Letterbericht Nr. 8

Dumont Verlag

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen mehrere Bücher vor. In Letterbericht Nummer 8 schauen wir uns ein paar Titel aus dem Dumont Verlag an, die dieses Frühjahr erschienen sind.

Vor ein paar Wochen flatterte die Verlagsvorschau aus dem Dumont Verlag mit den Herbstnovitäten 2020 ins Haus – die Bezeichnungen „Frühjahr“ und „Herbst“ bei Verlagsvorschau sind immer relativ zu verstehen, da die ersten Herbstbücher zum Beispiel in der Regel ab Juli erhältlich sind. Wie dem auch sei, auf den hinteren Seiten fand sich eine knappe Übersicht über die diesjährigen Frühjahrstitel und irgendwie staunte ich nicht schlecht, als ich feststellte, dass ich immerhin sieben davon gelesen habe. Das war so nie intendiert gewesen, die betreffenden Bücher waren einfach nach und nach als Rezensionsexemplare, Geschenke oder Kauf bei mir eingezogen.

Unmittelbar ploppte die Idee auf, sie in einem der nächsten Letterberichte allesamt vorzustellen. Los geht’s!

DANKBARKEITEN

Delphine de Vigan
Dumont Verlag

Dankbarkeiten war mein erster Berührungspunkt mit der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan, die man möglicherweise niemandem mehr vorstellen muss. Spätestens seit Loyalitäten, das vor zwei Jahren erschien, gibt es an ihr kaum noch ein Vorbeikommen – und trotzdem hatte ich bisher nichts von ihr gelesen, ohne dass es dafür einen besonderen Grund gegeben hätte. Vielleicht hatte ich Angst vor dem Hype? Wenn ja, dann war das vollkommen unbegründet.

Wie dem auch sei, vor einigen Wochen also las ich Dankbarkeiten und kaum hatte ich das Buch beendet, griff ich zum nächsten der Autorin und dann zu noch einem. Es war der Erzählstil, der mich packte. Doch wie soll ich den beschreiben? Er ist schwer zu fassen, in jedem Fall aber fühlt sich de Vigan sehr intensiv in ihre Romanfiguren ein und schreibt fein und nuanciert darüber, was sie dort vorfindet.

In Dankbarkeiten heißt die Romanfigur Michka. Diese lebt aufgrund ihrer zunehmenden Demenz seit kurzem in einer Pflegeeinrichtung, wo sie regelmäßig von ihrer Ziehtochter Marie besucht wird. Diese Besuche und die wöchentlichen Sitzungen mit dem Sprachtherapeuten Jérôme sind die einzig verbliebenen Lichtpunkte in Michkas Leben, die, bevor das zunehmende Vergessen ihr Sprachvermögen vollständig verschlingt, nur noch eines tun möchte: Danke sagen. Sie möchte dem Ehepaar danken, dass sie vor den Nazis versteckt hielt. Unabhängig voneinander machen sich Marie und Jérôme auf die Suche nach diesen Menschen. Eine Suche, für die kaum noch Zeit bleibt.

Die große Kraft des Romans liegt in seiner Reduziertheit. De Vigan fokussiert sich aufs Essentielle, spart Details aus und sagt mit wenigen Worten doch so viel. Mich haben sowohl Thema als auch Umsetzung immens bewegt und mitgenommen. Dankbarkeiten ist ohne Zweifel ein Must-Read!

Wer etwas mehr über Dankbarkeiten wissen möchte oder sich für die anderen beiden Romane interessiert, dich ich von Delphine de Vigan gelesen habe, wird in dieser Rezension fündig.

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont (2020).

DER BRENNENDE SEE

John von Düffel
Dumont Verlag

Es ist erst April, doch bereits unerträglich heiß. Nur widerwillig kehrt Hannah in diesem schwülen Jahrhundertwetter in ihre Heimatstadt zurück, um die Wohnung ihres verstorbenen Vaters aufzulösen. Dort findet sie das Foto einer jungen Frau, die ihr unbekannt ist und die sie nicht einordnen kann. Ihr Gefühl sagt Hannah jedoch, dass es etwas auf sich hat mit der Unbekannten und so begibt sie sich auf die Suche, die sie schließlich zu Julia führt. Diese ist engagierte Klimaaktivistin und wie sich herausstellen wird, hat der Vater Hannah zugunsten einer (aus seiner Sicht) guten Sache enterbt. Im Zentrum von Julias Einsatz steht nämlich der Baggersee, in dem Hannahs Vater täglich schwimmen gegangen ist und um den sich drei Parteien erbittert streiten.

Zugegeben, klingt im ersten Moment gar nicht so schlecht, zumal durch den Klimaschwerpunkt ein sehr aktuelles, drängendes Thema behandelt wird. Und einen See zu wählen, an dem sich verschiedene Interessen entzünden, ist auch kein schlecht gewählter Fixpunkt, weil hier viel Potential für Symbolkraft liegt. Damit ist das, was ich an Positivem zu sagen hätte aber bedauerlicherweise auch schon ausgeschöpft. Von allen hier genannten Büchern war Der brennende See von John von Düffel die einzige Enttäuschung – meine Güte, was für ein ödes Leseerlebnis! Bis Seite 140 hielt ich tapfer durch, also immerhin bis zur Hälfte, doch dann musste ich mich der Wahrheit fügen. Und die heißt: uninteressante Figuren, platte Dialoge und keine erkennbare Handlung. Ich sage es wirklich nur widerstrebend, aber dieses Buch lohnt sich nicht.

John von Düffel: Der brennende See. Dumont (2020).

DER GIN DES LEBENS

Carsten Sebastian Henn
Dumont Verlag

Erzählt wird die Geschichte von Bene, der eigentlich Benoit heißt, weil seine Mutter einen Frankreichfimmel hat. Bene ist Mechaniker und verdient sein Geld mit der Reparatur von Oldtimern, er liebt Rockabilly und läuft mit Tolle und schwarz-weißen Brogues durchs Leben. Vor allem aber ist er kreuzunglücklich, weil seine Freundin ihn, als Loser bezeichnend, soeben verlassen hat. Seinen Kummer möchte er nun in der Flasche Gin Marke Eigenbau ertränken, die sein Vater ihm vor vielen Jahren schenkte, unmittelbar vor dessen tödlichem Verkehrsunfall. Obwohl Bene von Gin keine Ahnung hat, ahnt er, es mit einem richtig guten Tropfen zu tun zu haben. Der Freund eines Freundes attestiert ihm kurz darauf: Damit könntest du reich werden! Leider jedoch findet sich in den Unterlagen des Vaters kein einziger Hinweis auf die verwendeten Botanicals (Aromengeber). Kurzentschlossen reist Bene nach Plymouth, wo der Vater jedes Jahr einen Kongress besuchte und wo dessen Gin-Leidenschaft begonnen haben muss. Aus der unschuldigen Reise wird allerdings schon bald ein Kriminalfall.

Ich liebe Gin! Meinen ersten Gin Tonic habe ich vor sechzehn Jahren in einem australischen Wohnzimmer geschlürft und bin seitdem ein großer Fan, obgleich keine Kennerin. Als also der Kriminalroman Der Gin des Lebens von Carsten Sebastian Henn als Überraschung den Weg zu mir fand, war ich direkt ein bisschen euphorisch. Dieses Gefühl legte sich aber recht schnell wieder, denn auf den etwa ersten zwanzig Seiten fand ich den Roman nur so lala. Ich blieb aber dran und die Geschichte gefiel mir zunehmend besser.

Wirklich vom Hocker reißen konnte mich Der Gin des Lebens allerdings nicht, dafür haben sowohl Handlung als auch Erzählweise zu viele Schwächen. Dazu gehören beispielsweise die Dialoge, die mir manchmal zu uninspiriert waren. Ebenfalls konnte ich den Einschüben aus einem (fiktiven) Gin-Handbuch überhaupt nichts abgewinnen. Die Idee als solche, auf diese Weise Faktenwissen rund um den Gin zu vermitteln, gefällt mir sehr, nur die Umsetzung hapert nach meinem Empfinden gewaltig. So stammt besagtes Handbuch aus den Neunzigerjahren, thematisiert aber die Vielfalt von Tonics und was diese mit einzelnen Gins machen. Mir kam das verdächtig vor und ich versuchte mehr darüber zu erfahren, was mir final nicht geglückt ist, dennoch scheint mich mein Gefühl nicht zu trügen: Gin wurde erst Anfang der Nullerjahre zu einem Trend, der Premiummarken hervorbrachte und im Laufe der Zeit auch ein entsprechendes Spektrum an Tonics. Wen jemand mehr darüber weiß, dann schreibt mir gerne!

Quintessenz: Vollkommen okayer Roman, der für Unterhaltung und Kurzweil sorgt und auf jeden Fall auf einem tollen Thema aufgebaut ist. Außerdem hat er einen Anhang mit ein bisschen Klugscheißerwissen über Gin zu bieten, einschließlich Rezepten, die ich definitiv mal ausprobieren werde. Na dann, Prost!

Carsten Sebastian Henn: Der Gin des Lebens. Dumont (2020).

IM BAUCH DER KÖNIGIN

Karosh Taha
Dumont Verlag

Dieser Roman ist eine Wucht! Ich sage es euch gleich: Lest ihn. Punkt. Allein das Leseerlebnis selbst ist lohnend, denn Im Bauch der Königin ist im Wendeformat gebunden, das heißt man liest das Buch von zwei Seiten. Und zwar deshalb, weil es zwei Geschichten erzählt, die eigentlich eine Geschichte sind. Aber dann eben doch zwei, weil es zwar viele Parallelen und auch deckungsgleiche Momente gibt, vieles davon aber wie spiegelbildlich angeordnet ist. Man merkt schon, es ist ein bisschen… nein, nicht kompliziert, vielmehr ungewöhnlich. Und weil nicht in wenigen Worten wiederzugeben ist, was genau es mit Im Bauch der Königin auf sich hat, verweise ich an dieser Stelle auf meine ausführliche Rezension, die ihr hier findet.

Im Bauch der Königin war auf jeden Fall einer der Titel, auf den ich mich von allen Neuerscheinungen dieses Frühjahr am meisten gefreut habe und ich wurde definitiv nicht enttäuscht. Ich wiederhole daher: maximal lesenswert!

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Dumont (2020).

OFFENE SEE

Benjamin Myers
Dumont Verlag

Ein weiterer Roman, der mich wirklich begeistert hat, war Offene See von Benjamin Myers, den ich kürzlich erst rezensiert habe und über den ich deswegen hier nicht im Detail eingehen werde. Ein paar Worte über die Handlung dürfen es aber selbstredend sein:

England im Jahr 1946, der junge Robert hat gerade die Abschlussprüfungen geschrieben und wartet auf die Ergebnisse, um dann einen Beruf zu ergreifen. Welcher das sein wird, steht bereits fest: Wie alle Männer seiner Familie, wird auch er im Bergbau arbeiten. Doch die Vorstellung, sein Leben fortan quasi unter Tage in Enge und Dunkelheit verbringen zu müssen, behagt ihm nicht. Bis es soweit ist, möchte er daher wenigstens einmal etwas von seinem Heimatland gesehen haben und so bricht er auf Richtung Süden. In einem heruntergekommenen Cottage an der Küste trifft er auf die ältere, alleinstehende Dulcie, bei der er zunächst für ein paar Tage, dann für Wochen unterkommt und die sein ganzes Denken in neue Bahnen lenken wird.

Auch hier kann ich voller Überzeugung eine absolute Leseempfehlung aussprechen.

Benjamin Myers: Offene See. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike
Wasel. DuMont (2020).

POWER

Verena Güntner
Dumont Verlag

Als ich Anfang des Jahres Power von Verena Güntner in der Verlagsvorschau erblickte, war ich sofort angefixt und wusste: Das muss ich lesen! Und ich sage wie’s ist: Diesem Buch würde ich eigentlich am liebsten eine eingehende Rezension widmen, da ich aber so viele andere in der Pipeline habe und sowieso nie hinterher komme mit den Besprechungen, muss es bei dieser Kurzvorstellung bleiben.

Hinter dem titelgebenden Power steckt der gleichnamige Terrier der alten Hitschke, der plötzlich verschwunden ist. Die Hitschke heuert daher die elfjährige Kerze an, nach dem Hund zu suchen und diese legt auch sofort mit Inbrust los – schaut sich beim Edeka um, wo Power verschwunden ist, beobachtet die Leute dort und befragt (verdächtigt) Freunde. Umso weniger fündig Kerze jedoch wird, umso weiter dehnt sie den Suchradius aus, bis sie schließlich das Dorf verlässt und zum Waldrand gelangt. Mittlerweile sind die Sommerferien angebrochen und Kerzes Suche schließen sich immer mehr Kinder an, bis sie alle in die Aktion involviert sind. Was anfangs einen spielerischen Zug hat, gewinnt jedoch schnell an Ernst. Unter den Kindern findet eine Radikalisierung statt, die sie immer tiefer in den Wald eindringen lässt, bis zu dem Punkt, da sie sich dort einrichten und nicht mehr nach Hause zurückkehren. Sie bellen, gehen nur noch auf allen vieren, beschnüffeln sich und binden sich Schwänze aus Zweigen um. Die Erwachsenen schauen dieser Entwicklung zu, ohne einzugreifen. Erst als die Kinder gänzlich fortbleiben werden sie aktiv – sie machen die Hitschke verantwortlich. Statt die Kinder aus dem Wald zurückzuholen, entladen sich Angst und Wut über der Frau, die ohnehin seit jeher misstrauisch beäugt wurde, schließlich wurde sie buchstäblich über Nacht von ihrem Mann verlassen. Mit der stimmt etwas nicht, sonst wäre der Karl ja nicht auf und davon…

Die Stärke des Plots liegt in den zahlreichen Widersprüchen, auf denen er basiert: Da wäre zum Beispiel die verlassene Hitschke, der mit Skepsis begegnet wird, während man dem ebenfalls verlassenen Huber endlose Empathie entgegenbringt, obgleich er ein gewalttätiger Scheißkerl ist. Da wären die Erwachsenen, die ihre regulierende Rolle nicht erfüllen, während die Kinder sich als die starken Mitglieder der Dorfgemeinschaft erweisen. Da ist Kerze, die auf der einen Seite sehr kindliche, altersentsprechend naive Züge zeigt, dann aber so klar und reflektiert ist, dass eine gewisse Überlegenheit gegenüber den Erwachsenen entsteht. Die sie weiß Gott auch einzusetzen weiß!

Verena Güntner selber sagte in einem Interview mit 1live über Kerze, dass deren tragende Charaktereigenschaft Empathie sei, ich würde das aber keineswegs unterstreichen wollen. Zwar hat sie diesen Zug schon auch, er wird aber von einem sehr dominanten Auftreten überlagert. Kerze mag noch ein Kind sein, aber sie erschreckt, löst Unbehagen aus und weckt keine Sympathien.

Das gilt letztlich für den gesamten Roman: Power ist ein erschreckendes Buch, das alles Mögliche vermittelt, aber kein Wohlgefühl. Genau darin liegt das Faszinierende des Romans und deshalb lässt er einen so schnell nicht wieder los. Wer gerne und lange über Gelesenes nachdenkt, ist hiermit perfekt bedient. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, das Buch irgendwann noch einmal zu lesen.

Power war nominiert für den Leipziger Buchpreis 2020.

Verena Güntner: Power. Dumont (2020).

SIE HAT BOCK

Katja Lewina
Dumont Verlag

In Sie hat Bock nimmt die Autorin Katja Lewina uns mit auf eine Reise in südliche Gefilde – nämlich zur Vulva. Das Buch basiert auf ihrer Kolumne Untenrum im Magazin jetzt der Süddeutschen Zeitung. Vereinzelte Texte aus dieser Kolumne hat sie dafür neu aufbereitet, überarbeitet und erweitert sowie durch eine Menge neuer Texte ergänzt.

Darin spricht sie zahlreiche Themen an, die auf vielfältigste Weise mit weiblicher Sexualität in Verbindung stehen – angefangen damit, dass es kein Wort für „das da unten“ gibt, das nicht versaut, kindisch oder klinisch wirkt, weiter über Verhütung, Analsex, Pornografie und sexualisierte Gewalt, bis hin zu Schamhaaren. Die Basis all dessen ist stets sie selbst: Alles, was sie sagt, beruht auf eigener Erfahrung und ihrer persönlichen (sexuellen) Entwicklung. Auf äußerst intime Weise reiht sie sich damit in den feministischen Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung ein, will sich jedoch nicht als Handlungsanweiserin verstanden wissen, sondern als Handlungsoptionenaufzeigerin. Und das, muss ich sagen, gelingt ihr ganz superb! Neues konnte ich zwar nicht aus dem Buch ziehen, aber ich habe es dennoch als absolut befreiend empfunden und kam aus dem zustimmenden Nicken gar nicht wieder raus (nur selten musste ich kurz missmutig die Augen zusammenkneifen). Und zwar aus dem einfachen Grund, viele meiner eigenen Gedanken und Überlegungen zu dem Thema gedruckt zu sehen und daraus den Schluss ziehen zu können: Ich bin nicht alleine mit meinen Empfindungen.

Sie hat Bock liest sich locker-flockig, obgleich die Inhalte es meistens nicht sind. Das ist Lewinas leutseligem Plauderton zu verdanken, der einem nicht das Gefühl gibt, ein Buch in den Händen zu halten, sondern einer Freundin gerade bei einem Weinchen gegenüberzusitzen und über Sex zu quatschen. Diese nonchalante Art gepaart mit Same Story, Real Life, Easy und einer Menge weiterer Verhippungen auf Englisch ging mir allerdings gelegentlich gehörig auf die Nerven, um ehrlich zu sein. Im Laufe des Buches habe ich mich darauf einlassen und es somit ignorieren können, muss aber zu dem Schluss kommen, dass – sprachlich gesehen – die Zielgruppe definitiv Teens und Twens sind. Zugleich bin ich der Meinung, dass unterschiedslos alle, jedweden Geschlechts und vom Teenie bis zum Greis, dieses Buch lesen sollten. Gönnt euch!

Katja Lewina: Sie hat Bock. Dumont (2020).


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