Dankbarkeiten

Dankbarkeiten

Heute probiere ich mal etwas Neues aus, eine Art erweiterte Rezension: zusätzlich zum Titel, um den es hier vorrangig gehen soll, reiße ich ergänzend zwei weitere Bücher der Autorin an. Wenn ihr mögt, lasst mich doch wissen, ob euch dieses Konzept gefällt. Dazu könnt ihr mich einfach über das Kontaktformular anschreiben.

Warum dieses Buch?

An der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan gibt es spätestens seit Loyalitäten, das vor zwei Jahren erschien, kaum noch ein Vorbeikommen. Zumindest in bibliophilen Instagramkreisen nicht. Trotzdem hatte ich bislang zu keinem ihrer Bücher gegriffen. Auch als die Neuerscheinungen für dieses Frühjahr bekannt wurden, entdeckte ich zwar, dass ein neues Buch von ihr erscheinen würde, nahm es aber nicht in die engere Auswahl. Stattdessen fragte ich bei Dumont zwei andere Titel als Rezensionsexemplare an. Wenige Tage später trudelte ein Päckchen bei mir ein und Dankbarkeiten von Delphine de Vigan lag als kleines Extra bei – dafür bin ich (passenderweise) unglaublich dankbar, denn sonst hätte ich diese tolle Autorin sehr wahrscheinlich noch länger an mir vorbeiziehen lassen.

Worum geht’s? Und wie liest’s sich?

Dankbarkeiten

Marie lebte als Kind in der Wohnung über Michka. Maries alleinerziehende Mutter war von ihrer Aufgabe überfordert, überließ die Tochter sich selbst. Irgendwann holte Michka die Kleine zu sich, wurde ihr eine Ziehmutter und nun, da Michka eine alte Frau ist, gibt Marie die Fürsorge zurück. Auch als Michka schließlich im Heim lebt, kommt Marie häufig vorbei, obwohl es sie Kraft kostet, den zunehmenden geistigen Verfall mit ansehen zu müssen. Dann stirbt Michka und von der Frage umgetrieben, ob Marie ihre Dankbarkeit genug gezeigt hat, setzt der Roman ein.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie am Tag Danke sagen? Danke für das Salz, für die aufgehaltene Tür, für die Auskunft. Danke für das Rückgeld, fürs Baguette, das Päckchen Zigaretten. Ein Danke aus Höflichkeit, dem gesellschaftlichen Umgang geschuldet, automatisch, mechanisch. Fast leer. Manchmal wird es unterlassen. Manchmal auch übertrieben betont: Danke dir. Danke für alles. Tausend Dank. Vielen, vielen Dank.

In dessen Zentrum steht besagte Michka, für die Wörter wahrscheinlich das sind, was für andere die Luft zum Atmen ist. Einst arbeitete sie als Korrektorin bei einer großen Zeitung, nichts entging ihr: „Satzfehler, Syntaxfehler, Konjugationsfehler, Wiederholungen…“. Und jetzt entgleiten ihr ausgerechnet die Wörter zusehends, sie zerfallen ihr, fliegen davon. Aber auch sonst bereitet ihr das Leben immer mehr Mühe und so stimmt sie zu, als Marie ihr rät, in ein Seniorenheim zu ziehen. Der festgelegte, immer gleiche Rhythmus der Tage setzt der zunehmend verwirrten Frau zu. Sie muss sich Schlafens- und Essenszeiten beugen, nur gegen die Aktivitäten für die ResidentInnen kann sie aufbegehren, widersetzt sich Rätselrunden und anderem als letztem Ausdruck ihres freien Willens.

Einzig den Besuchen Maries und den wöchentlichen Therapiesitzungen mit dem jungen Logopäden Jérôme sieht sie freudig entgegen. Es sind auch diese beiden, die Michka dabei helfen, ein Ehepaar zu finden, bei dem sie als Kind versteckt wurde: Ihre jüdische Mutter gab sie in die Obhut von Fremden, um Michka vor den Nazis zu retten. Wissend, dass sie bald nicht mehr dazu in der Lage sein wird, möchte sie den beiden Danke sagen. Doch die Suche, die bereits früher einmal erfolglos verlief, wird auch diesmal vermutlich im Nichts verlaufen.

Delphine de Vigan erzählt Dankbarkeiten aus der Perspektive Maries und Jérômes, die in alternierenden Kapiteln zu Wort kommen, durchbrochen von (Alb)Träumen Michkas. Das verleiht der Geschichte einen sanft wogenden Rhythmus, der die Ereignisse ohne Eile aber stetig vorantreibt. Eine große Kraft geht auch von der Reduzierung aufs Wesentliche aus, denn de Vigan hält sich nicht mit inhaltlichem Zierrat auf. Durch diese Erzählweise schafft es die Autorin auf nur knapp 160 Seiten – und der Satz erfolgte ehrlich gesagt äußerst großzügig –, viel mitzuteilen und vor allem nachdenklich zu stimmen und durchzurütteln. Wer von diesem Buch nicht tief aufgewühlt wird, ist ein Klotz.

Lohnt es sich?

Ich mach’s kurz: Dankbarkeiten gehört sofort auf jede Buchwunschliste!


Dankbarkeiten war mein erster Berührungspunkt mit Delphine de Vigan. Zwar war sie mir bereits ein Begriff, gelesen hatte ich bis dahin aber nichts von ihr. Doch kaum hatte ich dieses Buch beendet, griff ich zum nächsten und dann zu noch einem. Das eine konnte mich fast genauso begeistern wie Dankbarkeiten, dem anderen stehe ich zwiegespalten gegenüber.

Tage ohne Hunger

Tage ohne Hunger erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die schwer an Magersucht erkrankt ist und in einer Klinik im letzten Moment Hilfe bekommt: Laure ist 19 und wiegt bei einer Körpergröße von 175 cm keine vierzig Kilo mehr. Der Roman begleitet sie durch die Therapie, auf die sie sich anfänglich nur einlässt, weil sie die Kälte, die sich in ihrem Körper eingenistet hat, nicht mehr vertreiben kann: „Die Kälte sagte ihr, dass sie zwischen Leben und Sterben wählen musste.“

Der Roman gibt ein eindrückliches Bild davon, wie komplex die Krankheit Magersucht ist und wie schwer die Genesung, sofern diese überhaupt gelingen kann. Trotz allem konnte er mich nicht begeistern. Das lag vor allem an den merkwürdigen Sprachbildern, für die de Vigan eine grundsätzliche Leidenschaft zu hegen scheint, die hier aber besonders augenfällig sind. Kostprobe: „[…] sie hört nicht auf, diese kleinen Bröckchen Kindheit im Mund hin- und herzuschieben wie lehmige Kiesel […].“ oder „Sie lässt diese kleine, verschnürte Bürde bei ihr zurück wie einen Braten, der über das Linoleum rollt.“ Das ist nach meiner Meinung einfach irrsinnig schlecht und hat mir viel verdorben. Meine Empfehlung für Tage ohne Hunger fällt daher verhalten aus.

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont (2017).

Loyalitäten

Vorbehaltlos kann ich dagegen Loyalitäten empfehlen. Es geht darin um den zwölfjährigen Théo, der zwischen seinen geschiedenen Eltern aufgerieben wird: Die Mutter hasst ihren Ex-Mann und lässt Théo diese enorme Abneigung ungefiltert spüren. Der Vater seinerseits ist arbeitslos und tablettensüchtig, kann sich immer weniger um seinen Sohn kümmern und am Ende gar nicht mehr. Außer Théo weiß jedoch niemand von dem Verfall und der sich zuspitzenden Lage, die vermuten lässt, dass der Vater seine Krise nicht überleben wird.

Théo entdeckt einen vermeintlichen Ausweg aus dieser Hölle im Alkohol. Was mit einer zufälligen Begegnung mit einer Flasche Schnaps begann, wächst sich zu einer handfesten Sucht aus. Die kostet ihm am Ende möglicherweise das Leben, denn die einzige, die hinsieht und sich sorgt, Théos Lehrerin, wird nicht ernstgenommen. Alle anderen Erwachsenen kommen ihrer Fürsorgepflicht in erschreckender Weise nicht nach, so zum Beispiel die Mutter seines besten Freundes. Als diese entdeckt, dass Théo Alkohol konsumiert, sorgt sie sich nur, dass sich das Verhalten auf Mathis übertragen könnte und untersagt ihm den Kontakt, handelt ansonsten aber nicht.

Loyalitäten ist bei aller Reduziertheit beeindruckend kraftvoll und unmissverständlich. Alle Rädchen des Plots greifen mühelos ineinander. Unbedingt lesenswert!

Delphine de Vigan: Loyalitäten. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont (2018).

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont (2020).

Zur Leseprobe hier entlang.

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Dumont Verlag für die Zusendung.]


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