Im Freien

Warum dieses Buch?

Meine erste Reaktion war Zögern, als ich vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ich Lust hätte, ein Buch mit dem Titel Im Freien – Abenteuer vor der Haustür von einem Autor namens Björn Kern auf meinem Blog vorzustellen. Mein Blick war zunächst auf das Cover gefallen und das entfachte keine Begeisterungsstürme, um ehrlich zu sein. Dann erst las ich die zugehörige Mail und fand, dass ein Anlesen der Leseprobe zumindest nicht schaden könnte, nur um dann wiederum überrascht festzustellen, dass mich der Text sofort packte. Never judge a book by its cover oder so ähnlich…

Worum geht’s?

Björn Kern lebt mit seiner Familie im Oderbruch, umgeben von Landschaft, Himmel, Weite. Der perfekte Ort für jemanden, den regelmäßig das Nahweh packt. Dann schnürt Kern die Wanderstiefel und zieht los, immer querfeldein. Er übernachtet im Wald, zeltet bei Gewitter, springt bei Minusgraden in einen See oder schwitzt in einer schamanischen Hütte. Er beobachtet Rehe und wird selbst von einem Dachs beobachtet, er begegnet Füchsen, lauscht einem Kauz, sieht Vogelschwärmen hinterher. Und während seiner Streifzüge denkt er über das Draußensein nach, hinterfragt Konsumverhalten und Anspruchshaltungen, seziert Erwartungen. Draußensein bedeutet für den Autor von all dem frei zu sein.

Über unsere Vorfahren, die in jedem Donnerschlag den Zorn Gottes hörten, machen wir uns lustig. Und übersehen dabei, wie gierig wir selbst noch immer nach einer Erzählung sind, nach dem Gefühl, durchschaut zu haben und nachzuempfinden, wie sich das eine aus dem anderen ergibt.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Die meisten werden das kennen: Draußen lacht die Sonne, drinnen gemahnt der Computer zur Arbeit. Es zieht einen ins Freie, aber die Vernunft hält dagegen und man ergibt sich, bleibt sitzen, ohne wirklich bei der Sache zu sein, weil der Lockruf nicht nachlässt. So ergeht es auch Björn Kern, dem Autor von Im Freien – Abenteuer vor der Haustür. An einem Tag im März passiert es dann: Kern lässt alles stehen und liegen, packt sein Bündel und macht sich auf den Weg in den Wald. Noch sind die Nächte kalt, aber er hat sich in den Kopf gesetzt, dort zu übernachten. Die Realität kann mit seiner romantischen Vorstellung zwar nicht mithalten, aber dieser Erfahrung haben wir möglicherweise das vorliegende Buch zu verdanken.

Ab nun nimmt Björn Kern uns nämlich mit durch ein ganzes Jahr voller Nahweherfahrungen. Gemeinsam mit dem Autor erkunden wir Flora, Fauna und Klima des Oderbruchs und lernen dabei, dass Draußensein vor allem Kopfsache ist. Denn der Homo sapiens des 21. Jahrhunderts ist zum Stubenhocker geworden, permanent gestresst von Terminen, Deadlines und Verpflichtungen vielgestaltiger Art. Entspannung suchen wir dann bei Netflix und wundern uns, dass es mit dem Kopfausschalten nicht so recht klappen mag. Auch das Yoga-Retreat wirkt nur, solange es andauert. Also kaufen wir Outdoor-Erlebnisse in Form hochpreisiger Allwetterjacken, die wir dann doch nicht anziehen, schon gar nicht, um damit im Regen spazierenzugehen.

Hierin ist Im Freien unbestreitbar ein Kind unseres Zeitgeistes und dann doch auch wieder nicht, denn das Buch bedient zwar unseren Wunsch nach Freisein, verkauft dafür aber keine Abenteuerrezepte, sondern teilt eine Weltanschauung. In dieser geht es um nichts weiter, als in die Nähe zu schweifen, das eigene Habitat zu erkunden: Was wächst hier? Wie riecht es? Welche Insekten krabbeln herum? Oder anders gesprochen, mit offenen Augen und Ohren durch die Natur zu gehen und sie damit mitten hineinzulassen ins Leben. Alles kostenlos, ohne Aufwand und Spezialausrüstung.

Draußensein sprengt den Alltag und lässt sich doch problemlos in ihn integrieren. Denn Draußensein ist äußerst genügsam. Strand oder Dorfstraße? Beides ist gut.

Gleichwohl der Autor dabei Fragen unserer Konsumgesellschaft aufwirft und Überlegungen zu Entsagung und Verzicht anstellt, geht es ihm nicht um Aussteigertum oder Eskapismus. Auch wenn sich der Verdacht des letzteren aufdrängen könnte, angesichts der Abenteuer, die er sucht. Denn Kern praktiziert mithin eine Extremvariante des Draußenseins, reizt Grenzen aus, wenn er zum Beispiel des nachts auf einem Bahndamm entlangspaziert oder in einen winterlichen See springt – ob das notwendig ist, fragt man sich dann. Sein Drang, die Natur zu erfahren, wirkt oft kopflos und unüberlegt, aber Kerns Waghalsigkeit resultiert am Ende auch für den Autor selbst in einer Erkenntnis, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte.

Überhaupt ist Kern in seinen Darstellungen immer grundehrlich, berichtet auch von Zuständen der Panik oder Unzufriedenheit. Momente, die sich oft in einem Lachen auflösen, denn Im Freien ist auch sehr unterhaltsam, zum Beispiel wenn sich das angriffslustige Untier, das im Badesee um seinen Fuß streift als Plastiktüte entpuppt. Oder wenn sich der Autor nicht ohne Selbstironie beklagt, dass das gesamte Oderbruch fruchtbares Ackerland sei, mit Ausnahme seiner dreißig Quadratmeter Gemüsebeet, das nur sieben Radieschen hervorbringt.

Wir tun alles dafür, um auch den letzten Rest Draußenwelt nach drinnen zu holen. Zur Überbrückung lästiger Freiluftstrecken steht jederzeit das Automobil bereit. Deliveroo und Foodora beseitigen auch spontanen Hunger absolut frischluftfrei. Mit Smartphone und Internet muss ich nicht einmal mehr für eine Überweisung aus dem Haus, nicht einmal mehr, um meine Partnerin kennenzulernen. Fehlen eigentlich nur noch E-Geburt und E-Bestattung, dann kann ich endlich das komplette Leben vor dem Bildschirm verbringen.

Was gibt es sonst noch zu sagen?

Es lässt sich nicht leugnen: Im Buchladen wäre ich an Björn Kerns Im Freien vorbeimarschiert, ohne es auch nur wahrgenommen zu haben. Cover und Titel wirken belanglos, wecken einfach keine Neugier. Schaut man doch hin, drängt sich zunächst der Verdacht des tausendundeinsten Outdoor-Ratgebers auf, erst der Text auf der Innenklappe lässt erahnen, um was es gehen könnte. Das ist aufrichtig schade, denn es steckt ausreichend Inspiration für eine ansprechende Aufmachung drin, allein schon in der wunderbaren Losung „Nahweh“.

Lohnt es sich?

Im Freien ist absolut anders als man erwarten würde – es ist keine Anleitung zum Draußensein, bietet keine Tipps zur Freizeitgestaltung an der frischen Luft, sondern ist ein leidenschaftliches Plädoyer, einfach einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ohne Zwang, aber am besten auch ohne iPod. Ein wunderbares Lehrstück!

Björn Kern: Im Freien – Abenteuer vor der Haustür. Fischer Verlag (2019).

Leseprobe: Hier entlang.

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den Fischer Verlag für die Zusendung.]


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