Gastbeitrag: Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara

Ich bin mir sicher. Nein, ich weiß es. Es gibt sie: die Menschen da draußen, die diesem Buch schon geraume Zeit aus dem Weg gehen. Oder bei denen es auf dem Backlist-Stapel bereits Schimmel ansetzt und immer  weiter nach unten rutscht. So wie bei mir. Bis zum Sommer letzten Jahres.

Aber weshalb habe ich dieses Buch vor mir hergeschoben? Diese Frage habe ich mir oft gestellt.

Ein Versuch, meine ursprüngliche Ablehnung in Worte zu fassen (vielleicht erkennt sich hierbei der ein oder andere Prokrastinierer wieder):

Carmen Böhm bloggt auf Instagram unter Carmancia seit fünf Jahren über Bücher, davon seit rund drei Jahren schwerpunktmäßig. Warum ich sie für einen Gastbeitrag angesprochen habe? Ihre Buchbesprechungen zeichnen sich immer durch eine intensive Beschäftigung mit dem Gelesenen aus, sind unverfälscht und glaubwürdig. Und außerdem muss man sie einfach gern haben!

  • Das Cover sprach mich überhaupt nicht an, es hat mich regelrecht abgestoßen – was ist diesem schmerzverzerrten, leidenden Gesicht passiert? Und: will ich das überhaupt wissen?
  • Dieses Buch ist mir einfach viel zu oft begegnet – auf jedem Blog, in jedem Feed, im Schaufenster oder Auslagetisch fast jeder Buchhandlung. Eine Überpräsenz, die dafür gesorgt hat, dass mein Interesse schlicht und ergreifend nachließ…
  • Dann dieser Hype – inklusive orakelhafter Andeutungen zur Handlung, Triggerwarnungen und halbgaren Spoilern zum Inhalt. Das war mir irgendwie suspekt…
  • Zusätzlich beschlich mich ein Gefühl von Skepsis in Anbetracht der immens hohen Auflagen (ich muss bei solchen Verkaufszahlen sofort an die Biografie von Dieter Bohlen oder die monatlichen Neuerscheinungen von Jojo Moyes denken)
  • Und zu guter Letzt auch noch knapp 1000 Seiten Umfang – was für ein Ziegelstein! Passt garantiert in keine Handtasche…

Aber irgendwann habe ich es dann doch in die Hand genommen. Und es hat sich nach nur wenigen Seiten in meinen Kopf und anschließend in mein Herz geschlichen. Und ist dort geblieben. Solche nachhaltigen Leseerlebnisse mit „Wow“-Effekt sind bei Viellesern wie mir leider selten geworden. Deshalb seht es mir bitte nach, wenn das hier keine klassische Buchvorstellung ist, sondern ein gefühlsduseliger Versuch, Euch zu überzeugen, endlich dieses Buch zu lesen. Ich gönne Euch nämlich dieselbe Leseerfahrung von Herzen.

Aber auch von mir werdet Ihr an dieser Stelle nichts über den Inhalt erfahren. Das funktioniert nicht. Nicht anhand weniger Sätze. Und auch nicht damit, zu erwähnen, dass dieser Roman von der Freundschaft von vier Männern handelt. Viel zu nichtssagend. Ach, ich lass es einfach.

Was macht also Ein wenig Leben zu einem Buch, das mir wohl für immer bleibt? Und das mir sofort als allererstes in den Sinn kommt, sobald ich nach intensiven, prägenden Leseerfahrungen gefragt werde oder ein Blogbeitrag für Katharina zur Sprache kommt?

Nun ja. Es ist definitiv eins der schlimmsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Und eins der besten. Ein Teil von mir hat das Ende der Geschichte auf jeder einzelnen Seite herbeigesehnt. Der andere Teil wollte, dass dieses Buch niemals aufhört. Ein Roman, der eine solche Polarität bei mir hervorruft, holte zwangsläufig auch alle anderen Gefühle an die Oberfläche, die mein Emotionsportfolio aufbieten kann. Lange habe ich nicht mehr so geweint bei einem Buch.

Ein wenig Leben: das sind 958 Seiten Bauchschmerzen, Muskelanspannung, Durchatmen. Lachen, Weinen, Angst, Wut, Unverständnis, Bangen, Schock, Mitgefühl, Freude. Das war anstrengend. Und hat mich richtig ausgelaugt.

Nicht allzu viele Buchstaben auf Papier zwischen zwei Buchdeckeln haben es bisher geschafft, meinen Kopf, mein Herz und meinen Körper auf diese Weise zu berühren und durcheinanderzuwirbeln. Und ich hatte den schlimmsten Buchhangover ever, nachdem ich diesen Schmöker mit verschmiertem Augenmakeup beendet habe. Deshalb ist es ein Buch, das bleibt. Lest es.

P.S. Falls ich Euch immer noch nicht überzeugen konnte, lest meinen Beitrag bitte nochmal. Langsam.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin (2017).


Doch lieber seichte Lektüre gesucht?