Altes Land

Warum dieses Buch?

Ich beginne Samstage und vor allem Sonntage gerne mit einer Tasse Tee und einem Buch im noch warmen Bett. Allzu anspruchsvoll darf die Lektüre in diesen seichten Vormittagsstunden nicht sein, zu trivial aber erst recht nicht, und so greife ich gerne zu Geschichten, die meine Sehnsucht nach Wohlgefühl befriedigen, ohne dabei meinen Anspruch zu beleidigen. Dörte Hansens Debütroman Altes Land schien mir dahingehend eine geeignete Wahl und ich sollte damit recht behalten.

Worum geht’s?

Vera kommt als Fünfjährige mit ihrer Mutter Hildegard auf den Altländer Hof von Ida Eckhoff, als unerwünschte Polacken, geflohen aus ihrer ostpreußischen Heimat. Sie werden bleiben, sich festsetzen in diesen Gemäuern, die nicht ihre sind. Hildegard wird Idas Sohn Karl erst für sich gewinnen, dann für einen anderen Mann verlassen und mit ihm eine weitere Tochter namens Marlene bekommen. Marlene wird im großstädtischen Wohlstand Hamburgs aufwachsen und unter dem strengen Regiment der Mutter zu einer vielversprechenden Pianistin heranreifen, die ihre potentielle Karriere im letzten Moment aber zugunsten einer eigenen Familie aufgeben wird. Nur um sich später an ihren Kindern musikalisch abzuehrgeizen, wobei sich Anne trotz Talent als Enttäuschung entpuppen wird, was Marlene ihrer Tochter nicht verzeihen kann. Nach einer gescheiterten Beziehung zieht Anne auf den Hof ihrer Tante Vera im Alten Land. Diese war damals von der Mutter beim Ziehvater zurückgelassen worden, dem Kriegsinvaliden, den Vera bis zu seinem Tod pflegte. Im Gegensatz zu Haus und Hof, die zum Schandfleck des idyllischen Ortes verkommen sind, der neuerdings immer mehr Aussteiger und Touristen anlockt. Besonders dem pedantischen Heinrich Lührs, Veras Nachbarn, tut der Anblick weh. Kiek man nich hen, rät Vera ihm.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest’s sich?

Vera und ihre Mutter Hildegard kommen als Kriegsflüchtlinge aus Ostpreußen auf den stattlichen Hof von Ida Eckhoff im titelgebenden Alten Land. Hildegard, die sich als zäh und robust erweist, als wertvolle Arbeitskraft, ist dennoch unwillkommen, erst recht, als sie sich mit Idas Sohn einlässt. Ida, die so froh ist, ihren Karl (physisch) unversehrt beziehungsweise überhaupt aus dem Krieg zurückbekommen zu haben, verliert ihn nun an diese Hergelaufene.

Von diesem Punkt aus entwickelt sich Altes Land zu einem Generationenroman, in dessen Zentrum Vera und ihre Nichte Anne stehen. Die Darstellung innerfamiliärer Konflikte begrenzt sich jedoch nicht auf diese, sondern wirft wie beiläufig immerzu Blicke in die Leben der Nachbarn und anderer Menschen. Dabei geht Dörte Hansen mit ihrem Romanpersonal sehr interessant um: Während die kriegsgeschädigte ältere Generation in ihrer Traumatisierung ernstgenommen wird, sind die Jüngeren vor allem neurotisch. Bei den einzelnen Figuren handelt es sich um mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte lebende Stereotype, die sich selbst für normal und alle anderen hingegen für wandelnde Klischees halten. Jeder sieht sich permanent in seinen Vorurteilen gegenüber Bauern, Großstädtern, Alteingesessenen, Künstlern etc. bestätigt und verbucht das auf seinem Egokonto mitunter heimlich als Plus, andere geraten darüber ins Zweifeln.

Anne beispielsweise fühlt sich wie eine Fremde unter den Ökomüttern von Hamburg-Ottensen, die sie in gewisser Weise verachtet und doch aber dazugehören möchte. Sie spottet über den Hobo-Look der Kinder, die ewigen Vollkornkekse und Latte Macchiatos mit Pflanzenmilch, über die eifrige musikalische Früherziehung, das Paralleluniversum aus Egoismus und verständnisvollem Zuhören. Als Anne nach der Trennung von ihrem Freund Christoph, der eine andere geschwängert hat, auf den Hof ihrer Tante zieht und Leon in einen neuen Kindergarten geben muss, offenbart sich jedoch, wie sehr sie ihnen gleicht, den Ottenser Eltern – nur, dass es ihr selbst eben nicht bewusst ist. Sie erkundigt sich, ob die Mittagessen vegetarisch sind und setzt sich am ersten Tag wie selbstverständlich mit ihrem Sohn auf den Spielteppich. Doch von Eingewöhnung mitsamt Eltern möchte man hier nichts hören und schiebt Anne sanft, aber bestimmt Richtung Ausgang. Wieder fühlt Anne sich nicht zugehörig zwischen den Familienkutschen und den Kindern, bei denen die Söckchen zu den Kleidchen zu den Haarspängelchen passen. Hier fahren die Kinder auch Lenktraktoren, nicht Laufrad. Selbst Zwergkaninchen Willy muss erst mit dem Kulturschock zurechtkommen lernen: fortan gibt es Löwenzahn statt Vital-Knusperstangen.

Die Familienstillleben in den Cafés und Parks von Hamburg-Ottensen zeigten Anne, was sie nicht waren: ein fest verschnürtes Paket, Vater-Mutter-Kind, verwoben zu einem stabilen Familienstoff. Sie waren zwei Leute mit einem Kind, lose verhäkelt, drei Luftmaschen.

Ein wichtiges Gegengewicht zur Launigkeit des Romans schafft Hansen, indem sie die Anfänge der Geschichte in die Schreckenszeit des Zweiten Weltkriegs legt, welche auch später noch in den zerrütteten Mutter-Tochter-Beziehungen der Familie fortwirkt. Ohne diese Schwere würde es Altes Land an Dimensionalität mangeln. Die Erzählstruktur aus ernstem Fundament und leichtem Überbau erdet den Roman, der trotz allem vorrangig unterhaltsam ist.

Sie kamen immer mit diesem netten, selbstironischen Lächeln, aber aus dem Lächeln ragte der Ehrgeiz wie ein kalter Fuß aus einer viel zu kurzen Decke.

Die bissigen Formulierungen und kleinen Seitenhiebe auf verschiedene Gesellschaftsgruppen bereiten beim Lesen eine fast schon diebische Freude. Doch wie gesagt, bevor es zu scherzhaft und damit platt wird, holt Hansen ihre Leser und Leserinnen durch bittere Episoden wieder zurück:

Die Haare kamen später ab, ganz kurz. Man sah wie ein Verbrecher aus, man fühlte sich auch so, wie Pack, wie Flüchtlingspack, wie stinkende Polacken, auch später noch, da waren die Haare wieder lang.
Was hätten sie denn sagen sollen, die Polackenkinder, wenn sie gepiesackt wurden von den anderen.
Dass sie nichts verbrochen hatten?
Dass sie Kinder waren, die über Leichen gehen mussten? Und dass das besser war, als über Sterbende zu steigen, weil Tote kein Geräusch mehr machten?
[…]
Dass sie sich übergeben mussten beim Hühnersengen, weil die verbrannten Federn wie verbrannte Haare rochen?
[…]
Dass es nicht gut war, Ida Eckhoff auf dem Kornboden zu finden, weil man danach wieder von den anderen träumte, die man schon vergessen hatte, die mit den schiefen Hälsen in den Bäumen hingen wie viel zu große Vögel?

Kurzum: Altes Land ist strukturell und erzählerisch ein gelungener Roman, der wunderbar zu lesen ist.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Es würde mir im Leben nicht einfallen zu behaupten, dass ich schreibfehlerfrei durchs Leben gehe, nur weil ich hauptberuflich Korrektorin bin – im Gegenteil finde ich immer wieder Fehler in meinen Blogbeiträgen, von denen ich mich frage, wie herrgottnochmal ich die übersehen konnte. Trotzdem ist das Fehlerfinden eine Art Berufskrankheit, die mir hier und da gewaltig in die Quere kommt. Nämlich immer dann, wenn ich einfach nur zur Unterhaltung lesen möchte, also Bücher. Schlecht lektorierte Bücher gibt es zwar glücklicherweise extrem selten, was dafür ausnahmslos in jedem(!) Buch zu finden ist: der Deppenbindestrich. Und in Altes Land fühlt dieser sich offensichtlich besonders heimisch: Akademiker-Eltern, Pommes-Bude, Imbiss-Wagen, Meister-Auge, Landkitsch-Blätter, Jugendhilfe-Verein, Maulwurf-Witz, Zahnlücken-Gesichter, Standard-Bauer… Das sind stinknormale Komposita, um nicht zu sagen Standardkomposita, und die schreiben sich ohne irgendwas dazwischen. Es bringt mich schier um den Verstand!

Lohnt es sich?

Zugegeben, Altes Land konnte mich anfangs nicht so recht begeistern. Der Romaneinstieg war absolut okay, aber die stille Hoffnung, das Buch könnte mich so umfangen wie Was man von hier aus sehen kann erfüllte sich bedauerlicherweise nicht. Mit jedem Kapitel mochte ich es aber mehr und klappte es am Ende sogar mit einem kleinen wohligen Seufzer zu. Wurde zum Glück doch noch richtig schön mit uns beiden! Altes Land ist ein humoriges, unverkitschtes Gruppenporträt mit Kloß-im-Hals-Momenten, weder profan noch profund. Genau das Richtige also für einen Lesevormittag im Bett – ach so, unbedingt ein Tellerchen mit Apfelschnitzen in Griffweite aufstellen!

Dörte Hansen: Altes Land. Knaus (2015).


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