Die kleinsten, stillsten Dinge

Sara Baume

Warum dieses Buch?

Der Roman Die kleinsten, stillsten Dinge von Sara Baume war einer dieser Zufallsfunde: Man stöbert nur ein bisschen aus Vergnügen und Zeitvertreib, aber ohne echte Kaufabsichten und plötzlich fällt einem ein Titel ins Auge, der neugierig macht. Man spürt, dass dieses Buch unbedingt mitgenommen werden will, ohne dass man eine Ahnung hat, auf was man sich überhaupt einlassen wird.

Worum geht’s?

Einauge ist schwer vermittelbar, schon lange wartet der Hund im Tierheim auf einen neuen Besitzer und müsste er noch einen Tag länger warten, drohte ihm die Einschläferung. Doch im sprichwörtlich letzten Moment erscheint ein älterer Mann und nimmt ihn mit. Ray ist allerdings weniger auf der Suche nach einem Weggefährten, als nach einer Lösung für seine Rattenplage. Dass der Hund ihm nahegehen könnte, darauf ist er nicht gefasst.

Der Experte sagte, dass ein kleines Tier, zum Beispiel eine Ratte, die Anwesenheit eines größeren Tieres, eines Raubtiers, sofort riecht und sich entfernt. Das hat mich erst nachdenken und dann Ausschau halten lassen, und dann kamst du. So bist du in mein Leben getreten, mein guter kleiner Rattenfänger.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Groß ist er und grobschlächtig, er geht gebeugt und sein Atem stinkt. Das Haus, in dem er lebt, stinkt auch, nach „schwarzem Schimmel, Zigarettenrauch, gebratenem Knoblauch, Handwäsche, feuchtem Staub, verschwitzten Hausschuhen“. Vor allem aber herrscht seit einiger Zeit eine Rattenplage. Als Ray im Radio einen Experten sprechen hört, der erklärt, dass Ratten vor größeren Tieren fliehen, beschließt er daher, sich einen Hund anzuschaffen. Im Fenster eines Trödelladens entdeckt Ray zufällig einen Aushang, auf dem ein versehrtes Gesicht mit traurigem Blick ein Für-immer-Zuhause sucht. Und so fährt er zum Tierheim und holt den Hund, den er auf dem Zettel gesehen hat, zu sich.

Seit einem Jagdunfall hat dieser Löcher in den Lefzen und nur noch ein Auge, weshalb Ray ihm den Namen Einauge gibt. Einauge ist durch das Erlebte traumatisiert und zudem gegenüber anderen Hunden hochaggressiv, seinem neuen Herrn hingegen zeigt er sich anhänglich und zugewandt und so entwickelt sich zwischen den beiden rasch eine unbeholfene Zuneigung.

Schon sehr früh versteht man als LeserIn, dass das ein Gefühl ist, dass ihnen bisher fremd war, denn in beider Leben gab es niemals so etwas wie Hinwendung oder gar Liebe. Wie tief dieses neue Gefühl tatsächlich geht, zeigt sich, als Einauge wiederholt fremde Hunde angreift und sich schließlich das Ordnungsamt meldet, um ihn Ray wegzunehmen. Ray weiß sich nicht anders zu helfen, als mit dem Hund ins Auto zu steigen und aufs Geratewohl wegzufahren; ein wichtiger Wendepunkt des Romans, an dem aus einer Art Kammerspiel eine Art Road Novel wird. Je weiter sie sich vom Heimatort entfernen, desto freier wird Ray innerlich. Doch die Tage werden immer kürzer und kälter und irgendwann ist auch kein Geld mehr da…

Es war falsch, dir etwas von meiner Menschlichkeit überstülpen zu wollen – schließlich hat es mir nie viel gebracht, ein Mensch zu sein.

Um die Geschichte von Ray und Einauge zu erzählen, lässt Sara Baume Ray zu Wort kommen – Ray, der hünenhaft große Mann, der innen gänzlich verkümmert ist, beinahe inexistent, der eine hochgradige soziale Angststörung hat und gegenüber Fremden so leise spricht, dass er oft nicht verstanden wird, der nur einmal die Woche in die Stadt fährt und sonntags zum Gottesdienst, ansonsten aber sein brüchiges Haus so gut wie nicht verlässt, weil er andere Menschen meidet. Doch durch den Hund an seiner Seite erwacht etwas in dem einsamen Mann und er beginnt, Einauge alles zu beschreiben, was sie auf ihren Spaziergängen sehen, was vor ihrem Fenster mit Blick auf die Tawny Bay geschieht, und eben auch Anekdoten aus seinem Leben. Zum Beispiel wie sein Vater ihn als Kleinkind aus dem Auto warf, weil er heulte und ihn am Straßenrand stehenließ, ohne zurückzukommen. Aus diesen Monologen setzt sich allmählich ein erschütterndes Bild zusammen, das auch Ray selbst zum ersten Mal zu Bewusstsein zu kommen scheint. War er sich seiner Eigenartigkeit immer schon gegenwärtig, beginnt er erst jetzt zu begreifen worin genau diese besteht und insbesondere woher sie kommt.

Ich wollte, ich wäre mit deiner Fähigkeit zum Staunen geboren. Es würde mir nichts ausmachen, ein kürzeres Leben zu haben, wenn dieses kürzere Leben so sehr mit Leben erfüllt wäre wie deins.

Ich verrate nichts, wenn ich sage, dass Sara Baume in ihrem Debüt Die kleinsten, stillsten Dinge kein glückliches Ende bereithält, denn das zeichnet sich von Anfang an ab – es beginnt mit einem leisen Rauschen, einer Spur von Unheil, das sich fast unmerklich zu einem gewaltigen Tosen auswächst. Und dabei wird bis zum Schluss ausschließlich in leisen Tönen und anhand vielzähliger Details, eben jener kleinsten, stillsten Dinge erzählt. So bleibt das Erzähltempo gemächlich, während die Spannung körperlich spürbar wird. Je näher das Ende des Romans kam, desto mehr habe ich ihm entgegengefiebert und wollte es zugleich doch am liebsten übergehen. Ich erinnere mich nicht, welches Buch mich zuletzt so bitterlich hat weinen lassen…

Was gibt’s sonst noch zu sagen?

Dirk van Gunsteren hat hier eine phänomenale Übersetzerleistung bewiesen. Diesen Roman ins Deutsche zu übertragen, muss mühselige Arbeit gewesen sein. Mein Kompliment!

Lohnt es sich?

Die kleinsten, stillsten Dinge von Sara Baume ist unglaublich traurig und dabei unglaublich schön. Der Roman war für mich eine unerwartete Überraschung – leise, poetisch und dabei immens kraftvoll. Eine dringende Leseempfehlung für alle, die keine Scheu vor aufwühlenden Geschichten haben.

Sara Baume: Die kleinsten, stillsten Dinge. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt (2016).


Ebenfalls traurig-schön:

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