Letterbericht Nr. 6

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen mehrere Bücher zugleich vor. In Letterbericht Nummer 6 geht es um drei Romane, die vieles gemeinsam haben und dabei ungleicher nicht sein könnten.

Geinstafluenced

Schon Anfang letzten Jahres wanderten drei Romane auf meine Leseliste, die im Kern den Winter zum Thema haben: Ein Winter in Sokcho der Schweizer Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin, Warten auf Schnee der Berlinerin Karoline Menge und Herz auf Eis von Isabelle Autissier, einer französischen Seglerin. Doch nicht nur des literarischen Motivs wegen stand für mich schnell fest, dass ich sie in einem Dreiklang lesen möchte. Es handelt sich außerdem um die jeweiligen Erstlingswerke der Autorinnen, die zumindest im Fall von Dusapin und Autissier zudem Anleihen aus der eigenen Biografie nehmen.

Aufmerksam wurde ich auf die einzelnen Titel durch Empfehlungen auf Instagram, das mittlerweile zu meiner wichtigsten Informations- und Inspirationsquelle geworden ist, wenn es um Bücher geht. Auf Instagram ist auch Karoline Menge anzutreffen, die dort ihre AbonnentInnen über den Fortschritt ihres zweiten Romans auf dem Laufenden hält, der wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird. Der zweite Roman von Isabelle Autissier hingegen ist bereits erhältlich – er ist vor ein paar Tagen erst im mare Verlag erschienen. Auch Elisa Shua Dusapin hat mittlerweile ein weiteres Buch vorgelegt, es ist aber noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich.

Ein Winter in Sokcho

Es ist klirrend kalt, das Leben in der kleinen Küstenstadt Sokcho nahe der Grenze zu Nordkorea ist auf ein Minimum heruntergefahren. An diesem beinahe kältestarren Schauplatz treffen zwei Menschen aufeinander, die etwas suchen, das sie eigentlich nicht benennen können. In einem zart wogenden Hin und Her entwickelt sich eine Geschichte, die zu keiner Liebesgeschichte wird, aber zu einer von allzu nachvollziehbaren Sehnsüchten.

Die namenlose Protagonistin und Erzählerin des Romans arbeitet in einer heruntergekommenen Pension, in der es in der Wintersaison nur wenig zu tun gibt. So bleibt ihr Zeit, nachzudenken über diesen Job, der eigentlich bloß eine Zwischenstation hätte werden sollen und dem sie inzwischen nicht mehr zu entkommen können scheint. Sie träumt davon, der Monotonie ihres Lebens zu entfliehen, ohne sich in die nächste zu begeben. Denn ständig sieht sie sich mit den Erwartungen ihrer Mutter konfrontiert, die stellvertretend für das traditionelle Rollenverständnis in der Gesellschaft stehen: ein lukrativer Bürojob, der im Zweifel mittels Schönheits-OPs in greifbarere Nähe rücken muss, Versorgung der alternden Mutter, nicht zuletzt Heirat. Diese erwartete Loyalität lässt bei der jungen Frau immer deutlicher eine Essstörung zu Tage treten, während sie bezeichnenderweise mit wachsender Hingabe für die Gäste kocht.

Als ein attraktiver aber kontaktscheuer Mann ins Hotel kommt, scheinen sich der Erzählerin neue Pforten zu öffnen: Der aus Frankreich stammende Gast nährt ihre Hoffnung auf einen Neubeginn in jenem Land, in dem Teile ihrer Wurzeln liegen und das sie doch nur aus Büchern kennt. Schnell wird indes klar, dass er gerade die Stille und Abgeschiedenheit im winterlichen Sokcho sucht, um Inspiration für seinen neuen Comicband zu finden, während sie daraus ausbrechen möchte. Immer wieder jedoch ergeben sich zwischen dem eigenbrötlerischen Künstler und der lebenshungrigen Protagonistin zarte, zaghafte Berührungspunkte, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie in Gesten und Nichtgesagtem liegen.

Mit gelangweilter Miene fragte er auf Englisch, ob er ein paar Tage bleiben könne, bis er etwas anderes finde. Ich hielt ihm ein Formular hin. Er gab mir seinen Reisepass, damit ich alles selbst ausfüllte. Yan Kerrand, 1968, aus Granville. Ein Franzose. Auf dem Foto wirkte er jünger, das Gesicht weniger eingefallen. Ich bot ihm meinen Stift zum Unterschreiben an, er zog aus seinem Mantel einen Füllfederhalter.

Kerrand verkörpert den verschrobenen Künstler, der in seiner Marottenhaftigkeit unantastbar bleibt. Das scheint aber weniger einer Huldigung dieses Typus Mann geschuldet als dem Aufzeigen, dass er sich im Gegensatz zur Protagonistin kaum weiterentwickelt.

Ein Winter in Sokcho ist eine wunderbare, leise Miniatur. Wirklich lesenswert!

Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho. Blumenbar (2018).

Warten auf Schnee

Pauli und ihre Ziehschwester Karine sind von der Mutter verlassen worden. Wie alle Dorfbewohner zuvor, ist nun auch sie gegangen und genauso wortlos. Der Exodus begann vor vielen Jahren mit Paulis Vater, seitdem folgten nach und nach nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere. Plötzlich waren sie einfach nicht mehr da, als hätten sie sich aufgelöst. Und tatsächlich entdecken die Mädchen in den verlassenen Häusern, dass die Bewohner überhaupt nichts mitgenommen haben, sogar halbgegessene Speisen stehen noch auf den Tischen. Alles wirkt, als würden sie jeden Augenblick zurückzukehren.

Das Dorf liegt, wie aus Zeit und Welt gefallen, abgeschieden hinter einer Hügelkette. Was sich dahinter befindet weiß niemand. Das Haus der Schwestern indes liegt sogar noch abseits des Ortes. Dort wachsen sie zurückgezogen von der Dorfgemeinschaft auf, sind Isolierte unter Isolierten, was nicht zuletzt der Mutter geschuldet ist. Diese geht nur verkleidet und maskiert ins Dorf, erzählt wunderliche Geschichten und nimmt Pauli ausschließlich bei Sommerregen zum Baden mit. So eigentümlich die Mutter auch sein mag, ist sie doch die Behüterin der beiden Mädchen. Mit ihrem Weggehen überlässt sie sie nicht nur sich selbst, sondern einer plötzlich feindseligen Welt (unter anderem durch den nahenden Winter).

Ein Teil dieser Feindseligkeit liegt in dem Geschwisterverhältnis selbst begründet. In Rückblenden erzählt Pauli, wie Karine nach dem Verschwinden des Vaters von der Mutter in die Familie geholt wurde. Von Beginn an finden die Mädchen keinen Zugang zueinander. Nicht nur bekommt Pauli Karine als vollendete Tatsache vorgesetzt. Karine scheint zudem von klein auf grausame und hinterhältige Wesenszüge zu haben. In der Verlassenheit auf sich selbst zurückgeworfen, finden die beiden zwar eine Form des Zusammenhalts, wie spröde dieser ist, wird allerdings immer wieder deutlich.

Als LeserIn weiß man derweil nur so viel wie die Protagonistin und Erzählerin Pauli schildert. Immer wieder lässt die Geschichte dabei die Möglichkeit zu, dass ihr nicht zu trauen ist. So schläft sie nächtelang überhaupt nicht, ist immer öfter wie weggetreten. Episoden aus der Vergangenheit legen die Vermutung nahe, dass es familiäre Vorbelastungen gibt, eine psychische Störung der Mutter. Nicht zuletzt zieht Pauli selbst die Eventualität in Betracht, krank zu sein:

Den Namen dieser Krankheit kenne ich nicht, ich wusste nicht einmal, dass es eine solche Krankheit gibt. Aber sie ist bestimmt gefährlich, man kann darin verlorengehen, man kann sich darin verfangen und den Weg nicht zurückfinden. Vielleicht ist es eine Augenkrankheit oder eine Krankheit, die sich viel tiefer festsetzt, hinter den Augen, in der Stirnhöhle, sie setzt sich zwischen meine Gedanken und meine Augen, dass ich die Dinge anders sehe, obwohl ich weiß, dass sie nicht so sein können.

Von Anfang an schafft die Geschichte eine düstere, verstörende Atmosphäre, die sprachlich beinahe lyrisch transportiert wird. Die existentiellen Ängste Paulis haben sich unmittelbar auf mich übertragen und über das gesamte Buch hinweg nicht nur begleitet, sondern sich auf schier unerträgliche Weise gesteigert. Das offene Ende trägt dieses Gefühl weit über die letzte Seite hinaus. Mich hat das Buch noch tagelang beschäftigt, um nicht zu sagen Schauer über den Rücken gejagt.

Mit Warten auf Schnee ist Karoline Menge ein dystopisches Märchen gelungen. Es ist ein assoziationsgeladener Roman, der viele Deutungen zulässt und sich doch nicht entschlüsseln lässt. Er lädt ein, ihn auch ein zweites oder drittes Mal zu lesen.

Karoline Menge: Warten auf Schnee. Frankfurter Verlagsanstalt (2018).

Herz auf Eis

Im Alter von sechs Jahren entdeckte Isabelle Autissier ihre Liebe zum Segeln. Mit zwölf fasste sie den Entschluss für eine Weltumsegelung. Diese gelang der studierten Meereswissenschaftlerin Anfang der Neunziger im Rahmen einer Regatta, zwei weitere Teilnahmen in späteren Jahren scheiterten allerdings durch Kentern. Bei einer solchen Biografie kommt es wohl nicht von ungefähr, dass Autissier in ihrem Roman ein Paar auf einen Langzeittörn schickt, der fatal enden muss.

Louise und Ludovic, zwei wohlbetuchte Mittdreißiger, nehmen ein Sabbatjahr, in dem sie die Welt umsegeln möchten. Bei einem verbotenen Ausflug auf eine unbewohnte Insel im Südatlantik werden sie von einem Unwetter überrascht, das ihr Boot fortreißt, nur das Beiboot bleibt ihnen. Schnell ist den beiden klar, dass sie dem gnadenlosen Zufall ausgeliefert sind, dort gefunden zu werden. Aus den anfänglichen Schuldzuweisungen wird in kürzester Zeit ein gemeinsamer Überlebenskampf, der umso härter wird, umso näher der Winter rückt.

Als ein Kreuzfahrtschiff die Insel passiert, ohne auf die beiden aufmerksam zu werden, verliert Ludovic alle Hoffnung und gibt sich auf. Louise begreift, dass sie trotz ihres geschwächten Zustands versuchen muss, die verlassene Forschungsstation zu erreichen, von der sie weiß, dass sie einige Buchten entfernt liegt. Nach einem mehrtägigen Marsch, der sie ihre letzten Kraftreserven kostet, findet sie zu ihrer Überraschung eine bestens ausgestatte Unterkunft vor. Nur eines will ihr dort trotz allem nicht gelingen, Funkkontakt herzustellen. Ludovic wird Louises Abwesenheit nicht überleben und als sie schließlich gefunden wird, bleibt die Frage, inwiefern sie sich schuldig gemacht hat.

Nach meinem Dafürhalten hätte der Roman an dieser Stelle enden können, vielleicht sogar müssen. Es folgt jedoch eine Episode unmittelbar nach Louises spektakulärer Rettung, die sie vollkommen unvorbereitet einer sensationsgierigen Presse ausliefert. Ab hier werden die Ereignisse unsäglich vorhersehbar. Der Kontrast zwischen gänzlicher Verlassenheit auf der Insel und dem nahtlos daran anschließenden Trubel um ihre Person ist mir aus dramaturgischer Sicht verständlich, gefallen hat er mir trotz allem nicht. Auch dem deutschen Titel (im Original „Plötzlich allein“) konnte ich leider nichts abgewinnen, da er viel zu pathetisch geraten ist und zum klaren Erzählstil des Romans überhaupt nicht passen will.

Isabelle Autissier: Herz auf Eis. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Mare Verlag (2017).


Von so viel Winter ist dir ganz kalt geworden? Kein Problem, hier wird dir warm ums Herz.