Die Nordsee

Warum dieses Buch?

Es fing ganz konventionell mit dem Cover an. Darauf zu sehen: bleigraues, aufgepeitschtes Meer, die Gischt spritzt leuchtend weiß, und darüber ein tiefblauer Himmel, von dem sich zurückhaltend ein paar Wolken absetzen. Ein Bild wie ein altes Ölgemälde, und nach meinem Empfinden ein echter Blickfang. Ich war sofort neugierig, doch zugleich auch zögerlich: Kann es gelingen ein Meer, und ausgerechnet die wilde Nordsee, zwischen zwei Buchdeckeln zu fassen zu kriegen? Muss der Autor eines derart ambitionierten Unterfangens nicht zwangsläufig scheitern? Und wie soll ein solches Porträt überhaupt aussehen? Ich konnte mir unter Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste alles und nichts vorstellen – und genau das machte den Reiz für mich aus.

Dass das Meer so leicht nach Gesellschaftsschichten eingeteilt werden kann, wissen die Tourismusbehörden schon lange, und so sortieren sie jeden von uns aufwendig und mit vorbildlicher, wenn auch bevormundender und pseudowissenschaftlicher Sorgfalt in das passende Strandeimerchen.

Worum geht’s?

Der britische Journalist Tom Blass umrundet die Nordsee und nimmt die Leser und Leserinnen seines gleichnamigen Reiseberichtes mit nach Sylt und Belgien, nach Helgoland, auf die Shetlandinseln, an die Themsemündung, nach Ramesgate und Skagen, auch Halligen dürfen auf seiner Expedition nicht fehlen. Unterwegs ist er mit der Bahn, auf Fähren und Fischerbooten, mit dem Fahrrad und natürlich zu Fuß. Er unterhält sich mit Fischern, Arbeitern einer Bohrinsel, einem Bürgermeister, Künstlern, Lehrern, Alteingesessenen, Zugezogenen… und geht dabei den vielfältigsten Themen nach: Blass setzt sich mit den friesischen Sprachen auseinander, sucht verschiedenste Handels- und Kriegsschauplätze auf, erzählt von Fischfangquoten und der Bedeutung des Herings, er schreibt über das Aufkommen der Seebäder und den heutigen Tourismus, Hafenerweiterungen, denen ganze Ortschaften weichen müssen und und und. Kurz gesagt: Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste ist eine literarische Bildungsreise.

Mit den schnellen Bewegungen eines Obstpflückers griff sich eine behandschuhte Hand einen Fisch, die andere fuhr mit einem Messer von vorn bis hinten durch seinen Bauch, griff in die Höhlung und zerrte alles heraus, was ihn einmal lebendig gemacht hatte, sodass nur der Kadaver übrig blieb. Eigentlich hätte ich angewidert sein müssen, doch es waren die Männer, denen mein Mitgefühl galt. Diese unermüdliche Erbarmungslosigkeit – greifen, schlitzen, ausnehmen –, und dann, wenn die Fische erledigt waren und der Boden von ihrem beerenroten Blut schwamm, einen Tee, ein Stück Buttertoffee, das die Frau eines der Crewmitglieder gemacht hatte, ehe man sich auf den nächsten Hol vorbereitete.

Worum geht’s wirklich? Und wie liest es sich?

Tom Blass, ein britischer Journalist, begibt sich auf Expedition rund um die Nordsee. Die Nordsee ist ein reichlich unglamouröses Meer (wer schon einmal dort war, wird das sicherlich bestätigen können) und obendrein ein Kulturraum, an dessen Küsten rund 80 Millionen Menschen leben – in etwa einmal die Bevölkerung Deutschlands. Nicht ganz unberechtigt kommt da die Frage auf, wie er es zu bewerkstelligen gedenkt, mangelnden Liebreiz gepaart mit hoher Kulturdichte in eine Form zu bringen, die sich nicht nur gut, sondern auch gerne lesen lässt. Und doch gelingt ihm dieses Mammutvorhaben, ganz meisterhaft sogar. Tatsächlich müsste für Die Nordsee ein eigenes Genre geschaffen werden, so etwas wie „Sacherzählung“ oder im geistigen Erbe der Sendung mit der Maus „Sachgeschichte“, denn weder hält man ein reines Sachbuch in den Händen, noch eine Geschichtensammlung, sondern irgendetwas dazwischen.

Dass der Autor studierter Anthropologe und Geograf ist, erscheint da durchaus erwähnenswert. Viel von der Motivation, aus der heraus Blass den Kulturraum Nordsee besieht und erkundet, lässt sich so besser begreifen und einordnen. Auf seiner Reise trägt er nämlich Historisches und Halbwahrheiten sowie Legenden zusammen, die in seinem Buch am Ende einträchtig nebeneinanderstehen. Und so wird schnell klar: unglamourös mag die Nordsee sehr wohl sein, aber keineswegs eintönig.

Vielleicht übertreibt es das Fremdenverkehrsamt mit der Blauen Stunde ein wenig, wenn es die Geschäfte zu blauen Schaufensterdekorationen anregt und mit dem „Blauen Markt“ oder den „Blues Nights“ in den Weinbars der Stadt wirbt. Die zartesten Geschenke der Natur sterben allzu leicht einen kleinen Tod, wenn man sie den Leuten zu sehr aufs Auge drückt.

Allein die Vielgestaltigkeit der Orte, die Tom Blass aufsucht, tun davon kund, welch unterschiedliche Bedingungen die Anrainer vorfinden, obwohl sie alle am selben Meer leben. Und in der Folge, wie diese Unterschiede Leben und Kultur seit alters her prägen. Zugleich gibt es natürlich zahlreiche Parallelen. Die maßgeblichste davon ist sicherlich das Wissen darum, dass die Nordsee gibt, wie sie nimmt – das gilt für Landflächen, Nahrung und Menschenleben gleichermaßen. Die Nordsee ist kein freundliches Meer und dennoch eine Heimat, die energisch geliebt wird.

Tom Blass‘ Schilderungen strömen dahin wie Wasser. Er berichtet lebendig, leidenschaftlich und mit Akribie: der Autor betrachtet den einen Raum unter zahlreichen Facetten, und er erarbeitet sich sein Wissen darum, trägt nicht einfach nur bereits dazu Vorhandenes zusammen. Dabei begegnet er den Landschaften, Menschen und Begebenheiten, die er jeweils vor Ort vorfindet, mit wachem Blick. Von seinen Beobachtungen berichtet er stets sachlich und doch auch persönlich, gerne von einer gewissen Humorigkeit gezeichnet. Seine Schilderungen sind folglich keine seelenlose Aneinanderreihung von Fakten, aber auch kein Versuch, die eigene Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen, sondern echte Begeisterung für ein Thema. Und die springt beim Lesen über. Wer hätte gedacht, dass Heringsfang ansatzweise interessant sein könnte? Die Nordsee ist ein wahres Kaleidoskop von Fakten, Anekdoten und Mythen.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Wenn überhaupt, dann, dass dieses tolle Buch nicht noch mehr Kapitel hat. Aber nein, auch das nicht. Eigentlich ist es genau richtig, so wie es ist.

Aus der Champagnerbar näher am Meer, die wie eine bessere Strandhütte aussah, erklang das Gelächter der piekfeinen, superreichen Kaschmirträger. Ich war wie gebannt, konnte es mir aber beim besten Willen nicht leisten, zu bleiben.

Lohnt es sich?

Ich habe Die Nordsee von Tom Blass ganz gemächlich Kapitel für Kapitel gelesen, habe mir bewusst Zeit genommen und gelassen, da dieses unglaublich meisterhafte Buch nichts weniger verdient als jede Aufmerksamkeit, die man ihm zuteilwerden lassen kann. Es ist so munter und schlichtweg wunderbar erzählt, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, ein Sachbuch in den Händen zu halten – eine perfekte Lektüre also auch für Menschen, die eigentlich nicht sachbuchaffin sind.


Tom Blass: Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste. Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher. Mare (2019)

Eine Leseprobe findet ihr hier.

[Werbung/Rezensionsexemplar: Meinen herzlichen Dank an den mare Verlag für die Zusendung]


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