Spaziergang durch die Buchhandlungen: Bad Rappenau

Ich hatte ihn bereits angekündigt: meinen nächsten Spaziergang durch die Buchhandlungen. Diesmal führte mich meine Reise nach Bad Rappenau – mein Heimatstädtchen im Kraichgau, dem ich allerdings seit nunmehr fünfzehn Jahren entwachsen bin. Mit etwas über 21.000 Einwohnern ist der Kurort natürlich nicht gerade eine Metropole und ich gebe es unumwunden zu, nach etlichen Jahren in Leipzig kann ich mir nicht vorstellen, irgendwann in diese, ähm, Überschaulichkeit zurückzukehren. Trotzdem bin ich gerne hier und mein fortlaufendes Projekt „Spaziergang durch die Buchhandlungen“ hat mich diesmal mit einem frischen, wenngleich scharfen Blick auf den Ort schauen lassen.


Bad Rappenau

Als meine Familie Mitte der Achtziger nach Bad Rappenau zog, hatte die Stadt nur zwei Drittel der Einwohner von heute. Sie ist seither also beträchtlich gewachsen und hat sich in der Folge ebenso beträchtlich gewandelt. Aber wie das so ist, sind nicht immer alle Entwicklungen erstrebenswert: umso städtischer und moderner das Bild im Allgemeinen wurde, umso mehr Lichter gingen im alten Ortskern aus.

Heute ist es dort offen gestanden ziemlich trostlos: Das Kopfsteinpflaster und die eigentlich ganz hübsche Kirche schaffen durchaus eine heimelige, im positivsten Sinne dörfliche Atmosphäre, aber sonst ist es wie entseelt. Die willkürlich aufgestellt scheinenden Pflanzkübel auf dem Kirchplatz wirken unbeholfen und berühren mich irgendwie peinlich – ich finde sie furchtbar provinziell. Es ist löblich, den Platz aufhübschen zu wollen, aber wieso in aller Welt mit öden Palmengewächsen, die ganz offenkundig nur ihrer Pflegeleichtigkeit wegen gewählt wurden? Und dazu Kübel in einem lebensbejahendem Anthrazitton… Ich finde ein Kurort darf sich gerne auch wie einer benehmen: mit üppigen Blumenampeln, Wasserspielen und altmodischen Bänken unter schattenspendenen Bäumen. In Kur- und Schlosspark gibt es prächtige Bepflanzungen, wieso also nicht hier?

Viel deutlicher fällt jedoch das fehlende Treiben ins Auge und das ist an diesem Tag nicht allein dem trüben Wetter geschuldet. Abgesehen von zwei oder drei Ausnahmen hat die Mehrheit der inhabergeführten Läden hier schon lange das Zeitliche gesegnet. Früher einmal hatte es einen Spiel- und Schreibwarenladen gegeben, eine Parfümerie, eine Töpferei, ein Sportgeschäft … Als ich jetzt wieder hier bin, ist ein weiteres Geschäft verschwunden. Das Bild prägen nun wirklich der obligatorische Rossmann, NKD, ein Friseur und etwas Gastronomie. Ich komme nicht umhin festzustellen, dass die Stadt dringend aktiv werden muss, soll das große Sterben nicht weitergehen – ein paar Palmwedel reichen da bei Gott nicht aus.

Buchhandlung Passepartout

Eine der letzten Bastionen im Ortskern ist die Buchhandlung Passepartout. An der Buchhandlungsfront sieht es in Bad Rappenau im Übrigen überschaubar aus: es gibt genau die eine. Früher gab es noch die Buchhandlung Eckert, aber die ist auch schon Geschichte.

Das Passepartout liegt direkt am Kirchplatz, im selben Gebäude wie das Rathaus. Der Verkaufsraum ist von geringer Tiefe und da sich das Schaufenster über die gesamte Länge erstreckt, ist es bis in den letzten Winkel tageslichthell, was ich persönlich ja immer sehr wertschätze. Der Kassenbereich teilt die Fläche gut erkennbar in Kinderbuch- und Erwachsenenabteilung.

Die Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern kann mich problemlos überzeugen. Natürlich ist sie in Anbetracht der Größe des Ladens und auch der Stadt nicht von fulminanter Üppigkeit, aber doch deutlich größer als man es vielleicht erwarten würde und vor allem kann man hier für alle Altersgruppen fündig werden. Sogar an die Kleinsten wird gedacht: im kleinen Verkaufsraum im Untergeschoss gibt es Bücher und anderes für die 0- bis 3-Jährigen.

Interessanter ist für mich aber natürlich das Sortiment für Erwachsene und auch hier kann das Passepartout voll punkten: Ich entdecke Sachbücher zu verschiedenen Themen, eine schöne Auswahl an Kochbüchern, Neuerscheinungen, Bestseller und Backlist-Titel, es werden alle wichtigen Genres abgedeckt und u. a. mit dem mare-Verlag auch Bücher aus unabhängigen Verlagen angeboten. Sehr gut gefällt mir das kleine Regal mit den Empfehlungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aus denen ich auch direkt einen Titel als Geschenk auswähle.

Neben Büchern gibt es übrigens eine wirklich gute Auswahl an Post- und Grußkarten sowie ein bisschen netten Tüddelkram, insbesondere für Kinder. Falls ihr euch mal nach Bad Rappenau verirrt, schaut hier vorbei!


Interview

Ab ins Neschd!

Ganz bestimmt habe ich in der Vergangenheit schon das eine oder andere Buch bei ihr gekauft, kennengelernt habe ich sie aber erst im vergangenen Jahr über Instagram – die Buchhändlerin Corinna Klein aus der Buchhandlung Passepartout in Bad Rappenau. Für diesen Blogbeitrag habe ich sie ein bisschen interviewt.

Corinna Klein alias littlepaperworks ist auf Instagram unter Buchafficionados längst keine Unbekannte mehr, außerdem mischt sie beim Rappenauer Lesekreis Books & Friends mit

Die banalste und doch interessanteste Frage zuerst: Wieso bist du Buchhändlerin geworden?

Die Leidenschaft für Bücher und fürs Lesen war schon immer vorhanden, doch letzten Endes entschied tatsächlich der Zufall, dass ich auch ausgebildete Buchhändlerin wurde. Während einer Tätigkeit in der Stadtbücherei lernte ich meinen Chef kennen, der mich vom Fleck weg einstellte. Auch wenn der Beruf nicht nur positive Seiten hat, würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden!

Von welchen Eigenarten würdest du behaupten, dass sie typisch für Buchhändler und Buchhändlerinnen sind? Und Hand aufs Herz: Welche davon hast du selbst?

Hm, Strickjacken und immer eine Tasse Tee in der Hand? Die Frage sollte besser ein Außenstehender beantworten, man wird mit den Jahren schlicht betriebsblind. Was uns wohl alle verbindet, ist die Liebe zu guter Literatur. Zu schöner Sprache, bildgewaltigen Epen und starken Gefühlen. Die Fähigkeit, uns in andere Figuren und ganze Welten zu versetzen und die Freude, diese Eindrücke an unsere Kunden weiterzugeben und sie Tag für Tag neu aufleben zu lassen. (Und ein bisschen misanthropisch sind wir wohl auch alle, aber pscht!)

Du arbeitest in der Buchhandlung Passepartout in Bad Rappenau. Diese feiert gerade ihren zehnten Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Warst du denn von Anfang an dabei oder bist du erst später zum Team gestoßen?

Dankeschööööön!! Knapp ein halbes Jahr nach Eröffnung des Haupthauses bin ich dazugekommen und nach dessen Schließung im Jahre 2012 übergewechselt zum derzeitigen Standort in Bad Rappenau. Somit bin ich die dienstälteste Mitarbeiterin und immer noch sehr glücklich hier.

Was zeichnet das Passepartout deiner Meinung nach aus?

Mal abgesehen von unserem tollen Teamgeist, den wunderbaren Kollegen und Kolleginnen und den großartigen Chefis, sind wir in der glücklichen Lage, einen fantastischen und treuen Kundenstamm zu haben. Wohl auch nicht zuletzt dank unserem unermüdlichen Einsatz an der Bücherfront und den Zigtausend Empfehlungen, die dankbar angenommen werden.

Inwiefern und wie hat sich in den Jahren das Buchkaufverhalten verändert? Welche Trends und Entwicklungen konntest du beobachten?

Wir haben erst kürzlich genau darüber in unserer Runde gesprochen und sind übereingekommen, dass Bücher ebensolchen Trends unterliegen, wie sie in anderen Sparten auch üblich sind. Nach Auswertung der Statistik kann man nicht sagen, welche Warengruppe z. B. nun vorne liegt. Das hängt immer auch davon ab, welche Titel herausgebracht werden (Stichwort: schlagartig höhere Frequenz im Sachbuch als bspw.  Becoming von Michelle Obama erschien oder im Kinderbuch nach Erscheinen der neuen Harry-Potter-Bände). Der Fokus verschiebt sich aber merklich in Richtung anspruchsvollere Literatur, hochwertig ausgestattete Bücher und neuere Spielarten wie z. B. Graphic Novel.

Wenn du Wahrsagen könntest: Welche Prognose für die allernächste Zukunft würdest du diesbezüglich abgeben?

Puh! Meine allernächste Zukunft nach Blick auf die Uhr sagt: ab ins Neschd! Buchmenschentage sind meist lang…

Aber Spaß beiseite. Ich denke, dass, ganz allgemein gehalten, der Wert eines Buches wieder mehr geschätzt werden wird, unabhängig von der Warengruppe und dass die Stimmen lauter werden, die gegen Missstände und Ungerechtigkeiten anschreiben. Doch vielleicht ist das auch nur Wunschdenken einer kleinen Buchhändlerin.

Im Einzelhandel erlebt man ja allerlei Geschichten und Geschichtchen – von amüsant bis abstrus. Hast du spontan eine lustige Anekdote parat?

Eine? Hahaha, es gibt ganz Bücher über Erlebnisse im Buchhandel und ich kann verraten: es ist überall gleich!

Neulich z. B. kam eine Kundin rein, schaute sich suchend in unseren ca. 120 qm um, um dann zu dem Schluss zu kommen: „Sie sind hier ja keine RICHTIGE Buchhandlung.“ Auf die Idee hat sie der Umstand gebracht, dass wir keine „richtige“ Reiseabteilung haben…

Oder der junge Mann, der mit einem vor längerer Zeit bei uns gekauften und offensichtlich gelesenen Buch an mich rantrat und es zurückgeben wollte. Es habe ihm inhaltlich nicht gefallen und ob wir das jetzt wieder zurückkauften. Klare Antwort: „Nein, wir kaufen grundsätzlich keine gebrauchten Bücher an, wir haben kein modernes Antiquariat.“ Seine Augen wurden größer und er fragte nach, ob wir vielleicht für den halben Preis und so, das müsse doch drin sein, er fand das Buch echt nicht passend für ihn. Ich denke mir im Stillen: „Welchen Teil von Nein haben wir denn nicht verstanden?“, antworte ihm aber höflich, dass wir auch nicht zum halben Preis zurückkaufen. Darauf kam noch ein leicht verzweifeltes: „Wie? Nicht mal für nen Gutschein??“ Meinen stillen Gedanken behalte ich an dieser Stelle für mich, geantwortet habe ich ihm mit „Nein“ und einem netten Lächeln.

Zum guten Schluss natürlich die klassischste aller Fragen: Was war dein letztes Lesehighlight?

Da müssen Mehrfachnennungen drin sein! In beliebiger Reihenfolge:
Karen Köhler, Miroloi
Daniela Krien, Die Liebe im Ernstfall
Madeleine Miller, Ich bin Circe
Sasa Stanisic, Herkunft
Simone Lappert, Der Sprung

Danke, dass du dir die Zeit für das kleine Interview genommen hast. Auf weitere zehn Jahre Passepartout!


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