Die Bagage

Warum dieses Buch?

Die Bagage, der neuste Roman der österreichischen Schriftstellerin Monika Helfer, weckte meine Neugier, als ich mich mal wieder bei Vorablesen tummelte und quer durch verschiedene Leseproben las. Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass mich zuerst das Cover auf das Buch aufmerksam werden lies – es ziert ein Gemälde von Gerhard Richter. Darauf zu sehen ist eine Frauenfigur, deren nackter Leib von ihren Armen und einem weißen Tuch (ist es ein Kleidungsstück?) teilweise bedeckt wird. Die Haare scheinen im Nacken zu einem losen Knoten zusammengebunden und auf dem Kopf trägt sie ein weißes Etwas, das nicht näher identifiziert werden kann, vielleicht eine Haube. Kleidet sie sich gerade an oder zieht sie sich aus? Vielleicht trocknet sie sich ab? Tritt sie aus dem Raum heraus, der sie umgibt oder zieht sie sich darin zurück? Sie blickt den Betrachter nicht an, hat den Kopf zur Seite gewandt, als ob der Maler sie in einem unbeobachtet geglaubten Moment festgehalten hätte. Darf man sich so die schöne Maria vorstellen, um die es in dem Roman geht?

Worum geht’s?

Für die Einheimischen ist die Familie Moosbrugger nur die Bagage. Diese lebt in prekären Verhältnissen abseits des Dorfes, auf einem minderwertigen Stück Land. Dass Maria von atemberaubender Schönheit und Josef in dubiose Geschäftchen verwickelt ist, fachen Missgunst und Tratsch aber ganz besonders an. Als Josef in den Krieg eingezogen wird, trägt er dem Bürgermeister auf, sich um die Familie zu kümmern. In der Auffassung, dass er für seine Fürsorge etwas bei ihr gut habe, nähert dieser sich Maria. Zugleich taucht ein Deutscher aus Hannover auf, der ebenfalls ihre Nähe sucht und im Gegensatz zum Bürgermeister in ihrem Haus willkommen zu sein scheint. Maria wird wieder schwanger und Josef wird zeitlebens kein Wort mit dem Kind reden, in der Überzeugung, nicht der Vater zu sein.

So würde es kommen, hatte es sich Georg gewünscht: Kehrte der Mann der schönen Maria nicht mehr aus dem Krieg zurück, er, Georg, würde die gesamte Familie übernehmen und ihnen ein braves Oberhaupt sein. Und mit allen zusammen nach Hannover ziehen. Alle nacheinander fragen, ob auch wirklich jeder das will. Und wenn nicht, dann nicht. Dann hierbleiben. Ein Diktator war er nicht. Aber nicht in dem kleinen Haus am Ende des Tals bleiben, dort nicht, dort mit Sicherheit nicht.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Nicht nur wegen ihres geringen Lebensstandards, sondern vor allem aus Missgunst, nennt man sie im Dorf abschätzig die Bagage. Die Bagage, das sind die Eheleute Maria und Josef mit ihren Kinder. Maria ist eine konkurrenzlos schöne Frau und ihr ebenfalls attraktiver Mann ist nicht nur schweigsam und trinkt nicht, er hat vor allem Kontakte zu wichtigen Leuten, wie dem Bürgermeister, der dem Habenichts sogar eine seiner hochwertigen Flinten geschenkt hat. Als Josef in den Krieg eingezogen wird, ringt er dem Bürgermeister das Versprechen ab, sich um seine Frau und Kinder zu kümmern. Dieser willigt ein, wird die Abwesenheit Josefs aber schon bald nutzen, um Maria zu bedrängen. Als er merkt, dass er mit Schmeicheleien und Geschenken nicht weiterkommt, will er sich mit Gewalt holen, was ihm aus seiner Sicht für seine Fürsorge zusteht. Gleichzeitig bemüht sich Georg, dem Maria zufällig auf dem Viehmarkt in der Stadt begegnet ist, um die attraktive Frau. Unvermittelt erscheint er nur wenige Tage später auf ihrem Hof und wird dort mehrmals gesehen werden.

Als unübersehbar ist, dass Maria erneut ein Kind erwartet, brodelt die Gerüchteküche: Kann Josef in nur zwei Tagen Fronturlaub ein Kind gezeugt haben? Mithilfe zweifelhafter Nachrechnungen kommt die Dorfgemeinschaft zu dem Schluss, dass Georg der Vater sein muss. (Von der Zudringlichkeit des Bürgermeisters weiß sie nichts.) Dass auch er nur wenige Tage im Ort verbracht hat und die Wahrscheinlichkeit, in diesen ein Kind zu zeugen nicht minder gering ist, kommt den Spöttlern freilich gar nicht erst in den Sinn. Das hartnäckige Gerücht um die vermeintliche Untreue der Maria kommt Josef bei seiner Rückkehr selbstredend zu Ohren und er stellt den Bürgermeister (nicht seine Frau!) zur Rede. Dieser lässt sich nicht lange bitten, bis er auf Georg zu sprechen kommt. In der Überzeugung, dass die Margarete, genannt Grete, nicht sein Kind ist, wird Josef zeitlebens nicht ein einziges Wort an sie richten oder sie gar berühren.

Margarete ist die Figur in Die Bagage auf die die gesamte Erzählung hinausläuft, während sie darin zugleich fast keinen Raum einnimmt. Vorrangig nämlich versucht Monika Helfer in ihrem kurzen, autobiografisch angelegten Roman dem auf dem Grund zu kommen, was damals geschah: Ist ihre Mutter Margarete wirklich das Kind einer heimlichen Liebe? Eines Gewaltverbrechens gar? Oder ist Josef ihr legitimer Großvater? Dieser Kniff, jemanden zum Thema eines Romans zu machen ohne über diesen jemand direkt zu schreiben, hat mir wunderbar gefallen. Dass die Erzählerin mit der Autorin identisch zu sein scheint, wird übrigens nur erkennbar, weil sie auf ihre verstorbene Tochter Paula zu sprechen kommt:

Neben mir steht meine Tochter Paula, die auch nicht mehr unter den Lebenden ist, sie war die Lebhafteste von uns allen, gleich lebhaft wie meine Großmutter. […] Meine Tochter Paula ist mit einundzwanzig Jahren von einem Berg gestürzt und von einem Stein erschlagen worden. Sie begleitet mich jeden Tag und den ganzen Tag, genauso wie meine Mutter, die mit zweiundvierzig starb und uns Kinder zurückgelassen hat, vier waren wir.

Geschichte und Erzählweise greifen in Die Bagage stimmig ineinander, dabei ist der Roman jedoch stilistisch sehr eigen und obwohl es ein kleines Buch ist, liest man lange darin. Gegen schnelles Lesen sperrt es sich, was ich mir als chronische Schnellleserin aber habe gerne gefallen lassen. Interessanterweise ist der Roman bei aller stilistischer Eigenheit doch schlicht, schmucklos geradezu, eine Kombination, die mir sehr zugesagt hat.

Was gibt‘s sonst noch zu sagen?

Michael Köhlmeier, der Ehemann von Monika Helfer und Vater der verstorbenen Paula Köhlmeier, thematisiert den Tod der Tochter in seiner Novelle Idylle mit ertrinkendem Hund (2008).

Lohnt es sich?

Die sprunghafte, episodische Erzählweise und der knappe Sprachstil von Monika Helfers Roman Die Bagage konnten mich umstandslos erreichen und überzeugen. Ich halte ihn für ungemein lesenswert, ein literarisches Glanzlicht erkenne ich darin entgegen der mehrheitlichen Einschätzung allerdings nicht. Vielleicht täusche ich mich aber auch und der Roman schafft es unter die Nominierten des Deutschen Buchpreises? Für die Autorin wäre das zumindest kein Neuland.

Monika Helfer: Die Bagage. Hanser (2019).

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Hanser Verlag für die Zusendung.]


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