I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Vor etwa zwei Wochen habe ich begonnen, einen Blogbeitrag über den US-amerikanischen Autor James Baldwin (1924-1987) zu schreiben. Bei meiner Recherche zu seinem Leben und Wirken stieß ich auf den Dokumentarfilm I Am Not Your Negro von Raoul Peck aus dem Jahr 2017. Der Film basiert auf Baldwins unvollendet gebliebenen Manuskript Remember This House. Nachdem ich ihn angesehen hatte, wusste ich sofort, dass er Teil des geplanten Beitrags werden würde. Die jüngsten Ereignisse in den USA haben mich nun aber dazu veranlasst, diesem Film einen eigenständigen Blogbeitrag zu widmen.

Im Jahr 2019 sind in den USA 1.004 Menschen von Polizisten im Dienst erschossen worden. Zum Vergleich: In Deutschland wurden seit 1952, seit Einführung einer statistischen Erfassung, 515 Menschen durch Polizeikräfte erschossen. Dabei muss aber erwähnt werden, dass als „versehentliche Tötung“ eingestufte Fälle sowie von der Bundespolizei Erschossene darin nicht enthalten sind. Die tatsächliche Opferzahl dürfte also deutlich höher sein. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland von der Polizei durch eine Schusswaffe getötet zu werden, ist trotz allem nicht mit den USA zu vergleichen – ausgehend von verfügbaren Daten ist das Risiko dort 24-mal höher.

Überproportional häufig werden Hispanics und Schwarze erschossen; für sie ist das Risiko 2- bzw. 3,7-mal so hoch wie für Weiße. Besonders dramatisch ist die Tatsache, dass unter den Opfern immer wieder auch Kinder und Jugendliche sind. Die Gründe für das erhöhte Risiko sind vielfältig, Hauptursache jedoch ist der institutionelle und strukturelle Rassismus im Land.

Tamir Rice

im Alter von 12 Jahren beim Spielen mit einer SoftAir-Waffe von einem Polizisten erschossen


Darius Simmons

im Alter von 13 Jahren von seinem Nachbarn erschossen, als er die Mülltonne zurück ins Haus holte


Trayvon Martin

im Alter von 17 Jahren von einem Mitglied einer Nachbarschaftswache erschossen, als er auf dem Weg zur Lebensgefährtin seines Vaters war


Aiyana Stanley-Jones

im Alter von sieben Jahren während einer Razzia von einem Polizisten durch Kopfschuss getötet


Cameron Tillman

im Alter von 14 Jahren von einem Polizisten erschossen, weil dieser eine Druckluftwaffe für eine Feuerwaffe hielt


Amir Brooks

im Alter von 17 Jahren bei einem Fahrradunfall tödlich verunglückt, nachdem er von einer Polizeistreife verfolgt wurde, die ihn verdächtigte das Rad, auf dem er fuhr, gestohlen zu haben

I Am Not Your Negro

Die oben genannten Opferzahlen dürften dazu beitragen, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wieso auf den gewaltsamen Tod von George Floyd die Eskalation folgte. Zwar hatte es auch in der Vergangenheit Protestmärsche und Ausschreitungen als Reaktion auf Polizeigewalt gegen Schwarze gegeben, dass es dabei aber nicht früher schon zu derart massiven Solidaritätsbekundungen seitens der weißen Bevölkerung gekommen ist, dürfte durchaus mit der Pandemie zusammenhängen. Der Lockdown, Arbeitslosigkeit von historischem Ausmaß und obendrein ein Präsident, der sich an Unzumutbarkeit ein ums andere Mal selbst übertrifft – all diese Faktoren wirken gerade wie Brandbeschleuniger.

Und nicht nur das: Die Welle der Empörung hat erstmals die Staatsgrenzen überschritten, rollt auch über Deutschland hinweg. Dieses Momentum gilt es zu bewahren, denn hierzulande liegt ebenfalls genug im Argen. Für jetzt richten wir den Blick aber zurück auf die USA.

I Am Not Your Negro

Der eingangs erwähnte Dokumentarfilm I Am Not Your Negro thematisiert den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft. Der Film ist eine Collage aus verschiedenstem Bildmaterial; vorrangig wurden Ausschnitte aus Medienberichten verwendet, aber auch Fotografien oder andere Zeitdokumente. Ergänzt werden die Bilder durch Textauszüge aus James Baldwins letztem, unvollendetem Buch Remember This House, im Original aus dem Off gesprochen von Samuel L. Jackson und in der deutschen Fassung von Samy Deluxe. Es wurde übrigens nur die Stimme aus dem Off synchronisiert, der Rest ist im Originalton beibehalten und mit Untertiteln versehen worden. Die Authentizität der Quellen bleibt somit unberührt, was einen besonders starken Nachhall erzeugt.

Zu sehen sind unter anderem zahlreiche Sequenzen aus öffentlichen Auftritten Baldwins, in denen er die Rassismusproblematik zu verdeutlichen versucht. Ein Hinweis erscheint mir an dieser Stelle angebracht: Baldwin verwendet fast durchgängig die Bezeichnung „negro“ und gelegentlich auch „nigger“, nur selten spricht er von „black“. Es ist wichtig zu begreifen, dass hier mehrere Faktoren zusammenspielen, die diesen Wortgebrauch rechtfertigen: Zum einen ist der historische Kontext zu bedenken, zum anderen erlaubt es Baldwin zu differenzieren, aus wessen Perspektive er die Schwarzen im jeweiligen Moment betrachtet. Mit dem N-Wort sowohl in den Originalaufnahmen als auch in den deutschen Untertiteln konfrontiert zu werden, ist eine unangenehme und genau deshalb wichtige Erfahrung. Wer als Weißer dabei zusammenzuckt, sollte sich in das Grauen und den Schmerz derjenigen einfühlen können, die mit dieser Abwertung bedacht werden. Wer das nicht nachempfinden kann, sollte sich diesen Film vielleicht gleich mehrfach ansehen…

Die Geschichte der Schwarzen in Amerika ist die Geschichte Amerikas. Es ist keine schöne Geschichte.

(James Baldwin)

I Am Not Your Negro erhielt eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Dokumentarfilm 2017. In Deutschland kam er nie in die Kinos, wurde wenige Wochen nach Kinostart in den USA lediglich bei arte gezeigt. Zu gerne wüsste ich, wieso man sich gegen eine Kinovorführung entschied.

Hinweis: Der Film enthält Aufnahmen expliziter Gewalt gegenüber Schwarzen. Man sollte ihn trotzdem anschauen, denn die Zeit des Wegsehens muss endlich vorbei sein!

Keine Ausrede

Es dürfte schwierig werden eine Ausrede zu finden, wieso man sich die Doku nicht ansehen kann. Denn: sie kann auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung unentgeltlich gestreamt werden. Dort findet man auch Hintergrund- und Unterrichtsmaterialien. Die DVD ist ebenfalls bei der BPB erhältlich. Außerdem ist der Film auf Netflix, Amazon Prime, Google Play und YouTube verfügbar.

Ich weiß nicht, was die weißen Menschen in diesem Land fühlen, ich kann nur aus dem Zustand ihrer Institutionen schließen, was sie fühlen. Ich weiß nicht, ob weiße Christen Schwarze hassen oder nicht, aber ich weiß, dass wir eine christliche Kirche haben, die weiß ist, und eine christliche Kirche, die schwarz ist. Ich weiß nicht, ob die Gewerkschaften und ihre Chefs mich wirklich hassen, das spielt keine Rolle, weil ich nicht in ihren Gewerkschaften bin. Ich weiß nicht, ob die Immobilienlobbies gegen Schwarze sind, aber ich weiß, dass die Immobilienlobbies mich zwingen im Ghetto zu leben. Ich weiß nicht, ob die Schulbehörde Schwarze hasst, aber ich kenne die Schulbücher, die sie meinen Kindern zum Lesen gibt, und die Schulen, in die wir gehen müssen. Das ist der Beweis. Sie wollen, dass ich einen Glaubensakt vollziehe, indem ich mich selbst, mein Leben, meine Frau, meine Schwester, meine Kinder aufs Spiel setze, für einen Idealismus, von dem Sie mir versichern, dass er in Amerika existiert, doch den ich nie gesehen habe.

Alles, was zu sagen bleibt: Bitte seht euch diese Doku an!


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