Weltbienentag

Weltbienentag

Über Dreiviertel der hiesigen Nutz- und Wildpflanzen sind von der Bestäubung durch Insekten abhängig; ein Drittel unserer Nahrungsmittel verdanken wir ihrer Bestäubungsarbeit. Leider aber gehen Artenvielfalt und Häufigkeit ihres Auftretens nicht nur in Deutschland, sondern weltweit seit Jahren drastisch zurück. Das gilt auch für die Bienenpopulationen, wobei besonders die Wildbienen betroffen sind. Allein hierzulande stehen 300 von 560 Wildbienenarten auf der Roten Liste, also in etwa die Hälfte. In anderen Teilen der Welt ist sogar von bis zu 80 Prozent die Rede. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber alle haben eines gemeinsam: sie sind menschengemacht.

Um ein Bewusstsein für die elementare Bedeutung von Bienen für unsere Umwelt und auch unser Überleben zu schaffen, haben die Vereinten Nationen vor zwei Jahren den Weltbienentag ins Leben gerufen. Als Datum einigte man sich auf den 20. Mai, den Geburtstag von Anton Janša (1734–1773). Dieser war Imkermeister am Hof Maria Theresias und verfasste zahlreiche Publikationen über Bienenzucht. Er gilt als Begründer der modernen Imkerei.

Auch auf meinem Blog dreht sich deshalb heute alles um die Biene.

Romane

Die Geschichte der Bienen

Um was es in Die Geschichte der Bienen geht? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn der Roman wird über verschiedene Zeitebenen, geografische Räume und Charaktere hinweg erzählt. Drei Ich-Erzähler kommen in schnell wechselnder Folge zu Wort, so dass man sich alle paar Seiten im England des Jahres 1852, 2007 in den USA oder im künftigen China von 2098 befindet. An diesen Knotenpunkten spannt Lunde ein Netz auf, das die gemeinsame Geschichte der Menschen und Bienen erzählt.

So begegnen wir in einem Handlungsstrang dem krisengeplagten Biologen und Samenhändler William, dessen Geschäfte krankheitsbedingt brachliegen. Er hat sich bereits aufgegeben, da kommt ihm plötzlich eine Idee für einen neuartigen Bienenstock und sein Leben nimmt eine neue Richtung. In einem zweiten Handlungsstrang lernen wir den Imker George kennen, der hofft, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernehmen wird. Nur liegen dessen Interessen ganz woanders – bis eines Tages die Bienen verschwinden. Und als drittes wäre da Tao, die von Hand Bäume bestäubt, da es keine Bienen mehr gibt. Ihrem kleinen Sohn möchte sie eine bessere Zukunft bieten können, doch plötzlich ist das Kind weg.

In Die Geschichte der Bienen setzt Maja Lunde ein Thema von globaler Bedeutung auf interessante Weise um. Und obwohl der Roman seine Schwächen haben mag, empfehle ich ihn an dieser Stelle dringend weiter, denn vor allem habe ich ihn als hellsichtig und von großer erzählerischer Kraft wahrgenommen.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb (2015).

Die Bienen

Flora 717 ist eine Biene. Ihrer Geburt nach gehört sie zur Sippe der Hygienebienen, der rangniedrigsten Gruppe im Staat. Zu ihren Aufgaben gehört das Sauberhalten des Bienenstocks, was sie demütig und schweigend zu erfüllen hat. Doch Flora ist anders: sie ist struppig, besonders groß, hat einen dunklen Pelz und vor allem kann sie sprechen – eine Eigenschaft, die in ihrer Sippe nicht zu finden ist. Mit diesen ungewöhnlichen Merkmalen ausgestattet ist es nur logisch, dass ihr Leben auch einen ungewöhnlichen Verlauf nehmen muss. So darf sie nach und nach verschiedene Aufgaben übernehmen, die ihr von der Hierarchie her eigentlich nicht zustehen, sie trifft die Königin, doch vor allem legt sie eines Tages ohne es zu wollen ein Ei. Das ist jedoch allein der Königin vorbehalten und Zuwiderhandlung wird mit dem Tod bestraft…

Die Bienen von Laline Paull war von allen Büchern, die ich für diesen Beitrag gelesen habe, die einzige Enttäuschung. Der allgemeinen Begeisterung, die dem Roman entgegengebracht wird, kann ich mich überhaupt nicht anschließen.

Beim Lesen habe ich wiederholt Fragezeichen an den Rand gezeichnet, da es in der Geschichte immer wieder zu Logik- und Anschlussfehlern kommt. So heißt es beispielsweise an einer Stelle, dass es Abend wird und nur wenige Sätze später, dass Flora von der Kälte der Nacht durchgefroren war. An einer anderen, dass die Drohnen „totgebissen oder in Stücke gerissen“ wurden, direkt dahinter liest man dann: „Brüder, die zu Boden gingen, wurden unbarmherzig ins grelle Sonnenlicht hinausgezerrt und ins Gras hinabgeworfen, wo die Horde [Anm. Fressfeinde] herumkroch und sie bei lebendigem Leib auffraß“. Es wimmelt in dem Roman von Ungereimtheiten dieser Art und es wundert mich, dass das beim Lektorat niemandem aufgefallen zu sein scheint. Das hat wirklich keinen Spaß gemacht.

Laline Paull: Die Bienen. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Droemer (2016).

Winterbienen

Von den drei hier anlässlich des Weltbienentags vorgestellten Romanen ist Norbert Scheuers Winterbienen mein Favorit. Der Autor schaffte es mit dem Titel vergangenes Jahr sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises – absolut verdient, wie ich finde.

Winterbienen erzählt anhand fiktiver Tagebucheinträge die Geschichte von Egidius Arimond aus dem Urftland in der Eifel. Wir begegnen dem Protagonisten im Januar 1944, der Zweite Weltkrieg geht also allmählich seinem Ende zu, und werden etwas über ein Jahr an seiner Seite bleiben. Aus „rassenhygienischen“ Gründen wurde Egidius zwangssterilisiert, denn er ist Epileptiker. Dass er nicht euthanasiert wurde, hat er dem Einfluss seines als Held verehrten Bruders zu verdanken, der bei der Luftwaffe dient. Die Epilepsie ist auch der Grund, warum der Hobbyimker Juden zur Flucht ins besetzte Belgien verhilft, indem er sie in präparierten Bienenkörben über die Grenze bringt: Er muss Geld für die dringend benötigten Medikamente aufbringen. Mit Vorrücken der Alliierten wird das Leben für Egidius täglich leidvoller, nicht zuletzt, weil er immer seltener an seine Medikamente kommt.

Tatsächlich geht es in dem Roman noch um viel mehr, aber das hier vorwegzunehmen wäre schade. Stattdessen sei nur gesagt, dass Winterbienen ein herausragend gutes Buch ist. Es kommt bescheiden daher, ist aber reichhaltig und formidabel erzählt.

Norbert Scheuer: Winterbienen. C.H.Beck (2019).
Hier in einer Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg.

Sachbücher

Das Verstummen der Natur

Seit das Buch Das Verstummen der Natur vor zwei Jahren erschienen ist, wollte ich es unbedingt lesen. Jetzt habe ich dieses Vorhaben endlich in die Tat umgesetzt und wurde nicht enttäuscht.

In ihrem Buch diskutieren der Journalist Volker Angres und der Umweltschutzexperte Claus-Peter Hutter das Artensterben: immer mehr Tier- und Pflanzenarten verschwinden, sehr viele stehen auf der Roten Liste, und fast ausnahmslos ist der Mensch an diesem Sterben bzw. dieser Gefährdung schuld. Welche Vernichtungsfaktoren genau auf unsere Rechnung gehen, inwiefern Rettungsversuche gelingen und noch viel häufiger scheitern, wieso die Politik mehr in die Pflicht genommen werden muss und welche Perspektiven wir haben, das alles wird ausführlich dargestellt. Mit besonderem Interesse habe ich die Typologie der verschiedenen Lebensräume gelesen: Wälder, Moore, Gewässer. Dabei habe ich vieles erfahren, was ich noch nicht wusste.

Thematisch und inhaltlich ist Das Verstummen der Natur wirklich hochinteressant und unbedingt lesenswert. Auch die kritische, bisweilen persönlich geprägte Herangehensweise an die global relevante Aufgabe, das Artensterben zu stoppen, hat mir gefallen. Die Bedeutung, die das Thema für die Autoren hat, ist deutlich zu spüren. Auch wenn ich hier und da ein bisschen herumkritteln könnte, insgesamt geht mein Daumen hoch.

Volker Angres, Claus-Peter Hutter: Das Verstummen der Natur. Das unheimliche Verschwinden der Insekten, Vögel und Pflanzen – und wie wir es noch aufhalten können. Ludwig (2018).

Von Bienen und Menschen

Ulla Lachauer wirft in ihrem Buch Von Bienen und Menschen einen ganz anderen Blick auf das Thema Bienen: ihre Aufmerksamkeit gilt den Imkern und Imkerinnen. Um mehr über deren Passion zu erfahren, begibt sich die Autorin auf eine Reise quer durch Europa und besucht zehn Menschen, die ihr Leben den Bienen verschrieben haben. In ausführlichen Porträts lernt man diese kennen, erfährt vieles über ihre Motivation, über Herausforderungen, Ärgernisse oder Träume. Gespickt sind die Porträts mit verheißungsvollen Honigrezepten: Parfaits, Kuchen, Getränke… Man bekommt wie nebenbei aber auch einiges über verschiedene Bienenarten, regionale Unterschiede in der Imkerei oder über die einzelnen Länder mit.

Von Bienen und Menschen ist unterhaltsam und kurzweilig. Es besteht keine Notwendigkeit, das Buch in einem Rutsch zu lesen. Die einzelnen Porträts erlauben es stattdessen, dass man sich Zeit lässt und immer mal wieder in diese zauberhafte, bunte Welt eintaucht.

Ulla Lachauer: Von Bienen und Menschen. Eine Reise durch Europa. Rowohlt (2018).

Die Biene. Geschichte, Biologie, Arten

Zusammen mit drei weiteren Fachleuten hat der Bienenforscher Noah Wilson-Rich ein Buch über die Naturgeschichte der Bienen herausgebracht. Darin beleuchtet er verschiedene Aspekte von der Evolution der Tiere über ihre Anatomie und unterschiedlichen Sozialstrukturen bis hin zur Bienenhaltung. Dabei thematisiert er die gemeinsame Geschichte von Bienen und Menschen genauso wie das Bienensterben. Ausnahmslos alles davon ist interessant, verständlich aufbereitet und vor allem äußerst lehrreich. Zu meinen Highlights gehören aber definitiv die Bienenporträts.

Großformatige, hochauflösende Fotos zeigen 40 Bienenarten in ihrer einmaligen Schönheit: jedes Härchen ihres Pelzes ist zu erkennen, vielfältigste Färbungen und Zeichnungen, die exakte Struktur der zarten Flügel, der komplexe Bau ihrer Beinchen usw. Besonders beeindruckend ist die daneben abgebildete Originalgröße – es ist unglaublich, wie winzig oder gigantisch die einzelnen Arten sind.

Dieses Buch hat mich wirklich überrascht! Ich hatte es spontan aus der Bibliothek mitgenommen, einfach weil mich die Aufmachung ansprach. Inhaltlich wollte ich mich zu Hause in Ruhe damit befassen. Und was soll ich sagen? Einmal aufgeschlagen, konnte ich gar nicht mehr aufhören darin zu blättern. Und seit ich es hier liegen habe, nehme ich es immer wieder zur Hand, um noch einmal die Fotos und Zeichnungen zu betrachten oder einen der Beiträge zu lesen. Eine große Empfehlung aus Überzeugung für dieses fabelhafte und wunderschöne Sachbuch!

Zusatztipp: Der TED Talk von Noah Wilson-Rich.

Noah Wilson-Rich (Hrsg.): Die Biene. Geschichte, Biologie, Arten. Aus dem Englischen von Coralie Wink und Monika Niehaus. Haupt (2014).


Um Tiere geht es auch in diesen Büchern: