Gesang der Fledermäuse

Warum dieses Buch?

An Olga Tokarczuk gab es in den letzten Monaten eigentlich kaum ein Vorbeikommen: Der polnischen Autorin wurde vergangenen Oktober rückwirkend der Nobelpreis für Literatur des Jahres 2018 verliehen. In der Begründung der Akademie hieß es, sie erhalte den Preis „for a narrative imagination that with encyclopedic passion represents the crossing of boundaries as a form of life.“ Mir persönlich sagte der Name bis dahin zugegebenermaßen überhaupt nichts. Umso erfreuter war ich daher, als ich angeboten bekam, ein Rezensionsexemplar von Tokarczuks Roman Gesang der Fledermäuse zu erhalten – so wurde aus dem Vorhaben, zeitnah etwas von ihr zu lesen, gleich eine Tat!

Worum geht’s?

Auf einem Hochplateau im Glatzer Kessel lebt Janina Duszejko recht zurückgezogen am Rande einer winzigen Ansammlung einfacher Häuschen, die in den Sommermonaten von wohlhabenden Warschauern bevölkert sind. Sie verdingt sich im nächsten Ort als Englischlehrerin, unterrichtet jedoch nur einmal die Woche, und gibt sich ansonsten astrologischen Studien hin, widmet sich William Blake und kümmert sich außerhalb der Urlaubssaison um die Häuser der Städter. Eines Tages ist ihr Nachbar Bigfoot tot, erstickt an einem Knochen. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Toten und Janina beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Unsere Siedlung besteht aus wenigen Häusern die auf einem Hochplateau stehen, weit ab vom Rest der Welt. Ein Hochplateau ist geologisch gesehen ein entfernter Verwandter des Tafelbergs, so etwas wie dessen Vorbote. Vor dem Krieg nannte sich unsere Kolonie „Luftzug“, heute, im Polnischen, ist – nicht ganz offiziell – „Lufcug“ daraus geworden, und offiziell gibt es gar keinen Namen. Auf der Karte sieht man bloß einen Weg und einige Häuser, keine Buchstaben.

Worum geht’s wirklich? Und Wie liest es sich?

Janina Duszejko ist das, was man landläufig vermutlich als schrullige Alte bezeichnen würde: Sie lebt dauerhaft auf der windumwirbelten Hochebene Lufcug, die sonst nur von Sommerfrischlern aufgesucht wird und wo die Winter so schneelastig sind, dass man die nächste asphaltierte Straße nur zu Fuß erreichen kann. Das Leben dort oben ist schlicht und bis auf zwei weitere Nachbarn, mit denen sie keinen echten Umgang pflegt, einsam. Ihre große Leidenschaft ist die Astrologie, das Erstellen von Horoskopen. Außerdem ist sie überzeugte Vegetarierin und steht auch sonst den Tieren näher als den Menschen, deren Ignoranz und Gewaltherrschaft gegenüber der Natur sie verachtet.

Eines Tages findet ihr Nachbar Matago den einzigen weiteren dauerhaften Bewohner der kleinen Ansiedlung tot auf. Schnell steht fest, dass Bigfoot an dem Knochen eines gewilderten Rehs erstickt ist. Doch bleibt es nicht bei diesem einen Toten, weitere Männer sterben. Sie alle sind angesehene Persönlichkeiten im Ort, frönen der Jagd und haben Dreck am Stecken. Janina ist überzeugt: die Tiere des Waldes sind auf einem Rachefeldzug. Diese Überzeugung vertritt sie energisch vor ihren Mitmenschen wie vor der Polizei, doch wird dies nur als weiterer Auswuchs ihrer Wunderlichkeit abgetan.

Verübeln kann man das ihren Mitmenschen nicht, denn Janina ist eine überspannt wirkende Person. Ihre Überlegungen ordnet man auch als LeserIn anfangs als versponnen ein und der Umstand, dass sie den Menschen in ihrem Umfeld neue, sprechende Namen gibt – zum Beispiel Bigfoot –, sie außerdem unter Halluzinationen zu leiden scheint, lassen sowohl an der Zurechnungsfähigkeit als auch an der Zuverlässigkeit der Ich-Erzählerin zweifeln. Doch bald schon beginnt man zu begreifen, dass es für Janina nur eine Weise gibt, die Welt zu betrachten: kritisch. Sie mag hochgradig sonderlich sein, aber sie ist ebenso intelligent. Das zu erkennen und ihren fast schon pastoralen Ausführungen zu folgen, macht einen wesentlichen Teil des Lesevergnügens aus.

Am Ende ist aber vor allem eines sicher: der Roman ist nicht leicht in Worte zu fassen. Vordergründig ist Gesang der Fledermäuse eine Kriminalgeschichte und ohne Zweifel trägt das Buch die Züge eines Krimis, tatsächlich aber durchwandert Olga Tokarczuk gesellschaftskritische Essayistik, philosophische Abhandlungen, esoterische Überlegungen, enzyklopädische Einträge… Tokarczuks Schreibe ist ungewöhnlich und nicht klar zuordenbar. Das fordert einiges ab, ist gleichwohl aber eine spannende Leseerfahrung.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Auf der Verlagsseite heißt es, Gesang der Fledermäuse hätte neben essayistischen, literarischen und weiteren auch komödiantische Elemente. Mir fällt es schwer, letzteres zu bestätigen. Sie sind zwar schon irgendwie vorhanden, in Form absurd komplizierter polnischer Nachnamen zum Beispiel, humorvoll fand ich den Roman deshalb allerdings nicht. Auch die sympathische Schrulligkeit der Protagonistin empfand ich letztlich eher als traurig und einsam, denn als amüsant.

Wenn ein menschliches Wesen auf die Welt kommt, dann löst sich ein Funke und fällt. Zuerst fliegt er durch die Finsternis des kosmischen Raumes, dann durch die Galaxien, und am Schluss, bevor er auf der Erde aufschlägt, schrammt er die Bahn einiger Planeten, der Ärmste. Jeder Planet verunreinigt den Funken mit irgendwelchen Eigenschaften, und dieser wird immer dunkler, bis er erlischt.

Verfilmung

2017 wurde der Roman unter dem Titel Die Spur in einer polnisch-deutsch-tschechischen Koproduktion verfilmt. Der Film bleibt der Romanvorlage im Kern selbstverständlich treu, setzt andere Erzählstränge aber neu zusammen und flicht sogar gänzlich neue ein. Diesbezüglich war das Buch nach meinem Emfinden in sich harmonischer, weniger überfrachtet. Stimmig ist die Verfilmung jedoch allemal und atmosphärisch reicht sie ebenfalls an ihr Vorbild heran. Insbesondere die Naturaufnahmen sind traumhaft schön.

Die Spur ist noch bis einschließlich 26.01.2020 in der ARTE-Mediathek abrufbar.

Lohnt es sich?

Gesang der Fledermäuse ist das erste Buch von Olga Tokarczuk, das ich gelesen habe und das mühelos mein Interesse an der Autorin entflammen konnte. Tokarczuk legt einen ganz eigenen Schreibstil an den Tag, der mir gut gefallen hat, mich an dieser Stelle aber ins Straucheln kommen lässt: Wem würde ich den Roman empfehlen? Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit ab und die astrologischen Ausführungen übersteigen jedes Laienwissen. Nach dem, was ich bislang über ihre anderen Bücher vernommen habe, scheint Gesang der Fledermäuse allerdings ein guter Einstieg in das Werk der Autorin zu sein.

Olga Tokarczuk: Gesang der Fledermäuse. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Kampa (2019).

Eine Übersicht der bei Kampa erhältlichen Titel von Olga Tokarczuk: Link

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Kampa Verlag für die Zusendung.]


Wie wäre es mit einem literarischen Sprung von Polen ins Nachbarland Tschechien?