Letterbericht Nr. 4

Im Letterbericht stelle ich in unbestimmten Abständen in Kurzrezensionen mehrere Bücher zugleich vor. Diesmal geht es um drei Romane der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron.


Wer ist Lizzie Doron?

Lizzie Doron wurde 1953 als einziges Kind polnischer Juden in Tel Aviv geboren, wo sie bis heute zeitweise lebt. Sie wuchs in einem Viertel Tel Avivs auf, in dem sich Überlebende der Shoa angesiedelt hatten und wo vorrangig Jiddisch gesprochen wurde. Mit 18 Jahren zog sie in einen Kibbuz, woraufhin der Kontakt zur Mutter abbrach. Der Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits lange verstorben. Doron studierte Soziologie, Kriminologie und Linguistik und war als Lehrkraft an der Universität von Tel Aviv beschäftigt, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte.

Ihr erster Roman Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen? erschien 1998 (Dt. 2004). Die deutschen Übersetzungen von Dorons Romanen stammen allesamt von Mirjam Pressler. (Wer das wohl künftig übernehmen wird?) Im Jahr 2018 erhielten Lizzie Doron und Mirjam Pressler gemeinsam den Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung, der Menschen würdigt, die sich auf literarische oder journalistische Weise um Versöhnung in Israel bemühen.

Über zwei Jahrzehnte gehörte Lizzie Doron zu den beliebtesten Autorinnen Israels; ihre Bücher waren Pflichtlektüre in der Schule. Mittlerweile jedoch zählt sie als persona non grata und ihre letzten beiden Romane sind bis heute nicht auf Hebräisch erschienen – die deutsche Ausgabe war jeweils die erste. Der Grund dafür: sie hat es gewagt, darin den israelisch-palästinensischen Konflikt zu thematisieren. Aber auch in anderen Ländern werden ihre Bücher plötzlich nicht mehr verlegt (mehr dazu bspw. hier).

Ruhige Zeiten

Ruhige Zeiten ist der dritte Roman der Autorin und der erste, den ich von ihr gelesen habe. Das Buch fiel mir zufällig unter einer Auswahl Mängelexemplaren in die Hände, von der Autorin hatte ich bis dahin nicht gehört. Es ist ein kleines Büchlein von nur 175 Seiten, das ich aber, einmal begonnen, nicht mehr zur Seite legen konnte. Ich musste es in einem Zug inhalieren, obwohl oder gerade weil es so schmerzhaft war.

In Ruhige Zeiten setzt sich Doron mit der Generation der Überlebenden des Holocaust auseinander, die in Israel ein neues Leben versuchen. Protagonistin ist Leale, mittlerweile jenseits der sechzig, die als Kind von ihren Eltern einer polnischen Bäuerin anvertraut wurde und so den Krieg überlebte. Von einer Hilfsorganisation wird sie als Jugendliche nach Israel gebracht, lebt dort zunächst in einem Kibbuz, heiratet dann den wesentlich älteren Schneider Sulik, mit dem sie einen Sohn bekommt. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes beginnt Leale als Kosmetikerin im Friseursalon von Sajtschik zu arbeiten, in dem sie für die kommenden Jahrzehnte bleiben wird. Der Salon ist der Punkt, an dem sich alle Lebensgeschichten des Viertels verdichten, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfließen. Als Sajtschik stirbt, verliert Leale endgültig die Orientierung im Leben.

Es war einmal eine Familie

Nach Ruhige Zeiten war für mich klar, dass ich mehr von Lizzie Doron lesen möchte und meine Wahl fiel auf den Vorgängerroman Es war einmal eine Familie. Darin geht es um die zweite Generation, die Nachkommen der Shoaüberlebenden, die, da Doron selbst dazugehört, ein zentrales Thema ihres Schreibens bilden.

Helena ist gestorben. Für die Beisetzung und die siebentägige Trauerzeit, die Shiva, kehrt ihre Tochter Elisabeth nach siebzehn Jahren in das kleine Viertel Tel Avivs zurück, in dem sie aufgewachsen ist: ein Viertel der Überlebenden der Shoa. Durch die Nachbarn erfährt Elisabeth allmählich einzelne Wahrheiten aus dem Leben ihrer Mutter, die nie etwas erzählte. Und doch war Auschwitz immer allgegenwärtig, hat auch das Leben Elisabeths versehrt, wie so vieler anderer ihrer Generation. Elisabeth lernt in diesen sieben Tagen vieles über die Alten, diejenigen „von dort“, aber auch über ehemalige Freunde und Klassenkameraden, von denen einige bereits nicht mehr am Leben sind, gefallen im Jom-Kippur-Krieg und anderen Kriegen. Elisabeth beginnt zu begreifen, was sie als Kind nicht verstehen konnte und später nicht verstehen wollte.

„Die Deutschen haben wir hier besiegt, nicht mit Kanonen, nicht mit Panzern und nicht mit Flugzeugen. Wir haben sie besiegt, indem wir Familien gegründet und Kinder auf die Welt gebracht haben. Und jetzt, da man unsere Kinder tötet, verlieren wir auch den Krieg von damals.“ Und da, in meinem Zimmer, sie auf dem Stuhl und ich auf dem Bett, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben zu – und verstand.

(Es war einmal eine Familie)

Der Anfang von etwas Schönem

Als nächstes griff ich zu Der Anfang von etwas Schönem, Dorons viertem Roman. Auch hier liegt der Fokus auf der zweiten Generation.

Malinka, Chesi und Gadi wachsen als Kinder im gleichen Viertel Tel Avivs auf. Malinka wird später Radiosprecherin, wodurch der mittlerweile in Paris lebende Chesi wieder auf seine Kindheitsfreundin aufmerksam wird, als er zur Beerdigung seines Vaters anreist. Die beiden verlieben sich und Chesi träumt von einer gemeinsamen Zukunft, aber auch davon, in Polen das zerstörte Heimatdorf seiner und Malinkas Mutter wieder aufzubauen. Malinka hingegen möchte nicht in der Vergangenheit ihrer Eltern leben, was zu Konflikten führt. Gadi hat Karriere in den USA gemacht, genau wie seine Mutter es sich für ihn erhofft hatte. Doch sein Herz hört auch nach drei Jahrzehnten nicht auf für Malinka und Israel zu schlagen.

Themen in Lizzie Dorons Romanen

Dorons Romane sind Reisen in eine Vergangenheit voller Entsetzen, aber auch Bestandsaufnahmen eines belasteten Jetzt. Sie berichten von den Versuchen Überlebender des Holocaust, irgendwie weiterzuexistieren, ebenso wie von der Flucht der nachfolgenden Generationen vor den Geistern der Alten. Im Zentrum drehen sich ihre Geschichten um das Spannungsverhältnis zwischen den Kindern mit ihren eigenen Visionen und Wünschen und deren traumatisierten Eltern. Ein wesentlicher Aspekt davon ist das Scheitern der Eltern, die eigenen Kinder schadlos zu halten.

Schaden erleiden sie, weil sie Verständnis zeigen sollen, aber keine Fragen stellen dürfen. Weil sie ihren Eltern Freude zu bereiten haben, auch wenn das bedeutet, eigene Träume dafür aufzugeben. Weil sie sich nach einer verlorenen Identität zu sehnen haben, die doch niemals die ihre war. Weil sie durch und durch jüdisch zu sein haben, da alles, was nicht jüdisch ist, schlecht ist. Weil sie Wahrheiten vielfach erst erfahren, wenn es bereits zu spät ist… Sinn und Existenzberechtigung finden die Kinder daher mitunter im Zionismus; sie melden sich freiwillig bei der Armee als der Jom-Kippur-Krieg und der Sechstagekrieg ausbrechen; sie ziehen in einen Kibbuz und nehmen einen neuen Namen an.

Das Weiterleben ist für die Eltern, die oftmals die einzig verbliebenen Familienmitglieder sind, eine Herausforderung, wenn nicht gar Zumutung: Sie befinden sich in Israel, aber leben in den verlorenen Heimaten. Ihre getöteten Angehörigen sind teilweise gegenwärtiger als die Lebenden. Nur sie verstehen, wie es wirklich zugeht in der Welt, deshalb treffen sie auch die Entscheidungen und legen die Lebenswege der Kinder fest. In dem Glauben zu wissen, was das Beste für ihre Kinder sei, sprechen sie diesen ihr eigenes Urteilsvermögen ab – als Überlebende der Shoa haben sie kein Vertrauen mehr in die Welt.

Doch Dorons Blick wendet sich auch den anderen Akteuren des Naziregimes und Zweiten Weltkrieges zu. So thematisiert sie beispielsweise auch die Nachkriegsgeneration der Deutschen, die, obgleich sie für die Vergangenheit der Eltern nicht verantwortlich ist, auf Ablehnung, Hass und Ressentiments stößt. Auch sie ist geschädigt durch das Erbe der Alten. Sie spricht weiters die (Selbst-) Heroifizierung der Franzosen als Gefolgsleute der Alliierten an, während versucht wird auszublenden, dass sie zuvor große Sympathien für Hitler gehegt und ihre Juden zu Zehntausenden an ihn ausgeliefert hatten.

„Ich wollte nur weg von ihr. Ich ärgerte mich sogar über ihren Vater, der die Deutschen gehasst hatte, weil sie über die Champs-Élysées gelaufen waren, und nicht, weil sie siebzigtausend französische Juden ermordet hatten.“

(Der Anfang von etwas Schönem)

Wie lesen sich die Bücher?

Das Grundgefühl bei Doron ist sicherlich Schmerz und es ist als LeserIn nicht immer einfach, diesen auszuhalten. Eines der prägnantesten Merkmale ihres Schreibens sind nämlich die Leerstellen, die das Unsagbare kommunizieren. In ihnen liegt die Eindringlichkeit von Dorons Romanen. Zum Beispiel als eine junge Frau den Friseur Sajtschik, der im Lager war, um einen Kurzhaarschnitt bittet:

Als Rita den Friseursalon verlassen hatte, kehrte ich ihre schönen Locken vom Fußboden auf. Sajtschik ging hinaus, um frische Luft zu schnappen. So war es immer. Jedes Mal, wenn er lange Haare abgeschnitten hatte, ging er hinaus und machte eine Pause.

(Ruhige Zeiten)

Das sind die Momente, in denen man beim Lesen nicht weiß, wohin mit dem Grauen. Wer Lizzie Dorons Bücher liest, muss viel ertragen (können). Gleichzeitig ist es so, dass die Autorin gegenüber allen Figuren eine respektvolle Distanz wahrt. Auf diese Weise gelingen trotz allem behutsame Darstellungen; sie setzt niemals auf Schockeffekte oder weidet die Ereignisse aus.

Was mir an Dorons Romanen ebenfalls gefallen hat, ist, dass Geschehnisse nicht chronologisch abgewickelt werden. Stattdessen setzen Erinnerungen weitere Erinnerungen frei. Skizzenhaft werden so ganze Erinnernungslandschaften sichtbar. Mit den Erinnerungen kommen die Gefühle hoch: Die Figuren in Dorons Romanen leben in einer Atmosphäre von Scham, Spott, Irrsinn, Trostlosigkeit, Verzweiflung, Ablehnung, Missverständnissen … Und dennoch gibt es darunterliegend immer Zeichen von Güte und Zuneigung.

Ich bin sehr dankbar, die Autorin entdeckt zu haben. Und wer Lizzie Doron noch nicht kennt, sollte das wirklich unbedingt ändern!


Lizzie Doron: Es war einmal eine Familie. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag (2002).

Lizzie Doron: Ruhige Zeiten. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag (2003).

Lizzie Doron: Der Anfang von etwas Schönem. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag (2007).

Hinweis: Die Romane werden leider nicht länger im JV verlegt, man bekommt sie nun im Taschenbuchformat bei dtv. Dort findet ihr auch Leseproben ihrer Romane.


Wenn ihr noch mehr über Lizzie Doron erfahren wollt, dann empfehle ich euch folgende interessante Interviews mit der Autorin: ZEIT Magazin (2017), DW (2018) oder Monopol Magazin (2018).


Lust auf mehr? Hier gelangt ihr zu Letterbericht Nr. 3, in dem es um zwei Frauen aus dem Iran bzw. dem Irak geht.