Ein anderer Takt

Warum dieses Buch?

Aufmerksam wurde ich auf Ein anderer Takt auf Vorablesen. Verströmten Titel und Cover bereits die Aura eines echten Geheimtipps, machte mich der Klappentext erst recht hellhörig und die Leseprobe überzeugte schließlich vollends. Ich recherchierte ein wenig über William M. Kelley, von dem ich noch nie gehört hatte – und staunte nicht schlecht! Hätte ich nicht bereits vor Neugier auf diesen Roman gebrannt, wäre spätestens die Geschichte dahinter Grund genug gewesen, nach diesem verheißungsvollen Buch zu greifen.

Erst bejubelt, dann vergessen

William Melvin Kelley (1937-2017) schrieb seinen Debütroman A Different Drummer 1962 und feierte damit in den USA einen Überraschungserfolg. Der Roman brachte ihm, gerade einmal vierundzwanzigjährig, Vergleiche mit James Baldwin oder William Faulkner ein. Doch obwohl noch weitere Texte folgten, geriet Kelley schnell wieder in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung seines Erstlingswerkes ist dem Zufall und der Journalistin Kathryn Schulz zu verdanken, die auf eine Erstausgabe eines Gedichtbandes des afroamerikanischen Schriftstellers Langston Hughes gestoßen war, in dem sich wiederum eine handschriftliche Widmung für Kelley fand. Der Name sagte ihr nichts, aber sie stellte Nachforschungen an und verfasste über ihren erstaunlichen Fund einen Artikel im New Yorker (als Vorwort in einer Übersetzung von Moritz Müller-Schwefe abgedruckt). In diesem spürt sie Kelleys Leben und Werk – insbesondere A Different Drummer – nach, woraufhin das Interesse an dem Autor neu entfachte. So auch hierzulande, wo der Roman unter dem Titel Ein anderer Takt vor wenigen Wochen in deutscher Übersetzung erschienen ist, fast sechs Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung.

Es lohnt sich, den fundierten Beitrag von Kathryn Schulz zu lesen; wirklich verständlich wird er meiner Meinung nach aber erst nach der Lektüre des Romans. Man sollte ihn also vielleicht besser als Nachwort lesen. Das Nachwort indes stammt von der Tochter Jessica Kelley und zeichnet äußerst knapp, aber keineswegs ohne Verehrung ein Schaffensporträt des Vaters, liefert ehrlich gesagt allerdings kaum Informationen, die man nicht schon von Schulz erfahren hätte.

Der Originaltitel A Different Drummer ist im Übrigen eine Anlehnung an ein Zitat von Henry David Thoreau, aus dessen autobiografischem Werk Walden (1854):

If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Worum geht’s?

Ein Tag im Juni 1957. Der Farmer Tucker Caliban streut riesige Mengen Salz auf seine Felder und macht sie damit unfruchtbar. Dann tötet er seine Tiere, vernichtet ein uraltes Erbstück, das aus der Zeit stammt, in der seine Ahnen noch Sklaven waren, und zündet sein Haus an. Das alles geschieht unter den neugierigen Blicken der Weißen, die sich in immer größeren Scharen am Zaun des Grundstücks versammeln und stumm vor Irritation das unerklärliche Handeln verfolgen. Tucker agiert ohne Eile, ohne Anzeichen von Irrsinn. Schließlich verlässt er zusammen mit seiner Frau und seinem Kind wort- und grußlos die kleine Stadt Sutton, um Richtung Norden zu ziehen. Diese Vorkommnisse verbreiten sich wie ein Lauffeuer und binnen weniger Tage verlässt die gesamte schwarze Bevölkerung den Bundesstaat.

Im Juni 1957 verließen aus noch ungeklärten Gründen sämtliche Neger den Staat. Heute ist er der einzige Bundesstaat, unter dessen Einwohnern sich kein einziger Neger mehr befindet.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

In einem fiktiven Bundesstaat tief im Süden der USA kommt es in einem Sommer Ende der fünfziger Jahre zum urplötzlichen Exodus der gesamten schwarzen Bevölkerung. Ausgelöst wird dieser durch den Schwarzen Tucker Caliban, der sein gesamtes Hab und Gut vernichtet und dem bisherigen Leben damit den Rücken kehrt: Er salzt die Felder, tötet das Vieh und brennt die Farm ab, dann macht er sich mit seiner Familie auf den Weg in den Norden. Fassungslos verfolgen die Weißen des kleinen Ortes Sutton die Ereignisse, aber sie intervenieren nicht, bitten nicht einmal um Erklärungen. Sie beobachten nur und bleiben mit ihren Spekulationen und zunehmend kruden Theorien unter sich. Erst als ein schwarzer Prediger auftaucht, um den Grund für den Massenaufbruch zu verstehen, schlägt in unverhohlene Wut um, was zunächst kalte Gleichgültigkeit schien:

Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie zurechtkommen; der Süden wird sehr gut ohne sie zurechtkommen.

Die Wahrheit jedoch ist, dass Tucker Caliban mit seinem Weggang ein System aushebelt, dessen Existenz von den Weißen bislang geleugnet wurde. Einer der sehr wenigen, der dieses System verstanden hat, ist Harry Leland. Und so ist er bestrebt, seinen Sohn Harold in der wenig verbreiteten Überzeugung großzuziehen, dass alle Menschen gleich seien und verlangt von dem Jungen beispielsweise, dass er für alle Männer, egal ob weiß oder schwarz, die respektvolle Anrede „Sir“ verwendet. Für Harold wiederum war Tucker in einem unschuldig-kindlichem Verständnis ein echter Freund, den er schmerzlich vermisst und schwer daran trägt, die Gründe für dessen Fortgehen nicht zu begreifen.

Ebenfalls auf der Suche nach Antworten ist Dewey Willson, Sohn eines Großgrundbesitzers, in dessen Diensten Tucker Caliban gestanden hatte. Das Ansehen und der Besitz der Willsons gehen auf Deweys Namenspaten, den General der konföderierten Armee Dewey Willson zurück. Dessen Vater wiederum, Dewit Willson, soll einer Legende nach „den Afrikaner“, einen unmenschlich großen und starken, flüchtigen Sklaven namens Caliban niedergestreckt haben, aus dessen Ahnenlinie schließlich besagter Tucker Caliban hervorging. Die Calibans, auch nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei, waren also über Generationen so etwas wie ein (für alle Beteiligten) selbstverständliches Erbstück der Familie Willson. Eine Erbfolge, die mit Tucker ihr unerwartetes Ende gefunden hat.

Harry, Harold und Dewey sind nur einige Figuren des insgesamt recht umfangreichen und komplex verstrickten Personals in Ein anderer Takt. Darüber hinaus treten noch Deweys Schwester Dymphna, deren beider Eltern und eine Gruppe Männer, die sich täglich auf der Veranda vor Mister Thomasons Laden zusammenfindet, auf. In alternierenden Kapitel werden die Ereignisse aus ihrer ausnahmslos weißen(!) Perspektive erzählt. Dabei wechselt jedoch nicht nur die Sicht auf die Dinge, sondern auch die Erzählform. Aus diesem vielschichtigen, scharfsinnig gesponnenen Aufbau setzt sich nach und nach ein ausschließlich für die LeserInnen zugängliches Wissen zusammen. Folglich ist es von vornherein allein ihnen bestimmt, die Zusammenhänge zu erkennen. Das gilt auch für das grauenhafte Ende, das sich erst spät abzeichnet. Aus der Wahrnehmung Harolds berichtet, der in seiner Unschuld falsch deutet, was er mitbekommt, bleibt man auch hier als LeserIn mit der Wahrheit auf sich allein zurückgeworfen.

Die dichte Komposition aus Perspektiven, Erzählformen und Informationssträngen verleiht dem Roman eine Schubkraft, der ich mich kaum entziehen konnte. Es ist ein durch und durch kraftvolles Buch, über das es noch viel zu sagen gäbe. Aber es ist schwer, darüber zu schreiben, ohne zuviel von der Geschichte vorwegzunehmen. Und in konziser Weise meinen Leseeindruck festzuhalten, will mir schon gar nicht gelingen. Dafür ist Ein anderer Takt im positivsten Sinne zu groß.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Es gibt tatsächlich einen Wermutstropfen. Dieser betrifft jedoch nicht den Roman, sondern die Kritik im Deutschlandfunk, in der die Verwendung des „N-Wortes“ als „[v]erstörend für den deutschen Leser“ getadelt wird und seitens des Übersetzers „einer Erläuterung bedurft“ hätte. Das würde ich nicht unterschreiben wollen. Wer nicht vollkommen ungebildet ist, versteht auch ohne Hilfe von außen, wieso kein anderes Wort infrage kommen kann. Und der Deutschlandfunk gibt die Antwort darauf sogar selbst: „Es ist zweifellos eine bewusste Entscheidung und hängt mit dem historischen Kontext des Originals zusammen.“

Natürlich ist es ein Wort, an dem man sich stößt und das ist auch richtig so. Denn anders ließen sich die Tatsachen, die ihm anhaften, allzu leicht ausblenden. Wer die Leser verschont, ihnen diese Galligkeit nicht zumutet, der verharmlost die Historie.

Lohnt es sich?

Der Erzählstil William M. Kelleys erinnerte mich persönlich unmittelbar an Hemingway und mehr noch an Steinbeck, auch wenn es sich dabei eher um ein unspezifisches Gefühl handelt als um eine belegbare Tatsache. Wer also diese Autoren mag, wird auch an Ein anderer Takt ganz bestimmt großen Gefallen finden. Abgesehen davon ist es ein ungemein kluges Buch, das bis heute eine gewisse Gültigkeit besitzt. Aus diesen beiden und noch vielen anderen Gründen, die ich an dieser Stelle aber ausspare, spreche ich voller Überzeugung eine absolut dringende Leseempfehlung aus!


William Melvin Kelley: Ein anderer Takt. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gusteren. Hoffmann und Campe (2019).

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an Hoffmann und Campe für die Zusendung.]


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