Mord in Sunset Hall

Leonie Swann

Warum dieses Buch?

Es ist schon einige Jahre her, dass ich die beiden herrlich komischen Schafskrimis Glennkill und Garou von Leonie Swann gelesen habe. Seither wollte ich eigentlich unbedingt auch ihre Nachfolgeromane lesen, bin über das bloße Vorhaben allerdings bis heute nicht hinausgekommen. Und nun liegt schon ihr nächster Roman vor: Mord in Sunset Hall. Diesmal habe ich nicht lange gefackelt und ihn sofort gelesen.

Worum geht’s?

Agnes macht das Alter zu schaffen: Ihre Hüfte zwingt sie dazu, den furchtbar langsamen Treppenlift zu benutzen und ein Tinnitus sorgt dafür, dass sie zeitweise nicht hören kann, was um sie herum gesprochen wird. Den anderen Bewohnern ihrer Senioren-WG ergeht es kaum besser. Doch trotz ihrer zahlreichen Gebrechen werden die Alten unerwartet agil, als ein Mörder die Gegend in Angst und Schrecken versetzt. Samt Schildkröte Hettie stürzen (humpeln) sie sich kurzentschlossen in die Ermittlungen.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Mord in Sunset Hall ist angesiedelt in einem beschaulichen Örtchen irgendwo in England, wo eine Senioren-WG rund um Protagonistin Agnes Sharp in einem prächtigen Landhaus residiert. Das Leben dort findet zwischen Hortensien und Afternoon Tea statt und ist so harmonisch und idyllisch, wie es sich für ein englisches Landleben gebührt. Mit der Geruhsamkeit ist es allerdings vorbei, als ein Mörder sein Unwesen zu treiben beginnt.

Ihre Leiden und Beschwerden ignorierend, begeben sich die betagten Bewohner auf die Jagd nach ihm. Doch sind sie dabei nicht nur getrieben von dem Wunsch, ihm das Handwerk zu legen, sondern auch davon, die Polizei schnellstmöglich wieder loszuwerden, die ihnen selbst so sehr auf die Pelle gerückt ist – schließlich sind sie keine gewöhnliche Senioren-WG. Allesamt haben sie alte Geheimnisse, die es unbedingt zu wahren gilt. Worum es sich dabei im Einzelnen handelt, wird im Laufe der Geschichte angerissen, aber niemals völlig preisgegeben und von manchen Figuren bleibt die Vergangenheit vollständig im Dunkeln. Obschon es durchaus stimmig ist, aus den Geheimnissen ein Geheimnis zu machen, habe ich das eher als unbefriedigend empfunden. Genauer oder überhaupt zu erfahren welche möglicherweise nicht ganz lupenreinen Lebensläufe die Senioren vorzuweisen haben, hätte den Charakteren ein paar mehr Ecken und Kanten verliehen und der Geschichte mehr Pfiff.

Die gewieften Alten, die es faustdick hinter den Ohren haben und alles andere als harmlose Großmütterchen und Großväterchen sind, sind alles in allem absolut bezaubernd gezeichnet mit ihrem Benimm alter Schule sowie in ihrer Schrullen- und Marottenhaftigkeit, nach meinem Dafürhalten hätten sie aber noch eine Spur mehr Knack vertragen.

Wenig bis gar nicht überzeugt haben mich hingegen so ziemlich alle übrigen Romanfiguren, so zum Beispiel Nathan. Nathan wird bei seinem Großvater, dem Marshall, einquartiert, der trotz strengstem Enkelverbot in Sunset Hall nicht ablehnen kann, da es sich quasi um einen Notfall handelt. Der gefräßige, dickliche Junge bringt die Ordnung im Haus nicht nur zusätzlich zum Einsturz, er ist eines Tages auch noch spurlos verschwunden. Schnell ist allen Beteiligten klar, dass der Mörder den Jungen entführt haben muss. So weit, so akzeptabel, denn leider kommt der Charakter nicht über eine Katalysatorfigur hinaus, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück und somit uninteressant.

Das gilt enttäuschenderweise auch in Teilen für die Geschichte, die erst im letzten Drittel Fahrt aufnimmt, obwohl die Morde bereits auf den ersten Seiten geschehen. Dazwischen hält sich Leonie Swann einfach zu sehr mit Details auf. Diese mögen zwar schon auch ihren Liebreiz haben, aber man könnte sagen, die Autorin schmiert zu viel clotted cream auf den Scone.

Eines dieser Details ist ausgerechnet Schildkröte Hettie. Ihrem Markenzeichen treu bleibend, hat Swann auch in Mord in Sunset Hall wieder einem Tier zu einem Romanauftritt verholfen – nur dass dieser hier leider nicht wirklich gelungen ist. Der Erzählstrang rund um Hettie trägt nach meinem Empfinden rein gar nichts zur Geschichte bei, wirkt stattdessen eher leicht krampfhaft. Geradewegs so, als hätte dieser Faden unter allen Umständen noch eingewoben werden müssen. Im Gesamtbild bleibt er aber ohne Effekt, da viel zu dünn. Von allen Kritikpunkten betrübt mich dieser wahrscheinlich am meisten.

Gibt’s sonst noch etwas zu sagen?

Auch wenn mich der neuste Streich der Autorin nicht vollständig begeistern konnte, bleibt mein Vorhaben ungebrochen, endlich ihre weiteren Romane neben den Schafskrimis zu lesen. Für besagte Schafskrimis Glennkill und Garou sei an dieser Stelle übrigens eine unbedingte Leseempfehlung ausgesprochen – der Unterhaltungswert ist wirklich hoch!

Lohnt es sich?

Ach, was soll ich darauf bloß antworten? Ein Ja wäre übertrieben, ein Nein aber auch. Mord in Sunset Hall von Leonie Swann wartet mit einem putzigen Romanpersonal auf, das einfach absolut reizend und in einem überzeugenden Setting angesiedelt ist. Auch vom erzählerischen Aspekt her ist der Krimi durch und durch solide. Aber vielleicht ist genau das das Problem: Das Buch ist handwerklich gut, aber das Etwas fehlt. Genau benennen kann ich es nicht, womöglich ging mir einfach das humoristische Moment ab. Fand ich Glennkill und Garou zum Brüllen komisch, entlockte mir Mord in Sunset Hall nur ein gelegentliches Lächeln. Diesbezüglich hatte ich definitiv mehr erwartet. Lohnt es sich nun also? Ich würde sagen Jein.

Leonie Swann: Mord in Sunset Hall. Goldmann (2020).

Eine Leseprobe findest du hier.

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Goldmann Verlag für die Zusendung.]


Doch lieber Okapi statt Schildkröte?