Heimatland

Warum dieses Buch?

Es dürfte sich mittlerweile zu Genüge herumgesprochen haben, dass Norwegen das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war. Wie viele andere Buchmenschen auch, habe ich mich deshalb gezielt ein wenig in die norwegische Literatur vertieft. Die Anthologie Heimatland erschien mir als Möglichkeit, verschiedenen norwegischen Autoren und Autorinnen auf einmal zu begegnen, besonders reizvoll.

Worum geht’s?

Zwölf namhafte Autoren und Autorinnen wurden gebeten, für eine Anthologie persönliche Texte über ihr Herkunftsland Norwegen zu verfassen. Herausgekommen sind autobiografische wie fiktionale Erzählungen, Prosadichtungen oder Essays, in denen aus verschiedensten Blickwinkeln über dasselbe Land nachgedacht wird. Den Beiträgen vorangestellt ist das Transkript eines Gespräches über das „Norwegischsein“ zwischen den Herausgebern I.K.H. Mette Marit und dem norwegischen Autor und Verleger Geir Gulliksen.

Die Beteiligten:

Tomas Espedal
Vigdis Hjorth
Ole Robert Sunde
Marit Eikemo
Siri Hustvedt
Wencke Mühleisen

Demian Vitanza
Karl Ove Knausgård
Helga Flatland
Agnes Ravatn
Maria Navarro Skaranger
Dag Solstad

Denke ich so als Schriftsteller? Als norwegischer Schriftsteller? Und nicht als Norweger an sich? Ich lasse die Frage auf sich beruhen und mache weiter. Und versuche, den Blick auf die Frage zu lenken, was es heißt Norweger zu sein, indem ich mein Norwegertum mit dem nationalen Verständnis zweier Länder vergleiche, die uns nahe stehen, geographisch, historisch, sprachlich und auch politisch, ja so nahe, dass sie Außenstehenden ziemlich gleich anmuten und im Großen und Ganzen als ein Land unter dem Begriff Skandinavien zusammengefasst werden können.

Aus „Kann man einer Nationalsprache den Garaus machen?“ von D. Solstad

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Es ist nun schon einige Wochen her, dass ich Heimatland gelesen habe und ich muss feststellen, dass fast keiner der Texte mehr wirklich präsent ist. Obwohl das wiederum kaum überrascht, hatte ich doch schon wenige Tage später kaum noch eine Erinnerung an das Gelesene. Einzig „Frucht“ von Tomas Espedal ist nach wie vor zugänglich, weiterhin spürbar. Das Prosagedicht ist der ersten Beitrag in der Anthologie und für mich persönlich der markanteste, um nicht zu sagen beste. Entfernt fühlte ich mich an Rilke erinnert. Mag sein, dass Espedals Text dadurch zu einer Art Skala wurde, an der sich die nachfolgenden elf Texte zwangsläufig messen mussten, was in nur sehr wenigen Fällen gelang. So mochte ich zum Beispiel Marit Eikemos „Liebe gibt es auch auf diesen Straßen“ rund um eine Mutter-Teenagertochter-Episode, weil darin alles so wahnsinnig normal war. Der titelgebende Beitrag „Das Heimatland“ von Karl Ove Knausgård gehört ebenfalls zu meinen persönlichen Favoriten, obwohl ich ihn nicht unkritisch sehe. Dazu gleich mehr.

Absolut nicht überzeugen konnte mich hingegen der letzte Text von Dag Solstad, den ich gar nicht erst zu Ende gelesen habe, weil ich dem Gesagten schlicht nicht folgen konnte. Ebenfalls wenig anzufangen wusste ich mit „Die Zeit nach dem Vater“ von Maria Navarro Skaranger. Ich vermute hier eine Gesellschaftskritik, aber da ich nicht um die soziopolitischen Belange Norwegens weiß, blieb sie mir verborgen. Für jemanden mit Innenansicht in die Gefüge des Landes erschließen sich aber vermutlich Ebenen, die die Erzählung zugänglicher machen. Dasselbe dürft auch für Agnes Ravatans „Olsok“ gelten.

Ernsthaft problematisch war für mich der Essay von Ole Robert Sunde über die Stolpersteine in Oslo. Darin greift er die Schicksale einzelner Juden und Jüdinnen der Stadt heraus, zeichnet die wenigen Lebensfakten nach, die bekannt sind. In diesem Zusammenhang kommt er auch auf Victor Klemperer zu sprechen, der in seinen Tagebücher berichtete, dass er von etlichen Deutschen still unterstützt wurde. Der Autor ist darüber erstaunt: „Dies war für mich überraschend, denn ich hätte nicht gedacht, dass die Deutschen so etwas gewagt hatten, und doch haben sie es insgeheim getan“ (S. 91).

Es erschüttert mich, dass ein vermeintlich Intellektueller überrascht ist festzustellen, dass es in Nazideutschland so etwas wie Widerstand gegeben hat. Natürlich gab es den – jedes Terrorregime erzeugt immer auch Widerstand, im Großen wie im Kleinen. Auf einer nicht einmal sonderlich tiefliegenden Ebene wird mit dieser Aussage die Überzeugung preisgegeben, dass ausnahmslos alle Deutschen Nazis waren. Es steht außer Frage, dass Nazideutschland unfassbares Elend über die Welt gebracht hat. Ein Herunterbrechen auf Böse (Deutschland) und Gut (alle anderen) ist aber leider sehr weit von der Wahrheit entfernt, auch wenn es angenehm einfach wäre.

Sunde betrauert die abertausenden Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Schwulen, Behinderten usw. die „im deutschen Hades“ ums Leben kamen. Doch einen Schritt weiter zurück geht er nicht. Er fragt nicht, wie es zu den massenhaften Deportationen kommen konnte. Und indem er dies nicht tut, blendet er einen Teil der Wahrheit aus: Denunziation. Ohne die Hilfe eifriger Mitläufer hätten die Nazis in Norwegen nicht vergleichsweise triumphieren können. Und damit wären wir auch bei meiner Kritik an Knausgård: Dieser bringt zwar an, dass einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller, Knut Hamsun, ein eingefleischter Nationalsozialist und bis zuletzt Anhänger Hitlers war, übt daran aber keine echte Kritik, sondern betont wiederholt, wie lesenswert seine Werke auch heute noch seien. Sollte mit einem solchen Autor, der immerhin einen Nachruf auf Hitler verfasste(!) nicht differenzierter umgegangen werden? Ein wenig kommt Hamsuns Gesinnung bei Knausgård wie ein Kavaliersdelikt davon und sorgt bei dem ansonsten fabelhaften Text für einen deutlichen Beigeschmack.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Möglicherweise waren meine Erwartungen an Heimatland falsch, aber den Beschreibungen nach hatte ich angenommen, dass die Anthologie eher persönliche Essays oder Vergleichbares umfasst. Großteils jedoch handelt es sich um Erzählungen, in denen ich darüber hinaus den Aspekt des Norwegertums zumeist nicht finden konnte. Was sicherlich auch daran gescheitert ist, dass ich Land und Gesellschaft Norwegens nicht kenne – aus meiner Außenperspektive hätten die Geschichten beinahe überall angesiedelt sein können. Wie „typisch norwegisch“ sie tatsächlich sind, kann ich im Grunde also überhaupt nicht beurteilen. Das vorausgeschickt, erklärt sich wohl, warum ich mir mehr echte Ich-Perspektive der AutorInnen und weniger Innenschau durch die Augen fiktiver Figuren gewünscht hätte.

Wir sterben mehrmals
im Laufe des Lebens.
Schon wenn wir geboren werden
gleich im Moment der Geburt
tritt der Tod in unser Leben ein
erst ein kleiner Tod
nicht größer als ein Säugling
ein kleiner hübscher Tod
der wachsen wird
wie das Kind
[…]

Aus „Frucht“ von T. Espedal

Lohnt es sich?

Meine Antwort darauf fällt etwas verhalten aus. Ich möchte nicht sagen, dass Heimatland nicht lesenswert ist, es entgeht einem sehr wahrscheinlich aber auch nichts, wenn man stattdessen zu einem anderen Buch greift. Wie bereits gesagt, haben mir einzelne Beiträge wirklich gut gefallen, im Großen und Ganzen aber machte sich offen gestanden keine Begeisterung bei mir breit. Das Unbefriedigendste daran ist, dass ich nicht zu greifen bekomme, woran es lag. Aber vielleicht ist genau das bereits die Erklärung: die Texte glitten mehrheitlich einfach durch mich hindurch.

I.K.H. Kronprinzessin Mette Marit und Geir Gulliksen (Hrsg.): Heimatland… und andere Geschichten aus Norwegen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Ulrich Sonnenberg, Ina Kronenberger, Uli Aumüller, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger, Hinrich Schmidt-Henkel. Luchterhand (2019).

Eine Leseprobe gibt es hier.

[Werbung da Rezensionsexemplar: Meinen Dank an den Verlag Luchterhand für die Zusendung.]


Von Geir Gulliksen habe ich übrigens vor nicht allzu langer Zeit Geschichte einer Ehe rezensiert.