Zwölf Wochen in Riad

Warum dieses Buch?

Vor einigen Wochen durchstöberte ich die angekündigten Neuerscheinungen bei Randomhouse und stieß dabei auf Zwölf Wochen in Riad der SPIEGEL-Reporterin Susanne Koelbl. Beim Stichwort Saudi-Arabien fielen mir zuerst Petrodollars, Wüstenlandschaften und Zwangsverschleierung ein. Und der zuletzt in den Medien häufiger fallende Name Mohammed bin Salman. Aber wer genau ist das eigentlich? Ich stellte fest, dass ich über Saudi-Arabien nichts weiß und bislang hatte es mich auch herzlich wenig interessiert. Ein Einblick in dieses ferne, überaus fremde Land, zumal aus der Perspektive einer Frau, machte mich dann aber äußerst neugierig.

Susanne Koelbl

Susanne Koelbl, 1965 in München geboren, ist Auslandsreporterin des SPIEGEL. Sie studierte u. a. Politik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität und absolvierte ihr Volontariat bei der Abendzeitung, für die sie im Anschluss als Redakteurin tätig war. Seit 1991 arbeitet sie für das Nachrichtenmagazin SPIEGEL, für das sie seither aus Kriegs- und Krisenregionen berichtet. Außerdem war sie als Lehrbeauftragte in der Abteilung Journalistik an der Universität Leipzig beschäftigt. Koelbl war darüber hinaus Mitgründerin des SZ-Magazins.

Von ihr erschien bereits Krieg am Hindukusch: Menschen und Mächte in Afghanistan (2009), in Ko-Autorenschaft mit Olaf Ihlau.

Die Saudi-Araber selbst sind verunsichert angesichts dessen, was gerade in ihrem Land passiert, das so ultrakonservativ ist wie kein anderes auf der Arabischen Halbinsel. Gleichzeitig strebt das Königreich mit aller Macht in eine neue, prosperierende Zukunft – mit ungewissem Ausgang. Es ist ein Glücksfall, diesen historischen Aufbruch aus nächster Nähe erleben zu dürfen. Jede Begegnung in Saudi-Arabien ist wie ein kleines Abenteuer.

Saudi-Arabien & Riad

Saudi-Arabien unterteilt sich in dreizehn Provinzen, die zweitgrößte davon, nach Mekka, ist Riad. Die gleichnamige Provinzhauptstadt ist zugleich die Hauptstadt des Landes. Hier befindet sich bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts auch der Hauptpalast des Herrscherhauses Saud. Riad war ursprünglich eine Oase, die sich vor allem dank des Ölbooms Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Metropole entwickelte.

Die Bevölkerung des Landes besteht vorrangig aus einheimischen Saudis sowie Zuwanderern aus Ägypten, Jordanien, Syrien und weiteren Ländern des arabischen Raumes. Einen hohen Anteil an der Gesamtbevölkerung machen aber auch die (zumeist nicht arabischstämmigen) Gastarbeiter aus, von denen Saudi-Arabien massiv abhängig ist. Neuere Quellen sprechen von 9 Millionen Menschen, was etwas mehr als einem Viertel der Bevölkerung entspricht. Im Rahmen der Vision 2030 soll die Einheimischenquote auf dem Arbeitsmarkt indes erhöht werden – Saudisierung lautet das Mantra.

Mittlerweile sind auch Frauen auf dem Arbeitsmarkt zugelassen, selbst die Armee wird ihnen künftig offenstehen. Bislang hatten saudi-arabische Frauen die niedrigste Beschäftigungsquote weltweit. Sie sind vorwiegend in sozialen, medizinischen und pädagogischen Bereichen tätig, stellen aber nicht einmal ein Fünftel der Beschäftigten, obwohl inzwischen mehr Frauen einen Hochschulabschluss erlangen als Männer.

Dank des enormen Reichtums des Landes wurden Wasser und Benzin bisher subventioniert, eine Mehrwertsteuer gab es nicht. Doch das gilt nicht länger, denn die Staatsausgaben steigen, nicht nur, weil die Zeiten des Öls sich dem Ende neigen, sondern auch wegen Mohammed bin Salmans Gigaprojekten, wie der Retortenstadt Neom, die 500 Milliarden Dollar kosten soll. Der Kronprinz träumt ferner von einer scharia-freien Touristenzone am Roten Meer. Der Wirtschaftsschwerpunkt des Landes soll verlagert werden, um zukunftsfähig zu bleiben.

Aber Rida beharrt, spätestens, wenn das Projekt Neom Wirklichkeit sei, würde es auch in Saudi-Arabien offiziell Alkohol geben. […] Wie sonst sollte man Leute an die Strände von Neom locken, fragt Rida, wenn sie dort keine Margaritas trinken können bei Sonnenuntergang?

Der Salafismus, eine ultrakonservative Strömung des Islam, prägt den Alltag und die Kultur des Landes. So müssen beispielsweise Frauen in der Öffentlichkeit ein langärmeliges, mindestens knöchellanges Überkleid, die sogenannte Abaja, tragen. Der ebenfalls verpflichtende Hidschab wird oft mit einem zusätzliche Gesichtsschleier kombiniert. Mohammed bin Salman kündigte im vergangenen Jahr an, die Verschleierungspflicht für Frauen (mit Ausnahme des Kopftuches) abschaffen zu wollen.

Worum geht es?

Susanne Koelbls Blick auf Saudi-Arabien könnte aktueller nicht sein; noch nie war jemand näher dran an Alltag und Realität. In ausführlichen Kapiteln widmet sich die Autorin verschiedenen Aspekten des Landes: Sie porträtiert den Kronprinzen Mohammed bin Salman, zeichnet die Geschichte des Landes nach, wendet sich Kriegen, Allianzen und der Macht des Öles zu. Sie beschreibt die Inhaftierung einiger Frauen, die sich für ihr Recht auf Selbstbestimmung eingesetzt haben und dafür nun einen hohen Preis zahlen. Sie nimmt Teil an Hochzeiten, Kindergeburtstagen, illegalen Weinproben oder Laufgruppen, und versucht den Zauber der Shopping-Malls zu erfassen. Immer wieder greift Koelbl dabei das Spannungsverhältnis zwischen Vergehendem und Entstehendem auf.

Während ihres Aufenthaltes in Riad kommt die Autorin mit den verschiedensten Menschen in Kontakt und ins Gespräch: Künstler, Taxifahrer, Mütter, Gastarbeiter, Diplomaten, Prinzen, Ultrakonservative, Freidenker, Expats. Von allen möchte sie wissen, wie sie die aktuellen Entwicklungen beurteilen, wie sie dazu stehen und was sie sich erhoffen. Sie begegnet ihrem Gegenüber stets mit Offenheit und ehrlichem Interesse, bewahrt aber jederzeit eine kritische Distanz.

Zwölf Wochen in Riad ist das Porträt eines Landes, das dem Rest der Welt weitestgehend verschlossen bleibt – Saudi-Arabien. Es ist das einzige Land der Erde, das nach einer Herrscherfamilie benannt ist. Ein Land, das ganz am Anfang tiefgreifender Veränderungen steht: Kronprinz Mohammed bin Salman treibt eine Liberalisierung der Gesellschaft voran, möchte mit dem Projekt Vision 2030 das Land vom Öl unabhängig machen, indem er auf erneuerbare Energien setzt, lässt zugleich aber Oppositionelle inhaftieren. Er wird auch mit der Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi in Verdingung gebracht, den Susanne Koelbl persönlich kannte. Die Ernsthaftigkeit hinter bin Salmans Bemühungen, insbesondere die des Abbaus repressiver Strukturen, wird von Beobachtern im Allgemeinen angezweifelt. In seiner Unbeherrschtheit und Vehemenz sehen viele Außenstehende, auch Koelbl selbst, eine Gefahr. Trotzdem ermuntert sie ihre Leser, dem Land eine Chance zu geben:

Saudi-Arabien ist die Heimat von Osama bin Laden. Aber es ist auch das Land von Eman, Fahd, Tarek, Nura und Abdullah, freundliche, weltoffene Menschen, die Sie in diesem Buch kennengelernt haben.

Wie liest es sich?

Beim Lesen schlugen meine Gefühle unentwegt um: von Neugier in Ablehnung, von Faszination in Erschrecken, von Sympathie in Unverständnis… und alles wieder zurück. Zwölf Wochen in Riad hat mich auch dazu gezwungen meine Toleranzgrenzen auszuloten und gegebenenfalls infrage zu stellen. Insgesamt habe ich meine Leseerfahrung deshalb vor allem als bereichernd empfunden – hätte ich nur Informationen konsumieren wollen, hätte ich auch auf Wikipedia-Beiträge zurückgreifen können.

Positiv zu bewerten ist außerdem, dass Susanne Koelbl sachlich-kritisch berichtet, darüber aber ihre persönlichen Empfindungen nicht vergisst. Ihre Sympathien sind ebenso deutlich herauszulesen, wie Unverständnis oder Besorgnis. Zwölf Wochen in Riad lässt dabei trotzdem ausreichend Raum, eine eigene Meinung über das Land herausbilden zu können.

Besonders im Hinblick auf die Frauen, die in Saudi-Arabien höchst zurückgezogen leben (müssen), hat mir das Buch gefallen. Der einsetzende Wandel eröffnet gerade ihnen neue Möglichkeiten, zugleich stürzt er sie aber auch in tiefe Ungewissheit: die strengen Regeln der Gelehrten sollen teilweise plötzlich nicht mehr gelten, prägten aber das ganz bisherige Dasein.

Frauen seien verführerisch und verführbar, sagt Amira […] Dass es möglicherweise auch an den Männern sein könnte, sich zu zügeln oder bestraft zu werden, wenn sie Frauen sexuell belästigen oder ihnen Gewalt antun, ist hier offensichtlich außerhalb des Denkbaren.

Gibt es einen Wermutstropfen?

Die Geschichte Saudi-Arabiens ist wechselhaft und komplex, die Namen der Herrscher und Gelehrten sind zahlreich, folglich habe ich gelegentlich den Überblick verloren. Als sehr hilfreich habe ich daher die Zeittafel, das Glossar und den Überblick über die Staatsgründer empfunden, die man im Anhang findet.

Lohnt es sich?

Zwölf Wochen in Riad ist ein sehr lesenswerter und informativer Bericht über ein Land, das sich einerseits modernisieren möchte, andererseits aber in Händen einer streng autoritären Monarchie liegt. In hoher Dichte, aber ohne zu überfordern, schafft Susanne Koelbl es, einem das Fremde, bisweilen Befremdliche, näherzubringen. Meine Vorstellungen über und mein Verständnis von Saudi-Arabien sind dank ihres Buchs um einiges umfassender geworden. Es wäre allerdings nur die halbe Wahrheit, würde ich nicht dazu stehen, dass auch meine kritische Einstellung verstärkt wurde. Mich wird das Gelesene in jedem Fall noch eine ganze Weile beschäftigen.


Susanne Koelbl: Zwölf Wochen in Riad. Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch. DVA (2019).

Die Leseprobe findet ihr hier.

[Werbung/Rezensionsexemplar: Meinen Dank an die DVA für die Zusendung.]