Spaziergang durch die Buchhandlungen: Leipzig, Teil 1

Es ist nun schon ein Weilchen her, da hatte ich die Idee zu einem Spaziergang durch die Buchhandlungen von Leipzig – ist natürlich klar, dass das mit einem einzigen nicht getan sein kann, denn schließlich haben wir hier die Wahl zwischen deutlich über 20 Möglichkeiten zur Buchwunscherfüllung. Nun habe ich endlich die Zeit gefunden (und Muse gehabt), dieser Idee tatsächlich Taten folgen zu lassen.

Für meinen ersten bibliophilen Bummel durch Leipzig nehme ich mir die Antiquariate sowie die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in der Innenstadt vor. Von einem Besuch der ebenfalls im Stadtzentrum gelegenen Filialen von Lehmanns, Hugendubel, Jokers und Schweitzer sehe ich hingegen bewusst ab. Das soll keine Abwertung darstellen, es ist nur so, dass inhabergeführte Läden und Lädchen nicht nur die Aufmerksamkeit dringender benötigen, sie sind auch einfach spannender – weil Unikate. Einzig mit der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig weiche ich von diesem Grundgedanken dann doch ab, der besonderen Räumlichkeiten wegen.

Los geht’s!

Leipziger Antiquariat

Mein Spaziergang startet mit dem Leipziger Antiquariat in der Ritterstraße direkt hinter der geschichtsträchtigen Nikolaikirche im Herzen Leipzigs. Die kleine Straße könnte übrigens genauso gut „Antiquariatsmeile“ genannt werden, denn alle vier hier vorgestellten Antiquariate liegen dort. Was einerseits äußerst praktisch ist, verlangt andererseits äußerste Widerstandskraft, wenn man, so wie ich, nur gucken und auf gar keinen Fall kaufen möchte.

Was mir am Leipziger Antiquariat gleich als erstes auffällt, ist das ordentliche und freundliche Ambiente. Der Laden besteht aus nur einem einzigen großzügigen Raum, der durch die hohe Fensterfront, die sich über die gesamte Länge erstreckt, bis in den letzten Winkel mit Tageslicht gefüttert wird. Die Sortierung der Bücher ist maximal übersichtlich; man findet sich umgehend zurecht und von allem etwas. Die Auswahl ist wirklich üppig – hier wird man auf jeden Fall fündig, ob man nun etwas sucht oder eigentlich nur stöbern möchte (ich habe es trotzdem geschafft, standhaft zu bleiben!). Die Bücher sind in einem mindestens als gut zu bewertenden Zustand und die Preise erscheinen mir absolut moderat.

Einziger Wermutstropfen: Als ich ein Foto mache, werde ich leicht ungehalten darauf hingewiesen, dass ich vorher doch bitte zu fragen hätte. Damit habe ich schlichtweg nicht gerechnet und fühle mich direkt schuldig, finde es zugleich aber albern und irgendwie unzeitgemäß. Kurz überlege ich zu erklären, wofür ich das Bild mache, lasse es dann aber bleiben und verlasse bald darauf den Laden.

Auch wenn bekanntermaßen einzig die inneren Werte zählen, müssen wir uns ausnahmsweise einmal mit Äußerlichkeiten begnügen… Ich hätte euch gerne gezeigt, wie einladend das Leipziger Antiquariat ausschaut, aber ich verzichte nun lieber darauf. Und bevor jemand etwas Falsches denkt: Ich würde natürlich trotzdem wieder hingehen (allein schon wegen der tollen Auswahl an Märchenbüchern).

Bücherinsel

Die Bücherinsel ist, der Name gibt es bereits her, wahrscheinlich DIE Adresse für alle LiebhaberInnen der Insel-Bücherei. Die Auswahl, antiquarisch wie neu, ist schlichtweg enorm. Gleich bei Betreten des Ladens fällt der Blick auf eine ganze Wand voll dieser schmalen, bunten Schätzchen.

Der Laden wirkt im ersten Moment klein, geht tatsächlich aber nach hinten noch in drei kleinen und kleinsten Räumen weiter. Der zur Straße liegende Verkaufsraum ist hell und einladend, hinten ist es hingegen recht dunkel, wenn auch nicht unbedingt unfreundlich. Die schlichten, deckenhohen Regale aus hellem Holz schaffen ein unaufgeregtes Antiquariatsgefühl. (Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass in der Bücherinsel nicht nur antiquarische, sondern durchaus auch neue Bücher erworben werden können.) Die Sortierung erschließt sich mir leider nicht sofort, entpuppt sich dann aber doch als recht übersichtlich.

Die Preise scheinen angemessen, liegen im Vergleich mit den anderen Antiquariaten aber gefühlt ein wenig höher, während der Zustand der Bücher trotzdem nicht besser ist. Im Schnitt deutlich teurer als bei der Konkurrenz sind in jedem Fall die Bücher aus der Insel-Bücherei. Das finde ich zwar schade, werde die Bücherinsel aber dennoch als mögliche Anlaufstelle im Hinterkopf behalten.

Weil ich meine Lektion gelernt habe, frage ich nach meinem Rundgang durch den Laden, ob ich ein Foto machen dürfe und erkläre direkt auch den Zweck. Ein Foto wird gestattet unter der Bedingung, dass ich etwas kaufe. Obwohl ich das auf gewisse Weise als Ok ansehe, empfinde ich es zugleich auch irgendwie als Erpressung (vielleicht ist das Quatsch, aber das ist nun mal mein spontane innerliche Reaktion darauf). Meine Lust auf die gesamte Erkundungstour bekommt jetzt kleine Dellen und ich frage mich, ob mich diese ablehnende Haltung auch in allen nachfolgenden Geschäften erwarten wird.

Antiquariat Thieme

Als dritte Station steuere ich das Antiquariat Thieme an, der eventuell kleinste der vier Läden. Hier ist es auf ganz zauberhafte Weise chaotisch: überall stehen Kisten und Stapel mit Büchern herum. Dennoch findet man sich flugs zurecht, denn die Sortierung ist klar kenntlich gemacht. Im ebenerdigen Verkaufsraum stehen thematisch sortiert Fach- und Sachliteratur aller Art, für die Belletristik muss man sich in einen kellerartigen Raum im Untergeschoss begeben. Hier unten ist es zugegebenermaßen nicht sonderlich atmosphärisch. Im ersten Moment hat der Ort einen geheimnisvollen Charakter, doch nach einiger Zeit fehlen mir Tageslicht und frische Luft.

Die Preise im Antiquariat Thieme kommen mir etwas niedriger vor als bei den anderen; die Bücher sind dabei nicht zwingend in einem schlechteren Zustand.

Bevor ich das Antiquariat wieder verlasse, frage ich auch hier, ob ich ein Foto machen darf. Die Dame im Verkauf entschuldigt sich höflich und erklärt, dass das die Inhaberin zu entscheiden habe und diese aber gerade nicht zugegen sei. Das kommt zwar auch einem Nein gleich, aber immerhin einem freundlich gelächelten.

Antiquariat an der Nikolaikirche

Das Antiquariat an der Nikolaikirche verströmt ohne Zweifel das klassischste Antiquariatsgefühl: deckenhohe Regal aus dunklem Holz, holzvertäfelte Wände, dazu passende Glaskästen, unauffällige Ornamente, antiquierte Leitern, salbeigrüner Teppichboden, Blumen. Hier könnte ich mich stundenlang aufhalten! Leider wird die romantische Optik durch die riesigen, leuchtend orangefarbenen Orientierungshilfen gestört, was ich ziemlich bedauere. Etwas dezenter wäre doch bestimmt auch eine Option gewesen?

Die Auswahl der Bücher ist toll. Ich entdecke direkt einige, die ich am liebsten mitnehmen würde. Auch die Preise können mich vollkommen überzeugen. Hierhin werde ich definitiv zurückkommen.

Als ich am Ende meiner Stöberpartie die einzige Kundin im Laden bin, denke ich, dass das die optimale Gelegenheit für ein Foto wäre. Doch statt nachzufragen, verlasse ich den Laden – noch eine Absage wäre einfach zu traurig. Aber wer neugierig ist, klicke sich bitte einfach mal auf die Homepage, da kann man das schöne Interieur bewundern. Oder, ganz verrückte Idee, einfach mal vorbeischauen!

Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Mein vorletzter Stopp auf dem Spaziergang durch die Leipziger Buchhandlungen führt mich in die Connewitzer Verlagsbuchhandlung im schmucken Specks Hof auf der anderen Seite der Nikolaikirche.

Das Geschäft erstreckt sich über zwei Etagen, wobei das Obergeschoss in puncto Ambiente und Wohlfühlfaktor hinter dem Erdgeschoss leider sehr deutlich zurückbleibt. Dort gibt es viel zu gucken, weil sich überall Zettelchen und Fotos verstecken, und wo sich noch ein Plätzchen findet, hängen Verlagsplakate. Außerdem ist die Musik super. Leider gibt es hier keine Sitzmöglichkeit, aber alles kann man wahrscheinlich nicht haben.

Eigentlich bin ich sogar froh um die fehlende Leseecke, denn sonst hätte ich mich mit ziemlicher Sicherheit im neusten Rafik Schami festgelesen und ihn am Ende gar noch gekauft. Man stelle sich das mal vor!

Neben dem üblichen Sortiment und eigenen Publikationen findet man in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung eine beeindruckende Auswahl an unabhängigen Verlagen, ein wirklich großes Angebot englischsprachiger Literatur sowie ein modernes Antiquariat (vorrangig Mängelexemplare, auch allerjüngster Literatur). Das gesamte Angebot gefällt mir wirklich gut und ich könnte hier mit mehreren Armen voller Bücher rausmarschieren.

(Geständnis: Ich wollte wirklich stark bleiben, aber… Eine Erzählung von Murakami darf mich dann doch nach Hause begleiten.)

Ludwig

Nach fünf Geschäften geht mir langsam aber sicher die Puste aus. Als ich die Buchhandlung Ludwig betrete, bin ich deshalb ein wenig froh, dass das mein letzter Halt für heute ist. Wie sinnig, dass sie ausgerechnet in einem Bahnhof untergebracht ist: Endstation Buch. Wer wünscht sich das nicht?

Die Leipziger Filiale gehört zu einer kleinen Kette mit nur zwölf Standorten, die bis auf einen, alle in Bahnhöfen logieren. Es überrascht daher nicht so wirklich, dass das Sortiment sehr breit gefächert ist und möglichst viele Vorlieben abzudecken versucht, nebst Kalendern, Grußkarten und Tüddelkram wie Lesezeichen, Bleistiften oder Jutebeuteln mit ulkigen Sprüchlein. Abgesehen von Literatur aller Art, gibt es ein fast schon erschlagendes Angebot an Zeitschriften. Spannend ist es allemal, sich das anzusehen. Ich frage mich nur, ob es tatsächlich auch Bedarfe für drölfzig verschiedenen Anglerzeitschriften gibt?

Warum man die Buchhandlung Ludwig aber auf jeden Fall aufsuchen sollte, ist der ehemalige Wartesaal, in dem sie untergebracht ist. Der gigantische Saal aus der Jahrhundertwende wird von einem Oberlicht überwölbt und an seiner Stirnseite steigt man über eine breite Holztreppe auf eine Galerie, wo man vom hauseigenen Café aus das geschäftige Treiben beobachten oder direkt im neu erworbenen Buch schmökern kann.

Im Übrigen traue ich mich nun wieder zu fotografieren. Bei dem regen tagtäglichen Kommen und Gehen von Kunden, Cafébesuchern und zeittotschlagenden Reisenden, wird man hier an Fotografiererei sehr wahrscheinlich gewöhnt sein. Und tatsächlich sagt niemand etwas, obwohl ich mich unter anderem unübersehbar auf der Treppe positioniere.

Fortsetzung folgt…

Die Buchhandlungen und Antiquariate, die ich auf meinem Spaziergang durch die Leipziger Innenstadt besucht habe, waren mir natürlich zum Teil schon bekannt. Für diesen Beitrag habe ich versucht, sie alle wie zum ersten Mal zu betreten. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bereits weiß, was einen erwartet. Ich hoffe, dass es mir im Großen und Ganzen doch irgendwie gelungen ist.

Auch wenn die überraschende Unerwünschtheit des Fotografierens mir ein wenig den Spaß an der Unternehmung genommen hat, konnte sie mir den Tag natürlich nicht vergällen. Ich freue mich über die neuen Buchhandlungen, die ich entdeckt habe und die bereits bekannten, auf die ich nun wieder einen frischen Blick habe. Mit ein bisschen Glück finde ich schon bald Zeit, den Spaziergang fortzusetzen und euch weitere Buchhandlungen der (leider nicht mehr ganz so bedeutenden) Verlagsstadt Leipzig vorzustellen.


Mein allererster Spaziergang durch die Buchhandlungen überhaupt führte mich übrigens im April durch Lübeck.