Deutsch sein und schwarz dazu

Theodor Michael

Warum dieses Buch?

Die Autobiografie Deutsch sein und schwarz dazu des Afro-Deutschen Theodor Michael stand schon einige Jahre auf meiner Wunschliste. Wie oder wann genau ich auf das Buch aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr, nur, dass ich schon einige Mal kurz davor war, es zu kaufen. Aus gegebenem Anlass habe ich das jetzt endlich getan.

Wer war Theodor Michael?

Theodor Wonja Michael kommt als Sohn einer deutschen Mutter und eines afrikanischen Vaters als viertes und jüngstes Kind 1925 in Berlin zur Welt. Nur ein Jahr später stirbt die Mutter. Der Vater ist in seiner Rolle als Alleinerziehender überfordert und so werden die Geschwister in Pflegefamilien untergebracht. Als einige Jahre später auch der Vater verstirbt, werden die Kinder getrennt und neuen Pflegeeltern zugewiesen. Michael ist zu diesem Zeitpunkt neun und sein Leben fortan von Ausbeutung, Vernachlässigung, Hunger und Prügeln geprägt.

Da ihm durch die Machtübernahme der Nazis eine Berufsausbildung versagt bleibt, schlägt er sich nach der Volksschule als Page, Portier und Komparse durch, bis er 1943 in einem Arbeitslager interniert wird. Die erste Zeit nach der Befreiung kommt Michael bei einer jüdischen Familie unter, die den Krieg auf wundersame Weise überlebt hat. Die sich abzeichnende Errichtung einer Ostzone lässt ihn jedoch schon bald in den Westen gehen.

Bei Frankfurt lernt er die Schlesierin Elfriede Frank kennen. Die beiden heiraten und bekommen vier Kinder. Noch lange nach Kriegsende lebt die Familie in prekären Verhältnissen, das Wirtschaftswunder erreicht sie nicht, denn Michaels fehlende Qualifikation macht es ihm unmöglich, einträgliche Jobs zu bekommen. Wieder hält er sich mühselig mit vielerlei Tätigkeiten über Wasser. Er ist Mitte Dreißig, als er durch ein Stipendium die Möglichkeit erhält, auf dem zweiten Bildungsweg zu studieren. Er wird Volkswirtschaftler und entwickelt sich zu einem Afrika-Spezialisten, was ihm eine Anstellung beim BND einbringt, wo er bis zu seiner Pensionierung bleibt.

2013 schreibt er auf wiederholtes Drängen seiner Familie als einer der letzten schwarzen Zeitzeugen der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus seine Autobiografie Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen. Im Oktober 2019 stirbt Theodor Michael im Alter von 94 Jahren.

Worum geht’s? Und wie liest’s sich?

Die obige Kurzvita wird dem Leben Theodor Michaels nicht annähernd gerecht: Es fehlen seine Auftritte als „Wilder“ bei den sogenannten Völkerschauen, zu denen der Vater die Kinder mitnimmt, um Geld zu verdienen. Dort treten sie in Baströcken als „typische“ Afrikaner auf, müssen sich begaffen und anfassen lassen, manche Besucher riechen sogar an ihm. Es fehlt die Wegnahme seines Passes zur Nazizeit und die Ausstellung eines „Fremdenpasses“, in dem als besonderes Merkmal N**** vermerkt ist. Es fehlen seine Statistenrollen als „Mohr“ in diversen, die Kolonialzeit verherrlichenden Kostümfilmen, für die er manchmal nachgeschminkt wird, weil er nicht schwarz genug ist. Es fehlt die Beschämung, nicht in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen. Es fehlt die Angst vor Zwangssterilisation. Es fehlen aber auch andere Aspekte, wie sein unermüdliches Engagement in der Schwarzen Community in Deutschland, sein Eintreten gegen Rassismus und das Bundesverdienstkreuz am Bande, das er 2018 erhalten hat, oder die Tatsache, dass er der erste schwarze Bundesbeamte im höheren Dienst war. Obwohl seine Autobiografie gerade einmal 200 Seiten umfasst, kann Michael von all dem erzählen und entsprechend schwer liegt das Buch im Magen.

Als er es 2013 schrieb, war er bereits 88 Jahre alt und einer der letzten schwarzen Zeitzeugen der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Sein Lebensalter entsprach damit einem knappen Jahrhundert deutscher Geschichte – deutscher Rassismusgeschichte um genau zu sein.

Diese beginnt mit seinem Vater Theophilius Wonja Michael, der als Kolonialmigrant um 1900 (es gibt keine gesicherten Daten) nach Berlin kommt. Er verlässt seine Heimat Kamerun aus der Hoffnung heraus, der Bevormundung der Kolonialverwaltung, aber auch den unfreien Strukturen der Stammesgesellschaft zu entkommen. Die paradiesischen Zustände, die emigrierte Landsleute nach Hause berichtet haben, findet er in Deutschland selbstredend nicht vor. Michael schildert eindrücklich mit welchen Erwartungen sein Vater nach Deutschland kommt und welche Realität er dort antrifft, zum Beispiel dass ihm bürgerliche Berufe verschlossen bleiben und er gezwungen ist, sich irgendwie durchzuschlagen. Unter anderem, indem er sich bei besagten Völkerschauen als Exot ausstellen lässt.

Zu diesen Anfängen der Familiengeschichte gehört ebenfalls, dass Theophilius’ afrikanische Herkunft für dessen Ehefrau Martha zu einer Belastungsprobe wird – ihre Familie wendet sich von ihr ab und wird zeitlebens zu diesem Thema schweigen. Auch auf Nachfrage, da ist Michael bereits erwachsen, wird sein Wunsch, etwas über das Kennenlernen seiner Eltern und dergleichen zu erfahren, ungehört bleiben. Wie belastet das Verhältnis wirklich ist, zeigt sich deutlich, als Martha ein Jahr nach Michaels Geburt stirbt: Martha hat ein uneheliches Kind aus einer vorherigen Beziehung. Nach ihrem Tod erklären sich ihre Schwestern bereit, dieses aufzuziehen. Die Übernahme der Fürsorge für die vier anderen, sprich schwarzen Kinder lehnen sie ab aus Sorge, sich dem Gerede der Leute auszusetzen.

Für die Geschwister beginnt fortan eine Odyssee durch Waisenhäuser und verschiedene Pflegefamilien, die sich mit dem Tod des Vaters noch verschärft und am Ende ihre Trennung zur Folge hat. Ab diesem Zeitpunkt wird die Autobiografie mitunter schwer erträglich; insbesondere was Michael über die Jahre seit dem Tod des Vaters bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs berichtet, hat mein Vorstellungskraft oft überstiegen und mich vor Entsetzen beinahe gelähmt. So viel Grausamkeit, so viel Heimtücke.

Doch auch nach dem Krieg ergeht es Michael kaum besser, denn er sieht sich mit dem Verdacht der Alliierten konfrontiert, Kollaborateur gewesen zu sein: Wie sonst hätte „einer wie er“ die Nazis überleben können? Sein Überleben wird zu einem Vorwurf und zu einem erneuten Spießrutenlauf. Und ihm bleiben weiterhin sämtliche Türen verschlossen, nur diesmal aus umgekehrter Argumentation wo ihm vorher Schulabschluss und eine Berufsausbildung versagt blieben, macht ihn jetzt ebendiese fehlende Qualifikation untauglich für den Arbeitsmarkt. Was für ein unglaublicher Irrsinn! Doch Michael erduldet auch das, hält durch, gibt nicht auf. Und ich habe mich ein ums andere Mal gefragt, wie man das schafft? Wie zur Hölle erträgt man das alles?

Bis in seine Dreißiger muss Michael wegen seiner Hautfarbe ein entbehrungsreiches, prekäres Leben führen und das einzig aufgrund gesellschaftlicher und politischer Strukturen, die sein Vorankommen systematisch und gewollt(!) verhindern. Erst durch die Möglichkeit eines Studiums auf dem zweiten Bildungsweg ändern sich die Lebensbedingungen endlich und zum ersten Mal überhaupt geht es für ihn bergauf. Was indes für immer bleiben wird, sind die Rassismuserfahrungen, auch wenn sie heute nicht mehr „staatlich verordnet“ sind.

Gibt’s sonst noch etwas zu sagen?

Theodor Michael erwähnt in seiner Autobiografie einige Bücher, die ihn in seinem Leben geprägt haben oder die aus anderen Gründen eine besondere Bedeutung für seine Ausführungen haben. Für mich sind diese literarischen Referenzen ebenso interessant wie seine Lebensgeschichte und meiner Meinung nach einen genaueren Blick unbedingt wert.

An American Dilemma von Gunnar Myrdal scheint leider nicht mehr erhältlich zu sein, daher kann ich nur auf den zugehörigen Wikipedia-Artikel verweisen, alle übrigen Bücher sind mit den herausgebenden Verlagen verlinkt. Besonders erwähnenswert finde ich, dass zwei Titel aus den Neunzigerjahren gerade dieses Jahr neu verlegt wurden: Schwarze Wurzeln von Katharina Oguntoye und Farbe bekennen von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz.

Lohnt es sich?

Zwischen der Ankunft Theophilius’ in Deutschland und dem Tod seines Sohns Theodor ist über ein Jahrhundert vergangen, das viele Schrecken und viele Veränderungen gesehen hat. Dennoch muss man am Ende dieser Autobiografie zu dem traurigen Schluss kommen, dass sich unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht kaum weiterentwickelt zu haben scheint. Das ist schockierend und zeigt, wie ungemein wichtig dieses Buch ist. Lesen!

Theodor Michael: Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen. Dtv (2019).


Filmtipp: