Ein Lied für die Vermissten

Pierre Jarawan

Warum dieses Buch?

Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit, im Rahmen eines Bloggertreffens Pierre Jarawan kennenzulernen. Der Autor stellte uns seinen zweiten Roman Ein Lied für die Vermissten vor, indem er uns auf eine äußerst interessante und erhellende Fotoreise in den Libanon, den Schauplatz des Romans, mitnahm. Von Jarawan hatte ich bis dahin ehrlich gesagt noch nie gehört (zumindest nicht bewusst), dabei ist er eigentlich kein Unbekannter, zählt er doch zu den erfolgreichsten Poetry Slammern im deutschsprachigen Raum: 2011 gewann er die Baden-Württembergische Landesmeisterschaft, ein Jahr später die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft und 2013 trat er bei der Weltmeisterschaft in Paris an. Seit besagtem Autorengespräch habe ich ihn dafür nun umso deutlicher auf dem Radar und da wird er auch definitiv bleiben.

Worum geht’s?

Amin kommt als Säugling mit seiner Großmutter Yara aus dem Libanon nach Deutschland. Dreizehn Jahre später, nach Ende des Bürgerkriegs entschließt diese sich dazu, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Doch während Yara geradezu aufblüht, stolpert Amin durch eine ihm vollkommen fremde Welt. Im Libanon trifft er auf eine Gesellschaft, die ihm rätselhaft und unzugänglich erscheint und in die er nicht so richtig hineinfinden kann. Er gehört einfach nicht dazu, schon allein deshalb, weil er die Gräuel des Krieges nicht miterleben musste. Nur in seinem Mitschüler Jafar findet er einen Freund, seinen einzigen. Gemeinsam stromern die Jungs durch das zerbombte Beirut.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Siebzehntausendvierhundertfünfzehn – so viele Menschen gelten seit dem Ende des Bürgerkrieges im Libanon als vermisst. Siebzehntausendvierhundertfünfzehn Leerstellen im Leben der Angehörigen und Freunde. Wie lebt es sich damit? Lebt es sich überhaupt noch? Dieser Frage spürt Pierre Jarawan in seinem zweiten Roman Ein Lied für die Vermissten nach und rührt damit an ein Tabu, denn im Libanon werden die Vermissten verschwiegen. Man könnte sagen totgeschwiegen und damit ein weiteres Mal zu Opfern gemacht. Bekannte Massengräber werden nicht geöffnet, aus Furcht, damit einen neuen Konflikt heraufzubeschwören.

15 Jahre lange bekämpften sich im Libanon christliche und muslimische Milizen. Die konfessionell geprägte Politik des Landes befördert bis heute eine Struktur, in der Korruption und Vetternwirtschaft prosperieren. Die daraus resultierenden Spannungen entluden sich ab 1975 schließlich in einem Bürgerkrieg, von dem auch der Autor selbst betroffen ist: Pierre Jarawans Eltern verließen den Libanon Anfang der Achtzigerjahre als der Krieg seinen Gipfel erreichte. Zunächst gingen sie nach Jordanien, wo Jarawan geboren wurde und kamen später nach Deutschland, da war der Autor drei Jahre alt.

Ja, warum habe ich das Buch geschrieben? Eben weil ich daran glaube, dass Geschichten, dass Romane in der Lage sind uns komplexe Sachverhalte auf eine Art und Weise näherzubringen, wie es die Nachrichten, wie es der Alltag, die sozialen Medien eben nicht können, nämlich auf eine emotionale Art. Sie lassen uns eintauchen und bringen uns Figuren und Menschen in dem Fall näher, zu denen wir sonst keinen Kontakt und keinen Zugang hätten.

Pierre Jarawan über seinen Roman. Quelle: YouTube.

Auch Amin, der Protagonist des Romans, kommt als Bürgerkriegsflüchtling aus dem Libanon nach Deutschland. Er ist noch ein Säugling und seine Großmutter Yara allein für ihn verantwortlich, da Amins Eltern nur wenige Wochen nach dessen Geburt bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Dreizehn Jahre später, der Bürgerkrieg ist noch nicht lange vorbei, kehren sie wieder zurück – Yara möchte das und Amin bleibt nichts anderes übrig, als sich dieser Entscheidung zu beugen. Und während die Großmutter in der libanesischen Gesellschaft ihr Zuhause wiederfindet und somit ins Leben zurück, stürzt Amin durch einen unbekannten Kosmos. Sie findet die Orientierung, er verliert sie, was zu einer Entfremdung der beiden führt. Zudem spürt der Junge zunehmend, dass Yara ihm etwas verschweigt.

Schon bald ist Amins einziger Bezugspunkt sein Mitschüler Jaffar. Jaffar, dem ein Auge fehlt, der durch die Bürgerkriegserfahrungen traumatisiert ist und der eines Tages abschiedslos aus Amins Leben verschwinden wird. Doch bis dahin durchstreifen die beiden gemeinsam die Stadt bzw. das, was davon übrig ist – Beirut, das Paris des Nahen Ostens, das während des Bürgerkriegs in Schutt und Asche gelegt wurde, ist ihr Reich.

Beirut befindet sich in einem konstanten Heilungsprozess. Die Stadt hat eine enorme Widerstandsfähigkeit entwickelt, aber sie ist voller Geschwüre und unschöner Dinge, alles andere als glatt und nicht sehr süß. Sie schmeckt bitter und riecht schlecht, ist manchmal gewalttätig und toxisch. Und trotzdem ist sie ein faszinierender Ort.

Bernard Khoury, Architekt in Beirut. Quelle: ARTE.

Der Anfang des Romans liegt indes im Jahr 2006, als Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah das Land erneut in einen Krieg stürzen. Amin hat sich in das Haus seiner Großeltern, das etwas außerhalb Beiruts liegt, zurückgezogen. Inmitten des Grollens und Tosens der Luftangriffe erhält er die Nachricht, dass seine Großmutter verstorben ist. Zu diesem Zeitpunkt hat er den Kontakt zu ihr schon lange abgebrochen, denn Yara hatte Amin nichts verschwiegen, sie hatte ihn belogen und das konnte er ihr nicht verzeihen. Ihr Tod lässt Amin begreifen, dass er endlich mit der Aufarbeitung alles Erlebten beginnen muss. Das bewältigt er in Form des vorliegenden Romans: dem jahrzehntelangen Schweigen setzt er nun das Erzählen entgegen.

Ein Lied für die Vermissten nimmt sich kritisch eines sensiblen Themas an und ist damit ein hochbrisanter Roman. Dabei besticht er besonders durch die Klarheit, mit der Jarawan das bis heute andauernde Schweigen über die Vermissten des Bürgerkrieges literarisch aufbereitet – bei aller Komplexität ist der Roman sehr zugänglich und lehrreich noch dazu. Wie nebenbei erfährt man etwas über die Geschichte des Libanon, allem voran über den Bürgerkrieg. Aber auch über die Reibungspunkte mit den Nachbarländern Syrien und Israel, über die Konflikte zwischen den Konfessionen und vieles andere. Mir hat gefallen, dass gleichwohl nie ein belehrender oder gar moralisierender Ton angeschlagen wird. Auch die wohldurchdachte Komposition des Romans, die einen angenehmen Takt vorgibt, überzeugt und sorgt bei aller thematischen Dringlichkeit für ein leichtfüßiges Leseerlebnis. Nur eine Epsiode gegen Ende ist nach meinem Empfinden zu langatmig geraten, ansonsten aber flog ich nur so durch die Seiten.

Gibt’s sonst noch etwas zu sagen?

Yeki Bud. Yeki Nabud. Die besten, die ältesten Geschichten der Welt beginnen seit jeher auf diese Weise: Es war so. Und es war nicht so. Ein einzelner persischer Satz aus einer ganzen Schatzkiste persischer Sätze, aber dieser ist das Fundament. Die Triebfeder jedes Geschichtenerzählens. Der Beginn jedes Märchens. Jemand war dort. Und jemand war nicht dort. Es gab einmal eine Zeit, und es gab keine Zeit.

– Für mich einer der schönsten Romananfänge seit langem.

Lohnt es sich?

Ein Lied für die Vermissten ist eines von jenen Büchern, bei denen man gar nicht überlegen muss, wem es gefallen könnte, weil es ziemlich wahrscheinlich jeden zu überzeugen weiß. Daher also unbedingt selber lesen und dann noch ein paar Mal verschenken, denn dieser Roman hat viel Aufmerksamkeit verdient! Im Übrigen kann ich auch das Hörbuch empfehlen, das ich einige Wochen später ebenfalls gehört habe, weil ich das Bedürfnis hatte, mich noch einmal mit dem Roman auseinanderzusetzen. Gibt es eine bessere Empfehlung als die, sich mit einem Buch weiter befassen zu wollen?!

Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten. Berlin Verlag (2020).

Eine Leseprobe findest du hier.

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Berlin Verlag für die Zusendung.]


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