Im Bauch der Königin

Karosh Taha

Warum dieses Buch?

Es war ganz klar das Cover, das mich auf den Roman Im Bauch der Königin aufmerksam werden ließ: zwei Augen von beinahe schon hypnotischer Kraft schauen einen unverwandt an. Ich musste unmittelbar an Nazar-Amulette denken. Ob es in dem Roman wohl einen bösen Blick abzuwenden gilt?

Worum geht’s?

Shahira fällt auf in ihrer kurdisch-deutschen Community: allein schon, weil sie geschieden und alleinerziehend ist, aber noch mehr, weil sie kurze Röcke trägt und Affären hat. Ihr Lebenswandel macht sie zur Außenseiterin, zu einer Geächteten. Darunter leidet jedoch weniger Shahira selbst, als ihr Sohn Younes, der stellvertretend für seine Mutter Prügel und Beleidigungen einstecken muss. Und so wartet Younes auf den Tag, an dem ihn sein Vater zu sich holen wird, damit das alles ein Ende hat.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Es ist nicht leicht wiederzugeben um was es in Im Bauch der Königin geht, weil das, was die Figuren Amal und Raffiq jeweils erzählen zwar voller Parallelen ist, doch liegen diese so weit auseinander als gehörten sie zu unterschiedlichen Dimensionen. Die zwei Erzählungen unterscheiden sich an entscheidenden Stellen so sehr, dass sich der Verdacht aufdrängt, einer von beiden lügt. Tatsächlich aber erschafft Karosh Taha in ihrem Roman zwei Varianten derselben Realität, nicht zwei Perspektiven. Es geht um Wahrnehmung, nicht um Wahrheit.

Das spiegelt sich formal auch im Wendeformat des Buches wider, denn Im Bauch der Königin muss von zwei Seiten gelesen werden. Von der einen Seite gelesen, lernen wir Raffiq, den besten Freund von Younes, kennen. Raffiq und Younes stehen kurz vor dem Abitur, als Younes‘ seit Jahren abwesender Vater in Gestalt eines Onkels auftaucht, um ihn zu überreden nach Frankfurt zu ziehen. Dort warte man auf ihn, dort könne er dem Hurenleben seiner Mutter Shahira entkommen. Und Younes entscheidet sich zu gehen, möchte Raffiq aber an seiner Seite wissen, versucht ihn mit der Vorstellung einer gemeinsamen WG und eines Studiums zu locken. Doch Raffiq weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen soll, hat keine Pläne und keine Ziele. Nur eines weiß er, dass er nicht möchte, dass seine Freundin Amal als Au pair nach Chicago geht und auch nicht, dass sein Vater in den Irak zurückkehrt, wo er einst als Architekt tätig war, während er in Deutschland in einem Lager Gabelstapler fährt.

Von der anderen Seite gelesen, lernen wir Amal, die beste Freundin von Younes, kennen, deren Vater die Familie noch vor der Geburt ihres kleinen Bruders verlassen hat, um in den Irak zurückzukehren. Dort arbeitet er wieder in seinem alten Beruf als Architekt, um nicht länger als Gabelstaplerfahrer in einem Lager zu verkümmern. Über die Jahre ist der Kontakt zum Vater, der mittlerweile eine neue Frau und drei Stieftöchter hat, immer dünner geworden, während seine Abwesenheit gleichbleibend präsent ist. Und so beschließt Amal, ihn nach den Abiturprüfungen zu besuchen. Sie fliegt in den Irak, um das neue Leben ihres Vaters, aber auch das Heimatland ihrer Eltern kennenzulernen, und vielleicht wird sie sogar dortbleiben.

Was die beiden Romanhälften miteinander verbindet, ist zunächst das gleichbleibende Personal. Dessen Beziehungen untereinander verschieben sich allerdings, so ist beispielsweise Amal einmal die Freundin von Raffiq und ein andermal sind die beiden sich spinnefeind, einmal ist Younes der beste Freund von Amal, dann von Raffiq. Dass auch andere Realitäten sich spiegeln, zeigt sich am Beispiel der Väter Amals und Raffiqs. Anker aller Konstellationen ist Younes’ Mutter Shahira, die als einzige Figur unverändert dargestellt und somit zum Zentrum des Romans gemacht wird.

Während sich Shahira und ihre Geschichte in den Erzählungen Amals und Raffiqs decken, unterscheidet sich deren Wahrnehmung hingegen umso mehr. Shahira, die offen dazu steht, verlassen worden und sogar geschieden zu sein, lebt ein promiskes Leben, das allen im Viertel Anlass für Tratsch, Beleidigungen und Verachtung gibt. Auch Amal und Raffiq begegnen Shahira nicht ohne Ablehnung, sind vor allem aber von ihr fasziniert. Sie taumeln zwischen einem Wunsch nach Nähe zu dieser Frau und Geringschätzung, weil sie unstatthaft ist und damit vor allem Younes in Bedrängnis bringt. Während Amal die Stärke in Shahira sieht und ihre Eigenständigkeit bewundert, bleibt Raffiq am Äußeren dieser Frau haften, träumt von ihren langen Beinen, den Brüsten, der Haut. Und somit befassen sich beide genau mit den Attributen Shahiras, die diese aus Sicht der Gemeinschaft zu einer Hure machen.

Und damit wären wir beim Kern des Romans, nämlich, dass es allein die Gesellschaft ist, die vorgibt, wie jemand wahrzunehmen ist. Das zeigt sich auch an Amal und Raffiq selbst: Am Anfang der Romanhälften steht die Tatsache, dass Younes von den beiden verprügelt wird. Dieser Akt physischer Gewalt wird von den Außenstehenden allerdings unterschiedlich bewertet. Während sich die Mütter von Younes und Raffiq nach dem Angriff verbal attackieren und eine Entschuldigung einfordern bzw. verweigern, das Thema dann aber vom Tisch ist, wird Amal ihr Verhalten immer wieder vorgehalten und eine Bestrafung für derart unzivilisiertes = unmädchenhaftes Benehmen eingefordert.

Es sind solche Analogien, die Im Bauch der Königin anreichern und zu einer gehaltvollen Lektüre machen, die ganze Gedankenkaskaden losbricht.

Gibt’s sonst noch etwas zu sagen?

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erzählte Karosh Taha, wie es zu der Idee mit dem Wendebuch kam:

Als ich mit seiner [Anm. Raffiqs] Perspektive angefangen habe, fühlte sich das unvollständig an. Ich habe das Gefühl gehabt, ich werde der Figur der Shahira nicht gerecht. Und dann hat sich aber die Erzählerin Amal so aufgedrängt. Und vielleicht ist es wichtig zu betonen, dass das nicht ein Buch ist, das einfach nur zwei Perspektiven beleuchtet, weil dann bräuchte man dieses Wendeformat nicht, sondern es sind tatsächlich zwei Realitäten. Es sind zwei Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen und das stand für mich im Vordergrund: Wie kann ich eine Geschichte erzählen und trotzdem diese beiden Blickwinkel miteinander vereinbaren in einem Buch?

Das ganze Interview kann hier nachgehört werden.

Lohnt es sich?

Geschichten erlauben es oft, dass wir nur auf ihrer Oberfläche schwimmen. Zwar sehen wir ihre Strukturen aus der Tiefe aufblitzen, werden aber nicht dazu gedrängt, uns mit ihnen zu befassen. Der Roman Im Bauch der Königin von Karosh Taha hingegen zwingt einen schon deshalb zur genaueren Betrachtung, weil es nicht eine, sondern zwei und somit keine allgemeingültige Oberfläche gibt. Im Bauch der Königin ist die richtige Wahl für alle, die sich gerne lange und intensiv mir ihrer Lektüre beschäftigen.

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Dumont (2020).

Link zur Leseprobe: hier

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Dumont Verlag für die Zusendung.]


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