Offene See

Offene See

Warum dieses Buch?

Gegenfrage: Wie könnte man an einem Buch mit solch grandiosem Cover vorbeigehen? Eben. Der DuMont-Verlag hat sich beinahe selbst übertroffen mit der wertigen, durch und durch stimmigen Aufmachung von Benjamin Myers Offene See. Und der Rest überzeugt nebenbei bemerkt auch.

Worum geht’s?

Robert hat gerade die Schule beendet und bevor es für ihn, wie für alle Männer seiner Familie, in die Zeche gehen wird, möchte er einmal die offene See sehen. Er packt sein Bündel uns verlässt das heimatliche Bergarbeiterdorf, um Richtung Süden aufzubrechen. Auf seiner Wanderschaft trifft er eines Tages auf Dulcie, eine ältere alleinstehende Frau, die in einem heruntergekommenen Cottage an der Küste lebt. Aus dem einen Nachmittag, den er bei ihr verbringt, werden mehrere Wochen, die Roberts Blick auf die Welt für immer verändern.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Robert ist sechzehn und weiß, dass das Ende der Schulzeit bedeutet, dass er fortan sein Leben in der Zeche zubringen wird. Wie sein Vater, sein Großvater und weitere Generationen an Männern vor ihnen, wird er sich als Bergarbeiter verdingen. Doch die Vorstellung, immerzu von Enge und Dunkelheit umfangen zu sein, erfüllt ihn mit Grauen. Robert möchte stattdessen in die Natur, sehnt sich danach, das Meer zu sehen. Und so beschließt er, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges, bis zum Eintritt in die Zeche auf Wanderschaft zu gehen.

Auf dieser Reise begegnet er Dulcie, die sein Leben gehörig auf den Kopf stellen wird. Die nämlich erkennt in dem jungen Mann einen klugen Kopf, der unter Tage verschwendet wäre, und nimmt ihn unter ihre gelehrten Fittiche, ohne dass Robert das anfangs bewusst ist. Zu sehr ist er damit beschäftigt diese ungewöhnliche Frau mit ihren ungeheuerlichen Ansichten zu Ehe und Partnerschaft, die offen über sexuelle Begierde und Frauenrechte spricht, die Auto fahren kann und die halbe Welt gesehen hat, einzuordnen. Oft kann er ihren Ausführungen nicht genau folgen, ist von ihrer Geisteshaltung zu überrascht, um sich auf Inhalte konzentrieren zu können, und dann scheint es da noch einen dunklen Fleck in Dulcies Leben zu geben, den er gerne aufdecken möchte.

Allmählich jedoch entwickelt sich eine Vertrautheit und Freundschaft zwischen den beiden und Dulcies Unkonventionalität lenkt Roberts Denken in neue Bahnen. Dank ihr erfährt er vor allem was Selbstbestimmtheit bedeutet. Diese Selbstbestimmtheit ist in gewisser Weise das Leitthema des Romans und wie Myers dieses ausarbeitet, hat mir wirklich gut gefallen. Auch die drastisch reduzierte Figurenkonstellation, die im Wesentlichen aus den beiden genannten Charakteren besteht, konnte mich überzeugen. Dulcie und Robert sind wunderbar! Am liebsten möchte man sich zu ihnen an den gedeckten Abendbrottisch im Garten setzen und aufs Meer hinausschauen.

Überhaupt bin ich nicht nur eingetaucht in die englische Küstenlandschaft, ich bin darin verschwunden. Myers panoramische Schilderungen sind wie Gemälde, die Naturbeschreibungen strotzen vor Leben. Er wendet sich dem kleinsten Blümlein zu, lauscht dem Summen der Insekten und dem Rauschen der Blätter. Und in allem liegt ein Erstaunen und eine Ehrfurcht vor der Schöpfung. Dabei ist es niemals fragwürdig, ob ein sechzehnjähriger Bursche überhaupt einen Blick für solche Dinge haben kann, denn Robert ist schließlich von zu Hause weggegangen, um sein Heimatland zu erfahren.

Ich blieb einige Augenblicke liegen und nahm eine verschlafene Klanginventur vor. Da war das polyphone, gurrende Zweinoten-Mantra von zwei rasenden Ringeltauben, eine in der Nähe, die andere weit weg, Doppelklänge der Zufriedenheit. Darüber das kleinliche Gezanke eines kreischenden Möwenschwarms, der in einem Aufwind vom Meer her schwebte, und überall um mich herum war das Surren und Brummen von Insekten, die schlüpften und sich paarten, die flogen und fraßen. Zecken und Bienen und Falter und Fliegen. Heuschrecken und Ameisen und Käfer aller Art; frisch geschlüpfte Wespen, im Frühtau geboren und von den Morgenstrahlen getrocknet, um sich zu erheben und den anbrechenden Tag zu erobern. Noch mehr trockenes Schaben war zu hören und das melodische Flattern frisch entfalteter Schmetterlingsflügel, dünner als jedes Papier, schöner als jedes Buntglasfenster.

An einer anderen Stelle benennt Robert eine üppige Fülle an Blumen und Wildkräutern, die er auf einer Wiese entdeckt. In diesem Moment musste ich an Das Verstummen der Natur denken, das ich erst kurz zuvor gelesen hatte und in dem die Autoren beklagen, dass die Menschen heute die Fähigkeit verloren hätten, die Natur um sie herum identifizieren und bestimmen zu können. Uns ist ein Allgemeinwissen verloren gegangen, das vor zwei oder drei Generationen selbstverständlich war, also auch für den Protagonisten.

Ein kleiner Jauchzer des Wiedererkennens durchfuhr mich auch, als Dulcie über das Doggerland spricht, das die britischen Inseln dereinst mit dem Kontinent verband. Auch hier konnte ich gedanklich an ein Sachbuch anknüpfen, das ich vor nicht allzu langer Zeit gelesen hatte: Die Nordsee von Tom Blass. Ob Myers das Buch seines Landsmannes wohl kannte, als er seinen Roman schrieb?

Gibt es einen Wermutstropfen?

Bei aller Zuneigung für Offene See ist es doch auch so, dass mir beim Lesen der eine oder andere Schönheitsfehler aufgestoßen ist. So fordert Dulcie beispielsweise eines Tages Robert auf, ihr Auto aus dem Stall eines Nachbarn zu holen. Sie beschreibt es als einen Citroën von der Farbe einer „gequetschten Aubergine“. Während ich glauben kann, dass Robert weiß, wie ein Citroën aussieht, habe ich mächtige Zweifel daran, dass er je in seinem Leben eine Aubergine gesehen hat. Trotzdem scheint er mit dieser Beschreibung etwas anfangen zu können. Später erzählt Robert, dass ihn das wein- und kohlenhydratlastige Essen müde gemacht habe. Ich weiß nicht, wie der bevölkerungsweite Wissensstand rund im Kohlenhydrate 1945 aussah, aber ich würde behaupten wollen, dass Myers auch hier zu sehr aus dem Heute heraus gedacht hat.

Als beinahe schon unverzeihlich habe ich folgende Beschreibung empfunden:

„[…] und mehrmals schlief ich den Schlaf des Gerechten eingezwängt zwischen dichten Heckenwänden aus Brombeersträuchern und Stechpalmen, die vielleicht schon seit dem Mittelalter hier wuchsen, drei Meter hoch und so undurchdringlich wie die Stacheldrahtrollen in Bergen-Belsen.“

Dieser KZ-Vergleich soll möglicherweise Roberts Abneigung gegenüber den Deutschen zum Ausdruck bringen, ist nach meinem Empfinden aber vollkommen unsensibel.

Abgesehen von diesen und weiteren kleinen Makeln, hatte ich mit der deutschen Fassung so meine Kümmernisse. Gleichwohl ich sie insgesamt für gut befinde, stellten sich ab und an Momente ein, in denen ich das Gefühl hatte, eine Übersetzung zu lesen – und das ist leider kein Qualitätsmerkmal. Ich muss allerdings betonen, dass ich mir absolut sicher bin, dass es nur LeserInnen ebenso ergehen wird, wenn überhaupt, die von Berufs wegen sprachsensibilisiert sind, wie übersetzendes und lektorierendes Volk. Auch ein mächtiger Übersetzungsfehler, der mich beinahe vom Sofa fallen ließ, wird dem Gros der Leserschaft verborgen bleiben.

Dulcie erzählt: „Wie auch immer. Die Schrift stand also an der Wand, geschrieben in fetten gelben Sternen.“ Ein Blick ins Original brachte die traurige Gewissheit, dass ein Idiom, ein ziemlich gängiges noch dazu, wörtlich übersetzt worden war: the writing on the wall. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es Vorzeichen für Unheil gibt, in diesem Fall die Judensterne. Autsch…

Lohnt es sich?

Offene See ist wie ein Sommerspaziergang an einem Küstenstreifen: der Wind zerzaust das Haar, die Lungen füllen sich mit reinigender Luft, die Sonne wärmt die Haut und um die nackten Füße spült kühl das Meer. Es ist einer dieser Momente, in denen man Endlichkeit und Unendlichkeit zeitgleich spüren kann. Bitte schenkt meiner Kritik an dem Roman also nicht allzu viel Beachtung und lest ihn einfach. Am besten bei Küstenblick und Meeresbrise, und zum Abschluss hebt ihr dann ein Gläschen auf Dulcie und Robert.

Benjamin Myers: Offene See. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. DuMont (2020).

Leseprobe: hier.

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an DuMont für die Zusendung.]


Auf ans Meer!