Hört, hört!

Aus Neugier habe ich gerade einmal nachgerechnet: 2019 habe ich sechs Hörbücher mit einer Gesamtlaufzeit von rund 91 Stunden gehört. Ziemlich üppig für meine Verhältnisse. Zwar habe ich in der Vergangenheit regelmäßig zu dem einen oder anderen Hörbuch gegriffen und immer gerne schon zu vielstündigen Giganten wie Der Herr der Ringe, bei dem jeder Teil um die 20 Stunden dauert, wahrhaftig scheine ich dieses Medium aber erst in den letzten zwei Jahren für mich entdeckt zu haben.

Entspannungstrigger und Zeitoptimierer

Berufsbedingt lese ich bereits den ganzen Tag, wenngleich keine Literatur in Buchform, sondern Fachtexte am PC. Nichtsdestotrotz gibt es durch diesen konstanten Input Zeiten, in denen ich für Gedrucktes kaum noch empfänglich bin. Ganz abgesehen davon, dass ich häufig das Bedürfnis habe, meinen Augen eine Pause zu gönnen. In solchen Momenten greife ich mittlerweile zunehmend zu Hörbüchern.

Ich mag Hörbücher aber auch deshalb, weil beim Zuhören ganz andere Sinne angesprochen werden als beim Lesen. Die Art, wie ich Literatur erfasse und aufnehme, verändert sich dadurch, fällt auf anderen Boden. Und nicht zuletzt spielt die Nostalgie einen bedeutenden Part: Hörbücher lassen in mir das wohlige Gefühl aus Kindertagen aufflammen, als ich vor dem Kassettenrekorder saß, zum zigtausendsten Mal dieselbe Geschichte hörte und nebenbei malte, puzzelte oder mit Lego spielte. Hörbücher sind für mich auch heute noch ein Entspannungstrigger.

Einfach hinsetzen oder gar hinlegen und selig berieseln lassen, funktioniert aus eben diesem Grund allerdings nur für zehn Minuten, höchstens, dann schlummere ich weg. (Trifft natürlich nicht zu, wenn ich das bewusst als Schlafmittel einsetzen will.) Hörbücher verlangen mir ausnahmslos eine Nebenbeschäftigung ab – egal ob Spazierengehen, Putzen, Wäsche zusammenlegen, Stricken oder mit den Katzen spielen. Eine äußerst fruchtbare Kombination gehen Hörbücher bei mir dabei mit Haushaltstätigkeiten ein, die sich dann nicht nur viel weniger wie Zeitverschwendung anfühlen, sondern ungelogen auch effizienter von der Hand gehen. Und tatsächlich habe ich mir allein aus diesem Grund vor einigen Monaten Bluetooth-Kopfhörer gegönnt, damit ich auch beim Staubsaugen und Hantieren mit Geschirr ungestört weiterhören kann. Eine äußerst lohnenswerte Investition!

Pures Hörglück

Ich liebe sehr lange Hörbücher – 15 Stunden und mehr bedeuten für mich pures Hörglück! Das trifft sich gut, denn ich greife niemals zu gekürzten Versionen, schließlich würde ich im gedruckten Buch auch nichts überspringen oder auslassen. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich Hörbücher gegenüber Hörspielen eindeutig bevorzuge. Die für Hörspiele übliche musikalische Unterlegung, die Szenengeräusche, verschiedenen Sprecher und so weiter überlagern mir manchmal zu sehr den eigentlichen Text. Das wichtigste Kriterium ist und bleibt jedoch die Sprecherstimme, wobei ich Männer grundsätzlich vorziehe, weil mir die tiefere Stimmlage angenehmer ist. Einer meiner liebsten deutschsprachigen Vorleser ist Gert Heidenreich, der Mann mit der goldenen Stimme – dass er hier auffallend oft vertreten ist, kann also ganz klar nicht als Zufall gewertet werden. Bei englischsprachigen Hörbüchern hingegen würde meine Wahl nach Möglichkeit immer auf Stephen Fry fallen (an dieser Stelle sei eine dringende Empfehlung für die Harry-Potter-Hörbücher ausgesprochen).

Hörbücher 2019

Nach Autor bzw. Autorin in alphabetischer Reihenfolge:

Das Vermächtnis der Drachenreiter: Eragon

Christopher Paolini
Übersetzung von Joannis Stefanidis
Gelesen von Andreas Fröhlich
21 Std. 23 min

Der siebzehnjährige Eragon findet auf einer seiner Jagden im Wald einen glänzenden blauen Stein. In der Hoffnung, diesen gegen Lebensmittel eintauschen zu können, steckt er ihn ein und nimmt ihn mit nach Hause. Kurze Zeit später allerdings zeigen sich feine Risse an der Oberfläche und Eragon beginnt zu begreifen, dass es sich um ein Ei handelt. Eines Nachts schließlich schlüpft ein blaues Drachenmädchen, das von Eragon den Namen Saphira bekommt. Sowohl durch Saphira als auch durch den Geschichtenerzähler Brom erfährt der Junge, dass er nun zu den sogenannten Drachenreitern gehört. Doch auch andere, dunkle Mächte haben mittlerweile von Eragon gehört und ihre Schergen ausgesandt. Mit einem Mal sieht sich der Waisenjunge in eine ungekannte Welt der Magie geworfen.

Die Drachenreiter-Saga steht schon so lange auf meiner Leseliste, dass ich gar nicht mehr sagen kann, wann genau ich eigentlich erstmals auf die Bücher aufmerksam wurde. Es ist in jedem Fall schon eine kleine Ewigkeit her und dennoch habe ich bis heute weder die Bücher gelesen noch die Verfilmungen gesehen. Also beschloss ich kurzerhand zum Hörbuch zu Band 1 zu greifen, um endlich den Einstieg zu finden. Die Geschichte gefiel mir von Anfang an wirklich gut (auch wenn sie nicht dieselbe Sogkraft entwickelte wie zum Beispiel Harry Potter) und machte definitiv Lust auf die nachfolgenden Teile. Ob ich mich da jeweils wieder für die Hörbuchvariante entscheiden werde, kann ich allerdings noch nicht sagen. Zwar ist die klare, ruhige Stimme von Andreas Fröhlich wirklich sehr angenehm, aber seine Sprechweise störte mich doch ziemlich. Nach meinem Empfinden macht er zu viele und vor allem unnatürlich gesetzte Pausen.

Der Glückspilz

Ephraim Kishon
Gelesen von Gert Heidenreich
7 Std. 4 Min.

Der erfolglose und insbesondere vollkommen talentfreie Schauspieler Karl Müller wird über Nacht zum gefeierten Shootingstar. Auf einmal hat der ewige Versager, der fortan unter dem schnittigen Künstlernamen Camillo Lloyd Romanoff agiert, alles, wovon ein Mann nur träumen kann: Ruhm, Geld, schöne Frauen. Doch mit dem Aufstieg gerät sein Privatleben immer mehr aus dem Fugen: seine gutherzige, engagierte Ehefrau unterstützt ihn nach Leibeskräften und steigt zur persönlichen Managerin auf, doch trotz aller Bewunderung für sie, kann Karl die erkaltete Leidenschaft nicht leugnen, während ihm seine Filmpartnerin Karla wiederum wildeste Phantasien beschert. Der ohnehin äußerst naive, um nicht zu sagen blauäugige Karl versucht in der Folge durch den Ratgeber für verheiratete Männer von Dr. Spock die richtigen Verhaltensweisen an die Hand zu bekommen.

Der Glückspilz ist ein satirischer Roman, in dem die verlogene Glitzerwelt des Showbusiness gnadenlos auseinandergenommen wird. Bissig und kritisch werden Peinlichkeiten, Lügen, Mediengeilheit und eine Menge Zweifelhaftigkeiten genüsslich serviert. Es ist nicht zu übersehen, dass Kishon beim Schreiben eine schneidende Freude durchfahren haben muss. Und doch: nicht selten ist der Humor überholt und die Ausdrucksweise – unabhängig von der satirischen Intention – für einen 2003 erschienenen Text grenzwertig (inflatorischer Gebrauch von „Schlampe“ und schlimmeren Diffamierungen). Ich habe mich ein bisschen schwer damit getan, obwohl Gert Heidenreichs Vortragsweise einiges retten konnte. Ich würde sogar soweit gehen wollen zu behaupten, dass man mit dem Hörbuch besser bedient ist als mit der Druckversion. Eine echte Empfehlung möchte ich dennoch nicht aussprechen.

Der Hobbit

J.R.R. Tolkien
Übersetzung von Wolfgang Krege
Gelesen von Gert Heidenreich
10 Std. 52 Min.

Bilbo Beutlin lebt wohlig und zurückgezogen in seinem Häuschen im Auenland. Doch mit der Beschaulichkeit seines Hobbitlebens ist es urplötzlich vorbei, als der Zauberer Gandalf mit einer Horde Zwerge bei ihm einfällt. Ohne Einspruch erheben zu können, wird er als Meisterdieb rekrutiert, um einen Schatz zu bergen, den der Drach Smaug in seinen Besitz gebracht hat. Bilbo ist entsetzt: Er soll ein Dieb sein? Wenn überhaupt, dann ein Hasenherz, aber das würde er natürlich keineswegs offen gestehen. Völlig überrumpelt und unfähig, sich gegen die Schläue Gandalfs zur Wehr zu setzen, findet sich Bilbo daher mitten in einem unvorstellbaren Abenteuer wieder.

Der Hobbit gehört zu meinen liebsten Büchern – ich mag die Geschichte rund um Bilbo Beutlin so sehr, dass ich ihrer einfach nicht überdrüssig werden kann. Auf Englisch und Deutsch habe ich den Fantasy-Roman bereits gelesen, mehrfach sogar, nun wurde es endlich Zeit für das Hörbuch. Gelesen wird es von Gert Heidenreich, der für mich persönlich die absolute Idealbesetzung für diese Aufgabe ist. Heidenreichs warme, volle Stimme passt hervorragend zu der beinahe mythischen Atmosphäre der Geschichte. Oder anders gesagt: A marriage made in heaven!

Die unendliche Geschichte

Michael Ende
Gelesen von Gert Heidenreich
15 Std. 7 Min.

Muss man zur Unendlichen Geschichte noch viel sagen? Ich glaube kaum. Wer sie tatsächlich noch nicht kennen sollte: Schleunigst nachholen! Wer zu faul ist, die knapp 500 Seiten selber zu lesen (letztes Jahr im Übrigen in einer schönen Neuauflage bei Thienemann erschienen), der kann zuversichtlich zum Hörbuch greifen. Gert Heidenreich liest den Welt-Bestseller so wunderbar vor, dass man sich wünscht, das Buch würde niemals enden.

Becoming: Meine Geschichte

Michelle Obama
Übersetzung von Harriet Fricke, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner
Gelesen von Katrin Fröhlich
18 Std. 42 Min

Michelle Obama zählt für mich persönlich zu den beeindruckendsten Frauen der Gegenwart. Als First Lady an der Seite von Ex-Staatspräsident Barack Obama war sie die erste afroamerikanische Frau in dieser Position und trug maßgeblich dazu bei, dass das Weiße Haus weltweit mit neuen Augen gesehen wurde: modern, offen und tolerant. Sie nutzte ihre Stellung, um sich für Frauen und Mädchen stark zu machen, für Familienpolitik einzusetzen und überhaupt verschiedenste gesellschaftliche Themen aufs Tapet zu bringen. In ihrer Autobiografie erzählt sie ihre Lebensgeschichte, ihren Weg von der Tochter einfacher, kleiner Leute hin zur ersten Dame im Staat. Sie schreibt über ihren schon fast krankhaften Ehrgeiz, ihre Sturheit, die früher nicht selten einer gewissen Blindheit gleichkam, über Erfolge und bittere Enttäuschungen, den frühen Tod des Vaters, zunächst unerfüllten Kinderwunsch und Hormontherapien, politisches Engagement… Immer ist sie dabei klar und geradeheraus, aber warmherzig. An der Geschliffenheit der Sätze, der Ausdrucksweise und den Schwerpunkten, die Michelle Obama setzt, ist ihr zielstrebiger, perfektionistischer Charakter unzweifelhaft ablesbar. Das macht sie allerdings nicht unsympathisch, sondern irgendwie eher inspirierend. Auch wenn ich mich an vereinzelten Punkten der Autobiografie gestört habe, ist sie dennoch unbedingt lesens- bzw. hörenswert.

Das englische Hörbuch wurde übrigens von Michelle Obama höchstselbst eingelesen. Zwar lag ein großer Reiz darin, mir quasi von ihr persönlich vorlesen zu lassen, doch leider – ich gebe es nur sehr ungern zu –, habe ich eine gewisse Aversion gegen amerikanisches Englisch. Das hat nichts mit der Varietät als solche zu tun, sondern mit der knarzigen Phonetik, die bedauerlicherweise auch auf eine Michelle Obama zutrifft. Die Wahl musste also auf die deutsche Ausgabe fallen, in der Katrin Fröhlich jedoch einen hervorragenden Job macht. Ich konnte ihr wunderbar und unangestrengt zuhören.

Die Stadt der Träumenden Bücher

Walter Moers
Gelesen von Dirk Bach
17 Std. 39 Min.

Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Dichter Zamoniens. Mit seiner autobiografischen Schrift Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers gelang ihm ein kometenhafter Erfolg. Der Roman Die Stadt der Träumenden Bücher ist die auszugsweise Übersetzung dieser Autobiografie ins Deutsche durch Walter Moers. Mythenmetz beschreibt darin seine Herkunft, sein Aufwachsen unter der strengen aber liebevollen Hand seines Dichtpaten Danzelot von Silbendrechsel und allgemein das Leben auf der Lindwurmfeste. Mit dem Tod Danzelots fällt Mythenmetz ein Schriftstück von geradezu überirdischer Genialität in die Hände. In dem fast wahnhaften Bestreben, den unbekannten Autor ausfindig zu machen, begibt sich der noch junge, angehende Schriftsteller nach Buchhaim, dem letzten vermuteten Aufenthaltsort des Anonymus. Was Mythenmetz zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen kann, ist, dass ihn seine Suche fast das Leben kosten wird.

Die Stadt der Träumenden Bücher sprudelt über vor Fantasie und Witz. Ich habe den Roman schon vor vielen Jahren gelesen, um nicht zu sagen verschlungen, und kehre seither immer wieder gerne nach Zamonien zurück. Das von Dirk Bach kongenial eingelesene Hörbuch macht die Geschichte rund um den Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz sogar zu einem noch größeren Vergnügen. Trotz der Dauer von etwas über 17 Stunden ist es absolut kurzweilig und ohne Einschränkung unterhaltend. Meiner Meinung nach ein definitives Muss für alle Zamonien-Fans!


Wer mehr über Walter Moers‘ Romane aus dem sogenannten Zamonien-Zyklus erfahren möchte, kann sich in meinem Beitrag Ein Ausflug nach Zamonien ein wenig Nerdwissen aneignen.