Hawaii

Cihan Acar Hawaii

Warum dieses Buch?

Als ich vor einigen Wochen durch den Instagram-Kanal des Hanser Verlags auf den Roman Hawaii von Cihan Acar aufmerksam wurde, wusste ich sofort, dass ich ihn lesen muss – schon allein aus Lokalpatriotismus.

Worum geht’s?

Kemal hätte es beinahe in die Fußballprofiliga geschafft. Als vielversprechendes Talent wird er von einem türkischen Verein engagiert, für den er auch gute zwei Jahre spielt. Doch dann setzt ein selbstverschuldeter Unfall der ersehnten Karriere ein Ende, noch bevor sie richtig begonnen hat. Für Kemal bedeutet dieser zerplatze Traum auch, dass er in seine Heimatstadt zurückkehren muss: Heilbronn.

Die Stadt ist eine einzige Baustelle, ohne Witz. Alle fünfzig Meter kommt man an einer vorbei. Aber sollen sie mal machen. Sollen sie ruhig bauen. Vielleicht hören die Leute dann irgendwann auf, die Stadt hässlich zu nennen. Das machen sie nämlich gerne.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

In seinem Debutroman nimmt uns Cihan Acar mit ins titelgebende Hawaii. Nein, nicht auf die Südseeinsel, sondern in den gleichnamigen Stadtteil von Heilbronn. Ein ziemlich unrühmlicher Stadtteil, denn Hawaii war lange Zeit ein echtes Problemviertel. So betitelte es zum Beispiel der Stern Ende der 1980er als den „Heilbronner Slum“, wo „die Stammkunden des Sozialamts wohnen“.

Das Gesicht des Viertels ist geprägt von einfachen, zweckmäßigen Wohnblöcken – wie in vielen anderen Städten auch, waren sie nach dem Krieg hochgezogen worden, um schnell und günstig Wohnraum zu schaffen. Doch während die Zeit des Wirtschaftswunders dem Rest der Stadt aus dem Schlimmsten heraushalf, wurde Hawaii immer weiter abgehängt und die Situation zusehends prekärer. Obwohl die dramatischen, teilweise lebensgefährlichen Zustände der Vergangenheit mittlerweile überwunden sind, ist Hawaii sein Image nie wirklich losgeworden.

Das spürt man auch beim Lesen des Romans, genauso wie diese gewisse Trostlosigkeit, die von Heilbronn generell ausgeht. Und doch schafft es Kemal, eine unbestimmte Schönheit darin zu sehen, zumeist Kindheitserlebnissen wegen. Den reizlosen und mittlerweile leerstehenden Betonklotz des Wollhauses füllt er mir Erinnerungen an Rolltreppenfahrten und gemeinsame Einkäufe bei Galeria Kaufhof mit seiner Mutter. Die Theresienwiese, ein grauer, trübsinniger Festplatz, der so gar nichts mit einer Wiese gemein hat, ist für ihn der Ort bunter Kirmestage mit Fahrgeschäften und bergeweise Süßigkeiten. Kemal mag Heilbronn, und doch möchte er weg, denn es gibt dort nichts für ihn zu tun.

Mit Beginn des Romans ist er bereits seit einem Jahr zurück in der Stadt, lässt sich ziellos durch die Tage tragen, weil er das abrupte Ende seiner Fußballerkarriere nicht überwinden kann. Seine Eltern drängen ihn, sich endlich einen Job zu suchen; der Vater geht sogar so weit, ihm ein Vorstellungsgespräch zu verschaffen. Er geht hin, denn einen Plan B hat er nicht und das letzte Geld ist aufgebraucht. Wichtiger als ein Job ist Kemal aber Sina, seine Ex-Freundin, die er zurückzugewinnen versucht. Doch es scheint, als beiße er da auf Granit.

Aber ich will seitdem mit dieser Julia nix zu tun haben. Bei sowas bin ich empfindlich. Das hab ich Sina auch so gesagt: Die ist falsch, und von falschen Menschen hält man sich fern. Von Sina weiß ich, dass Julia ungefähr das Gleiche über mich sagt. Aber ich bin nicht falsch, ich bin manchmal nur dumm, das ist ein Unterschied.

Zu Kemals innerem Aufruhr gesellt sich eine Unruhe in der Stadt: die ausländerfeindliche Bewegung „Heilbronn, wach auf“ gewinnt eine immer größere Anhängerschaft, gleichzeitig wächst eine Gegenbewegung heran. Beide Gruppen sind gleichermaßen gewaltbereit und im Verlauf der vier Tage, über die sich die Handlung erstreckt, nimmt die Konfrontation endzeitliche Formen an. Kemal droht in diesen Strudel hineingezogen zu werden.

Gibt’s sonst noch etwas zu sagen?

Woher das Viertel seinen Namen hat, weiß heute keiner mehr. Versuche des Heilbronner Stadtarchivs, diesem Rätsel auf die Spur zu kommen, blieben ohne Erfolg. Es gibt zwar viele Theorien, aber keine definitive Antwort. So wird beispielsweise gemutmaßt, dass amerikanische GIs das Viertel Hawaii getauft haben. Oder geht der Name vielleicht auf das türkische Wort „Havai“ (leichtsinnig, unbekümmert, frivol) zurück? Inmitten des ehemaligen Elends könnte er aber auch als Anspielung auf einen unerreichbaren Sehnsuchtsort entstanden sein…

Es lohnt sich übrigens, in den Beitrag Die Bronx von Heilbronn reinzugucken.

93. Minute. Der Schiedsrichter nimmt den Ball in die Hand und pfeift das Spiel ab. 0:0. Aus. Die Beleidigungen, die aus allen Richtungen auf die Leinwand geschleudert werden, sind gerecht verteilt: Die Hälfte gilt der Mutter des Schiris, die andere Hälfte der Mutter der Nummer 19.

Lohnt es sich?

Hawaii ist ein beachtenswertes Romandebut, das große Neugier macht auf das, was von Cihan Acar hoffentlich noch erwartet werden darf. Besonders reizvoll ist das Buch natürlich, wenn man Heilbronn kennt. Aber auch sonst kann ich es wirklich empfehlen, weil es auf sehr gelungene Weise ernst und unterhaltsam ist.

Cihan Acar: Hawaii. Hanser (2020).


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