Fünf Lieben lang

Warum dieses Buch?

Auf den Roman Fünf Lieben lang des Amerikaners André Aciman bin ich auf vorablesen.de aufmerksam geworden, wo mir zunächst das atmosphärische Cover ins Auge gefallen war. Der Autor war mir da noch kein Begriff. Erst durch Recherche erfuhr ich, dass es sich dabei um keinen Unbekannten handelt: sein Coming-of-Age-Roman Call Me by Your Name aus dem Jahr 2007, der zugleich auch sein Debut war, wurde 2017 verfilmt und war bei den Oscars des Folgejahres sogar in vier Kategorien nominiert, unter anderem als bester Film. Für den Roman wurde Aciman außerdem mit dem Lambda Literary Award ausgezeichnet, einem seit 1989 jährlich vergebenen Preis für Bücher englischer Sprache aus dem Bereich LGBT. Noch in diesem Jahr soll die Fortsetzung Find Me erscheinen. Grund genug also, um auf André Aciman neugierig zu werden.

Worum geht’s?

Fünf Lieben gab es bisher in Pauls Leben: Giovanni, Maud, Manfred, Chloe und Heidi. Als Paul sich in Giovanni verliebt, ist er zwölf und verbringt mit seinen Eltern die Sommerferien auf San Giustiniano. Am Ende des Romans ist Paul in der Lebensmitte angekommen, hat es gerade mit der wesentlich jüngeren Heidi verbockt und ist immer noch auf der Suche nach dem „Wein des Lebens“.

Ole Brit konnte diesen Satz nicht oft genug zitieren. >Überlegen Sie doch mal, wie mutig man sein muss, im sich in einem Alter, in dem die meisten Menschen den Wein des Lebens längst ausgetrunken haben und allmählich wieder nüchtern werden, so einen Satz zu sagen.<

Worum geht’s wirklich?

Paul kehrt als Erwachsener nach San Giustiniano zurück, wo er als Kind jedes Jahr die Sommerferien mit der Familie verbrachte. Bei ihrem letzten Urlaub auf der Insel traf der damals Zwölfjährige auf den jungen Tischler Giovanni, der für seine Eltern verschiedene Arbeiten übernommen hatte, und der das unbedarfte Innenleben des Jungen in Aufruhr versetzte. Paul, der nicht verstand, dass er verliebt war, war seinem Zustand hilflos ausgeliefert. Einerseits suchte er die Nähe Giovannis, andererseits schüchterte dieser ihn ein. Nun möchte Paul herausfinden, was aus dieser ersten Liebe geworden ist, die irgendwie mit dem Feuer in Verbindung zu stehen scheint, welches das Haus von Pauls Familie vollständig niederbrannte und woraufhin sie nicht mehr wiedergekommen waren.

Und doch hatte vor langer Zeit in einem Sommer hier mein Leben seinen Anfang genommen, hier in diesem Haus, das nicht mehr existierte, in diesem Jahrzehnt, das so schnell vergangen war, mit dieser Nimmerliebe, die alles verändert und nirgends hingeführt hatte.

Jahre später lebt Paul in New York. Zu Beginn des Schauplatzwechsels ist er in einer Beziehung mit Maud. Durch Zufall sieht er diese eines Tages in der Mittagspause zusammen mit einem anderen Mann in einem Restaurant sitzen. Die nachfolgenden Tage werden daraufhin zu einem Spießrutenlauf: Soll er sie konfrontieren? Soll er gute Miene zum bösen Spiel machen? Paul ist zutiefst verunsichert angesichts des drohenden Verlustes von Maud.

Auf Maud folgt Manfred, ein deutscher Adonis aus Pauls Tennisclub, von dem er seit Jahren in wilden Fantasien träumt, bevor es zwischen den beiden zu einer ersten, ungelenken Interaktion kommt. Doch auch die Liebe zu Manfred scheitert schließlich. Genauso wie die zu Chloé, zu der Paul bereits seit Studienzeiten eine Anziehung verspürt, die er selbst kaum zu greifen bekommt. Erst spät entwickelt sich zwischen den beiden eine über Jahrzehnte dauernde Liebesgeschichte, die gleichwohl von Anfang an zum Tode verurteilt ist. Zuletzt tritt die wesentlich jüngere Heidi in Pauls Leben. Doch bevor auch nur an ein gemeinsames Leben zu denken ist, kehrt sie ihm bereits wieder den Rücken.

Wie liest es sich?

Um es vorweg zu nehmen: Fünf Lieben lang ist insgesamt ein sehr stimmungsvoller, von Atmosphäre durchdrungener Roman, den ich gerne gelesen habe. Er hat viele Stärken und das schriftstellerische Können von André Aciman wird deutlich. Leider aber sind auch die Schwächen, die sowohl struktureller als auch erzählerischer Natur sind, nicht zu leugnen.

So muss ich grundsätzlich anmerken, dass der Roman sehr stark anfängt, aber im Verlauf deutlich an Intensität verliert. Am meisten Substanz und Kraft haben nach meinem Empfinden die Episoden über Giovanni und Manfred. Dabei besticht der Anfang des Romans durch den Kontrast in der Wahrnehmung des Zwölfjährigen von damals und dem mittlerweile erwachsenen Paul: den beschaulichen, poetischen Urlaubsort gibt es nur noch in dessen Erinnerung, aber dort lebt er in allen Nuancen fort. Das Kapitel zu Manfred hebt sich vom Rest ab, da der Ich-Erzähler sich hier in direkter Anrede an den Angebeteten wendet, so als würde er diesem einen Brief schreiben oder stille Zwiesprache halten.

Und während du noch sprichst, erkenne ich mit großer Klarheit, dass diese paar Minuten mit uns beiden Hand in Hand, selbst wenn es nur ein Traum sein mag, authentischer und besser sind als alles, was mir im Leben je passieren wird, und dass ich lügen müsste, wollte ich mein bisheriges Dasein überhaupt als Leben bezeichnen.

Eine weitere Stärke des Romans ist der Schauplatzwechsel. Dabei bleiben die Gründe, warum Paul seine italienische Heimat verlässt und in die USA übersiedelt, unbeleuchtet. Es entsteht ein Informationsvakuum, das neugierig macht, aber das nur aus Mutmaßungen gespeist werden kann. Ebenfalls gelungen sind die unerwarteten Wendungen oder nur in einem Nebensatz gemachten Aussagen, die für wunderbare Momente der Irritation sorgen, die sich in jeder Liebesepisode finden – einschließlich des Endes. Das Überraschungsmoment im buchstäblich letzten Satz versöhnt wieder ein wenig mit dem letzten Kapitel, das alles in allem irgendwie redundant wirkt. Welches zugleich aber, rückblickend betrachtet, auch als ein verzweifeltes letztes Aufbäumen des Protagonisten gewertet werden könnte und somit dann romanübergreifend stimmig wäre.

Schwierigkeiten hatte ich zudem mit einzelnen Charakteren, allen voran Heidi, die ich wenig greifbar fand, und Chloé, die mir unzugänglich und unverständlich geblieben ist. Chloés ist auch die Liebesepisode, die am zähesten zu lesen ist, weil sich der Ich-Erzähler in zahlreichen Wiederholungen ergeht und für mich am Ende dennoch nicht nachvollziehbar wird, worin genau die gegenseitige Faszination und Anziehung gelegen haben soll.

Gut gelungen hingegen finde ich den Protagonisten selbst: Dass ich ihm mit so viel Unverständnis begegnen musste, hat Paul für mich zu einer sehr interessanten, wenn auch zunehmend schwer erträglichen Figur gemacht.

Ich beneide die beiden. Sie schlafen miteinander. Und doch bin ich nicht eifersüchtig. Denn vor der Eifersucht fürchte ich mich noch mehr als vor dem Liebesverlust.

Paul ist wahrlich kein Sympathieträger: sein ausgeprägter Hang zu Selbstmitleid, sein egozentrisches Wesen, seine Unfähigkeit zur Selbstreflexion und nicht zuletzt die Tatsache, dass er mehr in Träumen lebt als in der Realität, lassen ihn durch und durch unreif erscheinen. Er ist eine ambivalente Figur. Sein Begehren ist aufrichtig und seine Liebe echt. Nur ist beides niemals von Dauer. Sobald Liebe zur Realität wird, zündet sie nicht mehr. Es scheint, dass er nur lieben kann, wenn er an eben dieser Liebe leidet. Dann galoppieren seine Gefühle davon und er ergeht sich in detailreichen, beinahe manischen Tagträumen und Fantasien.

Zugleich ist er zutiefst unsicher und sich dessen nicht einmal vollumfänglich bewusst. Einmal spricht er zwar davon, seine früheren Ängste und Unsicherheiten überwunden zu haben, aber in seinem Handeln zeigt sich das Gegenteil.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Es stimmt mich wehmütig, dass der Roman insgesamt stetig an Überzeugungskraft einbüßt. Das hätte nicht sein müssen bei so viel Potential.

Lohnt es sich?

Fünf Lieben lang, der vierte Roman von André Aciman, ist ein Buch wie ein Sonntag – alles ist ruhig und stimmungsvoll. Aber Sonntage schleppen sich gelegentlich auch dahin, dann wird die Zeit lang und man weiß nicht so wirklich etwas mit sich anzufangen. Langeweile droht aufzukommen und man wünscht sich dringend, dass etwas Aufregendes passiert. Mit ein wenig Glück kriegt der Tag aber noch die Kurve und am Ende war er im Großen und Ganzen dann doch ganz angenehm.


André Aciman: Fünf Lieben lang. Aus dem Amerikanischen von Christiane Buchner unter Mitarbeit von Matthias Teiting. dtv (2019).

Eine Leseprobe findet ihr hier.

[Werbung/Rezensionsexemplar. Meinen Dank an den dtv Verlag für die Zusendung.]


Wo du schonmal da bist, lies doch gleich noch meine Meinung zu Hör auf zu lügen von Philippe Besson. Ein wirklich tolles Buch!