Spaziergang durch die Buchhandlungen: Leipzig, Teil 2

Vergangenen Samstag war herrlichstes Wetter und so packte ich die sonnige Gelegenheit beim Schopf und radelte die Karl-Liebknecht-Straße, von den Leipzigern und Leipzigerinnen liebevoll Karli genannt, hinauf und wieder hinab und besuchte Buchhandlungen. Fünf Stück waren es am Ende und meine künftige Stammbuchhandlung habe ich dabei wahrscheinlich auch gefunden.


Louis Miethe

Mein zweiter Spaziergang durch die Buchhandlungen von Leipzig beginnt bei der Buchhandlung Louis Miethe. Sie liegt nicht direkt auf der Karli, sondern in einer Parallelstraße zwei Kreuzungen weiter. Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich täglich daran vorbei – und doch habe ich sie lange nicht wahrgenommen, denn der Laden ist klein und versteckt sich zwischen einem Friseur und einem Gewürzladen. Dabei gibt es gar keinen Grund für so viel Zurückhaltung, denn die Buchhandlung Louis Miethe ist ein echtes Kleinod!

Ein wenig fühlt es sich an wie eine Reise in die Jahrhundertwende, wenn man den Laden betritt: Das Mobiliar ist von tiefdunklem Holz, an den Wänden elegant gestreifte Tapete in Olivgrün und Creme, dazu der Firmenname in überdimensionalen, goldenen Lettern, über dem Verkaufstresen herrliche Hängeleuchten mit grünen Glasschirmen, ebenso im Schaufenster, wo sie zudem Gesellschaft von muschelförmige Lämpchen bekommen.

Der Schwerpunkt der Buchhandlung Louis Miethe liegt auf Belletristik des 20. Jahrhunderts, es gibt aber auch ein kleines Sortiment an Sachliteratur und Kinderbüchern. Zeit, um die Auswahl genauer in Augenschein zu nehmen, ist allerdings nicht. Da ich die einzige Kundin im Laden bin, ergibt sich etwas Besseres, nämlich die Gelegenheit für einen kleinen Plausch mit dem Inhaber Andreas Bode, der dieses Schmuckstück von einer Buchhandlung seit nunmehr zwei Jahrzehnten sein Eigen nennen darf. Über einem Espresso fliegt unser Gespräch von Pu der Bär über Sachbücher zur Leipziger Buchmesse, streift die Literaturübersetzung, den Niedergang Leipzigs als Verlagsstadt… Ehe ich mich’s versehe, ist eine gute Stunde um. Für heute zieht es mich weiter, aber ich werde künftig öfter hier vorbeischauen.

(Noch ein Hinweis: Keine Kartenzahlung.)

Buchhandlung Südvorstadt

Als nächstes führt mich mein Bücherbummel ein beträchtliches Stück die Karli hinab, zur Buchhandlung Südvorstadt. Das Gebäude, in dem sie sich befindet, ist unscheinbar und trotz der großzügigen Schaufenster könnte man die Buchhandlung fast übersehen. Aber vielleicht ist der Eindruck auch nur dem momentan gesperrten Straßenabschnitt geschuldet, weil die rot-weißen Schrankenzäune mit dem roten Ladenschriftzug in optische Konkurrenz treten.

Der ebenfalls inhabergeführte Laden ist nicht sonderlich groß, aber auch nicht so winzig wie Louis Miethe. Im ersten Moment wirkt der Laden übervoll an Artikeln und mein Blick hat Mühe, an etwas haften zu bleiben, weil er von einem Objekt zum nächsten jagt. Das legt sich allerdings nach einer kurzen Weile und ich fange an zu stöbern. Das Sortiment ist breit gefächert: Belletristik jeder Couleur, Kinderbücher für alle denkbaren Altersgruppen, Fachliteratur, Reiseführer, Kochbücher, Kalender…

Wirklich innere Ruhe finde ich jedoch nicht. Dezent strapaziert das Quäken und Tröten aus der Kinderbuchecke meine Nerven, wo ein Grüppchen Kids eifrig die Tiptoi-Bücher testet – in voller Lautstärke. Gegen lärmende Kinder habe ich nichts, doch diese Computerstimme zerrt an meinen Trommelfellen. Ich erwarte nicht, dass in Buchhandlungen Grabesstille herrscht, aber ein bisschen mehr akustische Behaglichkeit wäre trotzdem fein.

Eine überaus charmante Idee ist dagegen die Postkartenaktion: Wer bis Ende September einen Urlaubsgruß an die Buchhandlung Südvorstadt schickt, nimmt an einer Verlosung von drei Büchergutscheinen und einem Kalender teil.

Leseratte Leipzig

Laut Google Maps soll es auf der Karli auch ein Antiquariat geben, die Leseratte Leipzig. Als ich vor dem Gebäude stehe, macht sich Verwirrung breit: Hier gibt es Vinyl, aber kein Papier. Ich erhalte die Auskunft, dass es den Buchladen seit über zwei Jahren nicht mehr gibt und so mache ich mich also direkt auf zum nächsten Ziel.

Kinderbuchladen Serifee

Mein dritter Boxenstopp führt mich in den Kinderbuchladen Serifee auf dem Gelände der Kunst- und Gewerbegenossenschaft Feinkost. Das ehemalige Firmengelände eines Konservenherstellers wird heute von Gewerbetreibenden und Künstlern in vielfacher Weise genutzt und damit neu belebt. Hier finden Floh- und Weihnachtsmärkte statt, Street Food Festivals, Sommerkino und vieles mehr. Stadtbekannt ist die Feinkost wahrscheinlich aber vor allem für eine historische Leuchtreklame aus bunten Neonlichtern: die Löffelfamilie. Wer die vier Suppenesser löffeln lassen möchte, kann die Lichtanlage mit Bewegungseffekt per SMS zum Leuchten bringen (kostet zwar 3 Euro, ist aber zugunsten des Vereins).

Die Buchhandlung liegt im Innenhof des Geländes. Der Raum ist schmal und hoch und verströmt den Charme alter Industrieanlagen. Auf Regalböden zur Rechten sind die Bücher sehr übersichtlich nach Altersgruppen sortiert präsentiert (inklusive einer Handvoll Belletristik für Erwachsene). Außerdem gibt es eine kleine Bücherinsel in der Mitte des Raumes. Insgesamt wirkt alles sehr klar und ruhig, aber keineswegs langweilig. Für den nötigen Pep sorgen allein schon die wundervollen Postkarten, Drucke und Kalender, die es hier zu entdecken gibt und derentwegen ich bestimmt wiederkommen werde. Und wen es beim Stöbern nach einem Heißgetränk lüstet, kann sich dank zugehörigem Caféchen sogar einen eben solchen schmecken lassen.

Zweitausendeins

Das letzte und zugleich auch erste physische Ladengeschäft der Verlags- und Buchhandelsfirma Zweitausendeins befindet sich in Leipzig, wo das Unternehmen seit einigen Jahren seinen Sitz hat. Nachdem bis 2016 alle Niederlassungen geschlossen worden waren, eröffnete man hier im Oktober vergangenes Jahr erneut einen eigenen Laden. Das hatte ich zwar mitbekommen, bis dato aber nicht den Weg dorthin gefunden. Ich war ziemlich gespannt, was mich erwarten würde, da ich mich noch an die früheren Läden erinnerte und vor allem von der Auswahl an Bildbänden und sonstigen Großformaten immer begeistert gewesen war.

Der Laden ist im Volkshaus, einem imposanten, historischen Gewerkschaftssitz, untergebracht. Tatsächlich wirkt das Geschäft durch die beachtliche Fassade von außen größer als es ist. Als ich eintrete, bin ich im ersten Moment ein klitzekleines bisschen enttäuscht – ein wenig mehr hatte ich schon erwartet, auch was das Sortiment betrifft. Doch der Stil ist unverkennbar: eine klare Präsentation und die vorherrschende Farbe Weiß. Und weil die Musik meine Füße so schön zum Wippen bringt und ich zwei Bücher erbeute, söhne ich mich mit der anfänglichen Enttäuschung schnell wieder aus.

Neben Lizenzausgaben findet man bei Zweitausendeins vor allem preisreduzierte Restauflagen von Büchern, Filmen, Schallplatten und CDs. Man braucht also ein bisschen Goldgräberstimmung, wenn man sich hier umschauen möchte, aber mit einem Quäntchen Glück kann man den einen oder anderen Schatz heben.

Wörtersee

Meine letzte Station für heute ist die Buchhandlung Wörtersee am nördlichsten Zipfel der Karli. Wenn man sie betritt, könnte man den Eindruck haben, in ein zauberhaft kleines Atelier geraten zu sein. Die Grafiken an den Wänden fallen einfach sofort ins Auge. Die meisten (alle?) davon stammen von Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst – und so schließt sich der Kreis eigentlich bereits. Darunter sind beispielsweise auch Arbeiten von Franziska Neubert, die unter anderem schon für die Büchergilde Gutenberg grafische Arbeiten angefertigt hat.

In der Buchhandlung Wörtersee bekommt man aber natürlich auch Bücher. Man findet hier eine mit Feingefühl zusammengestellte Auswahl an Belletristik, Lyrik und Kinderbüchern. Ergänz wird das Sortiment durch das eigene Verlagsprogramm, das in Leipzig gestaltet, umgesetzt und gedruckt wird. Die Buchhandlung Wörtersee gehört nämlich der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, einer Sortimentsbuchhandlung mit Verlag, an, die ich in Teil eins vorgestellt habe. Schon mehrfach wurde der Verlag von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet und auch den Buchhandlungspreis konnte man sich bereits sichern. Zurecht!

Wer als bücherliebender Mensch nach Leipzig kommt, darf die beiden Buchhandlungen auf keinen Fall unbesucht lassen.

Fortsetzung folgt?

Nach zwei Spaziergängen und elf Buchhandlungen habe ich noch lange nicht alle Bücherparadiese Leipzigs erkundet und vorgestellt. Allein in der Innenstadt fehlen mit den „Großen“ wie Hugendubel, Lehmanns und Co vier oder fünf Geschäfte. Doch auch wenn ich diese mag und dort Kundin bin, finde ich sie für einen Blogbeitrag irgendwie nicht reizvoll genug und werde ergo recht wahrscheinlich nicht darüber schreiben. Bleiben somit noch die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen in den verschiedenen Stadtteilen. Die liegen jedoch weit verstreut und es bietet sich einfach nicht an, sie in einem zusammenhängenden Spaziergang zu besuchen. Vielleicht werde ich nach und nach vorbeischauen und meine Eindrücke dann in einem dritten Beitrag zu Leipzigs Buchhandlungen schlichtweg zusammentragen. Festlegen möchte ich mich an dieser Stelle jedoch nicht. Ganz sicher aber wird es weitere bibliophile Bummel durch andere Städte geben – der nächste ist sogar schon fest eingeplant.


Teil eins des Spaziergangs durch die Leipziger Buchhandlungen versäumt? Macht nichts, einfach hier entlang.