaucht, scheint es kalt zu werden. Er ist ein Dämon, dem Francis in seinem Wunsch, gut zu sein, aufsitzt. Dafür kann man Verständnis aufbringen, denn Reinhold scheint der einzig gangbare Weg, dem Elend zu entkommen.

Bei Reinhold wird Francis zu Franz, wird germanisiert, annektiert. Und Francis lässt alles zu, ist dankbar, dass da jemand ist, der sich kümmert, dem er vertrauen kann, weil er nicht versteht, dass er gerade diesem einen Menschen nicht vertrauen darf. Und eigentlich versteht er es doch, kann sich dem Bann Reinholds aber nicht entziehen, entscheidet sich letztlich sehenden Auges für das Schlechte. Francis ist in vielerlei Hinsicht Opfer, wofür man aber nur bedingt Mitleid aufbringen kann, denn er ist kein Sympathieträger. Wie Mieze sagt: „Einer, der alles kaputt macht, der liebt mich nicht, der liebt den Tod.“ Das macht seine Figur wenig heroisch und damit glaubhaft.

Die Hure Babylon

Mieze selbst hat mit ihrer Glaubwürdigkeit indes zu kämpfen, insbesondere gegen Ende. Wohlwissend, dass Reinhold ein hochgefährlicher Mann ist, lässt sie sich auf eine fragwürdige Abmachung mit ihm ein und gibt seinen nachfolgenden bedrängenden Bedingungen wiederholt und ohne Zögern nach – für eine Information, die sie auch von Francis erhalten könnte. Ihr Handeln leitet die entscheidende Wendung ein, hätte aber anders erzählt werden können, sogar müssen! Denn Mieze ist nicht naiv, sondern abgeklärt und taff.

Das Problem: Qurbani gelingt es nicht, eine neue Mieze zu kreieren. Aus der jungen Frau, die im Roman auf den Strich geht, wird ein teures Escort-Girl. Mehr nicht. Damit steht sie exemplarisch dafür, dass der Versuch, den Plot ins Heute zu holen nur bedingt als geglückt bezeichnet werden kann. Qurbani schafft es nicht, ihn in seiner Gesamtheit zu modernisieren und das liegt vor allem an den Frauenfiguren. Zu oft entsprechen diese dem klassischen Bild des schwachen Geschlechts, lassen beinahe jegliche emanzipatorische Entwicklung missen. Man könnte es allzu leicht übersehen, aber ein exzellentes Beispiel dafür sind die Sexszenen, in denen es stets der Mann ist, der es der Frau „besorgt“. Bedenklich ist in diesem Kontext auch die Darstellung der Frauen als Ungeduldige, Unbefriedigte, Unglückliche, die ihre Erfüllung nur im Zusammensein mit einem Mann zu sehen scheinen.

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„Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin ist eines dieser großmeisterlichen Werke, das zum Kanon eines jeden Buchmenschen gehört, der etwas auf sich hält. Oder so ähnlich… Ich nämlich habe mich ehrlich gesagt bisher davor gedrückt, diesen stolzen Roman zu lesen, weil mir immer noch das Ächzen und Klagen des Deutsch-LK in den Ohren klingt, der ihn lesen musste. Einmal habe ich damals einen Blick reingeworfen und das Buch schnell wieder zugeschlagen – viel zu anstrengend. Vor einigen Wochen aber wurde ich auf die Neuverfilmung mit Welket Bungué und Jella Haase (Kinostart 16. Juli) aufmerksam und kam zu dem Schluss: Jetzt oder nie! Als ich dann auch noch gefragt wurde, ob ich Lust auf eine Kooperation hätte, war klar, dass der Tag für mich und „Berlin Alexanderplatz“ ganz offensichtlich wirklich gekommen ist. Und so habe ich die letzten Tage angefangen, mich mit einem Roman zu befassen, um den ich andernfalls noch Jahre oder Jahrzehnte einen Bogen gemacht hätte. Und was soll ich sagen: Ist überhaupt nicht schlimm, tut nicht weh, erfordert nur ein wenig Ausdauer. Auf jeden Fall bin ich nun ein bisschen stolz auf mich und auf die Verfilmung doppelt gespannt. Der Trailer ist dermaßen verheißungsvoll! Regisseur Burhan Qurbani scheint da eine ziemlich krasse Adaption vorzulegen. – GEWINNSPIEL – Ich verlose 2 x 1 Exemplar von „Berlin Alexanderplatz“ und dazu je ein Filmplakat. Das Gewinnspiel endet am 10. Juli 2020 um 23.59 Uhr. Das Los entscheidet. So einfach kannst du teilnehmen: ▪️ Folge mir. ▪️ Erzähle in den Kommentaren von deinem Verhältnis zu dem Roman: Bist du auch Berlin-Alexanderplatz-Drückeberger (gewesen)? Oder hast du das Buch schon gelesen? Wie gefällt es dir? ▪️ Markiere eine(!) Person, die sich über das zweite Set aus Buch + Plakat freuen würde. Sprich: Gewinnst du, gewinnt auch die Person, die du verlinkt hast. [Werbung/Kooperation: Danke an die Agentur @jetztundmorgen] #alfreddöblin #berlinalexanderplatz #neuverfilmung #burhanqurbani #welketbungue #jellahaase #eonegermany

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You want to be good in a world that is böse

Trotz einer grundsätzlich fabelhaften Besetzung, schwächelt der Film auch schauspielerisch. Zwar sind die Darsteller ohne Frage gut, ja sehr gut, dennoch fehlt ihnen zumeist etwas. Albrecht Schuch als Reinhold beispielsweise scheint sich gelegentlich in seiner Rolle zu verlieren, zu vergessen, schafft es unter anderem nicht, das dünne Fistelstimmchen aufrechtzuerhalten, mit dem er zu Beginn in Erscheinung tritt. In dieser Stimme verbirgt sich viel seiner Psychopathie, sie lässt es einem kalt den Rücken herunterlaufen. Es fällt direkt auf, wenn sie fehlt. Joachim Król als Drogenbaron Pums verleiht seiner Figur eine glaubwürdige Lässigkeit und gleichgültige Überlegenheit, bleibt damit zugleich stets ein wenig fade und uninteressant. Mehr Präsenz hätte ihm gutgetan. Ein Juwel, eine großartige Besetzung ist Welket Bungué, der final aber hinter der starken, eindrücklichen Figur des Reinhold bedauerlicherweise spürbar zurückbleibt.

Ein letzter Vorwurf, den sich der Film gefallen lassen muss, ist das Ende, das ein wenig zu happy gerät, zu versöhnlich und damit zu platt. Insbesondere das Schlussbild ist von entstellendem Kitsch und steht dem Rest nicht zu Gesicht. Was mich zu meiner einzigen, wirklichen Kritik führt. Es hat ein wenig gedauert, bis mir klar wurde, dass etwas Entscheidendes fehlte – Emotionen. Das Ende mag pathosbeladen sein, in den rund drei Stunden davor schaffte es die Handlung hingegen nicht, mich zu packen, zu berühren oder mitzureißen. (Ich habe nicht herausfinden können, woran es liegt.) Allerdings würde ich nicht so weit gehen wollen zu behaupten, ich hätte teilnahmslos dagesessen, denn eindrucksvoll ist das Filmerlebnis sehr wohl!

In die Hölle mit Pauken und Trompeten

Es ist nämlich unübersehbar, dass Qurbani mehr wollte, als nur eine Neuverfilmung, eine Adaption vorzulegen – Berlin Alexanderplatz erhebt den Anspruch ein Gesamtkunstwerk zu sein. Und der steht ihm, unbeachtet jeder Kritik, zweifelsohne zu. Was den Film dabei vor allem auszeichnet, ist seine unglaubliche Bilderschönheit, die man nicht anders als poetisch bezeichnen kann. Motivisch ist er ungeheuer stark, besticht durch eine hervorragende Komposition aus Licht und Farbe von wirkmächtiger symbolischer Aufladung. Auch das Sounddesign des Films ist exzellent, gleichwohl die nachsynchronisierten Episoden gelegentlich übersteuert wirken; dann passen Bild und Ton nicht mehr aufeinander, geraten die Stimmen zu laut. Aber darüber lässt sich hinwegsehen.

Was die Erzählstruktur betrifft, setzt Qurbani nach meinem Dafürhalten das Montagehafte des Romans gelungen um und schafft es auch, das expressionistische Element zu übertragen. Berlin Alexanderplatz ist ein epischer Film von beinahe biblischer Vehemenz. So erinnert sich Francis zum Beispiel in wiederkehrenden Flashbacks an schamanistische Zeremonien; immer wieder steht ihm ein Stier vor Augen, dessen unheildrohendes Erscheinen sich zunehmend mit seiner neuen Lebenswelt vermengt.

An dieser Stelle müssen abschließend die Textzitate Erwähnung finden, die zumeist direkt aus der Romanvorlage entnommen wurden und wie düstere Prophezeiungen als Off-Kommentare zu hören sind. Sie schlagen dem Plot einen kraftvollen, beinahe apokalyptischen Takt.

Lohnt es sich?

Der Film von Burhan Qurbani kann bedauerlicherweise nicht ganz einhalten, was er verspricht. Visuell und erzählerisch ist er absolut imposant. Auch schauspielerisch hat er mich trotz einiger Schwächen überzeugt, insbesondere Welket Bungué in der Rolle des Francis. Dass die Übertragung des Plots ins Heute nicht vollständig gelingt ist ein Versäumnis, aber durchaus verzeihlich. Der Grund, wieso Berlin Alexanderplatz alles in allem dennoch hinter meinen Erwartungen zurückblieb: er resonierte nicht.

[Werbung/Kooperation: Meinen Dank an die Agentur Jetzt & Morgen.]


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