Geteiltes Vergnügen

Warum dieses Buch?

Johanna Adorján ist mir vorrangig wegen ihrer Texte im SZ-Magazin (die ich ziemlich klug finde) ein Begriff und nachrangig wegen Männer – Einige von vielen, ihr jüngstes Buch, das ich aber noch nicht gelesen habe. Alles, was sie davor geschrieben hat, ist mir erst recht unbekannt. Wahrscheinlich griff ich deshalb kurzerhand zu, als ich vor einigen Tagen Geteiltes Vergnügen für einen Fünfer auf dem Hugendubel’schen Grabbeltisch erspähte. Und dann las ich es sogar sofort und legte es gar nicht erst auf den wankenden Wartestapel. Ich befürchte allerdings, das ist mit das Positivste, das ich über den Roman sagen kann…

Worum geht’s?

Jessica trifft Tom, einen interessanten und gutaussehenden Mann, mit dem sie sich schnell verbunden fühlt. Die beiden werden ein Paar, doch trotz aller Zuneigung und Aufmerksamkeit, die Tom ihr zuteilwerden lässt, stößt er Jessica immerzu von sich fort, hält sie auf Abstand. Erklärungen gibt er keine ab, auf Fragen reagiert er ungehalten. Also hört sie irgendwann auf zu fragen, aber nicht, sich zu quälen. Wiederholt kommen ihr pikante Gerüchte zu Ohren, die nicht nur Tom, sondern auch seinen Mitbewohner betreffen. Aber weghören ist leichter, als die Wahrheit zuzulassen, dass sie Tom eigentlich gar nicht kennt.

Und so machten wir weiter, doch ich fand die abrupten Wechsel von intensiver Nähe und keinem Kontakt immer schwerer auszuhalten. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht und Sex am Morgen, ganz warm und zärtlich, ging er zur Tür hinaus, und ich hörte zwei Tage nichts von ihm.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Eine Frau verliebt sich in einen Mann, der nicht nur schön, begehrt und berühmt ist, er ist auch narzisstisch. Das versteht die Frau namens Jessica allerdings erst am Ende des Romans und wünscht sich dann trotz ungebrochener Verliebtheit nicht, nicht verlassen zu werden. Jessica entzieht sich stattdessen dem Bann, der sie streckenweise bis hin zur totalen Ergebenheit treibt. Kein Happy End also, was dem Vorhergehenden auch nicht zu Gesicht stehen würde. Insofern gefiel mir die Geschichte ganz gut: sie ist konsequent und (fast) kitschfrei. Und unfraglich ist sie hervorragend erzählt, nämlich nüchtern, klar und kommt vor allem ohne sprachliche Bilder oder Metaphern aus, was wirklich großen Seltenheitswert besitzt und an dieser Stelle deshalb extra Erwähnung finden muss. Sprachlich konnte mich Geteiltes Vergnügen mühelos überzeugen. Nicht so der Rest.

Mit Abstand am störendsten habe ich die zahlreichen Momente des Romans empfunden, die absolut nirgendwo hinführen. So ist Tom beispielsweise ein bekannter Violinist, dessen Vater ein weltberühmter Dirigent, die Mutter Journalistin beim New Yorker, und auch der Großvater war schon irgendeine große Bekanntheit. Das wird wiederholt erwähnt und folglich habe ich erwartet, dass es für die Geschichte in irgendeiner Weise von Relevanz sein muss, was aber nicht der Fall ist. Dafür läuft die Protagonistin bei einem Besuch in New York auf der Straße zufällig an Patti Smith vorbei – eine Episode, die mich fast schon missmutig machte, soll sie doch offensichtlich nur klarstellen, in welch noblem Viertel Toms Familie lebt, was ja aber eigentlich vernachlässigbar ist. Intuitiv zumindest konnte ich zwischen Toms Eigentümlichkeit und seiner Herkunft keinen zweifellosen Zusammenhang erkennen.

Zweifellos hingegen ist die Fragwürdigkeit des gemeinsamen Ausflugs nach Auschwitz, der sich allein darin begründet, dass Tom und Jessica je väterlicherseits jüdische Vorfahren haben. Pflichtbewusst übergibt Jessica sich vor Ort, das war’s. Weiters ist diese Episode, geschweige denn das gemeinsame Element jüdischer Abstammung, nicht von Belang. Nach meinem Empfingen ist das alles somit nicht nur überflüssig, es hat sogar einen äußerst unangenehmen Beigeschmack. Genauso gut nämlich hätten kommunistische, grönländische oder atheistische Vorfahren ein verbindendes Element sein können, stattdessen aber wird auf das jüdische Pferd gesetzt. Ich als Leserin fand das zumindest äußerst fragwürdig, denn es kam irgendwie Ausbeutung gleich. (Und an dieser Stelle tue ich der Autorin sicherlich schlimmes Unrecht, denn ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass sie jüdische Großeltern hatte. An meinen Leseeindruck ändert das dennoch nichts.)

Ebenfalls sehr gestoßen habe ich mich beispielsweise an den Therapiestunden, die Jessica zu nehmen beschließt, um herauszufinden, wie es mit ihr und Tom weitergehen soll und kann. Allein das fand ich schon fürchterlich klischeehaft, aber weil Johanna Adorján obendrein etliche Figuren in ihrem Roman recht stereotyp zeichnet, gilt das auch für die Therapeutin, die erwartungsgemäß ein wenig sonderlich wirkt. Einfallslos – wie so vieles an Geteiltes Vergnügen.

Ich hatte Sachbücher zu dem Thema gelesen, doch die halfen auch nicht weiter. In einem hatte gestanden, das Wort Liebe solle überhaupt nie benutzt werden, und wenn man es höre, solle man schleunigst das Weite suchen, da es immer nur ein getarnter Versuch sei, den anderen zu besitzen.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Puh…

Lohnt es sich?

Wer die gesamte Rezension gelesen hat, wird sich jetzt kaum wundern, wenn ich sage: Man versäumt nichts, wenn man Geteiltes Vergnügen nicht liest. Andererseits vergibt man sich auch nichts, wenn man es doch tut. Durch und durch schlecht ist der Roman ja nicht und wer ein bisschen recherchiert, findet sogar eine ganze Menge positive Meinungen dazu. Ich glaube Lesarten gibt es in diesem Fall einige. Dann wiederum sollte es aber vielleicht zu denken geben, dass ein nur drei Jahre altes Werk auf dem Wühltisch landet…


Johanna Adorján: Geteiltes Vergnügen. Hanser (2016).


Zur Wiedergutmachung findest du hier ein Buch, das ich richtig toll fand!