Gastbeitrag: In der Nacht hör’ ich die Sterne

Paola Peretti

Mafaldas Welt ist in Nebel gehüllt. Als hätte sie „zu lange zu heiß geduscht“ – ein Leben lang. Denn ihr Nebel hat einen Namen. Stargardt. Und er ist nicht allein. Mit ihm kommt die Schwärze, die unaufhaltsam nach ihrer Umgebung greift und sie in Dunkelheit hüllt. Mafalda ist neun Jahre alt. Sie wird in sechs Monaten erblinden.

140 Schritte. Aus dieser Entfernung kann Mafalda den Kirschbaum auf dem Schulhof zu Beginn der Geschichte noch erkennen. Er ist ihr Anker, ihr Vertrauter. Neben ihrem Kater Ottimo Turcaret natürlich, der ihr überall hin folgt und sie immer von der Schule abholt. Denn Freunde hat Mafalda keine mehr. Ihre MitschülerInnen meiden sie wegen ihrer Krankheit. Dabei will sie einfach nur dazugehören. Einzig die Hausmeisterin ist immer für sie da. Esmeralda, die immer ehrlich ist, auch wenn es weh tut. Sie war es auch, die ihr zu der Liste geraten hat. Der Liste über Dinge, die sie wahnsinnig gerne mag, aber bald nicht mehr haben kann. Sie soll sie aufschreiben, um loszulassen. Aber so ganz verstanden hat Mafalda das noch nicht.

Katharina Hoppe schreibt auf Gassenhauer über Bücher. Ich mag sie nicht nur für ihren wunderschönen Vornamen, sondern auch wegen ihres treffendprägnanten Rezensionsstils und ihres originellen Instagram-Kanals.

Finde deine Rose, Mafalda. Das, was für dich wesentlich ist. Das, wozu du keine Augen brauchst.

Ich kann mich nicht erinnern, ein Buch jemals mit dem Adjektiv „rührend“ versehen zu haben, doch im Fall von In der Nacht hör’ ich die Sterne erscheint mir kein Wort passender. Mafaldas Geschichte ist die Geschichte eines Kindes – in der Welt eines Kindes. Tiefschürfende Auseinandersetzungen mit dem eigenen Schicksal wären hier fehl am Platz. Denn Mafalda ist nur ein Mädchen. Ein Mädchen das Angst hat. Das allein sieht, was es zu verlieren gibt. Deren Gedankenwelt daraus bestand, wer mit wem zusammen ist oder wie nervig die Schule doch ist und das nun bedauert, nie mehr „Der Boden ist Lava“ spielen zu können. Ein Mädchen, das im Tor stehen will, obwohl es den Ball nicht kommen sieht; das mutig auf Menschen zugeht und irrwitzige Pläne ausheckt, aber glaubt, Babys kämen aus dem Bauchnabel. Ein Mädchen, das in seiner herzerwärmenden Naivität doch begreift, dass ihre Eltern nicht so entspannt sind, wie sie sich geben; das in deren Versuch, alles normal erscheinen zu lassen, völlig vergessen wird und schrecklich allein mit sich und seinen Gedanken ist…   

An diesem Abend ziehe ich meinen blauen Schlafanzug an und trete mit Ottimo Turcaret ans Fenster […], als für eine Sekunde mein Herz aussetzt. Ich kann den Polarstern nicht sehen! Den Mond ja, er steht direkt vor mir, hell wie eine Laterne, Aber der Polarstern, wo ist er? Normalerweise befindet er sich direkt daneben, und jetzt ist er nicht da!

Obwohl die Autorin Paola Peretti selbst an Morbus Stargardt erkrankt ist und das Gefühl, die Sehkraft zusehends zu verlieren, kennt, ist es keineswegs ihre Beschreibung des Verlaufs, die mich rührte. Dazu fehlte es schlicht an Details, an Erinnerungen daran, was plötzlich zum Hindernis wird. Bis auf die Kapitelüberschriften, welche die schrumpfende Entfernung zum Kirschbaum festhalten und Momente, in denen die schwarzen Wolken sich ganz über Mafaldas Sichtfeld legen, wird selten wirklich klar, wie es um sie steht. Ich kann also nicht behaupten, dass mir die Geschichte über ein Mädchen, das erblindet, nah gebracht hat, wie sich das anfühlt. Es hätte jede andere Krankheit sein können.

Rührend an Perettis Geschichte ist vielmehr der Umgang ihrer jungen Protagonistin mit ihrem Schicksal. Ihre Angst, ihre Hilflosigkeit, ihre mich zum Lächeln bringende Kinderlogik, ihre scharfe, Unsicherheit kaschierende Direktheit, ihre unsichtbaren Möglichkeiten. Rührend, weil wir sie kennen, die Mechanismen, die Wehrhaftigkeit, die Trauer, die Akzeptanz, den Moment, an dem es okay ist. Insofern ist In der Nacht hör’ ich die Sterne kein Must-Read. Es ist eine zarte, episodenhafte Geschichte mit leiser Handlung und wenigen Charakteren, die durchaus ihre Schwächen hat, aber es dennoch schaffte, mir ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern…  

Paola Peretti: In der Nacht hör’ ich die Sterne. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt. dtv (2018).


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