Ho ho ho!

Wozu soll ich eigentlich die ganze Arbeit hier alleine machen, wenn es doch bei Instagram nur so vor Buchhändlern und Buchhändlerinnen wimmelt? Sieben von ihnen habe ich gebeten, ihre ganz persönliche Empfehlung für den Gabentisch mit uns zu teilen. Herausgekommen ist ein tolles Potpourri an Buchtipps. Weihnachten kann kommen!

ANNETTE KRÜMPELBECK
Annette leitet die Thalia-Filiale in Cloppenburg.

David und Marilyn Sorenson sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Und auch ihre 4 Töchter scheinen jeweils ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Aber die Gleichung glückliche Eltern gleich glückliche Kinder geht nicht wirklich auf: jede Tochter hat ihre ganz eigenen Probleme. Als der pubertierende Jonah auftaucht, von Tochter Violet verheimlichter und zur Adoption freigegebener Sohn, gerät alles aus den Fugen.

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten. Aus dem amerikanischen Englisch von Sylvia Spatz. Dtv (2019). 720 Seiten. 25,00 EUR.

Die Geschichte einer großen Liebe und einer Familie, erzählt in Rückblenden und aus den unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder. Als Leserin erlebt man alles mit: die glücklichen und die traurigen Momente, die Wendepunkte, die Kompromisse und Umwege, das gegenseitige Verständnis und die Missverständnisse. Und schließlich das umfassende Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt (kurz: alles, was Familie ausmacht).

In jedes Lesejahr gehört für mich ein Familienroman, etwa von Anne Tyler, Claire Fuller, Meg Wolitzer oder Cynthia D`Aprix Sweeney. Immer unterhaltsam und leicht zu lesen, nie trivial. In diesem Jahr war das Der größte Spaß, den wir je hatten und ich habe die 720 Seiten in 2 Tagen verschlungen. Wunderbar warmherzig geschrieben und genau das richtige Geschenk für alle, die gerne eintauchen in eine gute Geschichte.

FINN-UWE BELLING
Finn-Uwe ist Inhaber der Buchhandlung Belling in Lübeck, die ich auf meinem ersten Spaziergang durch die Buchhandlungen besucht habe. Unter @buchhandlungbelling ist er auch auf Instagram zu finden.

Wer die Nachtigall stört ist ein im Jahr 1960 erschienener Roman der US-Amerikanerin Harper Lee. Die Handlung ist im Zeitraum von 1933 bis 1935 in der fiktiven Kleinstadt Maycomb im Bundesstaat Alabama und inmitten der amerikanischen Great Depression angesiedelt. Erzählt wir aus der Sicht des Mädchens Jean Louise, genannt „Scout“. Sie lebt mit ihrem älteren Bruders Jem beim alleinerziehenden Vater, dem Abgeordneten und Anwalt Atticus Finch.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört Graphic Novel. Aus dem amerikanischen Englisch von Claire Malignon. Illustriert von Fred Fordham. Rowohlt (2018). 288 Seiten. 20,00 EUR.

Atticus wird zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson berufen. Dieser wird beschuldigt, die junge Weiße Mayella vergewaltigt zu haben. Er nimmt die Verteidigung an und wird dafür von vielen Bewohnern Maycombs angefeindet. Dies bekommen schon bald auch die Kinder zu spüren. Obwohl Atticus Tom erfolgreich verteidigen und beweisen kann, dass er unschuldig ist, ergeht dennoch ein Urteil gegen ihn. Er will in Berufung gehen, doch der Verurteilte flüchtet und wird erschossen.

Die Strichführung der einzelnen Graphics sorgt für eine unvergleichliche Atmosphäre, die genau zur literarischen Umsetzung des Originals passt. Beklemmung und Spannung von Anfang an. Fred Fordham bleibt in seinen Illustrationen dem Stil Herper Lees treu und schafft es meisterhaft, der Geschichte von Scout, Jem und Atticus einen treffenden Anstrich im Stil der 30er Jahre zu verpassen.

ANJA RÜHLE-EHRHARDT
Die gelernte Schneiderin arbeitet seit 28 Jahren als Buchhändlerin und ist heute Teilinhaberin der Buchhandlung am Markt in Bad Lobenstein. Bei Instagram ist Anja unter @anickjusian zu finden.

Als ich vor wenigen Wochen zugesagt habe eine Buchempfehlung für Katharinas Blog zu schreiben war für mich klar, dass es ein Buch von F. Scott Fitzgerald oder Irene Nemirovsky wird. Beide gehören zu meinen absoluten Lieblingsautoren und ich wollte unbedingt einen Backlist-Titel empfehlen. Die Wochen vergingen, der Abgabetermin rückte näher und es fiel mir immer schwerer ein Buch auszuwählen. Ich beschloss den Druck rauszunehmen, habe mich von beiden Autoren verabschiedet und mich für eines meiner Lieblingsbücher dieses Jahres entschieden. Meiner bevorzugten Literaturepoche bleibe ich mit meinem Buchtipp Never anyone but you von Rupert Thomson allerdings treu.

Rupert Thomson: Never anyone but you. Aus dem Englischen von Daniel Schreiben. Secession Verlag (2019). 414 Seiten. 26,00 EUR.

Erzählt wird die Geschichte von Suzanne Malherbe, die sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit Lucy Schwob aus einer jüdischen Intellektuellenfamilie anfreundet. Die beiden Teenager geben sich die Namen Marcel Moore und Claude Cahun, um gegen Geschlechtergrenzen zu rebellieren. Aus der Freundschaft wird Liebe und die beiden verlassen die französische Provinz, um in Paris als Künstlerinnen zu leben. Sie gehören zum Kreis der Surrealisten um Salvador Dalí und kennen Ernest Hemingway. Als die Zeichen wieder auf Krieg stehen, zwingt der zunehmende Antisemitismus das Paar, Paris zu verlassen. Auf der Kanalinsel Jersey finden sie ihr neues Zuhause und leisten mutig Widerstand gegen die Besatzer der Wehrmacht.

Rupert Thomson hat ein wunderbares Buch über zwei außergewöhnliche Frauen geschrieben. Es lohnt sich, die beiden kennenzulernen, ich habe es jedenfalls sehr genossen!

JULE SCHMIDT
Jule arbeitet in der Buchhandlung Gut gegen Nordwind in Dreieich. Auf Instagram ist sie als @fraeulein_insomnia unterwegs.

Carol Rifka Brunt erzählt in Sag den Wölfen ich bin Zuhause eine genauso packende wie unkonventionelle Geschichte über verschiedene Arten von Liebe und Zuneigung, Vorurteile und Toleranz, Angst und den Mut, diese zu überwinden. Eine Geschichte über den Umgang mit Verlust und Trauer, darüber, verloren zu gehen und sich wiederzufinden.

Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen ich bin Zuhause. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Eisele Verlag (2019). 448 Seiten. 22,00 EUR.

June ist eine Außenseiterin. Und zwar nicht das typische „Außenseiterteeniemädchen“ aus anderen Büchern, das dann auf ihre nerdige Art und Weise schon fast wieder viel zu cool ist – anders! June liebt den Wald, klassische Musik, das Mittelalter… und ihren Onkel Finn. Wie sonst soll sie die Gefühle zuordnen, die sie hat, seit sie sich zurückerinnern kann? Ihr ausgefallener Künstleronkel, der sie als Einziger so akzeptiert wie sie ist und mit dem sie die schönste Zeit verbringt. Doch Finn hat Aids. Es ist das Jahr 1987 und Panik vor dieser Krankheit verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Land. Als Finn stirbt, bleibt June völlig desillusioniert zurück und kann sich nicht vorstellen, wie die Welt sich für sie weiterdrehen soll, bis Toby Kontakt zu ihr aufnimmt. Toby war Finns Freund und für June bis dahin unbekannt, da ihre Familie ihn für Finns Tod verantwortlich macht. Nach ganz viel anfänglichem Schmerz entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, während June jedes Risiko eingeht, um Ihre Trauer zu verarbeiten und Toby mit den letzten Monaten seines Lebens kämpft.

DANIEL SCHMELHAUS
Daniel ist Buchhändler bei Papeterie Petersen in Essen. Auf Instagram hält er literarischen Hof unter @diek_aiserin.

Lennardt Loß: Und andere Formen menschlichen Versagens. Weissbooks (2019). 159 Seiten. 20,00 EUR.

Alles beginnt mit einem Flugzeugabsturz Anfang der 1990er über dem Südpazifik – es gibt zwei Überlebende, eine junge Frau und ein ehemaliger RAF-Terrorist. Allerdings handelt es sich bei ihnen nur um Randfiguren. Aberwitzige, skurrile Charaktere und Erzählstränge, die teils sehr offensichtlich, mal ganz nebenbei, von den beiden Verschollenen angestoßen wurden. Ein kleiner Einblick: Die Mutter der jungen Frau versucht den Verlust ihrer Tochter zu verarbeiten, in dem sie einen Horror-Splatter-Film drehen mag. Dafür braucht sie viel Blut, welches sie von den hiesigen Schlachtereien der Umgebung bekommt. Nur das Lagern in der eigenen Wohnung war wohl nicht die beste Idee…

Ein vor Ironie triefendes Debüt. Lennardt Loß spannt ein Netz über die ganze Welt und durch Jahrzehnte. Für mich ein Jahreshighlight, ein perfektes Buch für wenig lesende Serienjunkies. Auch für jeden Menschen, der eine abgefahrene Auszeit nehmen und trotzdem gute Literatur genießen mag. Auch wenn es vielleicht jetzt nicht das Hauptkriterum sein sollte, die Covergestaltung ist dazu noch sehr ästhetisch ansprechend.

CORINNA KLEIN
Corinna arbeitet in der Buchhandlung Passepartout in Bad Rappenau. Vor ein paar Wochen habe ich sie dort besucht und interviewt. Auf Instagram teilt sie ihre Leseleidenschaft unter dem Namen @littlepaperworks.

Vor einigen Jahren habe ich ein Landschaftsbild des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado gesehen und wurde davon nicht mehr losgelassen. Mehr wollte ich sehen, mehr entdecken, mich noch mehr einhüllen lassen in die Art und Weise, wie er die Welt sieht.

Sebastião Salgado: GENESIS. Taschen Verlag (2019). 520 Seiten, 17 Ausklappseiten. 60,00 EUR.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Bände Workers (1993), Exodus (2000) und GENESIS (2013). Während Salgado in Workers unterschiedlichste Arbeiter dieser Welt begleitet, dokumentiert er in Exodus eindrücklich Menschen auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Vertreibung. Mit GENESIS entführt er uns in die letzten unberührten Gebiete unseres Planeten.

Die Idee für GENESIS wurde im Jahr 2002 geboren, aber erst im Januar 2004 brach Salgado zunächst alleine, nur mit dem allernötigsten Equipment ausgestattet, auf; später begleitete ihn zumeist der Bergführer Jaques Barthélemy. Von Afrika, Madagaskar, Sumatra, Guinea und den Galápagos-Inseln, durch ganz Asien bis hin zu den entlegensten Gebieten Alaskas eröffnet uns Salgado eine Vielfalt an Eindrücken und Naturgewalten, die uns Staunen machen. Sein Ziel dabei waren immer unberührte Gebiete, die noch nicht von der Zivilisation verschmutzt sind und die den Planeten in ihrem Ursprung zeigen.  Salgados Bilder sind für mich von unwahrscheinlicher Sogwirkung und Magie. Dass er in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, ist mehr als verdient.

MICHAELA WIESEMANN
Michaela ist Buchhändlerin in der Buchhandlung Janssen in Bochum. Auf Instagram findet man sie unter @frl.menke64.

Meine Empfehlung für den Gabentisch: Nachdem auch ich mich diesen Sommer getraut habe, diesen „Wälzer“ zu lesen, hat er ganz schnell vielen anderen Büchern den Rang des Lieblingsbuches streitig gemacht.

Nino Haratischwili: Das achte Leben – für Brilka. Frankfurter Verlagsanstalt (2014). 1280 Seiten. 34,00 EUR. (Ist auch als broschierte Ausgabe bei Ullstein erschienen, aber Michaela möchte dringend die schöne Hardcover-Ausgabe ans Herz legen.)

Worum geht es?
Um Georgien, um ein spannendes Familienschicksal, vorrangig geht es allerdings um die weiblichen Familienmitglieder… Es beginnt damit, dass Niza ihre 12jährige Nichte Brilka wieder zurückholen soll, die unerlaubt nach Wien aufgebrochen ist. Anlass für Niza, über die Familiengeschichte nachzudenken und sie nachzuerzählen, Generation für Generation und den Bogen zu spannen, vom Anfang bis zur Gegenwart, in der Brilka und ihre Tante leben. Dies ist lediglich die Rahmenhandlung für ein Familienepos, das mit der Geburt Stasias 1900 beginnt und jede Katastrophe der europäischen Geschichte, die natürlich auch Georgien trifft, widerspiegelt.

Was hat mich fasziniert?
Diese unglaubliche Sprachgewalt, dieser Lesefluss und dass es für mich keinen Augenblick der Langeweile gab! Und dass mir Nino Haratischwili eine faszinierende und fremde Welt erschlossen hat. Ich konnte schmunzeln, aber auch weinen und niewurde es banal. Die Frauen dieser Familie müssen viel erleiden (also keine leichtfüßige Geschichte) und erkämpfen, jede ist in ihrem „Leben“ abgebildet und ins Zentrum gestellt, bis zum Schluss das achte Leben kommt…für BRILKA!
Lesen! Dieses Buch ist ein Juwel.