Wo Solidarität endet

In der Kategorie Senfonie erscheinen kleine, persönliche Beiträge zu Themen, die mir im Alltag begegnen, zu denen ich meinen Senf dazugebe. Senfonie ist ein Blick über den literarischen Tellerrand hinaus.


Fünf Tage lang habe ich auf Instagram in den Stories und über einen Blogbeitrag auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen wollen. Mein Fazit: erschütternd überschaubare Resonanz. Eigentlich fast keine. Solidarität endet offenbar dort, wo es unangenehm wird.

Vergangenen Montag habe ich im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen in einem Blogbeitrag Bücher vorgestellt, die sich genau diesem Thema zuwenden – insgesamt sieben Romane, Sachbücher und Erzählbände. Der Beitrag war der meistgelesene des letzten Monats und auch mit dem zugehörigen Posting auf Instagram erzielte ich eine überdurchschnittlich hohe Reichweite. Was zumindest deren Rezeption betrifft, darf ich mein kleines Engagement folglich wohl als schon-irgendwie-erfolgreich einstufen. Grund zur Freude gibt es trotz allem nicht.

Nur ein Prozent Interaktion

Um den Fokus zu stärken, platzierte ich das Thema außerdem exklusiv in den Stories*. Soll heißen, ich habe in diesen Tagen bewusst darauf verzichtet, andere Inhalte zu posten. Stattdessen wurden zweimal täglich Daten und Zahlen zu Gewalt an Frauen geteilt. Damit wollte ich bei meinen Abonnenten und Abonnentinnen gezielt auch Unbehagen hervorrufen. Womöglich ging ich einigen aber schlicht auf die Nerven, denn schaue ich mir die erste Story vom Montag und die letzte vom Freitag an, ist die Zahl der Betrachter kontinuierlich um ein Drittel gesunken.

Noch betrüblicher ist die Resonanz, die mit allem einherging: quasi keine. Abgesehen von ein paar weinenden oder wahlweise kotzenden Smileys, erhielt ich genau drei Nachrichten. Auch auf meinen Aufruf, weitere Bücher zu nennen, in denen Gewalt gegen Frauen thematisiert wird, folgten nur vier Reaktionen (und das liegt nicht an fehlender Literatur). Wenn ich alles zusammenzähle, hat gerade einmal ein Prozent meiner AbonnentInnen den Austausch gesucht. Das stimmt mich traurig – nicht deshalb, weil mein Stolz verletzt wäre (es geht hierbei nicht um mich!), sondern weil ich es vorausgesehen habe. Es stimmt mich traurig, dass ich in meiner Wahrnehmung unserer Gesellschaft und auch der feministischen Debatte bestätigt wurde.

Feminismus ja, aber bitte unverfänglich

Es ist leicht, sich als Feministin zu positionieren, wenn es um unverfängliche Themen wie beispielsweise die Besteuerung von Periodenprodukten geht. Der unmittelbare Nutzen einer entsprechenden Petition erschließt sich sofort – man profitiert ja im besten Fall selbst. Und sich über die Nichtexistenz eines Autorinnenschubers zu echauffieren, birgt ebenfalls keinerlei Risiken, außer, dass man sich möglicherweise von ein paar Ignoranten ankacken lassen muss. Davon abgesehen kann man sich aber sicher sein, dass Margret, Jane und Simone kräftig im Hintergrund applaudieren, und ich befürchte, das gewaltige Echo dient in vielen Fällen vor allem dem Hochgefühl des eigenen Selbst, weniger der Sache. Die es einem dahingehend aber auch ziemlich einfach macht, denn so ein Autorinnenschuber riecht nach Literatur – ein schöner Geruch, den wir alle gerne einatmen. Ich nehme mich davon keineswegs aus.

Gewalt gegen Frauen hingegen riecht nach Angst. Die dazugehörigen Bilder im Kopf will man nicht haben: Prügel, Schreie, Blut, Sperma, Verzweiflung, Tränen, im schlimmsten Fall Tod. Ich würde auch lieber die Augen verschließen! Aufrichtig gestanden, möchte ich mich nicht einmal damit befassen. Denn ich fühle mich allein dadurch besudelt, dass ich über Gewalt an Frauen nachdenke. Doch wenn es mir als Nichtbetroffene schon so ergeht, wie erst müssen sich die Opfer fühlen?

Stumm und taub und blind

Frauen werden immer noch in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt: sie verdienen weniger Geld, sind im Literaturbetrieb unterrepräsentiert, schaffen es kaum in Spitzenpositionen, erledigen den Löwenanteil der Hausarbeit etc. Das ist natürlich alles schlichtweg scheiße und gegen jede einzelne dieser Ungerechtigkeiten muss aufbegehrt werden! Doch jetzt kommt das große Aber: von überteuerten Tampons sterben Frauen nicht, landen wegen fehlender Spitzenpositionen nicht im Krankenhaus oder müssen wegen Ignoranz seitens der SZ Zuflucht in einem Frauenhaus suchen.

Diesen Einwurf meine ich weniger als Anklage, denn als äußerst unschmeichelhafte Analyse unserer Gesellschaft. Die Tatsache nämlich, dass das Thema Gewalt gegen Frauen kaum Reaktionen hervorruft, ist bedauerlicherweise nachgerade symptomatisch für die Welt, in der wir leben: Sobald es wirklich unangenehm wird, stellen wir uns stumm und taub und blind. Und nur aus ebendiesem Grund haben zum Beispiel die Bibis und Dagi Bees auf diesem Erdenrund mehr Abonnenten, als WWF, Amnesty International und die SOS-Kinderdörfer zusammen. Die gute Nachricht ist: Es liegt in der Macht jedes einzelnen, das zu ändern!

Reden gegen das Schweigen

81 Prozent meiner AbonnentInnen bei Instagram sind Frauen. Von diesen sind statistisch gesehen 297 von häuslicher Gewalt betroffen. Nachdem ich mir das bewusst gemacht hatte, diese grauenvolle Tatsache, dass über ein Viertel derer, die meine Beiträge lesen, betroffen sein könnten, wurde mir klar, wieviel Einfluss ich nehmen kann, wenn ich Gewalt gegen Frauen zum Thema mache. Wenn ich gegen das gesellschaftliche Schweigen anrede.

Ein Tabu kann nur gebrochen werden, indem man es sichtbar macht. Und wo Betroffene selbst (noch) keine Stimme finden, müssen das Reden erst einmal andere übernehmen. Sollte ich mit meinem Beitrag auch nur einer einzigen Frau Mut machen, sich Hilfe zu suchen, dann ist mehr erreicht, als ich jemals gehofft habe.

*Erklärung für alle, die Instagram nicht kennen: Die Stories sind eine Funktion, bei der man Beiträge teilen kann, die nach 24 Stunden automatisch gelöscht werden. Ähnlich der Statusmeldungen bei WhatsApp oder Facebook.


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