Letterbericht Nr. 7

Joël Dicker

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen mehrere Bücher zugleich vor. Letterbericht Nummer 7 widmet sich dem Schweizer Schriftsteller Joël Dicker, der mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert einem größeren Publikum bekannt wurde.

Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Ich hatte nach längerer Zeit mal wieder Lust auf einen Krimi, wollte aber nichts allzu Bluttriefendes lesen. Da mir zuletzt vermehrt der Roman Das Verschwinden der Stephanie Mailer untergekommen war, hielt ich mich mit der Suche nach einem passenden Buch gar nicht erst lange auf. Um jedoch einen ersten Eindruck zu bekommen, lauschte ich ins Hörbuch rein und blieb schlussendlich auch dabei.

An einem Juliabend wird das Küstenstädtchen Orphea durch ein schreckliches Verbrechen aus seiner Beschaulichkeit gerissen: der Bürgermeister, dessen Frau und Sohn werden in ihrem Haus brutal ermordet. Eine Passantin, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, wird ebenfalls getötet. Die Aufklärung des Falls wird in die Hände von Jesse Rosenberg und Derek Scott übergeben, deren Ermittlungen schnell auf eine Spur und schließlich zur Ergreifung des Täters führen. Zwanzig Jahre später jedoch taucht unvermittelt die junge Journalistin Stephanie Mailer auf und behauptet, die beiden hätten sich damals geirrt und der wahre Mörder sei nie gefasst worden. Kurze Zeit später ist sie spurlos verschwunden. Rosenberg und Scott werden – erst widerwillig, dann vom Ehrgeiz gepackt – erneut mit dem Fall konfrontiert.

Das Verschwinden der Stephanie Mailer ist ein raffiniert erzählter Roman, dessen Kern zwar ein Mehrfachmord ausmacht, der aber weniger anhand eines klassischen Ermittlungsplots erzählt wird, als indirekt über das Romanpersonal: von den einzelnen Figuren ausgehend wird ein Netz aus Erzählsträngen geflochten, das sich immer weiter verdichtet. Während man sich anfangs fragt, wie die Figuren, die untereinander zumeist in keinerlei Bezug stehen, mit den Hauptereignissen in Verbindung zu bringen sind, beginnt sich irgendwann eine gemeinsame Richtung abzuzeichnen, die sie früher oder später zusammenführen muss. Dabei schafft es Dicker sehr geschickt, immer wieder mögliche Täter aufblitzen zu lassen, um dann ein Ende zu präsentieren, mit dem man niemals gerechnet hätte…

Keine Frage, der Plot des Romans ist spannend und gut aufgebaut. In allen anderen Aspekten schwächelt Das Verschwinden der Stephanie Mailer allerdings leider massiv. Die Figuren wirken größtenteils wie Pappaufsteller und die Dialoge sind dermaßen klischeehaft, dass ihre Einfallslosigkeit beinahe schon als Beleidigung aufzufassen ist. Da gibt es beispielsweise den exzentrischen Literaturkritiker, der sich selbst für einen Halbgott hält und verächtlich auf alle um ihn herum herabschaut. Oder die Geliebte eines Medienmoguls, die eine blutjunge, wahnsinnig heiße Frau ist, aber ebenso zickig und die mitleidslos zu erpresserischen Maßnahmen greift, wenn sie ihren Willen nicht bekommt. Dann wäre da noch das eigentlich talentierte Teenagermädchen, das aber mit massiven Selbstzerstörungstendezen zu kämpfen hat. Ganz zu schweigen von der jungen Polizistin Anna, die neu in Orphea ist und von ihren ausnahmslos männlichen Kollegen geschnitten oder getriezt wird.

Eigentlich gibt es keine einzige Figur, die nicht vor lauter Stereotypie mal mehr, mal weniger langweilig wäre, und das hat den Spaß an Das Verschwinden der Stephanie Mailer beträchtlich geschmälert. Am Ball bin ich nur deshalb geblieben, weil mich die Handlung fesseln konnte. Für eine aufrichtig gemeinte Weiterempfehlung reicht das meiner Meinung aber nicht aus.

Die Geschichte der Baltimores

Die Kritik, dass Dickers Figuren und Dialoge in Das Verschwinden der Stephanie Mailer flach und uninspiriert sind, ist mir anschließend in vielen Rezensionen begegnet. Seine anderen Romane wurden hingegen durchweg gelobt, und da mir der Plot ja durchaus gefallen hatte, wollte ich dem Autor unbedingt noch eine Chance geben. Meine Wahl fiel kurzerhand auf Die Geschichte der Baltimores, den Vorgängerroman, weil der in der Stadtbibliothek gerade verfügbar war. Auch hier griff ich wieder zum Hörbuch.

In Die Geschichte der Baltimores geht es um die Familien der Brüder Saul und Nathan Goldman. Während erstere als äußerst wohlhabende Leute in einem großen Anwesen mit Pool in Baltimore leben, Angestellte haben und sich einen luxuriösen Lebensstil erlauben können, leben letztere in bescheidenen Verhältnissen in Montclair. Im Laufe der Zeit werden die Namen der Wohnorte zu Synonymen für die jeweilige Familie, um sie in Gesprächen auseinanderhalten zu können. Dass die Namen tatsächlich aber vielmehr Zuschreibungen sind, spürt der Ich-Erzähler Marcus, der zu den Montclairs gehört, schon in jungen Jahren sehr deutlich. Lange schämt er sich für seine Eltern und die Spärlichkeit seines Zuhauses, und sehnt sich danach, zu den Baltimores zu gehören. Er nutzt daher jede sich bietende Gelegenheit, um Zeit mit seinem Onkel und dessen Familie zu verbringen. Mit seinem Cousin Hillel und dessen Ziehbruder Woody verbindet ihn eine intensive und vermeintlich unerschütterliche Freundschaft.

Als sich die drei Jungs als Teenager allerdings in dasselbe Mädchen verlieben, beginnen sie auseinanderzudriften. Am Ende dieser Entwicklung steht eine Katastrophe, die im Verlauf der Geschichte wiederholt angedeutet wird und auf die die Handlung somit zwangsläufig zusteuert. Dabei ist von Anfang an erkennbar, dass sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil kehren werden, dann wird Marcus der Wohlhabende sein, während die Baltimores einen tiefen Fall erfahren.

Was nach einer packenden Geschichte klingt, ist in Wahrheit eher enttäuschend. Zwar haben mir hier zumindest die zentralen Figuren deutlich besser gefallen als in Das Verschwinden der Stephanie Mailer, etliche andere waren aber leider erneut hochgradig unoriginell und tumb. Am deutlichsten wird das an den Schulleitern zweier Schulen, die Hillel besucht und die, wie übrigens sämtliches Lehrpersonal, blind-autoritär dargestellt werden. Dass Hillel von seinen Mitschülern gemobbt wird, möchte von ihnen niemand auch nur einen Moment als traurige Wahrheit in Betrachtet ziehen, stattdessen sieht man in ihm einstimmig einen Unruhestifter und kein Opfer. Selbst seine Eltern, die im Grunde davon überzeugt sind, es mit einem hochbegabten Kind zu tun zu haben, das unterfordert und gelangweilt ist, schicken ihn schließlich auf eine Sonderschule. – So viel Plattheit und fehlende Logik ist kaum zu ertragen! (Oder liegt hier vielleicht ein Übersetzungsfehler vor?)

Darüber hinaus hat Joël Dicker nach meinem Dafürhalten einfach kein Talent für Dialoge; Wortwechsel sind bei ihm zu oft vorhersehbar. Die einzige Stärke in Die Geschichte der Baltimores lag für mich, wie auch oben schon, im Plot. Das ist erneut zu wenig für ein wirkliche Empfehlung.

Die Hörbücher

Ein lobendes Wort muss ich an dieser Stelle über die Hörfassungen verlieren. Torben Kessler trägt beide Romane hervorragend vor und ihm ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass ich jeweils bis zum Ende durchgehalten haben. Er findet mühelos den richtigen Ton und hat generell eine angenehme Erzählstimme, der man gerne zuhört.

Lohnt es sich?

Meine Begeisterung für Joël Dicker hält sich massiv in Grenzen. Die beiden Romane von ihm, die ich kennengelernt habe, konnten mich nicht überzeugen und so ziehe ich ihn als Autor für mich nicht weiter in Betracht. Zwar hat er ein Händchen für starke Handlungen und (größtenteils) gute Erzählstränge, bei der Umsetzung bedient er sich aber viel zu sehr in der Bausteinkiste. Das Potential der Geschichten bleibt unausgeschöpft.

Wenn man, so wie ich, von fehlenden Feinheiten schnell genervt ist, werden einen die Romane von Joël Dicker ziemlich wahrscheinlich enttäuschen. Stellt man dagegen keine großen Forderungen hinsichtlich Erzählkunst, weil man einfach nur ein bisschen Unterhaltung sucht, ist man mit ihnen recht gut beraten.


Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer. Aus dem Französischen von Amelie Thoma und Michaela Meßner. Gelesen von Torben Kessler. HörbucHHamburg (2019).
Ungekürzte Ausgabe: 19 Std. und 52 Min.

Joël Dicker: Die Geschichte der Baltimores. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Gelesen von Torben Kessler. HörbucHHamburg (2016).
Ungekürzte Ausgabe: 14 Std. und 12 Min.


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