Alois Nebel

Warum dieses Buch?

Bei meinem Vorhaben, im Rahmen des Gastlandjahres von Tschechien vermehrt tschechische Autoren und Autorinnen zu lesen, schob sich insbesondere Jaroslav Rudiš ins Blickfeld. Rudiš, der auch als Dramatiker und Drehbuchautor tätig ist, ist ein echter Grenzgänger und fast könnte man sagen, dass er in beiden Ländern beheimatet ist. Seinen jüngsten Roman Winterbergs letzte Reise hat er sogar direkt auf Deutsch verfasst, während die tschechische Übersetzung noch auf sich warten lässt. Rudiš‘ Werk zeichnet sich vor allem durch zwei Elemente aus: die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte und eine brennende Leidenschaft für die Eisenbahn. Beides trifft ebenfalls in der Erzählung rund um den Fahrdienstleiter Alois Nebel zusammen. Eine Figur, die Rudiš gemeinsam mit seinem Landsmann und Bandkollegen Jaromír Švejdík aka Jaromír 99 entwickelt und in der gleichnamigen Graphic Novel zum Leben erweckt hat. Ein echter Tausendsassa dieser Jaroslav Rudiš! Grund genug also, sich sein Schaffen genauer anzusehen.

Worum geht’s?

Alois Nebel ist Fahrdienstleiter an einem winzigen Bahnhof in Bílý Potok, einem abgelegenen Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze. Er ist ein Eigenbrötler und etwas wunderlicher Mann, dessen ganzes Leben der Bahn verschrieben ist. Ab und an legt sich ein Nebel über die Bahnstation und dann sieht Alois Geisterzüge aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen von den sowjetischen Besatzern vertrieben wurden. Da die Halluzinationen zunehmen, wird er in ein Sanatorium eingewiesen. Dort trifft er auf „den Stummen“, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet wurde. Was es mit diesem Fremden auf sich hat, wird lange im Unklaren bleiben, aber für Alois ist diese Begegnung nicht weniger entscheidend als sein späteres Treffen auf Květa.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Genau wie sein Vater und sein Großvater, ist Alois Nebel schon zeitlebens bei der Eisenbahn. Als Fahrdienstleiter arbeitet er am kleinen Bahnhof von Bílý Potok, einem entlegenen Ort im Altvatergebirge. Manchmal legt sich ein Nebel über alles und Alois sieht düstere Schatten der Vergangenheit: Güterzüge, in denen die sowjetischen Besatzer Deutsche abtransportieren, darunter auch Menschen, die Alois kannte. Anfangs hilft ihm das Lesen alter Fahrpläne, die er chronologisch sortiert aufbewahrt, sich wieder zu beruhigen. Doch nehmen die Erscheinungen zu und so wird er schließlich in ein Sanatorium eingewiesen. Bei seiner Entlassung muss Alois Nebel feststellen, dass seine Stelle neu besetzt wurde und er selbst somit überflüssig. In seiner Not macht sich der Eigenbrötler und Sonderling auf den Weg nach Prag, zum schönsten Bahnhof Tschechiens, um dort in Erfahrung zu bringen, wie es für ihn weitergehen soll. Doch in der Zwischenzeit ist die Mauer gefallen und die Welt ist eine, in der er sich endgültig nicht mehr zurechtfinden kann. Würde er nicht auf die Toilettenfrau Květa treffen, würde Alois sehr wahrscheinlich schon bald zu den verlorenen Existenzen am Bahnhof gehören. Im weiteren Verlauf bekommt er von der Eisenbahn ein Häuschen in Zlaté Hory zugewiesen, dass er schon bald bezieht, während Květa in Prag bleibt. Gerade als sie Alois in seiner Einsiedelei aufsuchen möchte, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen, kommt es zu massiven Unwettern und ein historisches Hochwasser droht für alle lebensbedrohlich zu werden.

In einem zweiten Erzählstrang entwickelt sich die Geschichte eines weiteren Mannes. Es handelt sich dabei um „den Stummen“, einen Mann unbekannter Herkunft und mit unbekannten Absichten. Er wurde beim illegalen Grenzübertritt von Polen in die Tschechoslowakei verhaftet und ebenfalls ins Sanatorium eingewiesen. Dort sollen Informationen aus ihm „herausgearbeitet“ werden, doch er schweigt beharrlich. Ihm gelingt die Flucht und trifft dabei unerwartet auf Alois Nebel, den er im Sanatorium kennenlernte. Von diesem erfährt er Hilfe, ohne dass er Fragen beantworten muss. Die Wege der beiden trennen sich wieder und der Stumme verfolgt weiter beharrlich sein Ziel. Worin dieses besteht, löst sich er spät auf. Nur so viel: Alois Nebel ist nicht die einzige Figur, die von der Vergangenheit heimgesucht wird.

Alois Nebel ist keine zwingend linear erzählte Geschichte, vielmehr schieben sich immer wieder verschiedene Ebenen übereinander und man muss aufmerksam bleiben, vielleicht gelegentlich noch einmal zurückspringen, um der Handlung folgen zu können. Der Wechsel zwischen den Erzählsträngen erfolgt stets prompt. Wie für das Genre üblich, sind die Textanteile überdies nur gering, stattdessen wird das Geschehen vor allem über die Bilder vermittelt. Bei Alois Nebel erfolgt das in starken schwarz-weiß Kontrasten. Die holzschnittartigen Darstellungen variieren von kleinformatig bis doppelseitig, entbehren keiner Details, zeigen aber doch eine deutliche Tendenz ins Reduzierte, bisweilen Abstrakte. Auch die Perspektive verändert sich: meist schaut man frontal auf das Geschehen, gelegentlich aber auch von oben oder aus der Froschperspektive. Nahaufnahmen und Panoramen wechseln sich unentwegt ab, alles dazwischen wird nicht minder bedient. Nicht immer halten die Bilder ihre Grenzen ein, manchmal gibt es gar keine Grenzen. Kurz gesagt, es herrscht visueller Aufruhr, dem Blick wird es kaum gestattet, zu verweilen. Die schnelle Dynamik ist notwendig, um mit den Ereignissen Schritt zu halten. Insgesamt nämlich werden erhebliche Zeiträume durchschritten, auch wenn sich die Hauptepisoden weniger zeitlich ausdehnen.

Alois Nebel ist ursprünglich als Trilogie erschienen, unterteilt in die Episoden Bílý Potok, Prag und Zlaté Hory. In der deutschen Übersetzung sind sie zu einem Ganzen zusammengefügt, was die Lesart vielleicht dahingehend verändert, als dass die Grenzen verschwimmen und die einzelnen Episoden ineinander überfließen. Man findet sich zwar trotz allem zurecht, eine deutlichere Trennung würde aber zumindest das Verständnis erleichtern, dass zwischen den einzelnen Episoden jeweils längere Zeit vergangen ist. Dem Lesevergnügen tut das alles allerdings keinen Abbruch.

Die Verfilmung     

Der Film des Regisseurs Tomáš Luňák entstand 2011, acht Jahre nach Erscheinen des ersten Teils der Trilogie. Er zeigt gegenüber dem Buch einige Auslassungen, was mir beispielsweise hinsichtlich der Beziehung zwischen Alois und Květa sehr gut gefallen hat, da das Kitschmoment (mein einziger Wermutstropfen) entfiel. Was die Rolle des Mannes betrifft, der als angeblicher Freund mit dafür sorgt, dass Alois ins Sanatorium eingewiesen wird, ging meiner Meinung jedoch eine wichtige Nebenhandlung verloren. Der Film ist genau wie die Graphic Novel in kräftigen monochromen Kontrasten gehalten, jedoch in Graustufen und nicht ausschließlich in Schwarz-Weiß. Auch ist die Verfilmung kein Comicfilm, wie man vielleicht erwarten würde, sondern ein im Rotoskopieverfahren hergestellter Animationsfilm. Bei dieser Technik werden alle Szenen zunächst mit realen Schauspielern gefilmt und danach in eine Animation übertragen. Teilweise scheinen die zugrundeliegenden Realaufnahmen erkennbar durch, was einen interessanten, beinahe surrealen Effekt hat. Zugleich ist die Bildsprache des Filmes dadurch deutlich weicher und ruhiger. Dazu passt wiederum die Bereinigung der Geschehnisse von einzelnen Nebenaspekten. Ebenso wie das Buch, ist der Film in sich extrem stimmig.

Alois Nebel war 2012 übrigens in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert. Vollkommen zurecht, wie ich finde. Wer sich nicht an die Graphic Novel wagt oder mit dem Genre seine Schwierigkeiten hat, der könnte es mit der Verfilmung versuchen.

Einbettung des Trailers nach persönlicher Rücksprache mit Jaroslav Rudiš.

Stellt sich noch die abschließende Frage Buch oder Film? Das ist leicht zu beantworten: Buch und Film.

Lohnt es sich?

Obwohl ich mit der Graphic Novel stellenweise meine Probleme hatte, einfach weil es gelegentlich schwierig war, den Ereignissen zu folgen, habe ich mich mit großer Begeisterung in die Geschichte und insbesondere die Darstellungen vertieft. Die Verfilmung schafft einen leichteren Zugang zur Handlung und ist besser verständlich, seichte Abendunterhaltung ist aber auch sie nicht, denn die Geschichte rund um Alois Nebel hat es in sich. Großartig sind beide!

Jaroslav Rudiš und Jaromír 99: Alois Nebel. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Voland & Quist (2012).


Vor einigen Wochen habe ich eine andere Graphic Novel von Jaromir 99 vorgestellt. Darin geht es um den tschechoslowakischen Langstreckenläufer Emil Zátopek.