Letterbericht Nr. 5

In der Kategorie Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen Bücher vor. Also normalerweise sind es Bücher, heute jedoch zwei Filme des tschechischen Regisseurs Jan Svěrák.


Der tschechische Film in Deutschland

Das heutige Tschechien sowie bereits schon die ehemalige Tschechoslowakei ist die Wiege bedeutender Filmproduktionen. Mit den Filmstudios Barrandov in Prag darf sich das Land eines der größten und ältesten Filmstudios Europas rühmen. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden hier in Zusammenarbeit mit west- und ostdeutschen Filmanstalten zahlreiche Ko-Produktionen, darunter beispielsweise Pan Tau, Die Märchenbraut oder Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Auch einzelne Namen der tschechischen Filmbranche wie Jiří Menzel, Ondřej Trojan oder Jan Němec sind hierzulande bekannt.

Doch bereits in den sechziger Jahren, im Kontext der sogenannten Tschechoslowakischen Neuen Welle (Nová Vlna), einem Kind der Liberalisierung und eine äußerst produktive Phase, kamen in Deutschland erste tschechische Filme zu größerer Bekanntheit, darunter zum Beispiel Liebe nach Fahrplan (1966). Mit der Niederschlagung des Prager Frühlings endete jedoch die neue Freiheit der Filmemacher, kaum, dass sie begonnen hatte.

Seit der Samtenen Revolution ist wieder eine freie Filmproduktion möglich. Zu den großen Filmen der Gegenwart zählen neben Jan Svěráks Leergut (2007) auch die Literaturverfilmung Ich habe den englischen König bedient (2006) nach der Romanvorlage von Bohumil Hrabal oder die Verfilmung der Graphic Novel Alois Nebel (2011) von Jaroslav Rudiš und Jarmoir99, ebenso wie der oscarprämierte Film Želary (2003), dessen Buchvorlage ich übrigens vergangenes Jahr besprochen habe.

Die Tradition des tschechischen Films ist in Deutschland grundsätzlich alles andere als unbekannt. Im regulären Spielplan der Kinos sind tschechische Filme dennoch leider selten zu finden.

Wer ist Jan Svěrák?

Jan Svěrák (*1965) gilt als der erfolgreichste tschechische Filmemacher seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Er studierte Dokumentarfilm an der Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag, einer regelrechten Talentschmiede, was er 1988 abschloss. Im Folgejahr erhielt er für den zwanzigminütigen Kurzfilm Die Ölfresser (Originaltitel: Ropáci) als bester fremdsprachiger Film den Student Academy Award, der auch als Studierendenoscar bezeichnet wird. Für seinen ersten Spielfilm Die Volksschule wurde Svěrák nur zwei Jahre später erneut in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert – diesmal für den Oscar, den er 1997 mit Kolya auch tatsächlich gewinnen konnte. Kolya wurde darüber hinaus mit einem Golden Globe ausgezeichnet.

Trilogie der Lebensalter

Neben dem oscargekrönten Film Kolya möchte ich in diesem Letterbericht Leergut vorstellen, der ein Jahrzehnt jünger ist und laut zahlreicher Quellen als erfolgreichster tschechischer Film überhaupt gehandelt wird. Diese beiden bilden zusammen mit Die Volksschule eine filmische „Trilogie der Lebensalter“.

Gemein ist den Filmen übrigens, dass Zdeněk Svěrák, Vater von Jan Svěrák, jeweils die Hauptrolle übernahm. Svěrák senior ist studierter Philologe, und war als Lehrer für Tschechische Sprache und als Radiomacher tätig bevor er als Drehbuchautor für die Prager Filmstudios Barrandov zu arbeiten begann. Es ist daher vielleicht wenig überraschend, dass er für seinen Sohn nicht nur die Drehbücher für besagte drei Filme schrieb. Weitere Rollen übernahm er in dessen Produktionen hingegen nicht.

Zum Cast in Kolya gehört auch Libuše Šafránková, die in Deutschland in der Titelrolle in Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973) zu Bekanntheit gelangte.

Leider sind die Filme von Jan Svěrák, mit Ausnahme von Leergut, hier nur schwer oder nur zu exorbitanten Preisen zu bekommen. Ich hatte das unverhoffte Glück, Kolya in der Leipziger Stadtbibliothek ausleihen zu können. Die Volksschule konnte ich dagegen nirgends auftreiben und so kann der erste Teil der Trilogie unbefriedigenderweise nicht vorgestellt werden.

Kolya (1996)

Prag im Jahr 1988. František Louka ist ein ehemaliger Cellist der Tschechischen Philharmoniker, darf aus politischen Gründen jedoch nur noch auf Beerdigungen spielen. Um sein mageres Einkommen aufzubessern, restauriert er überdies die Inschriften auf Grabsteinen. Aus chronischer Geldnot lässt er sich auf eine bezahlte Scheinehe mit der Russin Nadezda ein, damit diese einen tschechoslowakischen Pass erhält.

Als seine Angetraute kurze Zeit später von einer Dienstreise nach Westdeutschland nicht zurückkehrt, gerät Louka nicht nur (erneut) ins Fadenkreuz des Staates, er muss sich auf einmal auch um Nadezdas fünfjährigen Sohn Kolya kümmern, den sie bei der Großmutter zurückließ. Die Großmutter stirbt jedoch und so fällt Louka das Los zu. Es ist schwer zu sagen, wer von den beiden, die noch nicht einmal dieselbe Sprache sprechen, mit der Situation unglücklicher ist. Vollkommen überfordert informiert Louka das Jugendamt.

Als dieses Monate später zur Tat schreiten und den Jungen in ein Kinderheim nach Russland überstellen möchte, flüchtet Louka mit dem Kind aufs Land zu einem Freund. Einst Vater wider Willen, möchte er Kolya nun am liebsten nicht mehr hergeben.

„Kolya packt die großen Gefühle in viele kleine aufmerksam beobachtete Szenen und versucht sich dort, wo baugleiche US-Produktionen mit emotionaler Wucht erobern wollen, in die Herzen des Publikums zu schleichen. Und das nicht ohne Erfolg.“

Filmzentrale

Leergut (2007)

Der alternde Lehrer Josef versucht in einer letzten Anstrengung seine pubertierenden Schüler für ein Gedicht von Jaroslav Vrchlický zu begeistern – und scheitert. Er geht frustriert in den Ruhestand und hält dann die Ruhe nicht aus. Er verdingt sich zunächst als Fahrradkurier und schließlich in der Leergutannahme eines Supermarktes. Dort wird er für die Kunden, seine Kollegen, seine Tochter und nicht zuletzt für sich selbst endlich zu einer Gestalt mit Relevanz.

Doch der Weg ist lang: Während er für andere Amor spielt, ist sein Privatleben trist. Josef fantasiert von jungen Dingern in Strapsen und langweilt sich daheim mit seiner Frau Eliška. Diese wiederum hat neuerdings einen Verehrer, was in Josef eine brennende Eifersucht entfacht. Die Tochter wird derweil aufgrund ihres exzessiven Glaubens an den bevorstehenden Weltuntergang von ihrem Mann verlassen, der auch den gemeinsamen Sohn mitnimmt. Am Ende, während einer Ballonfahrt zum vierzigsten Hochzeitstag, die mehr als ungeplant verläuft, söhnt Josef sich mit seiner Frau aus.

Der weißbärtige Hauptdarsteller in „Leergut“, Zdenek Sverak, erinnert an Sean Connery, den Star vieler Hollywood-Produktionen. Im Ausland werde er häufig mit ihm verglichen, sagt Sverak, in Tschechien nie: „Ich sehe schließlich nicht aus wie er. Er sieht aus wie ich.“ Der Satz spricht für den Charme, den Humor und die Ironie des tschechischen Films, aber auch für sein neues Selbstbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE

Was ist von den Filmen zu erwarten?

Jan Svěrák erzählt beide Filme in gemächlichem Tempo. Er ist ein beobachtender Regisseur, der auskostet, statt zu hasten. Es geht ihm stets um die Bilder, um Stimmungen und Zwischentöne. Mag sein, dass Svěráks Bildsprache – Landschaftsaufnahmen, sanfte Kameraschwenks und warme Farben – insgesamt ein wenig zu gefällig anmutet. Auch Neues versucht er in Kolya oder Leergut nicht, vielmehr sind die Filme von gänzlich klassischer Machart. Doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine geradezu poetisch anmutende Unaufgeregtheit.

Die Filme sind stimmungsvoll, von großer Aufmerksamkeit für Details und kleine Gesten. Es wird im Kleinen erzählt, statt auf Effekte zu setzen. Und sie schaffen den Balanceakt zwischen Heiterkeit und Ernst; zeigen, wie nah Lebenslust und Lebensfrust beieinanderliegen.

Es gäbe noch so viel mehr über die Filme zu sagen, zum Beispiel über die geschichtliche Einbettung von Kolya, über sozio-politische Inhalte, die Svěrák aufgreift oder über zwischenmenschliche Motive. Für den Moment möchte ich es allerdings mit meiner Beurteilung beim rein handwerklichen Aspekt belassen. Und (nicht nur) was diesen betrifft, konnten mich sowohl Kolya als auch Leergut mehr als überzeugen – zwei sehr sehenswerte Filme, wobei mir letzterer noch ein bisschen besser gefallen hat.


Mehr zum Thema:

Wer sich weiter mit der filmischen Arbeit von Jan Svěrák befassen möchte, findet den Regisseur im Internet und auf Instagram.


Nach tschechischen Filmen Lust auf tschechische Literatur bekommen? Dann durchforste doch mal meine Blogbeiträge unter Ahoj Leipzig.