Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Es ist ein paar Wochen her, da hatte ich Texte zur Korrektur, die mich bis heute intensiv beschäftigen: Es ging darin um Gewalt gegen Frauen. Ich bin seitdem hellhöriger geworden, sensibler diesem Thema gegenüber und schnell war für mich klar, dass ich mich engagieren muss, weil viel zu wenig Bewusstsein und vor allem viel zu wenig Empörung herrscht.

Es ist nicht normal, dass es normal ist

Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Gewalt gegen Frauen ist in unseren Köpfen oft weit weg, ein Phänomen ferner Länder und anderer Kulturen: Asien, Afrika, Lateinamerika. Doch das ist schlichtweg falsch! Sie wird nur einfach nicht wahrgenommen, schafft es vielleicht als sogenannte Beziehungstat in die Nachrichten und wird dann als eine Art bedauerlicher Einzelfall registriert. Die Wahrheit ist, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners umkommt, während jeden Tag ein Mann versucht, seine Partnerin zu töten. Im Jahr 2017 waren hierzulande 82 % aller Opfer häuslicher Gewalt Frauen. Jede zehnte Frau in Europa erlebt sexuelle Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist also kein exklusives Thema muslimischer Gemeinschaften, so genannter Entwicklungsländer oder sonstiger Gruppen, die irgendwie gemeinhin für rückständig gehalten werden. Sie findet jeden Tag statt, und zwar direkt vor unserer Haustür.

Und so trat vergangenes Jahr EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani beim Brexit-Gipfel in Brüssel mit einem roten Halbkreis unter dem linken Auge vor die Presse. Auf Nachfrage erklärte Tajani, dass er die italienische Kampagne gegen Gewalt an Frauen unterstütze. Der rote Halbkreis ist das Erkennungszeichen einer Bewegung, die unter dem Hashtag #nonenormalechesianormale (Es ist nicht normal, dass es normal ist) agiert. In Frankreich lautet er #noustoutes, das nationale Pendant zu #metoo.

In Deutschland hat Terres des Femmes #jedevierte ins Leben gerufen, um darauf aufmerksam zu machen, dass bei uns jede vierte Frau häusliche bzw. sexualisierte Gewalt erfährt. Kristina Wolff, Professorin an der Uni Stuttgart(?), hat im Januar auf change.org die Petition „Stoppt das Töten von Frauen“ und den damit verbundenen Hashtag #saveXX gestartet, um gegen Femizid einzutreten. Sie hofft, das Anliegen über den Petitionsausschuss in den Bundestag zu bringen, damit härter gegen die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts vorgegangen wird. Gegenüber der WELT erklärte Wolff: „Sie [Anm.: die Gewalt] ist männlichen Ursprungs, sie basiert auf Selbstüberhöhung beziehungsweise Frauenhass, und sie geht mit fehlender Impulskontrolle einher.“

Die Schwestern Mirabal

Der, im korrekten Wortlaut, Internationale Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen wurde 1999 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Er wird seitdem jährlich am 25. November abgehalten, um Diskriminierung und Gewalt jeder Form gegenüber Frauen und Mädchen zu bekämpfen. Seine Geschichte reicht aber viel weiter zurück: 1981 wurde bei einem Treffen lateinamerikanischer Frauenrechtlerinnen der 25. November zum Aktionstag Dia Internacional de la No Violencia Contra la Mujer ausgerufen. Zahlreiche Organisationen wie Terres des Femmes engagieren sich seither an diesem Tag mit Veranstaltungen, die eine Stärkung der Frauenrechte zum Ziel haben. Die Vereinten Nationen griffen knapp zwei Jahrzehnte später also auf, was schon vorhanden war. Der Ursprung des Aktionstages liegt allerdings sogar zwanzig weitere Jahre zurück.

Die Generalversammlung, […] erneut feststellend, dass nach Artikel 1 der Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen der Ausdruck „Gewalt gegen Frauen“ jede gegen Frauen auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung bedeutet, durch die Frauen körperlicher, sexueller oder psychologischer Schaden oder Leid zugefügt wird oder zugefügt werden kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung und der willkürlichen Freiheitsberaubung, gleichviel ob im öffentlichen oder im privaten Bereich, beschließt, den 25. November zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen zu bestimmen […].

RESOLUTION 54/134

Am 25. November 1960 wurden die drei Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal, Mitglieder des dominikanischen Movimiento Revolucionario 14 de Junio (Bewegung des 14. Juni), durch Militärs des damaligen Diktators Rafael Trujillo überfallen und ermordet. Sie waren Regimegegnerinnen, die sich zusammen mit ihren Ehemännern im Widerstand engagierten. Die Gruppe plante den Sturz des Diktators, doch der Aufstand scheiterte und die Beteiligten wurden inhaftiert. Unter anderem auf Druck der USA wurden die Schwestern freigelassen, während die Männer in Haft blieben. Nach einem Besuch im Gefängnis wurden die Frauen auf der Heimfahrt zusammen mit ihrem Fahrer auf Geheiß Trujillos ermordert. Die „Hermanas Mirabal“ gelten seitdem in der Dominikanische Republik als Symbol für den Widerstand.

Kometen und Wirbelstürme

Auch in der Literatur ist Gewalt gegen Frauen ein Thema. Vor allem in der allerjüngsten Vergangenheit haben Autorinnen weltweit es vermehrt zum Gegenstand ihres Schreibens gemacht. Eine subjektive Auswahl an sieben Romanen, Erzählbänden und Sachbüchern möchte ich kurz vorstellen.

Ein Beitrag zur Geschichte der Freude

Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Hoffmann und Campe (2019). 336 Seiten, 24,00 €.

Mit Ein Beitrag zur Geschichte der Freude hat die tschechische Autorin Radka Denemarková vordergründig einen fiktiven Kriminalroman verfasst. Tatsächlich aber liegt diesem ein sehr reales Thema zugrunde: die weltweite (vor allem sexuelle) Gewalt gegen Frauen. In einem ersten Erzählstrang begleitet man einen Ermittler, der den als Suizid getarnten Mord an einem einflussreichen Unternehmer aufdecken möchte, in einem zweiten begegnet man drei älteren Frauen, deren Tun einige Zeit unklar bleibt. Im Laufe seiner Nachforschungen stößt der Ermittler auf das am westlichen Rand von Prag liegende Häuschen der drei und das darin eingerichtete Archiv, in dem vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart Abertausende Fälle von Gewalt gegen Frauen dokumentiert sind: Massenvergewaltigungen in Indien, Zwangsprostitution in Tschechien, und vor allem immer wieder Täter, die unbehelligt davongekommen sind. Schnell wird klar, der Mord und die archivierten Gräueltaten hängen zusammen und der Ermittler muss die Welt, in der er lebt, neu ausloten: Ist dieser Mord Lynchjustiz oder Gerechtigkeit?

Ein Beitrag zur Geschichte der Freude ist ein sprachmächtiger Roman, der Aufmerksamkeit und vielleicht sogar etwas Ausdauer erfordert. Er hat klare Schwächen, wie zum Beispiel die starke Chiffrierung, die sich irgendwann abnutzt, insgesamt aber lohnt er sich, denn die Geschichte ist nicht nur wirklich gut komponiert, sie ist vor allen Dingen relevant und das über das Thema der Gewalt gegen Frauen hinaus. So webt Denemarková beispielsweise unterschwellig die Tatsache der Nichtsichtbarkeit von Frauen jenseits einer unsichtbaren Altersgrenze ein. Letztlich ist Ein Beitrag zur Geschichte der Freude weniger ein Krimi als ein gesellschaftspolitischer Roman.

Knapp jede dritte Frau in Tschechien wird im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Opfer physischer Gewalt, wie aus einer Studie der UNO hervorgeht.

Ihr Körper und andere Teilhaber

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber. Aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll. Tropen Verlag (2019). 300 Seiten, 20,00 €.

Schwere Kost erwartet, wer zu diesem Erzählband der amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado greift. In düsteren Szenarien, mit oftmals dystopischen bis surrealen Momenten, entwickeln sich Kurzporträts verschiedenster Frauen. Die einzelnen Erzählungen gleichen sich zuvorderst in ihrer tiefen Kraft, zu verstören und zu irritieren. Es ist absoult unmöglich, auch nur eine einzige (wirklich) zu begreifen. Bis ins Innerste dringen die Texte dennoch vor. Das muss man erst einmal schaffen: Leserinnen aufgewühlt bisweilen entsetzt zurückzulassen, obwohl sie gar nicht so recht verstanden haben, was sie da lesen. Machado versteht sich darauf, ein Unbehagen zu bereiten, das ausschließlich dem Raum zwischen den Zeilen entströmt und von dem man einzig erspürt, dass es mit einem Etwas zu tun hat, das die Integrität der Protagonistinnen bedroht. Ihr Körper und andere Teilhaber ist unter Garantie eine faszinierende Wahl für einen Lesekreis und definitiv ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.

Die unter Barack Obama stark verschärfte Definition von häuslicher Gewalt, um Frauen und Minderheiten besser zu schützen, wurde unter Trump still und heimlich wieder rückgängig gemacht: sexuelle, psychische oder finanzielle Gewalt fallen somit nicht mehr in die Begriffsbestimmung.

Sagte sie

Lina Muzur (Hrsg.): Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht. Hanser Berlin (2018). 224 Seiten, 20,00 €.

Ein weiterer Erzählband, den ich auf mehrere Empfehlungen hin gelesen habe, ist Sagte sie, herausgegeben von Lina Muzur, der stellvertretenden Verlagsleiterin von Hanser Berlin. In 17 Texten befassen sich verschiedene deutschsprachige Autorinnen, darunter zum Beispiel Jackie Thomae, Margarete Stokowski und Anke Stelling, mit dem übergeordneten Thema Sex und Macht. Nicht immer geht es dabei um (sexualisierte) Gewalt, sondern oftmals „nur“ um gesellschaftliche Strukturen. Nämlich solche, die dazu führen, dass Frauen auch in übergriffigen Situationen noch versuchen, aller Gesicht zu wahren, oder dass sich bereits junge Mädchen für einen Streit entschuldigen, den sie selber gar nicht angefangen haben.

Alles in allem ist Sagte sie bzw. die darin angestimmten Themen im Rahmen von #metoo ein wichtiges Buch. So richtig überzeugen konnte es mich am Ende allerdings nicht und nach den vielen Lobeshymnen, die natürlich meine Erwartungen entsprechend gefüttert hatten, schwingt rückblickend deutliche Enttäuschung mit. Das mag auch daran liegen, dass es die Erzählungen nach Ihr Körper und andere Teilhaber ungemein schwer hatten. Vor allem aber habe ich fast alle nach kürzester Zeit wieder vergessen; nachhaltig beschäftigt hat mich offensichtlich also keine und damit haben sie ihr Ziel doch irgendwie verfehlt.

Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2018 in Deutschland 122 Frauen von ihrem (Ex-)Partner getötet.

Und die Nacht prahlt mit Kometen

Ela Angerer: Und die Nacht prahlt mit Kometen. Aufbau Verlag (2016). 191 Seiten. 19,95 €.

Als Valerie den wesentlich älteren Bojan zum ersten Mal trifft, weiß sie sofort, dass sie ein Kind mit diesem Mann bekommen wird und tatsächlich soll sie Recht behalten. Da ahnt sie aber noch nichts von den Schlägen, die ihr bevorstehen, dass er sie einsperren und an den Haaren über das Parkett schleifen wird, dass er sie anspucken und sagen wird, dass nur Huren die Pille nehmen, und kurze Zeit später zu einer Abtreibung zwingt. Doch Valerie bemüht sich immer weiter um seine Gunst, weil er schön ist, halb Wien zu kennen scheint und halbseidene Geschäfte macht – mit ihm ist alles aufregender. Als sie wieder schwanger wird, setzt sie sich über ihn hinweg und bekommt das Kind. Durch ihre Tochter findet sie schließlich den Weg aus dieser Beziehung, schneidet Bojan vollständig aus ihrem Leben heraus, bis er sich dreißig Jahre später plötzlich bei ihr meldet und alle Erinnerungen zurückkommen.

Und die Nacht prahlt mit Kometen der österreichischen Schriftstellerin Ela Angerer ist ein verstörender, tiefgründiger und dabei mühelos erzählter Roman. Karg und ungeschönt, aber doch sensibel wird das Gewaltverhältnis geschildert, aus dem Valerie lange Zeit nicht ausbrechen kann, weil sie gar nicht auf die Idee kommt, dass sie es könnte – zu groß ist die Anziehung, die von Bojan ausgeht, vor allem aber zu klein das eigene Selbstwertgefühl. Der Fokus des Romans liegt durchweg auf der Protagonistin, die plausibel gezeichnet ist und der ich umstandslos Verständnis entgegenbringen konnte, obgleich mir ihr Verhalten vollkommen unbegreiflich erschien. Das ist möglich, weil beobachtet, aber nicht bewertet wird, was geschieht. Die Bewertung der Ereignisse müssen allein die LeserInnen vornehmen. Trotz aller Begeisterung, einen nicht unwesentlichen Kritikpunkt gibt es: Was man dem Roman vorwerfen könnte ist, dass der Täter einen serbokroatischen Hintergrund hat. Das wäre nicht nötig gewesen, denn österreichische Männer, die ihre Partnerinnen verprügeln, gibt es ebenfalls zu Genüge.

Nach eigener Angabe der Autonomen Frauenhäuser Österreich, mussten im vergangenen Jahr 181 Frauen aufgrund von Platzmangel abgewiesen werden – also jeden zweiten Tag.

Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen

Christine Ockrent (Hrsg.): Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen. Eine Bestandsaufnahme. Pendo (2007). 600 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen befasst sich auf knapp 600 Seiten mit den übergeordneten Aspekten Sicherheit, Unversehrtheit, Freiheit, Würde und Gleichheit. Gut strukturiert, fundiert und sachlich, wird in zahlreichen Aufsätzen und unter verschiedenen Blickwinkeln die Situation der Frau weltweit betrachtet: das Unglück, in bestimmten Regionen der Welt als Frau geboren zu werden; Vergewaltigung als Kriegswaffe; häusliche Gewalt am Beispiel Spaniens; Frauengesundheit; Sextourismus; Lohn(un)gleichheit… Außerdem werden zahlreiche engagierte Einzelpersonen und ihre Bemühungen, Missstände sichtbar zu machen, vorgestellt. Eingerahmt werden die Beiträge von einem Vorwort von Maybrit Illner und einem Nachwort der französischen Soziologin und Politikerin Françoise Gaspard.

Einen umfassenden Leseeindruck kann ich an dieser Stelle (noch) nicht teilen, denn ich befinde mich gerade irgendwo mittendrin, lese die Texte nicht chronologisch, sondern nach Interesse. Obgleich nämlich die einzelnen Beiträge gut und schnell lesbar sind, zusammengenommen ist Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen kein Buch, das man von vorne bis hinten in einem Zug lesen könnte – und so ist es vermutlich auch gar nicht angelegt.

Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit jedes fünfte Mädchen unter 18 Jahren zwangsverheiratet wird.

Saison der Wirbelstürme

Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar. Wagenbach (2019). 240 Seiten, 22,00 €.

Das Dorf La Matosa liegt irgendwo zwischen endlosen Zuckerrohrfeldern. Viel mehr als ein paar Häuser, Bordelle, eine Kneipe, in der es nur lauwarmes Bier gibt, Aberglaube und Hoffnungslosigkeit gibt es dort nicht. Die Arbeiter der nahegelegenen Ölkompanie versaufen und verhuren dort ihr bisschen Geld, die jungen Männer versumpfen in Drogen, Frauen und Mädchen prostituieren sich. Und dann gibt es da noch die Hexe, die etwas abseits in einem verbarrikadierten Haus mitten in den Zuckerrohrfeldern lebt. Jeder kennt sie, alle haben Angst vor ihr. Eines Tages wird ihre halb verweste Leiche aus dem Bewässerungskanal gezogen – und an dieser Stelle setzt die Geschichte ein.

Die Stimmen des Romans sind unter anderem die einer schwangeren 13-Jährigen, eines Kleinkriminellen und eines verkrüppelten Alkoholikers. In wüsten Wortkaskaden entladen sich die Gedanken und Emotionen dieser Menschen. Ihre Sprache ist eine Sprache der Gewalt und Erniedrigung: Flüche, Vulgaritäten, Verwünschungen. Frauen und Schwule werden aufs Gröbste herabgewürdigt. Wer zu diesem Roman greift, muss das aushalten können. Saison der Wirbelstürme ist so brachial und schonungslos wie das Alltagselend der einfachen mexikanischen Bevölkerung, für die organisiertes Verbrechen, Drogen, Prügel und sexuelle Gewalt Teil der Normalität sind. Der Roman basiert übrigens auf Recherchen zu einer Zeitungsmeldung und ist alles andere als Fiktion.

Täglich werden in Mexiko zehn Frauen ermordet. Um die allgegenwärtige Gewalt an Frauen sichtbarer zu machen, hat Mexiko-Stadt gerade den Notstand ausgerufen:

Claudia Sheinbaum ist seit Juli 2018 Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt und die erste Frau in diesem Amt. 2007 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Als die Soldaten kamen

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verlags-Anstalt (2015). 368 Seiten, 21,99 €.

Die Befreiung Deutschlands von den Nationalsozialisten am Ende des Zweiten Weltkriegs brachte für viele Frauen neues Leid: Vergewaltigungen durch die Soldaten der Befreiermächte. In Als die Soldaten kamen beschreibt die Historikerin Miriam Gebhardt erstmals das Ausmaß der sexuellen Gewalt zu Kriegsende. Sie betrachtet dabei die Besatzungszonen getrennt voneinander und räumt mit dem hartnäckigen Mythos auf, dass nur „die Russen“ zu Tätern wurden, sondern auch die Amerikaner, Briten und Franzosen. Sie thematisiert die mit den Vergewaltigungen einhergehenden Geschlechtskrankheiten, verbotenen Abtreibungen und (unerwünschten) Kinder und wie die betroffenen Frauen nach den Taten oftmals erneut erniedrigt wurden, indem sie jahrelange, demütigende Belastungen auszuhalten hatten.

Fundiert und sachlich, dabei weder pathetisch noch distanziert, arbeitet Gebhardt ein Thema auf, dass auch siebzig Jahre nach Kriegsende kaum Aufmerksamkeit bekommen hat. Dabei sind die Zahlen erschütternd: schätzungsweise 860.000 Frauen wurden zwischen 1944 und 1955 vergewaltigt; 1956 wurden allein in Westberlin knapp 3200 Kinder aus Vergewaltigungen amtlich erfasst; ebenfalls bekannt ist, dass 73 Prozent aller sogenannten Besatzungskinder bei ihren Müttern blieben. In einer Vielzahl von Familien in Deutschland leben also bis heute Nachkommen der Betroffenen und trotzdem liegt nach wie vor ein Mantel des Schweigens auf ihrer Herkunft.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag erreichbar. Die Beratung erfolgt kostenlos, anonym und wird in 17 Sprachen sowie in Gebärdensprache angeboten.
08000 116 016
Weitere Infos: www.hilfetelefon.de


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