Ebbe & Blut

Vor einigen Tagen habe ich mir einen Buchwunsch erfüllt und Ebbe & Blut von Luisa Stömer und Eva Wünsch gekauft. Ich weiß nicht mehr wann und wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin, aber ich erinnere mich, dass ich von der Aufmachung sofort begeistert gewesen war. Jetzt endlich habe ich es mir also gegönnt und mich auch direkt darin vertieft. Nachfolgend möchte ich allerdings nicht einfach nur das Buch vorstellen, sondern auch ein paar Gedanken zum Thema Menstruation mit euch teilen.

Ebbe & Blut hat nämlich ganze Gedankenkaskaden entfesselt. Es ist nicht so, dass ich vorher nie über die Menstruation nachgedacht hätte, im Gegenteil. Insbesondere ihre Tabuisierung und eine allgemein erschreckende Unwissenheit darüber, was in den meisten Frauenkörpern monatlich passiert, haben mich lange schon viel und intensiv beschäftigt. Entsprechend habe ich mit großer Begeisterung verfolgt, wie die Menstruation in jüngster Zeit öffentlich immer sichtbarer wurde.

Dank der Petition „Kein Luxus“ beispielsweise, die das Online-Magazin Neon und das Berliner Unternehmen einhorn im April dieses Jahres starteten, wird sich nun sogar der Bundestag höchstselbst damit befassen müssen. In der Petition geht es um nichts Geringeres als darum, die Luxussteuer von 19 Prozent auf Periodenprodukte abzuschaffen.

Warum dieses Buch?

Ich würde schon behaupten wollen, dass ich mich mit meinem Körper und meinem Zyklus hervorragend auskenne und eigentlich keine Bücher darüber brauche. Ebbe & Blut interessiert mich auch weniger deshalb, weil ich annehme, noch viel Neues lernen zu können als aus der Neugier heraus, wie die Autorinnen das Thema Menstruation angehen.

Ich denke, das Allerbeste, das man gegen Körperangst, Ekel oder Scham tun kann, ist, sich sehr genau mit sich auszukennen: sich damit zu befassen, wie irrsinnig geistreich unser Körper gestaltet ist. Alles hat seinen Platz, seine Funktion, und eine gewisse Ästhetik kann man solchen Innereien auch nicht absprechen. Wissen ist in diesem Fall weniger Macht als vielmehr Abenteuer und Freundschaft mit sich selbst.

Worum geht’s? Und wie liest es sich?

Ebbe & Blut basiert auf einer gemeinsamen Abschlussarbeit von Luisa Stömer und Eva Wünsch aus dem Jahr 2016 an der Designfakultät TH Nürnberg. Den Anstoß dazu, ihre Bachelorarbeit dem weiblichen Zyklus zu widmen, gab die Erkenntnis, dass nicht zuletzt die Designerinnen selbst nur wenig über das Wie und Was Bescheid wussten.

Auf 240 Seiten erklären sie in Ebbe & Blut den weiblichen Zyklus von Menarche bis Menopause. Dabei thematisieren Stömer und Wünsch auch Aspekte wie Zyklusstörungen, Menstruationsutensilien, körperliche und psychische Auswirkungen der Menstruation oder die Befruchtung einer Eizelle. Inhaltlich ist das Buch somit recht breit angelegt, was mir gut gefallen hat. Unerwartet, im positivsten Sinne, war das Kapitel über Schwangerschaftsabbruch. Abbrüche sind Teil der Realität, in der wir leben, deshalb gilt es auch, sie anzusprechen.

Ein mit Scham und Unkenntnis belegtes Thema wie die Menstruation muss natürlich behutsam angegangen werden und das gelingt den Autorinnen hervorragend. Da wäre zum einen die Sprache, die unprätentiös aber nicht anspruchslos daherkommt. Die Texte sind stets konzise und dabei gut verständlich. Geschrieben ist Ebbe & Blut aber eindeutig für Erwachsene, nicht zur Aufklärung von Jugendlichen oder gar Kindern.

Verschiedene groß- und kleinformatige Collagen unterstützen die Texte, dominieren das Geschehen aber nicht. Ebbe & Blut verkommt somit nicht zum Bilderbuch. Und wahrscheinlich können die cleveren Collagen gerade deshalb ihre volle Ausdrucksstärke entfalten.

Insgesamt ist Ebbe & Blut ein fabelhaft gelungenes Buch, das in seiner Formgebung unübersehbar aus einem Guss ist. Die gesamte Gestaltung – Layout, Collagen, Texte – geht auf die Autorinnen zurück und das merkt man. 2018 wurde die Arbeit übrigens mit dem German Design Award ausgezeichnet.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Über die Schönheit des Mittelschmerzes, die Ästhetik vollgebluteter Unterhosen und die Raffinesse der Eisprungphase.

Mit diesem Satz beginnt Ebbe & Blut. Grundsätzlich ist es natürlich richtig, das Thema Menstruation in positiver Weise darzustellen und sich dafür stark zu machen, das Schöne darin zu erkennen. Für meinen Geschmack wirkte es hier und da aber ein wenig zu beifällig.

Ganz besonders störten mich irgendwie die „Höschen“. Das Wort klingt zugleich niedlich und anzüglich. Nach meinem Empfinden fügte es sich sprachlich damit nicht so richtig ein. Mir ist schon bewusst, dass die rationale „Unterhose“ (obwohl im ersten Satz ja verwendet) keinen echten Charme besitzt, während der „Schlüpfer“ hingegen zu belustigt klingt. Aber Höschen?

Und noch etwas: Die Schriftgröße des regulären Fließtextes habe ich insgesamt als etwas zu klein empfunden.

Exzentrische Blüten

Es ist gut und wichtig, dass das Thema Menstruation immer mehr an Präsenz in der Öffentlichkeit gewinnt. Was bei einer solchen Entwicklung aber nicht ausbleibt, sind die exzentrischen Blüten, die sie treibt. Während ich in Ebbe & Blut gelesen habe, erinnerte ich mich an verschiedenste Beiträge zur Menstruation in den sozialen Medien, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind – leider.  

Allen voran die Großaufnahme einer mit Menstruationsblut gefüllten Menstruationstasse inkl. blutverschmierter Finger der dazugehörigen Besitzerin. Das war vor einigen Monaten auf Instagram. Ich fand das ekelhaft. Umso mehr verwunderte mich, dass sich die Kommentatorinnen unter dem Beitrag vor Begeisterung nur so überschlugen. Ich konnte nicht eine kritische Äußerung finden. Wieso? Wenn ich eine öffentliche Toilette aufsuche und das Porzellan mit rot-schlierigen Hinterlassenschaften der Vorbenutzerin vorfinde, dann ist das sicherlich nicht allein für mich ziemlich widerwärtig. Ich kann mir wirklich nur schwerlich vorstellen, dass eine der begeisterten Fürsprecherinnen dieses Posts das anders sieht.

Das Menstruationsblut anderer Frauen möchte ich genauso wenig betrachten müssen, wie sonstige ihrer Ausscheidungen. Ich möchte ungebeten auch keine Fotos davon gezeigt bekommen. Zumindest nicht so. Denke ich dagegen nämlich an den Beitrag der Künstlerin und Schriftstellerin Rupi Kaur, dann bekommt dieselbe Botschaft plötzlich einen ganz anderen Klang. Mit Feingefühl kommt man eben oftmals besser voran als mit Gebrüll.

Menstruation & Männer

Ein Freund meinte kürzlich, dass er sich mit dem Thema Menstruation nicht auseinanderzusetzen brauche, da es ihn als Mann ja nicht betreffe. Das stimmt natürlich insofern, als er selber nicht menstruiert. Aber seine Freundin tut es, und die Mutter, die ihn geboren hat und deren Mutter und alle Mütter davor. Die Zeichen stehen gut, dass seine Freundin einmal die Mutter seines Kindes werden wird. Wie also kann man nicht mehr über die Fruchtbarkeit der Frau wissen wollen, die vielleicht das eigene Kind austrägt und gebärt?

Ein anderer Mann aus meinem Umfeld war der ernsthaften Überzeugung, dass eine Frau eine Schwangerschaft daran bemerkt, dass ihr am Morgen nach dem Sex übel ist. Vollkommen irritiert glotzte ich ihn an, ulkte er gerade rum oder glaubte er das wahrhaftig? Es war kein Witz. Ich fragte ihn, woher er diese Info habe und er sagte, dass man das doch immer in Filmen so sehe. Mag schon sein, antwortete ich, in Filmen sieht man aber beispielsweise auch Männer, die sich in Spinnen verwandeln und die Welt retten. Es stellte sich heraus, dass er über den weiblichen Zyklus auch sonst nicht viel wusste.

Apropos Film, was mich schon immer unglaublich zornig macht, ist die Darstellung von Menstruation darin. Im Film wachen junge Mädchen morgens allzu gerne in einer pizzatellergroßen Blutlache auf – Schockschwerenot, die erste Periode! Jedes Mal frage ich mich, wer diese schauerliche Darstellung zu verantworten hat und ich hoffe immer eindringlichst, dass es keine Frau ist. Info an alle Männer: Würden Frauen tatsächlich eine derartige Menge Blut verlieren, würden wir sehr wahrscheinlich nicht mehr aufwachen.

Es ist schon unbegreiflich, dass im 21. Jahrhundert mitten in einem aufgeklärten Land wie Deutschland eine solche Blindheit seitens der Männer gedeiht. Wie kann das sein?

Lohnt es sich?

Der weibliche Zyklus ist aufregend und spannend und einfach sehr entdeckenswert. In Ebbe & Blut werden alle Zusammenhänge anschaulich aber nicht ausufernd erläutert. Hinzu kommen Infos zu Themen wie Periodenprodukte, Regelstörungen und -beschwerden oder Verhütung. Dabei werden die Texte von zahlreichen ausdrucksstarken Collagen begleitet. Überhaupt ist die optische Konzeption von Ebbe & Blut so herrlich, dass sie schon für sich genommen einen Kauf lohnenswert macht.

Für mich persönlich konnte ich keine neuen Erkenntnisse aus dem Buch ziehen, gerne gelesen habe ich es dennoch. Vor allem, da es einen wichtigen Beitrag dazu leistet, dass die Menstruation weiter enttabuisiert wird. Schließlich ist sie so normal wie essen oder verdauen. Das geht aber nur über Aufklärung, und zwar einschließlich der Männer.

Wir brauchen dringend mehr Bücher wie dieses!


Luisa Stömer und Eva Wünsch: Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus. Gräfe und Unzer (2017).


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