Lieber Dennis-Ronny

In der Kategorie Senfonie erscheinen kleine, persönliche Beiträge zu Themen, die mir im Alltag begegnen, zu denen ich meinen Senf dazugebe. Senfonie ist ein Blick über den literarischen Tellerrand hinaus.


Gestern berichtete Deutschlandfunk Kultur bei Instagram, dass 16 europäische Autorinnen in einem offenen Brief unter dem Titel „Es ist Zeit“ ein Plädoyer für Frauen in EU-Spitzenpositionen halten und insbesondere dafür argumentieren, den Vorsitz der Europäischen Kommission mit einer Präsidentin, also mit einer Frau, zu besetzen. Gegenüber Deutschlandfunk Kultur erklärt Mitinitiatorin Jagonda Marinić:

„Uns geht es darum, dass die Entscheider in der Europäischen Union jetzt mal die Augen aufmachen und sich klar machen: Wenn Posten besetzt werden, dann möchte die eine Hälfte Europas, nämlich Frauen, auch Frauen in diesen Spitzenpositionen sehen.“

Originalbeitrag hier

Eine solche Forderung verursachte in einigen Lesern augenblicklich deutliches Unbehagen. So äußerte sich ein Nutzer: „Vielleicht sollten Frauen erstmal damit anfangen sich in Parteien zu engagieren. In Deutschland gibt es nicht eine eigene relevante Partei, die auch nur annähernd an 50% weibliche Parteimitglieder käme….“

Oh je… here we go again.

Ich weiß nicht, wie der Mann hinter dem Profil heißt, deswegen muss ein Platzhalter her. Doch welcher Name ist angemessen für jemanden, der solch misogynen Dünnpfiff absondert? Diarrhoe ist ja kein Vorname. Begnügen wir uns deshalb mal mit Dennis-Ronny.

Dennis-Ronny ist also der Auffassung, dass eine stärkere Berücksichtigung von Frauen in politischen Spitzenämtern nicht angebracht scheint, da Frauen sich ja auch sonst nicht für Politik interessieren, siehe Mitgliederanteil in Parteien. Als ich ihn darauf hinweise, dass das aber noch lange nicht bedeute, dass die wenigen, die es tun, nicht für höhere Positionen qualifiziert wären, fühlt sich der arme Mann sofort missverstanden. „Das habe ich auch mit keinem Wort behauptet“, stellt Dennis-Ronny klar und schiebt dann doch noch schnell eine Einschränkung hinterher: „Aber wer gleichberechtigt vertreten sein will, sollte sich auch in gleicher Form engagieren. Warum sollten Frauen etwas geschenkt bekommen, was Männer sich erarbeiten müssen? Das ist doch dann das komplette Gegenteil von Chancengleichheit und Gleichberechtigung.“

Und zack – Dennis-Ronny beweist, dass ich mich nicht in ihm getäuscht habe! Dieses immer gleiche Argument kommt traurigerweise nicht unerwartet und ich kontere, nicht sonderlich kreativ, eher entnervt von diesen Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Momenten: „Genau, Männer erarbeiten sich alles mühselig und Frauen bekommen alles geschenkt. War ja schon immer so. Ach nee, warte, ich glaube es war andersrum…“ Ich weiß, dass es besser wäre das Gespräch zu suchen. Ich weiß aber auch, dass bei einer gewissen Taubheit auch die beste Rethorik nichts bewirken kann. Und außerdem bin ich’s irgendwie müde.

Sofort kramt Dennis-Ronny tief in der Schlagabtauschkiste, verausgabt sich intellektuell geradezu: „Von ‚alles‘ war nie die Rede! Sparen Sie sich Ihre unsachlichen und argumentfreien Kommentare doch bitte für Ihre feministische Echokammer!“ Mir gefällt, dass Dennis-Ronny mich siezt, obwohl ich ihn vorher geduzt habe, obwohl wir etwa gleich alt zu sein schein, obwohl sich heute fast keiner mehr siezt, schon gar nicht in den sozialen Medien. Ich weiß jetzt sicher, woran ich bei ihm bin. Das Siezen gibt dem Ganzen eine Note von Respekt und Höflichkeit, die in Wahrheit aber nur schlecht getarnte Verachtung sind. Dennis-Ronny lässt tief blicken und merkt es nicht einmal. Ich teile ihm deshalb mit, dass wir uns offenkundig nicht auf demselben Niveau befinden, indem ich ihn wissen lasse, dass jemand, der „feministisch“ als Beleidigung einsetzt, viel von seinem Geisteshorizont preisgibt.

Jetzt zückt Dennis-Ronny sein Ass, die ultimative Femenwatsche. Mit Smileys geschmückt schreibt er zurück: „ha ha :-)Danke gleichfalls! Viel Spaß noch bei den Opression Olympics in der Feminismusbubble und viel Erfolg beim Opferpunktesammeln :-).“ Ich freue mich, dass Dennis-Ronny mir viel Erfolg wünscht, kann man schließlich immer gebrauchen. Insbesondere im Umgang mit Menschen wie ihm, die, anstatt mit guten Argumenten überzeugen zu wollen, das Gegenüber lächerlich machen. Zieht bei mir nur nicht. Ein bisschen habe ich sogar Mitleid mit den Dennis-Ronnys dieser Welt, die nichts als Stammtischgewäsch produzieren in der irrigen Annahme bemerkenswerte Weisheiten zu verkünden. Vermutlich lachen sich auch bei Mario Barth. Das muss ehrlich frustrierend sein.

Aber gut, das mit der Gleichberechtigung ist für diejenigen, die keine Ungleichberechtigung kennen möglicherweise schon schwer zu verstehen, lieber Dennis-Ronny, deshalb möchte ich es dir erklären.

Das Wort „Gleichberechtigung“ kommt von „gleich berechtigt“, also „die gleichen Rechte habend“. Dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, sollte eine Selbstverständlichkeit sein und ich denke dem wirst sogar du zustimmen. Deine Irrung und Wirrung besteht darin, dass du der Auffassung bist, man müsse sich eine solche Gleichberechtigung erst einmal erarbeiten. Nur verhält es sich so: Gleichberechtigung kennt keine Bedingungen. Das ist schwer auszuhalten für jemanden wie dich, Dennis-Ronny, denn natürlich meldet sich da eine sorgenvolle innere Stimme, die dir zuflüstert, dass das bedeuten könnte, dass du von deinem Stück des Kuchens etwas abgegeben musst. Ich mag Kuchen auch gerne, und bei einer leckeren Schokoladentorte beispielsweise würde ich mich auch schwer tun, gerecht zu teilen. Aber sieh’s mal so, Dennis-Ronny: Wenn alle gleich viel davon abbekommen, stehen auch allen fette Jahre bevor.

Infos zum Thema

Genaue Zahlen zum Thema Frauen im EU-Parlament gibt es übrigens in dieser Broschüre und auf dieser Seite des Europäischen Parlaments.


Der letzte Beitrag aus der Senfonie widmete sich dem Weltfrauentag.